Hertha BSCSpieler

Julian Schieber – Es kommt auf ihn an

Auf die hertha.tv-Frage, ob er denn ein Sauerstoffzelt brauche, nachdem er nach langer Zeit wieder einmal 90 Minuten gespielt hatte, antwortete Julian Schieber mit einem verschmitzten Grinsen “definitiv nein!”. Der Mittelstürmer absolvierte sein erste Partie von Anfang seit dem 22. Februar 2015, also seit 21 Monaten und machte einen sehr guten Eindruck. Größere Hoffnungen auf weitere Startelfeinsätze wird er sich nicht machen dürfen.

Schiebers Stil veränderte sich mit dem Verlauf der Partie. Anfangs war er noch der Strafraumstürmer, der auf seine Chance lauerte (z.B. beim Zuspiel Haraguchis), doch mit der Zeit wurde sein Stil immer mannschaftsdienlicher und kämpferischer. Schieber setzte sich voll ein, führte die meisten Zweikämpfe aller Spieler und gewann (für einen Stürmer) überragende 57% davon. Durch diese Zweikampfstärke band er immer wieder ein bis zwei Gegenspieler an sich, um Räume für seine Mannschaftskameraden zu öffnen. Auch hier machte er einen starken Eindruck, da er mit viel Übersicht und schnellem Denken seine Kollegen bediente und an unzähligen Angriffen beteiligt war. Er rieb sich für sein Team voll auf und verzichtete dafür auf die eigene Torgefahr.

(Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Der Elfmeter zum 3:2 kann nur entstehen, weil Schieber Plattenhardt toll in Szene setzte, der gefoult wurde. Man könnte sehr viele Aktionen rekapitulieren, in den Schieber Dinge richtig gemacht hat, aber fassen wir es kurz: Der 27-Jährige war unfassbar bedeutsam für Herthas Angriffsspiel.

Ohne direkte Vorlage oder ein eigenes Tor war Schieber dennoch ein großer Faktor für diesen Sieg. Eine sehr imponierende Leistung.

Besonders herausragend war Schiebers Körpersprache, er gab das Spiel nie auf und kämpfte über 90 Minuten. “Wir haben unser Spiel durchgezogen, sich ruhig geblieben und wurden am Ende verdient belohnt”, resümierte er die Begegnung.

Ihm gelang leider kein Tor, es hätte seine Leistung abgerundet. Sein Trainer Pal Dardai fand sehr lobende Worte für seine Darbietung: „Julian hat den entscheidenden Pass auf Marvin Plattenhardt gegeben, der dann zum Elfer für uns führte. Julian hat überragend gespielt und hundert Prozent für das Team gekämpft. (Berliner Kurier)”

Seine Rolle im Verein

Vor der Partie gegen den VfL Wolfsburg fand sich Julian Schieber ausschließlich in der Rolle des Jokers wieder. Sobald sich Vedad Ibisevic vollkommen aufgerieben hatte, oder man noch einen Offensivspieler brauchte, wurde der 27-Jährige eingewechselt. Tatsächlich wurde er in 15 von 17 möglichen Pflichtspielen eingesetzt, insgesamt 321 Minuten, also 21 Minuten pro Spiel. In 12 Bundesligaspielen gelangen ihm zwei Tore und eine Vorlage, die insgesamt an enorm wichtigen neun Punkten beteiligt waren.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Oftmals ist das erste Spiel einer neuen Saison ein großer Faktor für den Verlauf einer Hinrunde. Hertha hatte eine miese Vorbereitung hinter sich, verschenkte die Europa-League-Quali auch noch an Bröndby IF und schleppte sich gerade noch durch die erste Runde des DFB-Pokals, indem man sich im Elfmeterschießen gegen Drittligist Jahn Regensburg durchsetzte. Die Anspannung und Ungewissheit vor dem Heimspiel gegen Aufsteiger SC Freiburg war dementsprechend hoch. Die Partie verlief auf einem mäßigen Niveau, Hertha hatte aber spielerische Vorteile und führte verdient mit 1:0. In der 93. Minute schockierte Freiburgs Kapitän Niclas Höfler das Olympiastadion, indem er eine Ecke Grifos zum Ausgleich einnickte. Die Berliner Fans waren der Verzweiflung nahe und waren drauf und dran ihre Köpfe in den Sand zu stecken, als der in der 85. Minute eingewechselte Schieber sich durch die Freiburger Abwehr tankte und nach mehreren Versuchen das eigentlich unmögliche 2:1 erzielte. Das Olympiastadion war vor Euphorie und positiv besetzter Fassungslosigkeit nicht mehr zu stoppen. Dieser Sieg entfachte eine neue Grundstimmung an der Hanns-Braun-Straße, man glaubte wieder an sich und arbeitete in Ruhe weiter. Es gibt keinen Quotienten, den man mathematisch genau berechnen kann, um zu ermitteln, inwiefern der Saisonauftakt entscheidend für die gesamte Spielzeit ist, jedoch lässt sich mit Gewissheit sagen, dass Schiebers Tor ungemein wichtig für Herthas bisherigen Saisonverlauf ist.

Seine Erfolgsgeschichte als Einwechselspieler sollte sich eine Woche darauf fortsetzen. Hertha führte in Ingolstadt 1:0 und nachdem Vedad Ibisevic bereits getroffen hatte und in der Schlussphase ein wenig in der Luft hing, durfte Schieber sein Glück noch versuchen. Er betrat in der 79. Minute das Feld, um sieben Minuten später den Auswärtssieg durch das 2:0 zu sichern. Er köpfte eine Vorlage von Genki Haraguchi wuchtig ins Tor des Gastgebers und entschied die Partie zu blau-weißen Gunsten.

Auch am achten Spieltag wurden seine Dienste benötigt, bei der Top-Partie gegen den 1. FC Köln. Nach Toren von Ibisevic und Modeste stand es bei Schiebers Einwechslung in der 68. Minute noch 1:1, nur sechs Minuten später sah das Ergebnis anders aus. Der Mittelstürmer kam für die letzten 22 Minuten ins Spiel und nutzte diese sehr effizient. Weisers Freistoß in Minute 74 leitete er sprungstark und geistesgegenwärtig zu Niklas Stark weiter, welcher nur noch einzunicken hatte. Es war Schiebers dritte entscheidende Torbeteiligung in der Saison 2016/17.

Julian Schieber ist Herthas Edeljoker, der durch seinen Kampfeswille, seinen robusten Körper und dem Torriecher zu jedem Zeitpunkt noch wichtig für Hertha sein kann. Durch seine Leistungen hat Hertha eine ganz neue Waffe entdeckt und nimmt gewisse Spielsituationen viel mutiger an. In der vergangenen Saison hätte man den Punkt gegen einen starken FC Köln mitgenommen und das 1:0 in Ingolstadt eher verwaltet, als auf ein weiteres Tor zu spielen. Sicherlich liegt das am generellen Selbstbewusstsein und der Entwicklung der Mannschaft, aber eben auch an Spielern wie Schieber, die diese Dinge möglich machen. Doch reicht ihm das?

Bilanz von zwei Jahren

Schiebers Situation ist nicht einfach zu bewerten und viele Gründe liegen dafür in der Vergangenheit.

Er kam 2014 aus Dortmund zum Hauptstadtverein. Hertha hatte kein einfaches Jahr hinter sich und Adrian Ramos, wie auch Pierre-Michel Lasogga abgegeben. Julian Schieber sollte diese Lücke schließen und seinen Willen, es jedem nach seiner schwierigen Zeit beim BVB zeigen zu wollen, in gute Leistungen und Tore für die “alte Dame” ummünzen. Zusammen mit den sehr namenhaften Valentin Stocker, Salomon Kalou John Heitinga stand er für das neue Hertha BSC. Er ging als gesetzter Stammspieler in die Saison und verzeichnete einen sehr guten Start.  Nach den ersten zwei Spielen gegen Werder Bremen und Bayer Leverkusen hatte er bereits drei Tore und eine Vorlage auf dem Konto. Es folgte eine weniger erfreuliche Zeit mit wenigen Einsätzen und einer Verletzungspause, die vom siebten bis zum elften Spieltag andauerte. Nach dieser unglücklichen Phase setzte Trainer Jos Luhukay wieder auf ihn, was er ihm mit vier Toren in zehn Spielen zurückzahlte.

Im Februar 2015 passierte eine Tragödie, die ihn seine gesamte Karriere schon begleitet: Verletzungspech. Er erlitt einen Knorpelschaden, eine der vielleicht schlimmsten Diagnosen, die ein Profisportler erhalten kann. Er erlebte die ersten drei Spiele unter Pal Dardai noch auf dem Feld, danach war er eine Unbekannte für den Ungar. Schiebers Karriere wurde immer wieder durch Verletzungen gestoppt – er fehlte in seiner Profi-Karriere 663 Tage verletzt, also eineinhalb Jahre. Der Knorpelschaden zwang ihn zu 319 Tagen Pause, als beinahe ein gesamtes Jahr. In der Rückrunde 2015 verpasste er deswegen die letzten elf Spiele.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Des Weiteren verpasste er die ersten 20 Spiele der Spielzeit 2015/16, bis er am 13. Februar 2016 sein Comeback gegen Ex-Verein VfB Stuttgart feiern durfte. Dieser Einsatz könnte jedoch zu früh gewesen sein, er fiel durch einen Bluterguss im Sprunggelenk noch einmal einen Monat aus, gefolgt von drei Nicht-Nominierungen für den Kader. Am 8. März (29. Spieltag) wurde er gegen Hannover 96 eingewechselt und bereitete den 2:2-Ausgleich vor, tja … Schieber und die Jokerrolle. Es folgten noch ein paar Kurzeinsätze.

Michael Preetz musste damals auf seine ständigen Ausfälle reagieren und verpflichtete Vedad Ibisevic. Der Bosnier erlebte eine sportliche Talfahrt beim VfB Stuttgart, wurde seit Monaten nicht mehr eingesetzt und galt als riskanter Neuzugang. Doch wie man heute weiß, war seine Verpflichtung die goldrichtige Entscheidung, er etablierte sich sofort als Stammspieler und Leistungsträger und ist seitdem nicht mehr aus der Mannschaft herauszudenken, zu Ungunsten Schiebers.

Dieser nutzte die Sommerpause, um erstmals seit langer Zeit wieder eine komplette Vorbereitung mitzumachen, er galt beinahe als Neuzugang für Pal Dardai, der bis dahin nur wenig mit ihm arbeiten konnte, zumindest nie bei vollständiger Fitness und Wettkampfpraxis. Dardai freute sich über Schiebers zurückgewonnene Form: “Endlich habe ich wieder den alten Julian!”

Schieber erlebt den Alltag so vieler Fußballer. Er war gesetzt, ein Leistungsträger bei seinem Verein, doch eine schwere Verletzung stoppte ihn, wodurch sich andere Spieler vor ihn in der Nahrungskette schoben.

Quo Vadis?

Vom gefeierten Neuzugang zum Edeljoker – Julian Schieber hat sich seinen Weg bei Hertha sicherlich anders vorgestellt. Nachdem er bei Borussia Dortmund gescheitert war und teilweise zum Gespött der Liga wurde, wollte er in Berlin einen Neuanfang wagen, alles Negative hinter sich lassen. Umso bemerkenswerter ist seine Art damit umzugehen. “Ich bin ein Teamplayer und genau das zeichnet mich aus. Vedads Tore sind wichtig für uns. Ich weiß, wie schnell es im Fußball gehen kann und habe auch meine Einsatzzeiten in jedem Spiel. Natürlich ist es “nur” die Jokerrolle, damit kann ich aber leben. Ich will diese Rolle mit Erfolg ausfüllen. Das ist wichtig für die Mannschaft und für mich selbst. Ich weiß, wie lange eine Saison ist und dass ich auch ein Spiel von Anfang an machen werde”, sagte er am 19.11. diesen Jahres Eurosport.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Es stellt sich nur die Frage, ob er diese Haltung auf ewig vertreten kann. Julian Schieber ist 27 Jahre alt, im “besten” Fußballeralter und ist in einer Karrierephase, in der regelmäßig spielen müsste, nicht nur 20 Minuten. Nun wird er mittelfristig nicht an Vedad Ibisevic vorbeikommen, der Kapitän ist und seinen Vertrag vor kurzem bis 2019 verlängert hat, von seinen Leistungen ganz zu schweigen. Da Pal Dardai auf ein System mit nur einem Mittelstürmer setzt, wird Schieber kaum Startelfeinsätze bekommen.

Die Möglichkeit, dass er nach seinen schlimmen Jahren in den Krankenhäusern, OP-Sälen und Reha-Räumen genügsam, vielmehr demütig geworden ist, besteht. Eventuell erfüllt es ihn mit Glück nach einer karrieregefährdenden Verletzung wie einem Knorpelschaden immer noch Bundesliga zu spielen und einem aufstrebenden Verein durch seine Jokereinsätze und menschlichen Attribute helfen zu können. Es besteht die Chance, dass Schieber nach sportlich schwierigen Jahren bei Stuttgart, einer Leihe nach Nürnberg und dem Intermezzo in Dortmund einfach irgendwo ankommen möchte, einfach ankommen. Er ist ein junger Vater, Berlin eine tolle Stadt und Hertha ein Verein, der seine Dienste vollkommen schätzt.

Sollte dies nicht der Fall sein, was ohne Zweifel verständlich wäre, werden sich die Wege Schiebers und Hertha trennen müssen. Er hat sich wieder den Ruf aufgebaut absolut bundesligatauglich zu sein und könnte für einige Vereine sicherlich interessant sein. Deutsche Mittelstürmer auf so einem Niveau sind rar gesät und haben mittlerweile sogar internationale Anerkennung erhalten, wie Sebastian Polter oder Philipp Hofmann.

Wäre es nicht ein passendes Bild: Julian Schieber in a cold rainy night in Stoke?

Doch solange das nicht der Fall ist, möchten wir ihn solange wie möglich in Berlin behalten. Seine bodenständige herzliche Art erfreut jeden Fan und wenn dann auch noch ein paar Tore herausspringen, ist das Glück perfekt.

Ob in der 95. Minute oder bei der Entscheidung, ob er bleiben möchte – Es kommt auf ihn an!

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Auf die hertha.tv-Frage, ob er denn ein Sauerstoffzelt brauche, nachdem er nach langer Zeit wieder einmal 90 Minuten gespielt hatte, antwortete Julian Schieber mit einem verschmitzten Grinsen “definitiv nein!”. Der Mittelstürmer absolvierte sein erste Partie von Anfang seit dem 22. Februar 2015, also seit 21 Monaten und machte einen sehr guten Eindruck. Größere Hoffnungen auf weitere Startelfeinsätze wird er sich nicht machen dürfen.

Schiebers Stil veränderte sich mit dem Verlauf der Partie. Anfangs war er noch der Strafraumstürmer, der auf seine Chance lauerte (z.B. beim Zuspiel Haraguchis), doch mit der Zeit wurde sein Stil immer mannschaftsdienlicher und kämpferischer. Schieber setzte sich voll ein, führte die meisten Zweikämpfe aller Spieler und gewann (für einen Stürmer) überragende 57% davon. Durch diese Zweikampfstärke band er immer wieder ein bis zwei Gegenspieler an sich, um Räume für seine Mannschaftskameraden zu öffnen. Auch hier machte er einen starken Eindruck, da er mit viel Übersicht und schnellem Denken seine Kollegen bediente und an unzähligen Angriffen beteiligt war. Er rieb sich für sein Team voll auf und verzichtete dafür auf die eigene Torgefahr.

(Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images)

Der Elfmeter zum 3:2 kann nur entstehen, weil Schieber Plattenhardt toll in Szene setzte, der gefoult wurde. Man könnte sehr viele Aktionen rekapitulieren, in den Schieber Dinge richtig gemacht hat, aber fassen wir es kurz: Der 27-Jährige war unfassbar bedeutsam für Herthas Angriffsspiel.

Ohne direkte Vorlage oder ein eigenes Tor war Schieber dennoch ein großer Faktor für diesen Sieg. Eine sehr imponierende Leistung.

Besonders herausragend war Schiebers Körpersprache, er gab das Spiel nie auf und kämpfte über 90 Minuten. “Wir haben unser Spiel durchgezogen, sich ruhig geblieben und wurden am Ende verdient belohnt”, resümierte er die Begegnung.

Ihm gelang leider kein Tor, es hätte seine Leistung abgerundet. Sein Trainer Pal Dardai fand sehr lobende Worte für seine Darbietung: „Julian hat den entscheidenden Pass auf Marvin Plattenhardt gegeben, der dann zum Elfer für uns führte. Julian hat überragend gespielt und hundert Prozent für das Team gekämpft. (Berliner Kurier)”

Seine Rolle im Verein

Vor der Partie gegen den VfL Wolfsburg fand sich Julian Schieber ausschließlich in der Rolle des Jokers wieder. Sobald sich Vedad Ibisevic vollkommen aufgerieben hatte, oder man noch einen Offensivspieler brauchte, wurde der 27-Jährige eingewechselt. Tatsächlich wurde er in 15 von 17 möglichen Pflichtspielen eingesetzt, insgesamt 321 Minuten, also 21 Minuten pro Spiel. In 12 Bundesligaspielen gelangen ihm zwei Tore und eine Vorlage, die insgesamt an enorm wichtigen neun Punkten beteiligt waren.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Oftmals ist das erste Spiel einer neuen Saison ein großer Faktor für den Verlauf einer Hinrunde. Hertha hatte eine miese Vorbereitung hinter sich, verschenkte die Europa-League-Quali auch noch an Bröndby IF und schleppte sich gerade noch durch die erste Runde des DFB-Pokals, indem man sich im Elfmeterschießen gegen Drittligist Jahn Regensburg durchsetzte. Die Anspannung und Ungewissheit vor dem Heimspiel gegen Aufsteiger SC Freiburg war dementsprechend hoch. Die Partie verlief auf einem mäßigen Niveau, Hertha hatte aber spielerische Vorteile und führte verdient mit 1:0. In der 93. Minute schockierte Freiburgs Kapitän Niclas Höfler das Olympiastadion, indem er eine Ecke Grifos zum Ausgleich einnickte. Die Berliner Fans waren der Verzweiflung nahe und waren drauf und dran ihre Köpfe in den Sand zu stecken, als der in der 85. Minute eingewechselte Schieber sich durch die Freiburger Abwehr tankte und nach mehreren Versuchen das eigentlich unmögliche 2:1 erzielte. Das Olympiastadion war vor Euphorie und positiv besetzter Fassungslosigkeit nicht mehr zu stoppen. Dieser Sieg entfachte eine neue Grundstimmung an der Hanns-Braun-Straße, man glaubte wieder an sich und arbeitete in Ruhe weiter. Es gibt keinen Quotienten, den man mathematisch genau berechnen kann, um zu ermitteln, inwiefern der Saisonauftakt entscheidend für die gesamte Spielzeit ist, jedoch lässt sich mit Gewissheit sagen, dass Schiebers Tor ungemein wichtig für Herthas bisherigen Saisonverlauf ist.

Seine Erfolgsgeschichte als Einwechselspieler sollte sich eine Woche darauf fortsetzen. Hertha führte in Ingolstadt 1:0 und nachdem Vedad Ibisevic bereits getroffen hatte und in der Schlussphase ein wenig in der Luft hing, durfte Schieber sein Glück noch versuchen. Er betrat in der 79. Minute das Feld, um sieben Minuten später den Auswärtssieg durch das 2:0 zu sichern. Er köpfte eine Vorlage von Genki Haraguchi wuchtig ins Tor des Gastgebers und entschied die Partie zu blau-weißen Gunsten.

Auch am achten Spieltag wurden seine Dienste benötigt, bei der Top-Partie gegen den 1. FC Köln. Nach Toren von Ibisevic und Modeste stand es bei Schiebers Einwechslung in der 68. Minute noch 1:1, nur sechs Minuten später sah das Ergebnis anders aus. Der Mittelstürmer kam für die letzten 22 Minuten ins Spiel und nutzte diese sehr effizient. Weisers Freistoß in Minute 74 leitete er sprungstark und geistesgegenwärtig zu Niklas Stark weiter, welcher nur noch einzunicken hatte. Es war Schiebers dritte entscheidende Torbeteiligung in der Saison 2016/17.

Julian Schieber ist Herthas Edeljoker, der durch seinen Kampfeswille, seinen robusten Körper und dem Torriecher zu jedem Zeitpunkt noch wichtig für Hertha sein kann. Durch seine Leistungen hat Hertha eine ganz neue Waffe entdeckt und nimmt gewisse Spielsituationen viel mutiger an. In der vergangenen Saison hätte man den Punkt gegen einen starken FC Köln mitgenommen und das 1:0 in Ingolstadt eher verwaltet, als auf ein weiteres Tor zu spielen. Sicherlich liegt das am generellen Selbstbewusstsein und der Entwicklung der Mannschaft, aber eben auch an Spielern wie Schieber, die diese Dinge möglich machen. Doch reicht ihm das?

Bilanz von zwei Jahren

Schiebers Situation ist nicht einfach zu bewerten und viele Gründe liegen dafür in der Vergangenheit.

Er kam 2014 aus Dortmund zum Hauptstadtverein. Hertha hatte kein einfaches Jahr hinter sich und Adrian Ramos, wie auch Pierre-Michel Lasogga abgegeben. Julian Schieber sollte diese Lücke schließen und seinen Willen, es jedem nach seiner schwierigen Zeit beim BVB zeigen zu wollen, in gute Leistungen und Tore für die “alte Dame” ummünzen. Zusammen mit den sehr namenhaften Valentin Stocker, Salomon Kalou John Heitinga stand er für das neue Hertha BSC. Er ging als gesetzter Stammspieler in die Saison und verzeichnete einen sehr guten Start.  Nach den ersten zwei Spielen gegen Werder Bremen und Bayer Leverkusen hatte er bereits drei Tore und eine Vorlage auf dem Konto. Es folgte eine weniger erfreuliche Zeit mit wenigen Einsätzen und einer Verletzungspause, die vom siebten bis zum elften Spieltag andauerte. Nach dieser unglücklichen Phase setzte Trainer Jos Luhukay wieder auf ihn, was er ihm mit vier Toren in zehn Spielen zurückzahlte.

Im Februar 2015 passierte eine Tragödie, die ihn seine gesamte Karriere schon begleitet: Verletzungspech. Er erlitt einen Knorpelschaden, eine der vielleicht schlimmsten Diagnosen, die ein Profisportler erhalten kann. Er erlebte die ersten drei Spiele unter Pal Dardai noch auf dem Feld, danach war er eine Unbekannte für den Ungar. Schiebers Karriere wurde immer wieder durch Verletzungen gestoppt – er fehlte in seiner Profi-Karriere 663 Tage verletzt, also eineinhalb Jahre. Der Knorpelschaden zwang ihn zu 319 Tagen Pause, als beinahe ein gesamtes Jahr. In der Rückrunde 2015 verpasste er deswegen die letzten elf Spiele.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Des Weiteren verpasste er die ersten 20 Spiele der Spielzeit 2015/16, bis er am 13. Februar 2016 sein Comeback gegen Ex-Verein VfB Stuttgart feiern durfte. Dieser Einsatz könnte jedoch zu früh gewesen sein, er fiel durch einen Bluterguss im Sprunggelenk noch einmal einen Monat aus, gefolgt von drei Nicht-Nominierungen für den Kader. Am 8. März (29. Spieltag) wurde er gegen Hannover 96 eingewechselt und bereitete den 2:2-Ausgleich vor, tja … Schieber und die Jokerrolle. Es folgten noch ein paar Kurzeinsätze.

Michael Preetz musste damals auf seine ständigen Ausfälle reagieren und verpflichtete Vedad Ibisevic. Der Bosnier erlebte eine sportliche Talfahrt beim VfB Stuttgart, wurde seit Monaten nicht mehr eingesetzt und galt als riskanter Neuzugang. Doch wie man heute weiß, war seine Verpflichtung die goldrichtige Entscheidung, er etablierte sich sofort als Stammspieler und Leistungsträger und ist seitdem nicht mehr aus der Mannschaft herauszudenken, zu Ungunsten Schiebers.

Dieser nutzte die Sommerpause, um erstmals seit langer Zeit wieder eine komplette Vorbereitung mitzumachen, er galt beinahe als Neuzugang für Pal Dardai, der bis dahin nur wenig mit ihm arbeiten konnte, zumindest nie bei vollständiger Fitness und Wettkampfpraxis. Dardai freute sich über Schiebers zurückgewonnene Form: “Endlich habe ich wieder den alten Julian!”

Schieber erlebt den Alltag so vieler Fußballer. Er war gesetzt, ein Leistungsträger bei seinem Verein, doch eine schwere Verletzung stoppte ihn, wodurch sich andere Spieler vor ihn in der Nahrungskette schoben.

Quo Vadis?

Vom gefeierten Neuzugang zum Edeljoker – Julian Schieber hat sich seinen Weg bei Hertha sicherlich anders vorgestellt. Nachdem er bei Borussia Dortmund gescheitert war und teilweise zum Gespött der Liga wurde, wollte er in Berlin einen Neuanfang wagen, alles Negative hinter sich lassen. Umso bemerkenswerter ist seine Art damit umzugehen. “Ich bin ein Teamplayer und genau das zeichnet mich aus. Vedads Tore sind wichtig für uns. Ich weiß, wie schnell es im Fußball gehen kann und habe auch meine Einsatzzeiten in jedem Spiel. Natürlich ist es “nur” die Jokerrolle, damit kann ich aber leben. Ich will diese Rolle mit Erfolg ausfüllen. Das ist wichtig für die Mannschaft und für mich selbst. Ich weiß, wie lange eine Saison ist und dass ich auch ein Spiel von Anfang an machen werde”, sagte er am 19.11. diesen Jahres Eurosport.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Es stellt sich nur die Frage, ob er diese Haltung auf ewig vertreten kann. Julian Schieber ist 27 Jahre alt, im “besten” Fußballeralter und ist in einer Karrierephase, in der regelmäßig spielen müsste, nicht nur 20 Minuten. Nun wird er mittelfristig nicht an Vedad Ibisevic vorbeikommen, der Kapitän ist und seinen Vertrag vor kurzem bis 2019 verlängert hat, von seinen Leistungen ganz zu schweigen. Da Pal Dardai auf ein System mit nur einem Mittelstürmer setzt, wird Schieber kaum Startelfeinsätze bekommen.

Die Möglichkeit, dass er nach seinen schlimmen Jahren in den Krankenhäusern, OP-Sälen und Reha-Räumen genügsam, vielmehr demütig geworden ist, besteht. Eventuell erfüllt es ihn mit Glück nach einer karrieregefährdenden Verletzung wie einem Knorpelschaden immer noch Bundesliga zu spielen und einem aufstrebenden Verein durch seine Jokereinsätze und menschlichen Attribute helfen zu können. Es besteht die Chance, dass Schieber nach sportlich schwierigen Jahren bei Stuttgart, einer Leihe nach Nürnberg und dem Intermezzo in Dortmund einfach irgendwo ankommen möchte, einfach ankommen. Er ist ein junger Vater, Berlin eine tolle Stadt und Hertha ein Verein, der seine Dienste vollkommen schätzt.

Sollte dies nicht der Fall sein, was ohne Zweifel verständlich wäre, werden sich die Wege Schiebers und Hertha trennen müssen. Er hat sich wieder den Ruf aufgebaut absolut bundesligatauglich zu sein und könnte für einige Vereine sicherlich interessant sein. Deutsche Mittelstürmer auf so einem Niveau sind rar gesät und haben mittlerweile sogar internationale Anerkennung erhalten, wie Sebastian Polter oder Philipp Hofmann.

Wäre es nicht ein passendes Bild: Julian Schieber in a cold rainy night in Stoke?

Doch solange das nicht der Fall ist, möchten wir ihn solange wie möglich in Berlin behalten. Seine bodenständige herzliche Art erfreut jeden Fan und wenn dann auch noch ein paar Tore herausspringen, ist das Glück perfekt.

Ob in der 95. Minute oder bei der Entscheidung, ob er bleiben möchte – Es kommt auf ihn an!

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