Hertha BSCKolumne

Kabinenpredigt: Die Krux mit der Erwartungshaltung

In seiner ersten Kolumne für Hertha BASE schreibt Daniel Otto über die Berliner Sehnsüchte nach alten und spektakuläreren Tagen, über die Stabilität unter Pal Dardai und ob eine höhere Erwartungshaltung in Bezug auf Hertha BSC gerecht ist.

Es geschah vor fast auf den Tag genau 19 Jahren, am 15. August 1999, als Hertha BSC, der Sensationsdritte der Vorsaison, schon am ersten Spieltag an die Tabellenspitze stürmte. Ein Sonntagsommerabend im noch nicht für die WM ausgebauten Olympiastadion. Die Sonne machte sich gerade auf den Weg hinter das Marathontor, als Sebastian Deisler per Freistoßttreffer auf 5:2 gegen Hansa Rostock stellte und seinen neuen Klub damit an die Tabellenspitze hievte. In der Redaktion der BZ waren sie so verzückt davon, dass sie am nächsten Tag eine große Tabelle in Gemäldeoptik und mit Goldrand in ihre Ausgabe hoben. Hertha. Erster. Wahnsinn! Ein rauschender Sieg zum Saisonauftakt, nach dem der Kicker notierte, dass der Gastgeber “das Spiel leicht höher hätte gewinnen können.” Damals übrigens: Mit Dreierkette.

Unvorstellbar – und doch wahr

Ich weiß noch, dass ich mir die Tabelle damals übers Bett gehangen habe. Meine Hertha, Erster. Das war zwei Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga unvorstellbar gewesen. Und doch passierte es. Ein Erstliga-Saisonstart, der das Potenzial der Mannschaft um Deisler, Michael Preetz und Dariusz Wosz aufzeigte und zum Träumen anregte. Gefühlt war es der einzige von Hertha in den letzten 20 Jahren. Kurz darauf schaffte das Team auf Zypern die Champions-League-Qualfikation. Sowas war mal möglich.

(Foto: Michael Kienzler/Bongarts/Getty Images)

Zur Wahrheit gehört natürlich, dass unvorstellbare Dinge im Profifußball deutlich seltener geworden sind. Die Bayern sind zum sechsten Mal in Folge Meister, Real Madrid hat zum dritten Mal die Champions League gewonnen. Die Fußballfans hierzulande, deren Wohl jetzt nicht zwingend nur an einem Verein hängt, sind in der vergangenen Saison verwöhnt worden. Dass Eintracht Frankfurt Pokalsieger wird und der HSV absteigt, sind zwei Anomalien, die eigentlich nicht mehr vorgesehen sind. Gut möglich, dass deshalb in den kommenden sagen wir mal fünf Jahren gar nichts mehr Unvorhergesehenes passiert.

 

Stabilisierung oder Langeweile

Für Hertha würde das bestenfalls bedeuten, dass der Klub das ruhige Fahrwasser, in das Käpt’n Pal Dardai sein Schiff manövriert hat, nicht mehr verlässt. Dass es nicht durch einen Strudel nach unten gezogen wird, sich aber auch von keiner Welle nach oben tragen lässt. Die einen würden es Stabilisierung nennen, die anderen Langeweile.

Beides ist nachvollziehbar. Berlin mag arm, aber sexy sein. Hertha ist es für alle, die sich nicht ohnehin schon hoffnungslos in sie verliebt haben, nicht. Die Kids stehen heutzutage eben trotz Fallsucht und Steuerflucht auf Neymar und Cristiano, statt auf Per Skjelbred und Ondrej Duda. Und auf der Playstation ist man mit jeder englischen Mittelklassemannschaft besser bedient als mit der blau-weißen Hertha. Das kann man jetzt schade finden oder nicht. Das Problem ist, dass man als Hertha-Fan ständig das Gefühl vermittelt bekommt, dass diese stabile Langeweile ja eigentlich viel zu wenig ist. Weil Hertha doch der Hauptstadt-Klub ist und nicht Freiburg oder Augsburg. Und weil Hertha doch mal Deisler, Marcelinho und Pantelic hatte. Champions League eben.

Titel und Erfolge nur zu einem gewissen Preis

Dabei hat der harte Kern diese Zeit zwar gerne mitgenommen und hätte sicher auch nichts dagegen, wenn Real Madrid oder der FC Liverpool mal wieder statt zu einer Saisoneröffnung zu einem Pflichtspiel vorbei kämen, aber die meisten haben dann doch mittlerweile verstanden, dass es Titel und dauerhafte Erfolge im Fußballgeschäft nur zu einem gewissen Preis gibt und dass Hertha auch ohne die Champions League überleben kann.

Vielmehr wünschen sie sich eine authentische Mannschaft, der man abnimmt, dass sie für ihre Fans einmal pro Woche 90 Minuten alles gibt und sich in der Woche davor mit allen ihr auch von den Fans zur Verfügung gestellten Mitteln auf möglichst viele Situationen vorbereitet, damit sie nicht von den Teams übertölpelt werden, die eigentlich weniger Mittel zur Verfügung haben. Denn sind wir mal ehrlich: Wirklich pissig werden Hertha-Fans nur, wenn Mainz 05 im Olympiastadion auftrumpft oder der SC Freiburg hier die bessere Mannschaft ist. Niemand pfeift, wenn es gegen Dortmund, Leverkusen oder Gladbach mal nicht klappt, Gelsenkirchen mal außen vor gelassen. Pal Dardai hat das in den letzten Jahren sehr gut moderiert und steckt nun manchmal in dem Dilemma, dass die Stabilität, die er gebracht hat, einigen nicht mehr ausreicht. Der nächste Schritt wird da mal mehr mal weniger vehement gefordert. Aber eigentlich ist die Erwartungshaltung insgesamt vor einer neuen Saison in Berlin mittlerweile relativ gering.

Coole Taktiktrends aus Berlin?

Wie gesagt: Eigentlich. Uneigentlich hofft der Hertha-Fan (aber auch jeder andere) natürlich vor jeder Saison aufs Neue, dass nun endlich das Jahr gekommen ist, in dem alle Sehnsüchte, die man in seinen Verein legt, erfüllt werden. Dass endlich niemand mehr meckern kann, dass der Hauptstadtklub unter den Erwartungen bleibt. Dass alle Neuzugänge und Neu-Profis einschlagen (oder endlich Ondrej Duda…). Dass die coolen Taktiktrends nicht im Ruhrgebiet, sondern in Berlin zelebriert werden. Dass Hertha mal über 34 Spieltage ihr ganzes Potenzial ausschöpft und verdient erfolgreich ist. Nicht, weil andere schwächeln. Nicht, weil Hertha besonders effektiv ist. Sondern, weil sie gut waren. Besser als die anderen.

Nun deutet in der nun anstehenden Saison zunächst einmal wirklich nicht viel darauf hin, dass es so kommt. Mit Davie Selke und Vladimir Darida sind zwei fest eingeplante Stammspieler verletzt. Die offensiven Stützen der vergangenen Saison werden nicht jünger und die Neuzugänge kommen von einem Absteiger in die und einem Klub aus der 2. Liga sowie der U23 von Manchester City. Die Erwartungshaltung könnte also objektiv kaum geringer sein. Und wenn selbst ein Gewinnertyp wie Ibisevic sagt, dass Herthas Weg unberechenbar sei, sollte man als Fan in dieser Saison vielleicht lieber in Embryostellung gehen.

Zweitjüngster Kader der Liga

Andererseits hat Hertha es in dieser Saison (Stand jetzt) geschafft, trotz alter Haudegen wie Ibisevic (34), Kalou (33) oder Rune Jarstein (33) im Kader den zweitjüngsten Altersdurchschnitt der Liga zu haben. Und die 18- und 19-Jährigen, die den Schnitt derart senken, sind keine Kaderauffüller, sondern eher früher als später Bundesliga-Kandidaten. Palko Dardai und Dennis Jastrzembski haben in der Vorbereitung schon richtig Spaß gemacht. Muhammed Kiprit scheint schon weiter als gedacht. Und Arne Maier zählt man nach der herausragenden vergangenen Saison schon gar nicht mehr dazu. Hinzu kommt: Das sind alles Berliner! Die Frage ist: Baut Pal Dardai sie auch aktiv ein?

(Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

 

Die eingerahmte Bundesliga-Tabelle mit Hertha als Tabellenführer habe ich irgendwann einfach weggeschmissen. Natürlich ist es weiterhin auch Hertha-Fans erlaubt, zu träumen. Doch statt wie früher das Seelenheil von einer gesamten Saison abhängig zu machen, gehe ich in dieser Spielzeit dazu über, jedes einzelne Duell für sich zu genießen. Ohne große Erwartungshaltung ans Ergebnis. Sondern mit der großen Hoffnung, dass da ein paar junge Wilde aus Berlin einen Bundesligisten aufmischen. Und vielleicht fällt dabei ja doch mal wieder ein Spiel herunter, nach dem der Kicker schreibt, dass Hertha “das Spiel leicht höher hätte gewinnen können.”

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In seiner ersten Kolumne für Hertha BASE schreibt Daniel Otto über die Berliner Sehnsüchte nach alten und spektakuläreren Tagen, über die Stabilität unter Pal Dardai und ob eine höhere Erwartungshaltung in Bezug auf Hertha BSC gerecht ist.

Es geschah vor fast auf den Tag genau 19 Jahren, am 15. August 1999, als Hertha BSC, der Sensationsdritte der Vorsaison, schon am ersten Spieltag an die Tabellenspitze stürmte. Ein Sonntagsommerabend im noch nicht für die WM ausgebauten Olympiastadion. Die Sonne machte sich gerade auf den Weg hinter das Marathontor, als Sebastian Deisler per Freistoßttreffer auf 5:2 gegen Hansa Rostock stellte und seinen neuen Klub damit an die Tabellenspitze hievte. In der Redaktion der BZ waren sie so verzückt davon, dass sie am nächsten Tag eine große Tabelle in Gemäldeoptik und mit Goldrand in ihre Ausgabe hoben. Hertha. Erster. Wahnsinn! Ein rauschender Sieg zum Saisonauftakt, nach dem der Kicker notierte, dass der Gastgeber “das Spiel leicht höher hätte gewinnen können.” Damals übrigens: Mit Dreierkette.

Unvorstellbar – und doch wahr

Ich weiß noch, dass ich mir die Tabelle damals übers Bett gehangen habe. Meine Hertha, Erster. Das war zwei Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga unvorstellbar gewesen. Und doch passierte es. Ein Erstliga-Saisonstart, der das Potenzial der Mannschaft um Deisler, Michael Preetz und Dariusz Wosz aufzeigte und zum Träumen anregte. Gefühlt war es der einzige von Hertha in den letzten 20 Jahren. Kurz darauf schaffte das Team auf Zypern die Champions-League-Qualfikation. Sowas war mal möglich.

(Foto: Michael Kienzler/Bongarts/Getty Images)

Zur Wahrheit gehört natürlich, dass unvorstellbare Dinge im Profifußball deutlich seltener geworden sind. Die Bayern sind zum sechsten Mal in Folge Meister, Real Madrid hat zum dritten Mal die Champions League gewonnen. Die Fußballfans hierzulande, deren Wohl jetzt nicht zwingend nur an einem Verein hängt, sind in der vergangenen Saison verwöhnt worden. Dass Eintracht Frankfurt Pokalsieger wird und der HSV absteigt, sind zwei Anomalien, die eigentlich nicht mehr vorgesehen sind. Gut möglich, dass deshalb in den kommenden sagen wir mal fünf Jahren gar nichts mehr Unvorhergesehenes passiert.

 

Stabilisierung oder Langeweile

Für Hertha würde das bestenfalls bedeuten, dass der Klub das ruhige Fahrwasser, in das Käpt’n Pal Dardai sein Schiff manövriert hat, nicht mehr verlässt. Dass es nicht durch einen Strudel nach unten gezogen wird, sich aber auch von keiner Welle nach oben tragen lässt. Die einen würden es Stabilisierung nennen, die anderen Langeweile.

Beides ist nachvollziehbar. Berlin mag arm, aber sexy sein. Hertha ist es für alle, die sich nicht ohnehin schon hoffnungslos in sie verliebt haben, nicht. Die Kids stehen heutzutage eben trotz Fallsucht und Steuerflucht auf Neymar und Cristiano, statt auf Per Skjelbred und Ondrej Duda. Und auf der Playstation ist man mit jeder englischen Mittelklassemannschaft besser bedient als mit der blau-weißen Hertha. Das kann man jetzt schade finden oder nicht. Das Problem ist, dass man als Hertha-Fan ständig das Gefühl vermittelt bekommt, dass diese stabile Langeweile ja eigentlich viel zu wenig ist. Weil Hertha doch der Hauptstadt-Klub ist und nicht Freiburg oder Augsburg. Und weil Hertha doch mal Deisler, Marcelinho und Pantelic hatte. Champions League eben.

Titel und Erfolge nur zu einem gewissen Preis

Dabei hat der harte Kern diese Zeit zwar gerne mitgenommen und hätte sicher auch nichts dagegen, wenn Real Madrid oder der FC Liverpool mal wieder statt zu einer Saisoneröffnung zu einem Pflichtspiel vorbei kämen, aber die meisten haben dann doch mittlerweile verstanden, dass es Titel und dauerhafte Erfolge im Fußballgeschäft nur zu einem gewissen Preis gibt und dass Hertha auch ohne die Champions League überleben kann.

Vielmehr wünschen sie sich eine authentische Mannschaft, der man abnimmt, dass sie für ihre Fans einmal pro Woche 90 Minuten alles gibt und sich in der Woche davor mit allen ihr auch von den Fans zur Verfügung gestellten Mitteln auf möglichst viele Situationen vorbereitet, damit sie nicht von den Teams übertölpelt werden, die eigentlich weniger Mittel zur Verfügung haben. Denn sind wir mal ehrlich: Wirklich pissig werden Hertha-Fans nur, wenn Mainz 05 im Olympiastadion auftrumpft oder der SC Freiburg hier die bessere Mannschaft ist. Niemand pfeift, wenn es gegen Dortmund, Leverkusen oder Gladbach mal nicht klappt, Gelsenkirchen mal außen vor gelassen. Pal Dardai hat das in den letzten Jahren sehr gut moderiert und steckt nun manchmal in dem Dilemma, dass die Stabilität, die er gebracht hat, einigen nicht mehr ausreicht. Der nächste Schritt wird da mal mehr mal weniger vehement gefordert. Aber eigentlich ist die Erwartungshaltung insgesamt vor einer neuen Saison in Berlin mittlerweile relativ gering.

Coole Taktiktrends aus Berlin?

Wie gesagt: Eigentlich. Uneigentlich hofft der Hertha-Fan (aber auch jeder andere) natürlich vor jeder Saison aufs Neue, dass nun endlich das Jahr gekommen ist, in dem alle Sehnsüchte, die man in seinen Verein legt, erfüllt werden. Dass endlich niemand mehr meckern kann, dass der Hauptstadtklub unter den Erwartungen bleibt. Dass alle Neuzugänge und Neu-Profis einschlagen (oder endlich Ondrej Duda…). Dass die coolen Taktiktrends nicht im Ruhrgebiet, sondern in Berlin zelebriert werden. Dass Hertha mal über 34 Spieltage ihr ganzes Potenzial ausschöpft und verdient erfolgreich ist. Nicht, weil andere schwächeln. Nicht, weil Hertha besonders effektiv ist. Sondern, weil sie gut waren. Besser als die anderen.

Nun deutet in der nun anstehenden Saison zunächst einmal wirklich nicht viel darauf hin, dass es so kommt. Mit Davie Selke und Vladimir Darida sind zwei fest eingeplante Stammspieler verletzt. Die offensiven Stützen der vergangenen Saison werden nicht jünger und die Neuzugänge kommen von einem Absteiger in die und einem Klub aus der 2. Liga sowie der U23 von Manchester City. Die Erwartungshaltung könnte also objektiv kaum geringer sein. Und wenn selbst ein Gewinnertyp wie Ibisevic sagt, dass Herthas Weg unberechenbar sei, sollte man als Fan in dieser Saison vielleicht lieber in Embryostellung gehen.

Zweitjüngster Kader der Liga

Andererseits hat Hertha es in dieser Saison (Stand jetzt) geschafft, trotz alter Haudegen wie Ibisevic (34), Kalou (33) oder Rune Jarstein (33) im Kader den zweitjüngsten Altersdurchschnitt der Liga zu haben. Und die 18- und 19-Jährigen, die den Schnitt derart senken, sind keine Kaderauffüller, sondern eher früher als später Bundesliga-Kandidaten. Palko Dardai und Dennis Jastrzembski haben in der Vorbereitung schon richtig Spaß gemacht. Muhammed Kiprit scheint schon weiter als gedacht. Und Arne Maier zählt man nach der herausragenden vergangenen Saison schon gar nicht mehr dazu. Hinzu kommt: Das sind alles Berliner! Die Frage ist: Baut Pal Dardai sie auch aktiv ein?

(Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

 

Die eingerahmte Bundesliga-Tabelle mit Hertha als Tabellenführer habe ich irgendwann einfach weggeschmissen. Natürlich ist es weiterhin auch Hertha-Fans erlaubt, zu träumen. Doch statt wie früher das Seelenheil von einer gesamten Saison abhängig zu machen, gehe ich in dieser Spielzeit dazu über, jedes einzelne Duell für sich zu genießen. Ohne große Erwartungshaltung ans Ergebnis. Sondern mit der großen Hoffnung, dass da ein paar junge Wilde aus Berlin einen Bundesligisten aufmischen. Und vielleicht fällt dabei ja doch mal wieder ein Spiel herunter, nach dem der Kicker schreibt, dass Hertha “das Spiel leicht höher hätte gewinnen können.”

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