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Plattenhardt – Zu wenig für Dardai und Russland

In 99 Tagen beginnt die Fußball Weltmeisterschaft in Russland. Herthas Marvin Plattenhardt gehört dem Kader der deutschen Nationalmannschaft seit geraumer Zeit an und träumt von einer WM-Teilnahme. Seine Leistungen in der laufenden Saison, inbesondere der Rückrunde sprechen jedoch nicht für eine Nominierung von Joachim Löw.

„Das Gegentor resultierte aus einer Fehlerkette, das haben wir nicht gut verteidigt – das war die einzige grobe Fahrlässigkeit in unserem Spiel“, merkte Davie Selke nach der 0:1-Niederlage gegen Schalke 04 am Samstagnachmittag an. Der 23-jährige Mittelstürmer sprach die zahlreichen Unachtsamkeiten bei dem Gegentreffer (37. Minute) von Schalkes Marko Pjaca an, der nur zum Abschluss kam, weil Herthas Innenverteidiger ungünstig zum Ball standen. Die Chance konnte jedoch nur durch Marvin Plattenhardts Verhalten gegen Flankengeber Daniel Caliguiri entstehen. Herthas Linksverteidiger ließ sich von dessen Finte viel zu leicht düpieren und ließ ihn dadurch gewähren. Es war eine Szene, die Plattenhardts aktuelle Situation passend beschreibt: er ist nicht ganz da.

Dienst nach Vorschrift

Mit diesem Satz ist nicht gemeint, dass Plattenhardt völlig neben sich stünde. Es handelt sich bei ihm um keine absolute Formkrise, wie sie ein Mitchell Weiser im Moment erlebt. Vielmehr scheint es so, als ob Plattenhardt seine 100% an Leistungsvermögen nicht auf den Platz bringen kann, er wirkt gehemmt. Defensiv wirkt sich dies kaum aus, sein Patzer gegen Schalke 04 ist eine Seltenheit gewesen. Im Vergleich zur vergangenen Saison (47%) gewinnt „Platte“ durchschnittlich sogar mehr Zweikämpfe (51%). Es sind keine gravierenden Fehler, dies sich in sein Spiel eingeschlichen haben, sondern etwas anderes.

Plattenhardt traut sich zu wenig zu. (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Plattenhardt hat seinen Mut verloren. Seinen Mut, auch riskante Tacklings auszuüben. Seinen Mut, offensiv für Wirbel zu sorgen. Seinen Mut, ein entscheidender Faktor im Spiel seiner Mannschaft zu sein. Immer seltener sieht man ihn Flügelpartner Salomon Kalou überlaufen und in den Strafraum ziehen und immer seltener zeigt er etwas überraschendes. Ein gutes Beispiel dafür ist seine Passquote: Zwar kommen im Vergleich zu seiner vergangenen Spielzeit 6% mehr seiner Bälle beim Mitspieler an, jedoch spielt er auch signifikant mehr Pässe nach hinten als vorher. Zum Vergleich: Plattenhardt spielt 58% seiner Zuspiele nach vorne – Pekarik hingegen 66% und Weiser 67%. Es fehlt an Risiko und Spielwitz. Er scheint so sehr darauf bedacht zu sein, keine Fehler zu machen, sodass ihm das gewisse Etwas abhanden kommt. Das häufigste Wort in unseren Einzelkritiken zu seinen Leistungen ist „solide“, ein Hinweis auf seine eher blassen Auftritte.

Plattenhardt fehlen Tore und Vorlagen

Plattenhardts eher unscheinbare Saison macht sich auch an seinen Scorerpunkten fest. „Wir schauen bei jedem Spieler auf die Statistik. Da sieht man, dass einige im Vergleich zur letzten Saison einfach zu wenig Tore vorbereiten oder selber erzielen. Weiser, Plattenhardt, Darida, Duda – das ist zu dünn, sie müssen sich steigern“, sagte Trainer Pal Dardai der B.Z. In Plattenhardts Fall sieht die Bilanz wie folgt aus: 25 Bundesliga-Spiele, null Tore und drei Vorlagen. Zu wenig für die Ansprüche des 26-Jährigen. In der vergangenen Saison schoss er in 33 Liga-Partien drei Tore und legte vier Treffer auf, eine merklich bessere Quote und es ist nicht anzunehmen, dass er diese in den kommenden acht Spielen noch erreicht.

Dardai fordert mehr von Plattenhardt. (Foto: Selim Sudheimer/Bongarts/Getty Images )

Plattenhardts letzte Torvorlage stammt aus dem Hinrunden-Spiel gegen den VfL Wolfsburg (3:3), am 5. November vergangenen Jahres. Sein letztes eigenes Tor ist noch länger her, im März 2017 traf er per direktem Freistoß gegen Borussia Dortmund (2:1). Die Stärke bei Standards war das Markenzeichen von ihm und Hertha BSC. In der Hinrunde waren die Berliner noch die ligaweit stärkste Mannschaft, in der Rückrunde gelang ihnen allerdings noch kein einziger Treffer durch eine Ecke oder einen Freistoß – das liegt auch an den Hereingaben von Plattenhardt. Der Linksverteidiger vermag es zudem nicht, aus dem Spiel heraus gefährlich zu werden. Er konnte in seiner Zeit bei Hertha neben direkten Freistößen noch keinen Treffer erzielen. Sein letzter Assist aus dem Spiel heraus gelang ihm am 8. April 2016 gegen Hannover 96 (2:2), also vor beinahe zwei Jahren. Gegen Schalke 04 schlug „Platte“ sieben Flanken, nur eine fand ihr Ziel. Durchschnittlich verzeichnet er 1,5 erfolgreiche und vier erfolglose Flanken pro Spiel. Es sollen hierbei nicht allein seine Schwächen exerziert werden. Die Erkenntnis soll sein, dass Plattenhardt eine echte Waffe bei Standardsituationen sein kann und es daher umso wichtiger ist, dass er bei ihnen glänzt, schließlich tut er aus dem Spiel heraus sehr selten. Plattenhardt war in der Vergangenheit oftmals Herthas Faktor X, indem er Spiele durch tolle Hereingaben oder spektakuläre Freistoßtore entschied – dieses Element fehlt Hertha BSC aktuell schmerzlich.

Plattenhardt hat andere Ansprüche

Eins steht fest: Marvin Plattenhardt spielt keine schlechte Saison. Es ist aber eben auch keine sonderlich gute und eine Weiterentwicklung zur vergangenen Saison auch nicht. Das ist schade, denn er kommt in ein Alter, in dem sich das letztendliche Leistungspotienzial eines Spielers zementiert. Ein Verein wie Hertha BSC kann sich mit seiner Qualität weiterhin glücklich schätzen, aber sowohl der Verein als auch Plattenhardt selbst verfolgen andere Ansprüche. Hertha legt einen klaren spielerischen Fokus auf die Außenbahnen, sie waren zu den besten Zeiten von Plattenhardt und Kompagnon Mitchell Weiser der absolute Trumpf des Hauptstadtvereins. Dass diese Qualität aktuell fehlt, merkt man der Offensive Herthas deutlich an.

(Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

 

Für Plattenhardt selbst geht es in der aktuellen Spielzeit auch um mehr, als nur die Tabellenplatzierung mit seinem Verein. In knapp drei Monaten beginnt die Weltmeisterschaft in Russland und der 26-Jährige hat aufgrund seiner fünf Länderspiele und dem Sieg des Confed Cups im vergangenen Sommer das Ziel, für dieses Tunier nominiert zu werden. Um am 15. Mai im vorläufigen Kader von Nationaltrainer Joachim Löw zu stehen, muss sich Plattenhardt in seinen Leistungen klar steigern. Ihm fehlen derzeit Ausstrahlung und Dominanz – Kriterien, in denen er einst glänzte. Kann er sie bis zum Saisonende nicht wiedererlangen, so ist er nur einer von vielen Außenverteidigern der Bundesliga und droht daher die WM zu verpassen. Motivation zur Verbesserung ist also vorhanden.

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In 99 Tagen beginnt die Fußball Weltmeisterschaft in Russland. Herthas Marvin Plattenhardt gehört dem Kader der deutschen Nationalmannschaft seit geraumer Zeit an und träumt von einer WM-Teilnahme. Seine Leistungen in der laufenden Saison, inbesondere der Rückrunde sprechen jedoch nicht für eine Nominierung von Joachim Löw.

„Das Gegentor resultierte aus einer Fehlerkette, das haben wir nicht gut verteidigt – das war die einzige grobe Fahrlässigkeit in unserem Spiel“, merkte Davie Selke nach der 0:1-Niederlage gegen Schalke 04 am Samstagnachmittag an. Der 23-jährige Mittelstürmer sprach die zahlreichen Unachtsamkeiten bei dem Gegentreffer (37. Minute) von Schalkes Marko Pjaca an, der nur zum Abschluss kam, weil Herthas Innenverteidiger ungünstig zum Ball standen. Die Chance konnte jedoch nur durch Marvin Plattenhardts Verhalten gegen Flankengeber Daniel Caliguiri entstehen. Herthas Linksverteidiger ließ sich von dessen Finte viel zu leicht düpieren und ließ ihn dadurch gewähren. Es war eine Szene, die Plattenhardts aktuelle Situation passend beschreibt: er ist nicht ganz da.

Dienst nach Vorschrift

Mit diesem Satz ist nicht gemeint, dass Plattenhardt völlig neben sich stünde. Es handelt sich bei ihm um keine absolute Formkrise, wie sie ein Mitchell Weiser im Moment erlebt. Vielmehr scheint es so, als ob Plattenhardt seine 100% an Leistungsvermögen nicht auf den Platz bringen kann, er wirkt gehemmt. Defensiv wirkt sich dies kaum aus, sein Patzer gegen Schalke 04 ist eine Seltenheit gewesen. Im Vergleich zur vergangenen Saison (47%) gewinnt „Platte“ durchschnittlich sogar mehr Zweikämpfe (51%). Es sind keine gravierenden Fehler, dies sich in sein Spiel eingeschlichen haben, sondern etwas anderes.

Plattenhardt traut sich zu wenig zu. (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Plattenhardt hat seinen Mut verloren. Seinen Mut, auch riskante Tacklings auszuüben. Seinen Mut, offensiv für Wirbel zu sorgen. Seinen Mut, ein entscheidender Faktor im Spiel seiner Mannschaft zu sein. Immer seltener sieht man ihn Flügelpartner Salomon Kalou überlaufen und in den Strafraum ziehen und immer seltener zeigt er etwas überraschendes. Ein gutes Beispiel dafür ist seine Passquote: Zwar kommen im Vergleich zu seiner vergangenen Spielzeit 6% mehr seiner Bälle beim Mitspieler an, jedoch spielt er auch signifikant mehr Pässe nach hinten als vorher. Zum Vergleich: Plattenhardt spielt 58% seiner Zuspiele nach vorne – Pekarik hingegen 66% und Weiser 67%. Es fehlt an Risiko und Spielwitz. Er scheint so sehr darauf bedacht zu sein, keine Fehler zu machen, sodass ihm das gewisse Etwas abhanden kommt. Das häufigste Wort in unseren Einzelkritiken zu seinen Leistungen ist „solide“, ein Hinweis auf seine eher blassen Auftritte.

Plattenhardt fehlen Tore und Vorlagen

Plattenhardts eher unscheinbare Saison macht sich auch an seinen Scorerpunkten fest. „Wir schauen bei jedem Spieler auf die Statistik. Da sieht man, dass einige im Vergleich zur letzten Saison einfach zu wenig Tore vorbereiten oder selber erzielen. Weiser, Plattenhardt, Darida, Duda – das ist zu dünn, sie müssen sich steigern“, sagte Trainer Pal Dardai der B.Z. In Plattenhardts Fall sieht die Bilanz wie folgt aus: 25 Bundesliga-Spiele, null Tore und drei Vorlagen. Zu wenig für die Ansprüche des 26-Jährigen. In der vergangenen Saison schoss er in 33 Liga-Partien drei Tore und legte vier Treffer auf, eine merklich bessere Quote und es ist nicht anzunehmen, dass er diese in den kommenden acht Spielen noch erreicht.

Dardai fordert mehr von Plattenhardt. (Foto: Selim Sudheimer/Bongarts/Getty Images )

Plattenhardts letzte Torvorlage stammt aus dem Hinrunden-Spiel gegen den VfL Wolfsburg (3:3), am 5. November vergangenen Jahres. Sein letztes eigenes Tor ist noch länger her, im März 2017 traf er per direktem Freistoß gegen Borussia Dortmund (2:1). Die Stärke bei Standards war das Markenzeichen von ihm und Hertha BSC. In der Hinrunde waren die Berliner noch die ligaweit stärkste Mannschaft, in der Rückrunde gelang ihnen allerdings noch kein einziger Treffer durch eine Ecke oder einen Freistoß – das liegt auch an den Hereingaben von Plattenhardt. Der Linksverteidiger vermag es zudem nicht, aus dem Spiel heraus gefährlich zu werden. Er konnte in seiner Zeit bei Hertha neben direkten Freistößen noch keinen Treffer erzielen. Sein letzter Assist aus dem Spiel heraus gelang ihm am 8. April 2016 gegen Hannover 96 (2:2), also vor beinahe zwei Jahren. Gegen Schalke 04 schlug „Platte“ sieben Flanken, nur eine fand ihr Ziel. Durchschnittlich verzeichnet er 1,5 erfolgreiche und vier erfolglose Flanken pro Spiel. Es sollen hierbei nicht allein seine Schwächen exerziert werden. Die Erkenntnis soll sein, dass Plattenhardt eine echte Waffe bei Standardsituationen sein kann und es daher umso wichtiger ist, dass er bei ihnen glänzt, schließlich tut er aus dem Spiel heraus sehr selten. Plattenhardt war in der Vergangenheit oftmals Herthas Faktor X, indem er Spiele durch tolle Hereingaben oder spektakuläre Freistoßtore entschied – dieses Element fehlt Hertha BSC aktuell schmerzlich.

Plattenhardt hat andere Ansprüche

Eins steht fest: Marvin Plattenhardt spielt keine schlechte Saison. Es ist aber eben auch keine sonderlich gute und eine Weiterentwicklung zur vergangenen Saison auch nicht. Das ist schade, denn er kommt in ein Alter, in dem sich das letztendliche Leistungspotienzial eines Spielers zementiert. Ein Verein wie Hertha BSC kann sich mit seiner Qualität weiterhin glücklich schätzen, aber sowohl der Verein als auch Plattenhardt selbst verfolgen andere Ansprüche. Hertha legt einen klaren spielerischen Fokus auf die Außenbahnen, sie waren zu den besten Zeiten von Plattenhardt und Kompagnon Mitchell Weiser der absolute Trumpf des Hauptstadtvereins. Dass diese Qualität aktuell fehlt, merkt man der Offensive Herthas deutlich an.

(Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

 

Für Plattenhardt selbst geht es in der aktuellen Spielzeit auch um mehr, als nur die Tabellenplatzierung mit seinem Verein. In knapp drei Monaten beginnt die Weltmeisterschaft in Russland und der 26-Jährige hat aufgrund seiner fünf Länderspiele und dem Sieg des Confed Cups im vergangenen Sommer das Ziel, für dieses Tunier nominiert zu werden. Um am 15. Mai im vorläufigen Kader von Nationaltrainer Joachim Löw zu stehen, muss sich Plattenhardt in seinen Leistungen klar steigern. Ihm fehlen derzeit Ausstrahlung und Dominanz – Kriterien, in denen er einst glänzte. Kann er sie bis zum Saisonende nicht wiedererlangen, so ist er nur einer von vielen Außenverteidigern der Bundesliga und droht daher die WM zu verpassen. Motivation zur Verbesserung ist also vorhanden.

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