Hertha BSCSpieler

Valentin Stockers Schicksal bei Hertha

Die aktuelle Saison sollte Valentin Stockers Ausbruch aus der schwierigsten Zeit seiner Hertha-Laufbahn werden, jedoch scheint sich sein Schicksal aus der vergangenen Spielzeit zu wiederholen. Der Schweizer ist trotz einer bemerkenswerten Hinrunde nur Ersatzspieler und stand in den letzten fünf Spielen ohne eine einzige Einsatzminute im Kader. Es zeichnet sich ein Trend ab, der bald seinen logischen Schlusspunkt finden könnte.

Schaut man sich die Pressekonferenzen der letzten Wochen an, so fällt einem auf, dass es viele Themen rund um Hertha BSC gibt, sei es struktureller Natur, wie dem Stadion-Neubau oder der Akquise neuer Investoren, oder eben personeller, wenn es um die Verletzten geht und wer sie ersetzten könnte. Es wird über Formschwächen gesprochen, über die Ausrichtung für den Gegner und ob Dardai denn plane, gewisse Wechsel vorzunehmen. Dabei fallen viele Namen, aber nicht der von Valentin Stocker. Während die Rückkehr von Ondrej Duda und die ansteigende Form von Vladimir Darida positiv hervorgehoben wird, findet der Schweizer keine Beachtung. Weder die Journalisten, noch Pal Dardai selbst erwähnen ihn.

Chance genutzt

(ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)

Die Vorzeichen für Stocker in diesem Jahr zeigten eindeutig auf die Berliner Ersatzbank. Der Schweizer kam aus einer höchst enttäuschenden Saison, in der er nur zehn Spiele von Anfang absolvierte und seinen Stammplatz an Vladimir Darida verlor. Wir schrieben damals bereits über die Gründe für seine schwache Spielzeit und warum er aus dem Team verdrängt worden war: Dardai setzte auf ein neues System und eine Art des Fußballs, die nicht zu Stockers Stil passte. Dazu kamen massive Formschwankungen Stockers, der sich immer introvertierter zeigte und mit seinem Schicksal haderte. Diese Faktoren scheinen erneut zu greifen.

Dabei hatte sich der 27-Jährige wieder in den Fokus gespielt, indem er seine Chance in der Hinrunde nutzte. Der eingekaufte Spielmacher Ondrej Duda verletzte sich bereits in der Sommervorbereitung und sollte lange kein Faktor für die Mannschaft werden, während Alexander Baumjohann bereits aussortiert worden war. Stockers einziger Konkurrent für die Position des “Zehners” war also Vladimir Darida. Der Tscheche verdrängte Stocker im vergangenen Jahr aus der Startelf, da er Dardais fußballerische Ideen nahezu perfekt verkörpert und eine sehr starke Saison auf der Position des Spiellenkers absolvierte.

Zunächst schien Stockers Durststrecke nahtlos weiterzulaufen, denn in den ersten beiden Bundesligapartien der aktuellen Saison stand er zwar im Kader, durfte aber keine Minute spielen. Darida behauptete dagegen seine Rolle und war durch sein Tor maßgeblich am ersten Saisonsieg gegen den SC Freiburg beteiligt. Der dritte Spieltag sollte jedoch eine entscheidende Wendung zu Stockers Gunsten nehmen.

Darida musste nach 55 Minuten verletzungsbedingt ausgewechselt werden, sodass Stocker seine Chance erhielt. Der Schweizer fügte sich zunächst gut ins Gesamtbild der Partie ein: Er war an zahlreichen Kombinationen beteiligt und wies eine souveräne Passquote auf. In der 74. Minute war es soweit: Nach einer traumhaften Vorlage von Weiser tauchte Stocker allein vor Keeper Fährmann auf und überwand diesen zum 2:0. Es war Stockers erster Treffer seit dem 21.8.2015 (gegen Werder Bremen), also seit über einem Jahr. Besser kann ein Einwechselspieler kaum einschlagen. Er schrie seine Erleichterung bei seinem Jubel regelrecht heraus.

(Photo by PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)

Es stellte sich heraus, dass Darida aufgrund eines Außenbandrisses im Sprunggelenk für einige Wochen ausfiel, sodass Pal Dardai Stocker das Vertrauen schenkte, auch weiterhin zu spielen. Gegen Bayern München saß er aus taktischen Gründen auf der Bank, danach war er aber nicht mehr aus der Mannschaft herauszudenken, es folgten die Wochen des Valentin Stockers. In den Spielen gegen Eintracht Frankfurt und Hamburg trug er jeweils einen Assist zu den Punktgewinnen bei und überzeugte durch auffällige Leistungen. Zwar hefteten weiterhin dieselben Probleme an ihm, wie sein fehlerhaftes Passspiel und die teils nur geringe Übersicht und Coolness, um Situationen clever zu lösen, dennoch überragte seine Spielfreude und sein Gespür für besondere Aktionen. In der darauffolgenden Partie in Dortmund sollten die Scheinwerfer des Signal Iduna Parks vollends auf ihn gerichtet sein. Er spielte seine wohl beste Partie seit einer langen Zeit und brachte Hertha BSC mit seinem Treffer in Führung.

Es hätte ein perfektes Spiel für ihn werden können, doch sein Einsteigen gegen Ginter war absolut unüberlegt und rot-würdig. Zudem hätte er in dieser vielversprechenden Umschaltaktion den freien Esswein anspielen können, so wäre Herthas Offensive „durch“ gewesen und hätte eine riesige Chance zum 2:1 gehabt. Doch Stocker spielt den leichtfertigen Fehlpass und holt sich durch die darauffolgende Grätsche die verdiente rote Karte ab. Seine ungestüme Art stellte ihm einmal mehr ein Bein. Doch er fiel in kein Loch, sondern war daraufhin auch im vierten Spiel infolge an einem Treffer direkt beteiligt. Er verpasste das Spiel gegen den 1. FC Köln rotgesperrt, wurde aber im Pokal-Spiel gegen St. Pauli wieder aufgestellt. Nach einer überragenden Vorarbeit von Mitchell Weiser setzte er mit dem 2:0 den Schlusspunkt der Begegnung und sicherte Herthas Weiterkommen. Stocker, der als sehr sensible Persönlichkeit gilt, steckte nicht auf, sondern blieb am Ball – eine wichtige Beobachtung, die sein Selbstbewusstsein unterstrich.

Stockers nächste Partie war erst am 19.11. gegen den FC Augsburg, nachdem er seine Rotsperre abgesessen hatte. Mitchell Weiser fiel kurz vor dem Anpfiff aus und sollte viele Wochen fehlen. Dieses Kreativ-Loch konnte Stocker nie füllen, sei es gegen den FCA oder die darauffolgenden Gegner. Zusammen mit Hertha schlitterte er immer weiter in eine spielerische Krise, in der man zwar noch Spiele gewann, aber nur noch selten dabei glänzen konnte. Dazu kam, dass Vladimir Darida sich von seiner Verletzung erholt hatte und wieder in die Startelf drängte. Erstmals gegen den SV Werder Bremen stand der Tscheche wieder im Anfangsaufgebot, woraufhin er immer mehr Spielzeit auf der Position des Spielmachers erhielt. Stocker wurde auf die offensiven Außenbahnen verbannt, eine Position, die ihm bei Hertha noch nie lag. Nachdem er sehr dürftige Leistungen gegen Ingolstadt und Schalke zeigte, spielte er keine Minute mehr.

Stockers Hinrunde begann aus überraschenden Gründen also sehr positiv, doch als sich sein Formhoch legte und Darida zurückkehrte, war es wieder Stocker aus dem vergangenen Jahr.

Systemfeind Stocker

Die Gründe für diese nicht vorhandene Konstanz sind vielfältig und haben mit dem taktischen System Dardais und Stockers Fähigkeiten zu tun.

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Zunächst sollte man sich Stockers Attribute und Spielstil genauer anschauen: Er ist ein wilder Kreativspieler, der sein Glück oft in riskanten Aktionen sucht und mit dem entsprechenden Freiraum viel bewirken kann und ein stets überraschendes Element ist. Er hat ein Gespür für das Besondere und ist für einen Spielmacher recht dynamisch.

Doch mindestens genauso viele Schwächen hat er in seinem Spiel. Schon während seiner besten Spiele im blau-weißen Trikot konnte man feststellen, dass Stocker oftmals zu überhastet in seinen Aktionen vorging, zu schlampig wurde und so den schnellen Ballverlust provozierte. Selbst in seinen sehr guten Spielen sahen seine Pass- und Zweikampfwerte nicht perfekt aus. Zu wenig für einen Zehner möchte man meinen, wurden diese Schwächen jedoch von zahlreichen Torbeteiligungen und sehenswerten Offensivaktionen kaschiert. Er ist zudem sehr unbeständig in seinen Darbietungen, auf ein starkes Spiel folgt oft ein schwaches, sodass der Trainer nicht genau weiß, woran er ist.

In Dardais erste Halbserie, in der er den Verein vor dem Abstieg rettete, musste er notgedrungen auf Stocker setzen. Herthas Offensive gab es genau genommen nicht, da der Ungar alles daran setzte, die Defensive zu stabilisieren, sodass Stocker Narrenfreiheit genoss. „Vali hat uns gerettet“, sagte Trainer Pal Dardai zur Rolle Stockers im letztjährigen Abstiegskampf. Tatsächlich war es der Schweizer Neuzugang, der die „alte Dame“ in den erstklassigen Gewässern hielt, nachdem die Mannschaft unter Jos Luhukay fast Schiffbruch erlitten hatte. Unter Luhukay stand er nur acht Mal in der Startelf, sammelte in der Hinrunde immerhin vier Torvorlagen. Die Rückrunde sollte aber Stockers wahres Potenzial ans Tageslicht führen. In der Rückrunde absolvierte er 16 Partien (gegen Augsburg fehlte er gelbgesperrt), schoss in diesen drei Tore und bereitete fünf direkt vor. Möchte man anderen Statistiken vertrauen, war Stocker noch an weitaus mehr Toren direkt beteiligt, jedoch wurden diese von der Bundesliga nicht offiziell als Assists anerkannt. Die Offensivkraft wurde zur zentralen Figur des Berliner Angriffspiels, alles lief über den ehemaligen Baseler. Ob Torschüsse, Vorlagen, Läufe oder Kombinationen – Stocker war immer mittendrin. Man hielt die Klasse und Stocker war der Held. War.

Doch in der darauffolgenden und auch in der laufenden Spielzeit ließ Dardai deutlich erkennen, welche Art von Spielmacher er für sein Spiel braucht. Er will einen Taktgeber, der weniger durch konkrete Offensivaktionen auffällt, als vielmehr durch eine kluge Übersicht und Ballverteilung. Jemand, der sehr auf das Aufbauspiel bedacht ist und das Verschieben seiner und der gegnerischen Mannschaft achtet. All das ist Valentin Stocker nicht. Stocker und Dardais System haben sich nie vollends verstanden, sondern nur notgedrungen zusammengearbeitet. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Stocker immer nur dann in Erscheinung trat, wenn es absolut keine anderen personellen Optionen mehr gab.

Daraus ergibt sich folgende These: Dardai hätte Stocker heutzutage nicht verpflichtet, da er schlichtweg nicht in das Herthaner Spielsystem passt. Dieses Schicksal ereilte bereits Spieler wie Roy Beerens oder Tolga Cigerci, die zwar keine schlechten Fußballer sind, aber nicht mit Dardais Idee von Fußball kompatibel waren und daher gehen mussten.

Quo vadis Stocker?

Duda könnte Stocker endgültig verdrängen
(Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Aus diesem Umstand ergibt sich die Frage, wie es mit Valentin Stocker weitergehen soll. Sein Vertrag läuft im nächsten Jahr aus, sodass sowohl der Verein, als auch er selbst eine Entscheidung treffen müssen.

Es war wohl ein deutlicher Fingerzeig von Pal Dardai, in den Partien gegen den HSV und Eintracht Frankfurt den frisch-genesenen Ondrej Duda einzuwechseln, während Stocker jeweils 90 Minuten auf der Bank verweilen musste. Selbst bei der Begegnung in Köln wurde nicht der Schweizer, sondern Sami Allagui zur Halbzeit aufs Feld geschickt. Stocker stand in den letzten fünf Partien ohne Einsatzminute im Kader von Hertha, die anfängliche Euphorie hat sich gelegt und es kristallisiert sich heraus, dass Dardai ihm augenscheinlich nicht viel zutraut.

So könnte das gemeinsame Kapitel von ihm und Hertha BSC bald ein Ende finden, vielleicht sogar schon in der kommenden Sommerpause. Stocker gehörte, außer in seiner ersten richtigen Halbserie, nie zum unumstrittenen Stammpersonal und war stets die “B-Lösung”, durch Duda nicht einmal mehr das. Trotz einiger sehr guter Spiele sah man nur selten Konstanz in seinen Leistungen aufblitzen, vielleicht auch, weil die Bundesliga etwas zu stark für ihn ist, oder ihm nicht liegt.

Zudem ist er mit 27 Jahren in einem Alter, in dem ein Fußballer unbedingt regelmäßig spielen will, besonders jemand so sensibles wie Stocker. Er betonte in vielen Interviews, dass er das Gefühl der Wertschätzung braucht, er will sportlich gebraucht werden. Das ist in Berlin nicht der Fall, sodass eine weitere Zusammenarbeit nur bedingt Sinn ergäbe. Ein Statement von ihm unterstreicht, dass er von einem Verbleib nicht restlos überzeugt ist: „Als Profi kannst du nicht zwei Jahre im Voraus planen. Ich kann mir das vorstellen (Rückkehr nach Basel), aber darüber mache ich mir erst im Sommer Gedanken. Ich habe mich in meiner Karriere bisher immer auf meinen Bauch verlassen und lag gut damit.“

Es hängt letztendlich von den Erwartungshaltungen von Stocker und dem Verein ab. Möchten sich beide weiterentwickeln, so führt wohl kein Weg an einer Trennung vorbei. Herthas Management hat die Aufgabe, den Kader kontinuierlich zu verbessern und dazu würde es nicht passen, einen stagnierenden Stocker weiterhin zu halten. Stocker genießt in Berlin nicht das Ansehen, wie es in Basel der Fall war oder es bei einem eventuell etwas schlechteren Bundesligisten sein könnte. So ist wohl in diesem, oder spätestens im Sommer 2018 Schluss.

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Die aktuelle Saison sollte Valentin Stockers Ausbruch aus der schwierigsten Zeit seiner Hertha-Laufbahn werden, jedoch scheint sich sein Schicksal aus der vergangenen Spielzeit zu wiederholen. Der Schweizer ist trotz einer bemerkenswerten Hinrunde nur Ersatzspieler und stand in den letzten fünf Spielen ohne eine einzige Einsatzminute im Kader. Es zeichnet sich ein Trend ab, der bald seinen logischen Schlusspunkt finden könnte.

Schaut man sich die Pressekonferenzen der letzten Wochen an, so fällt einem auf, dass es viele Themen rund um Hertha BSC gibt, sei es struktureller Natur, wie dem Stadion-Neubau oder der Akquise neuer Investoren, oder eben personeller, wenn es um die Verletzten geht und wer sie ersetzten könnte. Es wird über Formschwächen gesprochen, über die Ausrichtung für den Gegner und ob Dardai denn plane, gewisse Wechsel vorzunehmen. Dabei fallen viele Namen, aber nicht der von Valentin Stocker. Während die Rückkehr von Ondrej Duda und die ansteigende Form von Vladimir Darida positiv hervorgehoben wird, findet der Schweizer keine Beachtung. Weder die Journalisten, noch Pal Dardai selbst erwähnen ihn.

Chance genutzt

(ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)

Die Vorzeichen für Stocker in diesem Jahr zeigten eindeutig auf die Berliner Ersatzbank. Der Schweizer kam aus einer höchst enttäuschenden Saison, in der er nur zehn Spiele von Anfang absolvierte und seinen Stammplatz an Vladimir Darida verlor. Wir schrieben damals bereits über die Gründe für seine schwache Spielzeit und warum er aus dem Team verdrängt worden war: Dardai setzte auf ein neues System und eine Art des Fußballs, die nicht zu Stockers Stil passte. Dazu kamen massive Formschwankungen Stockers, der sich immer introvertierter zeigte und mit seinem Schicksal haderte. Diese Faktoren scheinen erneut zu greifen.

Dabei hatte sich der 27-Jährige wieder in den Fokus gespielt, indem er seine Chance in der Hinrunde nutzte. Der eingekaufte Spielmacher Ondrej Duda verletzte sich bereits in der Sommervorbereitung und sollte lange kein Faktor für die Mannschaft werden, während Alexander Baumjohann bereits aussortiert worden war. Stockers einziger Konkurrent für die Position des “Zehners” war also Vladimir Darida. Der Tscheche verdrängte Stocker im vergangenen Jahr aus der Startelf, da er Dardais fußballerische Ideen nahezu perfekt verkörpert und eine sehr starke Saison auf der Position des Spiellenkers absolvierte.

Zunächst schien Stockers Durststrecke nahtlos weiterzulaufen, denn in den ersten beiden Bundesligapartien der aktuellen Saison stand er zwar im Kader, durfte aber keine Minute spielen. Darida behauptete dagegen seine Rolle und war durch sein Tor maßgeblich am ersten Saisonsieg gegen den SC Freiburg beteiligt. Der dritte Spieltag sollte jedoch eine entscheidende Wendung zu Stockers Gunsten nehmen.

Darida musste nach 55 Minuten verletzungsbedingt ausgewechselt werden, sodass Stocker seine Chance erhielt. Der Schweizer fügte sich zunächst gut ins Gesamtbild der Partie ein: Er war an zahlreichen Kombinationen beteiligt und wies eine souveräne Passquote auf. In der 74. Minute war es soweit: Nach einer traumhaften Vorlage von Weiser tauchte Stocker allein vor Keeper Fährmann auf und überwand diesen zum 2:0. Es war Stockers erster Treffer seit dem 21.8.2015 (gegen Werder Bremen), also seit über einem Jahr. Besser kann ein Einwechselspieler kaum einschlagen. Er schrie seine Erleichterung bei seinem Jubel regelrecht heraus.

(Photo by PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)

Es stellte sich heraus, dass Darida aufgrund eines Außenbandrisses im Sprunggelenk für einige Wochen ausfiel, sodass Pal Dardai Stocker das Vertrauen schenkte, auch weiterhin zu spielen. Gegen Bayern München saß er aus taktischen Gründen auf der Bank, danach war er aber nicht mehr aus der Mannschaft herauszudenken, es folgten die Wochen des Valentin Stockers. In den Spielen gegen Eintracht Frankfurt und Hamburg trug er jeweils einen Assist zu den Punktgewinnen bei und überzeugte durch auffällige Leistungen. Zwar hefteten weiterhin dieselben Probleme an ihm, wie sein fehlerhaftes Passspiel und die teils nur geringe Übersicht und Coolness, um Situationen clever zu lösen, dennoch überragte seine Spielfreude und sein Gespür für besondere Aktionen. In der darauffolgenden Partie in Dortmund sollten die Scheinwerfer des Signal Iduna Parks vollends auf ihn gerichtet sein. Er spielte seine wohl beste Partie seit einer langen Zeit und brachte Hertha BSC mit seinem Treffer in Führung.

Es hätte ein perfektes Spiel für ihn werden können, doch sein Einsteigen gegen Ginter war absolut unüberlegt und rot-würdig. Zudem hätte er in dieser vielversprechenden Umschaltaktion den freien Esswein anspielen können, so wäre Herthas Offensive „durch“ gewesen und hätte eine riesige Chance zum 2:1 gehabt. Doch Stocker spielt den leichtfertigen Fehlpass und holt sich durch die darauffolgende Grätsche die verdiente rote Karte ab. Seine ungestüme Art stellte ihm einmal mehr ein Bein. Doch er fiel in kein Loch, sondern war daraufhin auch im vierten Spiel infolge an einem Treffer direkt beteiligt. Er verpasste das Spiel gegen den 1. FC Köln rotgesperrt, wurde aber im Pokal-Spiel gegen St. Pauli wieder aufgestellt. Nach einer überragenden Vorarbeit von Mitchell Weiser setzte er mit dem 2:0 den Schlusspunkt der Begegnung und sicherte Herthas Weiterkommen. Stocker, der als sehr sensible Persönlichkeit gilt, steckte nicht auf, sondern blieb am Ball – eine wichtige Beobachtung, die sein Selbstbewusstsein unterstrich.

Stockers nächste Partie war erst am 19.11. gegen den FC Augsburg, nachdem er seine Rotsperre abgesessen hatte. Mitchell Weiser fiel kurz vor dem Anpfiff aus und sollte viele Wochen fehlen. Dieses Kreativ-Loch konnte Stocker nie füllen, sei es gegen den FCA oder die darauffolgenden Gegner. Zusammen mit Hertha schlitterte er immer weiter in eine spielerische Krise, in der man zwar noch Spiele gewann, aber nur noch selten dabei glänzen konnte. Dazu kam, dass Vladimir Darida sich von seiner Verletzung erholt hatte und wieder in die Startelf drängte. Erstmals gegen den SV Werder Bremen stand der Tscheche wieder im Anfangsaufgebot, woraufhin er immer mehr Spielzeit auf der Position des Spielmachers erhielt. Stocker wurde auf die offensiven Außenbahnen verbannt, eine Position, die ihm bei Hertha noch nie lag. Nachdem er sehr dürftige Leistungen gegen Ingolstadt und Schalke zeigte, spielte er keine Minute mehr.

Stockers Hinrunde begann aus überraschenden Gründen also sehr positiv, doch als sich sein Formhoch legte und Darida zurückkehrte, war es wieder Stocker aus dem vergangenen Jahr.

Systemfeind Stocker

Die Gründe für diese nicht vorhandene Konstanz sind vielfältig und haben mit dem taktischen System Dardais und Stockers Fähigkeiten zu tun.

(Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Zunächst sollte man sich Stockers Attribute und Spielstil genauer anschauen: Er ist ein wilder Kreativspieler, der sein Glück oft in riskanten Aktionen sucht und mit dem entsprechenden Freiraum viel bewirken kann und ein stets überraschendes Element ist. Er hat ein Gespür für das Besondere und ist für einen Spielmacher recht dynamisch.

Doch mindestens genauso viele Schwächen hat er in seinem Spiel. Schon während seiner besten Spiele im blau-weißen Trikot konnte man feststellen, dass Stocker oftmals zu überhastet in seinen Aktionen vorging, zu schlampig wurde und so den schnellen Ballverlust provozierte. Selbst in seinen sehr guten Spielen sahen seine Pass- und Zweikampfwerte nicht perfekt aus. Zu wenig für einen Zehner möchte man meinen, wurden diese Schwächen jedoch von zahlreichen Torbeteiligungen und sehenswerten Offensivaktionen kaschiert. Er ist zudem sehr unbeständig in seinen Darbietungen, auf ein starkes Spiel folgt oft ein schwaches, sodass der Trainer nicht genau weiß, woran er ist.

In Dardais erste Halbserie, in der er den Verein vor dem Abstieg rettete, musste er notgedrungen auf Stocker setzen. Herthas Offensive gab es genau genommen nicht, da der Ungar alles daran setzte, die Defensive zu stabilisieren, sodass Stocker Narrenfreiheit genoss. „Vali hat uns gerettet“, sagte Trainer Pal Dardai zur Rolle Stockers im letztjährigen Abstiegskampf. Tatsächlich war es der Schweizer Neuzugang, der die „alte Dame“ in den erstklassigen Gewässern hielt, nachdem die Mannschaft unter Jos Luhukay fast Schiffbruch erlitten hatte. Unter Luhukay stand er nur acht Mal in der Startelf, sammelte in der Hinrunde immerhin vier Torvorlagen. Die Rückrunde sollte aber Stockers wahres Potenzial ans Tageslicht führen. In der Rückrunde absolvierte er 16 Partien (gegen Augsburg fehlte er gelbgesperrt), schoss in diesen drei Tore und bereitete fünf direkt vor. Möchte man anderen Statistiken vertrauen, war Stocker noch an weitaus mehr Toren direkt beteiligt, jedoch wurden diese von der Bundesliga nicht offiziell als Assists anerkannt. Die Offensivkraft wurde zur zentralen Figur des Berliner Angriffspiels, alles lief über den ehemaligen Baseler. Ob Torschüsse, Vorlagen, Läufe oder Kombinationen – Stocker war immer mittendrin. Man hielt die Klasse und Stocker war der Held. War.

Doch in der darauffolgenden und auch in der laufenden Spielzeit ließ Dardai deutlich erkennen, welche Art von Spielmacher er für sein Spiel braucht. Er will einen Taktgeber, der weniger durch konkrete Offensivaktionen auffällt, als vielmehr durch eine kluge Übersicht und Ballverteilung. Jemand, der sehr auf das Aufbauspiel bedacht ist und das Verschieben seiner und der gegnerischen Mannschaft achtet. All das ist Valentin Stocker nicht. Stocker und Dardais System haben sich nie vollends verstanden, sondern nur notgedrungen zusammengearbeitet. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Stocker immer nur dann in Erscheinung trat, wenn es absolut keine anderen personellen Optionen mehr gab.

Daraus ergibt sich folgende These: Dardai hätte Stocker heutzutage nicht verpflichtet, da er schlichtweg nicht in das Herthaner Spielsystem passt. Dieses Schicksal ereilte bereits Spieler wie Roy Beerens oder Tolga Cigerci, die zwar keine schlechten Fußballer sind, aber nicht mit Dardais Idee von Fußball kompatibel waren und daher gehen mussten.

Quo vadis Stocker?

Duda könnte Stocker endgültig verdrängen
(Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Aus diesem Umstand ergibt sich die Frage, wie es mit Valentin Stocker weitergehen soll. Sein Vertrag läuft im nächsten Jahr aus, sodass sowohl der Verein, als auch er selbst eine Entscheidung treffen müssen.

Es war wohl ein deutlicher Fingerzeig von Pal Dardai, in den Partien gegen den HSV und Eintracht Frankfurt den frisch-genesenen Ondrej Duda einzuwechseln, während Stocker jeweils 90 Minuten auf der Bank verweilen musste. Selbst bei der Begegnung in Köln wurde nicht der Schweizer, sondern Sami Allagui zur Halbzeit aufs Feld geschickt. Stocker stand in den letzten fünf Partien ohne Einsatzminute im Kader von Hertha, die anfängliche Euphorie hat sich gelegt und es kristallisiert sich heraus, dass Dardai ihm augenscheinlich nicht viel zutraut.

So könnte das gemeinsame Kapitel von ihm und Hertha BSC bald ein Ende finden, vielleicht sogar schon in der kommenden Sommerpause. Stocker gehörte, außer in seiner ersten richtigen Halbserie, nie zum unumstrittenen Stammpersonal und war stets die “B-Lösung”, durch Duda nicht einmal mehr das. Trotz einiger sehr guter Spiele sah man nur selten Konstanz in seinen Leistungen aufblitzen, vielleicht auch, weil die Bundesliga etwas zu stark für ihn ist, oder ihm nicht liegt.

Zudem ist er mit 27 Jahren in einem Alter, in dem ein Fußballer unbedingt regelmäßig spielen will, besonders jemand so sensibles wie Stocker. Er betonte in vielen Interviews, dass er das Gefühl der Wertschätzung braucht, er will sportlich gebraucht werden. Das ist in Berlin nicht der Fall, sodass eine weitere Zusammenarbeit nur bedingt Sinn ergäbe. Ein Statement von ihm unterstreicht, dass er von einem Verbleib nicht restlos überzeugt ist: „Als Profi kannst du nicht zwei Jahre im Voraus planen. Ich kann mir das vorstellen (Rückkehr nach Basel), aber darüber mache ich mir erst im Sommer Gedanken. Ich habe mich in meiner Karriere bisher immer auf meinen Bauch verlassen und lag gut damit.“

Es hängt letztendlich von den Erwartungshaltungen von Stocker und dem Verein ab. Möchten sich beide weiterentwickeln, so führt wohl kein Weg an einer Trennung vorbei. Herthas Management hat die Aufgabe, den Kader kontinuierlich zu verbessern und dazu würde es nicht passen, einen stagnierenden Stocker weiterhin zu halten. Stocker genießt in Berlin nicht das Ansehen, wie es in Basel der Fall war oder es bei einem eventuell etwas schlechteren Bundesligisten sein könnte. So ist wohl in diesem, oder spätestens im Sommer 2018 Schluss.

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