Hertha BSC

Liebling, ich habe den Kader geschrumpft!

Seit knapp einer Woche hängt ein Wir-Haben-Geschlossen-Schild am Transferfenster. Am “Deadline Day” wurden noch allerlei Spieler durch das verrückte Transferkarussell gejagt, welches durch Millionen-Beträge glüht und krächzt. An der Hanns-Braun-Straße blieb jedoch alles seelenruhig. Im letzten Jahr noch mit Niklas Stark und Vedad Ibisevic aufgetrumpft, zauberte Manager Michael Preetz dieses Mal keinen Spieler mehr aus dem Hut. Dies stoß einigen Anhängern bitter auf, da Herthas Transferaktivitäten in dieser Periode ohnehin für mehr Ärgernis als Lobeshymnen sorgten. Doch ist diese Meinung wirklich begründet oder gar gerecht?

Zahlenspiele

Erst einmal die Fakten: Hertha hat in diesem Sommer sechs Akteure abgegeben und drei neue dazugewonnen. Tolga Cigerci (Galatasaray), Roy Beerens (FC Reading), Hajime Hosogai (VfB Stuttgart), Sascha Burchert (Greuther Fürth), Johannes Van den Bergh (FC Getafe) und Ronny (vereinslos) verließen den Verein. Die drei Neuzugänge heißen Ondrej Duda, Allan und Alexander Esswein. Insgesamt hat man 6,7 Millionen Euro ausgegeben und 4,7 Millionen eingenommen, was nach Adam Riese ein Transferminus von genau 2 Millionen Euro ergibt. Es fand also eine sinnvolle Kaderverschlankung statt.
Um eine These zu diesen Kaderveränderungen aufzustellen, ist es sehr passend, sie mit denen der letzten Saison zu vergleichen. 2015/16 kamen mit Niklas Stark, Vladimir Darida, Vedad Ibisevic und Mitchell Weiser vier neue Gesichter, die insgesamt 7,3 Millionen Euro kosteten. Dafür verließen Nico Schulz, Fabian Holland, Hajime Hosogai (Leihe), Sandro Wagner, Peter Niemeyer, Änis Ben-Hatira, John Heitinga und Marcel Ndjeng, also ganze acht Kicker die “alte Dame”. Diese brachten 4,7 Millionen Euro ein.

Somit hat Hertha im Vergleich zum letzten Jahr gerade einmal 0,6 Millionen Euro weniger ausgegeben, was das Argument widerlegt, Preetz hätte Angst gehabt, wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Zudem sparrt man durch acht Abgänge mehr Gehalt, als durch sechs. Diese Ersparnisse konnte ein Preetz also zusätzlich in die Einkäufe für das Jahr 2015 investieren.

Nun weiter im Text. Die diesjährigen Transfers wurden bereits aufgezählt, doch nicht ihre sportliche Bedeutung erklärt. Zunächst werfen wir ein Auge auf die ehemaligen Herthaner:

Mit Tolga Cigerci verließ uns ein Spieler, der aufgrund unregelmäßiger Spielzeiten und Positionswechsel unzufrieden war. Des Weiteren wollte er den Wechsel zu einem so großen Verein wie Galatasaray Istanbul nicht verpassen, da dieser ihn auch näher an die Nationalmannschaft Türkeis bringen würde. Wirklich halten konnte und wollte man ihn nicht. Dennoch hat man sich nicht lumpen lassen und stolze drei Millionen für ihn eingenommen, dies ist besonders durch seinen 2017 auslaufenden Vertrag eine äußerst gute Summe. Beerens, Ronny, Van den Bergh, Burchert und Hosogai hatten absolut keinen sportlichen Wert mehr für den Profi-Kader, so ist es nur positiv, dass man diese abgeben konnte.

Dies führt direkt zum nächsten Punkt – Man hat in diesem Sommer keinen einzigen Leistungsträger verloren! Brooks, Weiser, Darida, Skjelbred und Kalou sind allesamt dem Verein erhalten geblieben. Für Darida (Monaco), Kalou (China) und Brooks (England) gab es sogar konkrete Angebote, die man ausschlug. Weiser und Skjelbred verlängerten ihre Verträge, die keine Ausstiegsklausel (mehr) enthalten. All dies findet oftmals in den negativen Kommentaren der Fans keine Erwähnung. Bereits letzte Saison konnte man die Kontrakte von Brooks, Jarstein und Langkamp verlängern. All die genannten Namen sind Säulen im Verein und werden dies finanziell zum Ausdruck bringen, soll heißen, dass die Gehaltskosten der Mannschaft wohl deutlich gestiegen sind, was weniger Spielraum auf dem Transfermarkt ermöglicht.

Stetig wurde in den kritischen Meinung einiger Herthaner mit dem Finger auf andere Vereine gezeigt. Doch Vereine wie der HSV, Mönchengladbach oder Wolfsburg sind nicht unsere direkten Konkurrenten, denn sie greifen ins ganz andere Regale. Ja, Werder Bremen oder FSV Mainz 05 haben ordentlich investiert, haben aber gleichzeitig bedeutende Abgänge zu verzeichnen, wie Ujah, Vestergaard, Baumgartlinger oder Karius. Mannschaften wie Frankfurt, Ingolstadt oder Augsburg haben sich sogar tendenziell verschlechtert und stellen sehr wackelige Konstrukte da. Dieses Problem tritt bei Hertha nicht auf, man kann in dieser Spielzeit auf einen sehr eingespielten Kader zurückgreifen, was sehr viel wert sein kann. Bremen, Mainz und co. sind noch große Fragezeichen und müssen sich innerhalb der Saison finden. Kleinere Vereine werden immer mehr zerpflückt und müssen sich immer wieder neu erfinden – Diesem Trend steht Hertha äußerst standhaft gegenüber. Dies bedeutet auch, dass sich das Team auf natürliche Weise weiterentwickeln und festigen kann.

Doch wie sieht es mit den Neuzugängen aus?

Ihr findet bereits ausführliche Artikel zu AllanOndrej Duda und Alexander Esswein auf unserer Homepage (klickt einfach auf ihre Namen), doch nochmal eine Kurz-Vorschau:

Ondrej Duda kam für 4,2 Millionen Euro von Legia Warschau und gilt als riesiges Talent, welches europaweit von zahlreichen Clubs gejagt wurde. Letztendlich konnte sich Hertha BSC durchsetzen, was bereits ein Zeichen ist. Der 21-Jährige soll im offensiven zentralen Mittelfeld für mehr Torgefahr und Tempo sorgen, das fehlte letzte Saison nämlich. Stocker konnte seine Form aus der vorletzten Spielzeit nicht mehr ansatzweise bestätigen und Darida ist etwas defensiver einzusetzen, da er sonst seine Bindung zum Aufbauspiel verliert. Es war also ein dringendes Anliegen auf dieser Position personell nachzulegen und das hat man geschafft. Das einzige Problem bei diesem Transfer ist, dass sich Duda recht früh verletzt hat und seitdem ausfällt. Der Slowake hat noch kein Pflichtspiel im blau-weißen Dress absolvieren können und dies wird auch die nächsten Wochen nicht passieren. Somit kann man ihn noch nicht bewerten, was einer Einschätzung von Preetz Transfers nicht gut tut. Hier ist also Geduld gefragt!

Dasselbe trifft auf Allan zu. Der 19-jährige Brasilianer wurde für ein Jahr von Liverpool ausgeliehen und soll für mehr Kreativität, sowie Handlungsschnelligkeit in der Zentrale sorgen. Mit einer außergewöhnlichen Technik und Übersicht kann er ein Spiel an sich reißen und Mitspieler wunderbar in Szene setzen. Zudem verfügt er über einen gewaltigen Schuss, was für mehr Torgefahr auf der “Sechs” sorgen soll – Lustenberger, Skjelbred, Stark und Hegeler geht diese Qualität nahezu vollkommen ab. Wie gesagt, ist auch hier Geduld die wichtigste Tugend. Allan muss sich erst einmal an Umfeld und Bundesliga gewöhnen, was seine Zeit brauchen wird. Sollte er dies schaffen, kann er genauso wie Duda ein Volltreffer sein und neue Attribute ins Team werfen.

Transfer Numero tres ist Alexander Esswein. Der 26-Jährige kam für 2,5 Millionen Euro aus Augsburg und ist der neue für die offensiven Flügel. Durch sein atemberaubendes Tempo und seine wuselige Art ist auch er ein Spieler, der neue Stärken einstreut. Immer wieder betonte Coach Dardai, dass der Mannschaft Schnelligkeit und auch der gewisse Kampfeswille fehlen würde, dies trifft eindeutig nicht auf Esswein zu, der sich während eines Spiels zerreißt und jede Möglichkeit sucht, seinem Team zu helfen. Dazu gehören auch Zweikämpfe, offensiv wie defensiv und Distanzschüsse. Esswein traut sich etwas und das fehlte einem teilweise zu zögerlichem Haraguchi oder langsamen Kalou. Im Gegensatz zu Duda und Allan kennt er die Bundesliga sehr gut, zudem hat er eine komplette Vorbereitung (beim FCA) absolviert, fit ist er also auch. Man kann also erwarten, dass er sich zügig einfügt und der Mannschaft helfen kann.

Das Fazit: Alle drei bringen Attribute mit, die der Mannschaft fehlten. Somit sind allesamt clevere Neuzugänge, denen man teilweise einfach Zeit lassen muss. Sicherlich könnten sie auch floppen: Duda wird Dauerpatient, Allen bleibt außen vor und Esswein stellt doch keine Verbesserung dar – Aber diese Szenarien könnte man ggf. erst nach der Hinrunde bewerten.

Neuzugänge der vergangenen Saison

Auch hier wollen wir einen Vergleich zur Saison 2015/16 wagen.
Für den Mittelsturm konnte man Vedad Ibisevic verpflichten. Der Bosnier hatte seine Klasse jahrelang bewiesen, rutschte beim VfB Stuttgart aber aufs Abstellgleis, welches er nie wieder verlassen hätte. Hertha nutzte die Gunst der Stunde und holte ihn nach Berlin. Eine etwas verworrene Leihe sorgte dafür, dass man keinen einzigen Cent für Ibisevic zahlte und Stuttgart sogar die Hälfte seines üppigen Gehalts übernahm. Ein sehr cleverer Deal, doch auch der “Vedator” hätte ein Flop werden können. Er hatte lange Zeit nicht mehr in der Bundesliga kicken dürfen und zudem stellte sein teilweise schwieriger Charakter ein Fragezeichen dar. All diese Probleme traten jedoch nicht ein und er wurde sofort zu einer wichtigen Säule. Solche Traum-Transfers gelingen aber nur selten, dieses Jahr gab es einen Fall wie diesen einfach nicht. Man hätte keinen vergleichbaren Transfer eintüten können. Die Bundesliga hat kaum noch solche Problembären. Oder hätte man Lord Bendtner verpflichten sollen?

Vladimir Darida war sicherlich der Star-Einkauf 2015. Der Tscheche kam vom Absteiger SC Freiburg und auch nur diese sportliche Situation der Badener erlaubte einen Kauf des sonst viel zu teuren Mittelfeldspielers. Man zahlte 3,8 Millionen Euro, als weniger als für Duda und bekam einen qualitativ sehr hochwertigen Spieler. Er wurde zum Lenker unseres Spiels und war somit einer der Hauptverantwortlichen für den sehr ansehnlichen Fußball, den man in der abgelaufenen Spielzeit zeigte. Auch hier gilt der Spruch: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ohne den Abstieg der Streich-Elf wäre Darida unerreichbar gewesen. Die Daridas in diesem Sommer hießen Salif Sané oder Daniel Didavi, Spieler, die niemals nach Berlin gewechselt wären und auch schlussendlich beim VfL Wolfsburg landeten oder bei Hannover 96 bleiben mussten.

Einen Niklas Stark konnte man nur an die Spree transferieren, weil der 1. FC Nürnberg von finanziellen Problemen geplagt wurde und der Nicht-Aufstieg in die erste Liga sein übriges tat. Der U21-Nationalspieler kam für 3 Millionen Euro, die man durch die Nico-Schulz-Millionen auf dem Konto liegen hatte. Auch das ein Wechsel, der unter anderen Umständen nicht realisierbar gewesen wäre.

Auch der vierte und letzte Neuzugang entstand durch eine besondere Situation. Mitchell Weiser erhielt keinen neuen Vertrag beim FC Bayern München und war somit ablösefrei zu haben. Da Michael Preetz schon lange ein Auge auf den Flügelspieler geworfen und bereits in den vergangenen Jahren Gespräche geführt hatte wollte der heute 22-Jährige nach Berlin. Diese Verpflichtung stellte sich als absolute Erfolgsgeschichte heraus, denn seitdem hat sich Weiser zu einem der vielversprechendsten Talente der Bundesliga gemausert und Leistungsträger Herthas gemausert. Talente wie Weiser hießen dieses Jahr Öztunali und Gnabry – Beide wechselten für 5 Millionen Euro die Vereine, Summen, die Hertha nun einmal nicht zahlen kann, besonders nicht, wenn man bereits einen Ondrej Duda gekauft hat. Die Wahrnehmung dieses Transfers leidet nun einmal unter seiner Verletzungspause und seinem nicht gerade großen Bekanntheitsgrad.

Was soll dieser Artikel also aussagen?

Die Quintessenz ist, dass diese Transferperiode Herthas in einem falschen Licht dargestellt wird. Alle Leistungsträger wurden gehalten und besitzen langfristige Verträge ohne Ausstiegsklauseln. Dem Team wird Zeit gegeben sich organisch weiterzuentwickeln, sodass man auch jungen Talenten und Spielern aus der zweiten Reihe eine Chance geben kann. Man hat vielversprechende Spieler dazugewonnen, die neue Stärken in die Mannschaft bringen. Der Vergleich zum letztjährigen Sommer zeigt zudem, dass man nicht immer Volltreffer dieser Art erzielen kann.

Diese positiven Dinge werden durch eine zu hohe Erwartungshaltung verdrängt. Hertha kann, nur weil man letztes Jahr den siebten Platz belegt hat, nicht wie ein Verein der potenziellen Top-8 (Bayern, Dortmund, Leverkusen, M’Gladbach, Wolfsburg, Schalke, Leipzig, HSV) investieren. Man ist ein Mittelklasse-Verein, der langfristig denkt und demnach gehandelt hat. Natürlich können die drei neuen Gesichter letztendlich zu wenig gewesen sein, aber es ist viel zu voreilig, das bereits jetzt zu bewerten. Kaum ein Verein in der Bundesliga, der unsere Möglichkeiten hat, hat einen so eingespielten Kader, der so zahlreichen jungen Spielern einen Platz mit Perspektive anbieten kann. Weiser, Brooks, Stark oder Duda haben unfassbar viel Potenzial, das in Berlin tatsächlich zum Vorschein kommen kann. Verlassen diese irgendwann die “alte Dame”, wird es auch ganz viele neue spektakuläre Namen in Berlin geben.

Wenn es im Winter sportlich bedrohlich aussehen sollte oder die Transfers Flops gewesen sind, dann werden wir das natürlich kritisch beäugen und auch aussprechen, doch bis dahin bitten wir um eins: Gebt der Mannschaft Zeit!

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Seit knapp einer Woche hängt ein Wir-Haben-Geschlossen-Schild am Transferfenster. Am “Deadline Day” wurden noch allerlei Spieler durch das verrückte Transferkarussell gejagt, welches durch Millionen-Beträge glüht und krächzt. An der Hanns-Braun-Straße blieb jedoch alles seelenruhig. Im letzten Jahr noch mit Niklas Stark und Vedad Ibisevic aufgetrumpft, zauberte Manager Michael Preetz dieses Mal keinen Spieler mehr aus dem Hut. Dies stoß einigen Anhängern bitter auf, da Herthas Transferaktivitäten in dieser Periode ohnehin für mehr Ärgernis als Lobeshymnen sorgten. Doch ist diese Meinung wirklich begründet oder gar gerecht?

Zahlenspiele

Erst einmal die Fakten: Hertha hat in diesem Sommer sechs Akteure abgegeben und drei neue dazugewonnen. Tolga Cigerci (Galatasaray), Roy Beerens (FC Reading), Hajime Hosogai (VfB Stuttgart), Sascha Burchert (Greuther Fürth), Johannes Van den Bergh (FC Getafe) und Ronny (vereinslos) verließen den Verein. Die drei Neuzugänge heißen Ondrej Duda, Allan und Alexander Esswein. Insgesamt hat man 6,7 Millionen Euro ausgegeben und 4,7 Millionen eingenommen, was nach Adam Riese ein Transferminus von genau 2 Millionen Euro ergibt. Es fand also eine sinnvolle Kaderverschlankung statt.
Um eine These zu diesen Kaderveränderungen aufzustellen, ist es sehr passend, sie mit denen der letzten Saison zu vergleichen. 2015/16 kamen mit Niklas Stark, Vladimir Darida, Vedad Ibisevic und Mitchell Weiser vier neue Gesichter, die insgesamt 7,3 Millionen Euro kosteten. Dafür verließen Nico Schulz, Fabian Holland, Hajime Hosogai (Leihe), Sandro Wagner, Peter Niemeyer, Änis Ben-Hatira, John Heitinga und Marcel Ndjeng, also ganze acht Kicker die “alte Dame”. Diese brachten 4,7 Millionen Euro ein.

Somit hat Hertha im Vergleich zum letzten Jahr gerade einmal 0,6 Millionen Euro weniger ausgegeben, was das Argument widerlegt, Preetz hätte Angst gehabt, wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Zudem sparrt man durch acht Abgänge mehr Gehalt, als durch sechs. Diese Ersparnisse konnte ein Preetz also zusätzlich in die Einkäufe für das Jahr 2015 investieren.

Nun weiter im Text. Die diesjährigen Transfers wurden bereits aufgezählt, doch nicht ihre sportliche Bedeutung erklärt. Zunächst werfen wir ein Auge auf die ehemaligen Herthaner:

Mit Tolga Cigerci verließ uns ein Spieler, der aufgrund unregelmäßiger Spielzeiten und Positionswechsel unzufrieden war. Des Weiteren wollte er den Wechsel zu einem so großen Verein wie Galatasaray Istanbul nicht verpassen, da dieser ihn auch näher an die Nationalmannschaft Türkeis bringen würde. Wirklich halten konnte und wollte man ihn nicht. Dennoch hat man sich nicht lumpen lassen und stolze drei Millionen für ihn eingenommen, dies ist besonders durch seinen 2017 auslaufenden Vertrag eine äußerst gute Summe. Beerens, Ronny, Van den Bergh, Burchert und Hosogai hatten absolut keinen sportlichen Wert mehr für den Profi-Kader, so ist es nur positiv, dass man diese abgeben konnte.

Dies führt direkt zum nächsten Punkt – Man hat in diesem Sommer keinen einzigen Leistungsträger verloren! Brooks, Weiser, Darida, Skjelbred und Kalou sind allesamt dem Verein erhalten geblieben. Für Darida (Monaco), Kalou (China) und Brooks (England) gab es sogar konkrete Angebote, die man ausschlug. Weiser und Skjelbred verlängerten ihre Verträge, die keine Ausstiegsklausel (mehr) enthalten. All dies findet oftmals in den negativen Kommentaren der Fans keine Erwähnung. Bereits letzte Saison konnte man die Kontrakte von Brooks, Jarstein und Langkamp verlängern. All die genannten Namen sind Säulen im Verein und werden dies finanziell zum Ausdruck bringen, soll heißen, dass die Gehaltskosten der Mannschaft wohl deutlich gestiegen sind, was weniger Spielraum auf dem Transfermarkt ermöglicht.

Stetig wurde in den kritischen Meinung einiger Herthaner mit dem Finger auf andere Vereine gezeigt. Doch Vereine wie der HSV, Mönchengladbach oder Wolfsburg sind nicht unsere direkten Konkurrenten, denn sie greifen ins ganz andere Regale. Ja, Werder Bremen oder FSV Mainz 05 haben ordentlich investiert, haben aber gleichzeitig bedeutende Abgänge zu verzeichnen, wie Ujah, Vestergaard, Baumgartlinger oder Karius. Mannschaften wie Frankfurt, Ingolstadt oder Augsburg haben sich sogar tendenziell verschlechtert und stellen sehr wackelige Konstrukte da. Dieses Problem tritt bei Hertha nicht auf, man kann in dieser Spielzeit auf einen sehr eingespielten Kader zurückgreifen, was sehr viel wert sein kann. Bremen, Mainz und co. sind noch große Fragezeichen und müssen sich innerhalb der Saison finden. Kleinere Vereine werden immer mehr zerpflückt und müssen sich immer wieder neu erfinden – Diesem Trend steht Hertha äußerst standhaft gegenüber. Dies bedeutet auch, dass sich das Team auf natürliche Weise weiterentwickeln und festigen kann.

Doch wie sieht es mit den Neuzugängen aus?

Ihr findet bereits ausführliche Artikel zu AllanOndrej Duda und Alexander Esswein auf unserer Homepage (klickt einfach auf ihre Namen), doch nochmal eine Kurz-Vorschau:

Ondrej Duda kam für 4,2 Millionen Euro von Legia Warschau und gilt als riesiges Talent, welches europaweit von zahlreichen Clubs gejagt wurde. Letztendlich konnte sich Hertha BSC durchsetzen, was bereits ein Zeichen ist. Der 21-Jährige soll im offensiven zentralen Mittelfeld für mehr Torgefahr und Tempo sorgen, das fehlte letzte Saison nämlich. Stocker konnte seine Form aus der vorletzten Spielzeit nicht mehr ansatzweise bestätigen und Darida ist etwas defensiver einzusetzen, da er sonst seine Bindung zum Aufbauspiel verliert. Es war also ein dringendes Anliegen auf dieser Position personell nachzulegen und das hat man geschafft. Das einzige Problem bei diesem Transfer ist, dass sich Duda recht früh verletzt hat und seitdem ausfällt. Der Slowake hat noch kein Pflichtspiel im blau-weißen Dress absolvieren können und dies wird auch die nächsten Wochen nicht passieren. Somit kann man ihn noch nicht bewerten, was einer Einschätzung von Preetz Transfers nicht gut tut. Hier ist also Geduld gefragt!

Dasselbe trifft auf Allan zu. Der 19-jährige Brasilianer wurde für ein Jahr von Liverpool ausgeliehen und soll für mehr Kreativität, sowie Handlungsschnelligkeit in der Zentrale sorgen. Mit einer außergewöhnlichen Technik und Übersicht kann er ein Spiel an sich reißen und Mitspieler wunderbar in Szene setzen. Zudem verfügt er über einen gewaltigen Schuss, was für mehr Torgefahr auf der “Sechs” sorgen soll – Lustenberger, Skjelbred, Stark und Hegeler geht diese Qualität nahezu vollkommen ab. Wie gesagt, ist auch hier Geduld die wichtigste Tugend. Allan muss sich erst einmal an Umfeld und Bundesliga gewöhnen, was seine Zeit brauchen wird. Sollte er dies schaffen, kann er genauso wie Duda ein Volltreffer sein und neue Attribute ins Team werfen.

Transfer Numero tres ist Alexander Esswein. Der 26-Jährige kam für 2,5 Millionen Euro aus Augsburg und ist der neue für die offensiven Flügel. Durch sein atemberaubendes Tempo und seine wuselige Art ist auch er ein Spieler, der neue Stärken einstreut. Immer wieder betonte Coach Dardai, dass der Mannschaft Schnelligkeit und auch der gewisse Kampfeswille fehlen würde, dies trifft eindeutig nicht auf Esswein zu, der sich während eines Spiels zerreißt und jede Möglichkeit sucht, seinem Team zu helfen. Dazu gehören auch Zweikämpfe, offensiv wie defensiv und Distanzschüsse. Esswein traut sich etwas und das fehlte einem teilweise zu zögerlichem Haraguchi oder langsamen Kalou. Im Gegensatz zu Duda und Allan kennt er die Bundesliga sehr gut, zudem hat er eine komplette Vorbereitung (beim FCA) absolviert, fit ist er also auch. Man kann also erwarten, dass er sich zügig einfügt und der Mannschaft helfen kann.

Das Fazit: Alle drei bringen Attribute mit, die der Mannschaft fehlten. Somit sind allesamt clevere Neuzugänge, denen man teilweise einfach Zeit lassen muss. Sicherlich könnten sie auch floppen: Duda wird Dauerpatient, Allen bleibt außen vor und Esswein stellt doch keine Verbesserung dar – Aber diese Szenarien könnte man ggf. erst nach der Hinrunde bewerten.

Neuzugänge der vergangenen Saison

Auch hier wollen wir einen Vergleich zur Saison 2015/16 wagen.
Für den Mittelsturm konnte man Vedad Ibisevic verpflichten. Der Bosnier hatte seine Klasse jahrelang bewiesen, rutschte beim VfB Stuttgart aber aufs Abstellgleis, welches er nie wieder verlassen hätte. Hertha nutzte die Gunst der Stunde und holte ihn nach Berlin. Eine etwas verworrene Leihe sorgte dafür, dass man keinen einzigen Cent für Ibisevic zahlte und Stuttgart sogar die Hälfte seines üppigen Gehalts übernahm. Ein sehr cleverer Deal, doch auch der “Vedator” hätte ein Flop werden können. Er hatte lange Zeit nicht mehr in der Bundesliga kicken dürfen und zudem stellte sein teilweise schwieriger Charakter ein Fragezeichen dar. All diese Probleme traten jedoch nicht ein und er wurde sofort zu einer wichtigen Säule. Solche Traum-Transfers gelingen aber nur selten, dieses Jahr gab es einen Fall wie diesen einfach nicht. Man hätte keinen vergleichbaren Transfer eintüten können. Die Bundesliga hat kaum noch solche Problembären. Oder hätte man Lord Bendtner verpflichten sollen?

Vladimir Darida war sicherlich der Star-Einkauf 2015. Der Tscheche kam vom Absteiger SC Freiburg und auch nur diese sportliche Situation der Badener erlaubte einen Kauf des sonst viel zu teuren Mittelfeldspielers. Man zahlte 3,8 Millionen Euro, als weniger als für Duda und bekam einen qualitativ sehr hochwertigen Spieler. Er wurde zum Lenker unseres Spiels und war somit einer der Hauptverantwortlichen für den sehr ansehnlichen Fußball, den man in der abgelaufenen Spielzeit zeigte. Auch hier gilt der Spruch: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ohne den Abstieg der Streich-Elf wäre Darida unerreichbar gewesen. Die Daridas in diesem Sommer hießen Salif Sané oder Daniel Didavi, Spieler, die niemals nach Berlin gewechselt wären und auch schlussendlich beim VfL Wolfsburg landeten oder bei Hannover 96 bleiben mussten.

Einen Niklas Stark konnte man nur an die Spree transferieren, weil der 1. FC Nürnberg von finanziellen Problemen geplagt wurde und der Nicht-Aufstieg in die erste Liga sein übriges tat. Der U21-Nationalspieler kam für 3 Millionen Euro, die man durch die Nico-Schulz-Millionen auf dem Konto liegen hatte. Auch das ein Wechsel, der unter anderen Umständen nicht realisierbar gewesen wäre.

Auch der vierte und letzte Neuzugang entstand durch eine besondere Situation. Mitchell Weiser erhielt keinen neuen Vertrag beim FC Bayern München und war somit ablösefrei zu haben. Da Michael Preetz schon lange ein Auge auf den Flügelspieler geworfen und bereits in den vergangenen Jahren Gespräche geführt hatte wollte der heute 22-Jährige nach Berlin. Diese Verpflichtung stellte sich als absolute Erfolgsgeschichte heraus, denn seitdem hat sich Weiser zu einem der vielversprechendsten Talente der Bundesliga gemausert und Leistungsträger Herthas gemausert. Talente wie Weiser hießen dieses Jahr Öztunali und Gnabry – Beide wechselten für 5 Millionen Euro die Vereine, Summen, die Hertha nun einmal nicht zahlen kann, besonders nicht, wenn man bereits einen Ondrej Duda gekauft hat. Die Wahrnehmung dieses Transfers leidet nun einmal unter seiner Verletzungspause und seinem nicht gerade großen Bekanntheitsgrad.

Was soll dieser Artikel also aussagen?

Die Quintessenz ist, dass diese Transferperiode Herthas in einem falschen Licht dargestellt wird. Alle Leistungsträger wurden gehalten und besitzen langfristige Verträge ohne Ausstiegsklauseln. Dem Team wird Zeit gegeben sich organisch weiterzuentwickeln, sodass man auch jungen Talenten und Spielern aus der zweiten Reihe eine Chance geben kann. Man hat vielversprechende Spieler dazugewonnen, die neue Stärken in die Mannschaft bringen. Der Vergleich zum letztjährigen Sommer zeigt zudem, dass man nicht immer Volltreffer dieser Art erzielen kann.

Diese positiven Dinge werden durch eine zu hohe Erwartungshaltung verdrängt. Hertha kann, nur weil man letztes Jahr den siebten Platz belegt hat, nicht wie ein Verein der potenziellen Top-8 (Bayern, Dortmund, Leverkusen, M’Gladbach, Wolfsburg, Schalke, Leipzig, HSV) investieren. Man ist ein Mittelklasse-Verein, der langfristig denkt und demnach gehandelt hat. Natürlich können die drei neuen Gesichter letztendlich zu wenig gewesen sein, aber es ist viel zu voreilig, das bereits jetzt zu bewerten. Kaum ein Verein in der Bundesliga, der unsere Möglichkeiten hat, hat einen so eingespielten Kader, der so zahlreichen jungen Spielern einen Platz mit Perspektive anbieten kann. Weiser, Brooks, Stark oder Duda haben unfassbar viel Potenzial, das in Berlin tatsächlich zum Vorschein kommen kann. Verlassen diese irgendwann die “alte Dame”, wird es auch ganz viele neue spektakuläre Namen in Berlin geben.

Wenn es im Winter sportlich bedrohlich aussehen sollte oder die Transfers Flops gewesen sind, dann werden wir das natürlich kritisch beäugen und auch aussprechen, doch bis dahin bitten wir um eins: Gebt der Mannschaft Zeit!

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