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Rune Jarstein – vom Abstellgleis zum Spieler der Saison

Das Votum war überwältigend. 56 Prozent der Fans wählten Rune Jarstein zu ihrem Spieler der Saison. Damit ließ er zentrale Stützen wie Kapitän Vedad Ibisevic und Neu-Nationalspieler Marvin Plattenhardt meilenweit hinter sich. Hätte man vor zwei Jahren auf dieses Ergebnis gewettet, müsste man mutmaßlich nie wieder arbeiten gehen. Es ist eine Geschichte, die im schnelllebigen Fußballgeschäft ihresgleichen sucht.

Ein Transfer mit vielen Fragezeichen

Jarstein hatte lange Zeit einen schweren Stand im Team. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Viele staunten nicht schlecht, als Hertha in der Winterpause der Saison 2013/2014 plötzlich einen 29-jährigen Norweger verpflichtete. Rune Almening Jarstein, in Deutschland damals nur den Wenigsten ein Begriff, wurde von Manager Michael Preetz als neue Nummer Zwei hinter Thomas Kraft verpflichtet. Der Plan hinter dieser Verpflichtung war, zum einen starken Ersatz zu haben, sollte Kraft einmal ausfallen und zum anderen Druck auf den bis dato unangefochtenen Stammtorhüter auszuüben. Jarstein kam damals mit der Empfehlung von über 200 Einsätzen in Norwegens höchster Spielklasse und als Nationalspieler seines Landes. Sein größter Erfolg war der Gewinn der Meisterschaft mit Rosenborg Trondheim im Jahre 2009.
Tatsächlich war Jarstein in Deutschland kein unbeschriebenes Blatt. Als Jugendspieler absolvierte er einst ein Probetraining beim deutschen Rekordmeister aus München und auch in Manchester wurde er in diesem Zeitraum vorstellig. Ein Wechsel in eine höherklassige Liga kam jedoch nie zustande. Umso verwunderlicher war sein Transfer an die Spree vor gut dreieinhalb Jahren. Hertha hatte sich zu jener Zeit eindrucksvoll in der ersten Liga zurückgemeldet. Als Aufsteiger belegte die Alte Dame Rang 6 der Hinrundentabelle und schloss das Jahr mit einem famosen 2:1-Sieg bei Borussia Dortmund ab. Mann des Spiels war der damals 18-jährige Schlussmann Marius Gersbeck, der den kurzfristig verletzten Thomas Kraft im ausverkauften Signal-Iduna-Park vertrat und mit einer beeindruckenden Vorstellung erheblichen Anteil am Sieg hatte. Viele Fans sahen in Gersbeck die Nummer Eins der Zukunft. Demensprechend groß war die Verwirrung, als Hertha die Verpflichtung Jarsteins bekanntgab, zumal man auch noch Sascha Burchert hatte.

Nachdem Jarstein anderthalb Jahre lang keine Rolle spielen sollte, sahen sich viele in ihrer Skepsis bestätigt. Im Sommer 2015 sollte das offensichtliche Missverständnis korrigiert und Jarstein – nach gerade einmal zwei Einsätzen – wieder verkauft werden.

Plötzlich wertgeschätzt

Im Vorfeld der neuen Saison 2015/2016 stand der Abgang Jarsteins schon beinahe fest: „Im Sommer wäre ich fast gegangen. Ich habe Hertha mitgeteilt, dass ich den Klub wechseln möchte. Ich war sehr weit mit einigen Klubs.“
Dann kam es jedoch innerhalb des Trainerteams zu einer Personalentscheidung, die das Blatt um 180 Grad wenden sollte. Zsolt Petry, ehemaliger ungarischer Nationaltorwart, kam als Torwarttrainer nach Berlin und legte augenblicklich sein Veto gegen den Abgang des Norwegers ein. Jarstein sagte dazu später: „Dann kam Zsolt als neuer Torwart-Trainer. Er mochte meine Art als Torhüter. Ich hatte mich zuvor im Sommerurlaub für die Saison aber auch gut vorbereitet. Zsolt war ein wichtiger Grund, dass ich geblieben bin. Er macht mich besser.“ Jarstein spürte plötzlich die interne Anerkennung, die ihm zuvor verwehrt blieb. Doch an der Situation als Nummer Zwei hinter Thomas Kraft sollte sich zunächst nichts ändern.

Inzwischen ist Rune Jarstein unumstrittene Nummer Eins der Alten Dame. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Zwar war dieser längst nicht mehr so unumstritten wie in den Jahren zuvor – insbesondere seine Defizite beim Spiel mit dem Ball und sein Verhalten bei hohen Bällen brachten manchen Fan zur Verzweiflung – aber eine Wachablösung war dennoch nicht abzusehen. Bis zum 19. September 2015. Beim Auswärtsspiel in Wolfsburg musste Thomas Kraft verletzt ausgewechselt werden. Die Schulterverletzung setzte ihn wochenlang außer Gefecht, was Rune Jarstein mit einem Schlag zur Nummer Eins im Tor machte.

Diese Rolle gab er seither nicht mehr ab. Vom ersten Spiel an zeigte Jarstein, welch ein kompletter Torhüter er doch ist. Seine Qualitäten auf der Linie und seine Reflexe – auch im fortgeschrittenen Alter – stehen denen von Thomas Kraft in nichts nach. Zudem gewann Hertha durch ihn eine zusätzliche Qualität, denn plötzlich konnte man den Torwart ins Aufbauspiel mit einbeziehen, was mit Thomas Kraft im Tor nur als äußerste Notlösung gewählt wurde. Schnell mauserte sich Jarstein mit seiner ruhigen Art und zahlreichen Paraden zum Publikumsliebling. Auch Hertha quittierte seine Leistungen und verlängerte den Vertrag in der Winterpause. Nachdem Thomas Kraft wieder fit war und es in die Vorbereitung der neuen Saison ging, vermied Trainer Pal Dardai lange eine klare Aussage zur Torhütersituation. Am Ende behielt Jarstein seinen Platz zwischen den Pfosten und rechtfertigte diese Entscheidung mit jedem Einsatz. Das vorübergehende Highlight erreichte der Norweger in diesem Jahr mit der Qualifikation für die Europa League. Dass es damit noch lange nicht getan ist, machte er unlängst klar: „Ich fühle mich sehr gut. Mein Kopf und mein Körper spielen noch mit. Ich will noch lange bei Hertha bleiben […]“.

So schnell kann aus einem Missverständnis eine blau-weiße Erfolgsgeschichte werden.

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Das Votum war überwältigend. 56 Prozent der Fans wählten Rune Jarstein zu ihrem Spieler der Saison. Damit ließ er zentrale Stützen wie Kapitän Vedad Ibisevic und Neu-Nationalspieler Marvin Plattenhardt meilenweit hinter sich. Hätte man vor zwei Jahren auf dieses Ergebnis gewettet, müsste man mutmaßlich nie wieder arbeiten gehen. Es ist eine Geschichte, die im schnelllebigen Fußballgeschäft ihresgleichen sucht.

Ein Transfer mit vielen Fragezeichen

Jarstein hatte lange Zeit einen schweren Stand im Team. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Viele staunten nicht schlecht, als Hertha in der Winterpause der Saison 2013/2014 plötzlich einen 29-jährigen Norweger verpflichtete. Rune Almening Jarstein, in Deutschland damals nur den Wenigsten ein Begriff, wurde von Manager Michael Preetz als neue Nummer Zwei hinter Thomas Kraft verpflichtet. Der Plan hinter dieser Verpflichtung war, zum einen starken Ersatz zu haben, sollte Kraft einmal ausfallen und zum anderen Druck auf den bis dato unangefochtenen Stammtorhüter auszuüben. Jarstein kam damals mit der Empfehlung von über 200 Einsätzen in Norwegens höchster Spielklasse und als Nationalspieler seines Landes. Sein größter Erfolg war der Gewinn der Meisterschaft mit Rosenborg Trondheim im Jahre 2009.
Tatsächlich war Jarstein in Deutschland kein unbeschriebenes Blatt. Als Jugendspieler absolvierte er einst ein Probetraining beim deutschen Rekordmeister aus München und auch in Manchester wurde er in diesem Zeitraum vorstellig. Ein Wechsel in eine höherklassige Liga kam jedoch nie zustande. Umso verwunderlicher war sein Transfer an die Spree vor gut dreieinhalb Jahren. Hertha hatte sich zu jener Zeit eindrucksvoll in der ersten Liga zurückgemeldet. Als Aufsteiger belegte die Alte Dame Rang 6 der Hinrundentabelle und schloss das Jahr mit einem famosen 2:1-Sieg bei Borussia Dortmund ab. Mann des Spiels war der damals 18-jährige Schlussmann Marius Gersbeck, der den kurzfristig verletzten Thomas Kraft im ausverkauften Signal-Iduna-Park vertrat und mit einer beeindruckenden Vorstellung erheblichen Anteil am Sieg hatte. Viele Fans sahen in Gersbeck die Nummer Eins der Zukunft. Demensprechend groß war die Verwirrung, als Hertha die Verpflichtung Jarsteins bekanntgab, zumal man auch noch Sascha Burchert hatte.

Nachdem Jarstein anderthalb Jahre lang keine Rolle spielen sollte, sahen sich viele in ihrer Skepsis bestätigt. Im Sommer 2015 sollte das offensichtliche Missverständnis korrigiert und Jarstein – nach gerade einmal zwei Einsätzen – wieder verkauft werden.

Plötzlich wertgeschätzt

Im Vorfeld der neuen Saison 2015/2016 stand der Abgang Jarsteins schon beinahe fest: „Im Sommer wäre ich fast gegangen. Ich habe Hertha mitgeteilt, dass ich den Klub wechseln möchte. Ich war sehr weit mit einigen Klubs.“
Dann kam es jedoch innerhalb des Trainerteams zu einer Personalentscheidung, die das Blatt um 180 Grad wenden sollte. Zsolt Petry, ehemaliger ungarischer Nationaltorwart, kam als Torwarttrainer nach Berlin und legte augenblicklich sein Veto gegen den Abgang des Norwegers ein. Jarstein sagte dazu später: „Dann kam Zsolt als neuer Torwart-Trainer. Er mochte meine Art als Torhüter. Ich hatte mich zuvor im Sommerurlaub für die Saison aber auch gut vorbereitet. Zsolt war ein wichtiger Grund, dass ich geblieben bin. Er macht mich besser.“ Jarstein spürte plötzlich die interne Anerkennung, die ihm zuvor verwehrt blieb. Doch an der Situation als Nummer Zwei hinter Thomas Kraft sollte sich zunächst nichts ändern.

Inzwischen ist Rune Jarstein unumstrittene Nummer Eins der Alten Dame. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Zwar war dieser längst nicht mehr so unumstritten wie in den Jahren zuvor – insbesondere seine Defizite beim Spiel mit dem Ball und sein Verhalten bei hohen Bällen brachten manchen Fan zur Verzweiflung – aber eine Wachablösung war dennoch nicht abzusehen. Bis zum 19. September 2015. Beim Auswärtsspiel in Wolfsburg musste Thomas Kraft verletzt ausgewechselt werden. Die Schulterverletzung setzte ihn wochenlang außer Gefecht, was Rune Jarstein mit einem Schlag zur Nummer Eins im Tor machte.

Diese Rolle gab er seither nicht mehr ab. Vom ersten Spiel an zeigte Jarstein, welch ein kompletter Torhüter er doch ist. Seine Qualitäten auf der Linie und seine Reflexe – auch im fortgeschrittenen Alter – stehen denen von Thomas Kraft in nichts nach. Zudem gewann Hertha durch ihn eine zusätzliche Qualität, denn plötzlich konnte man den Torwart ins Aufbauspiel mit einbeziehen, was mit Thomas Kraft im Tor nur als äußerste Notlösung gewählt wurde. Schnell mauserte sich Jarstein mit seiner ruhigen Art und zahlreichen Paraden zum Publikumsliebling. Auch Hertha quittierte seine Leistungen und verlängerte den Vertrag in der Winterpause. Nachdem Thomas Kraft wieder fit war und es in die Vorbereitung der neuen Saison ging, vermied Trainer Pal Dardai lange eine klare Aussage zur Torhütersituation. Am Ende behielt Jarstein seinen Platz zwischen den Pfosten und rechtfertigte diese Entscheidung mit jedem Einsatz. Das vorübergehende Highlight erreichte der Norweger in diesem Jahr mit der Qualifikation für die Europa League. Dass es damit noch lange nicht getan ist, machte er unlängst klar: „Ich fühle mich sehr gut. Mein Kopf und mein Körper spielen noch mit. Ich will noch lange bei Hertha bleiben […]“.

So schnell kann aus einem Missverständnis eine blau-weiße Erfolgsgeschichte werden.

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