Am Freitagabend findet das heiß ersehnte Top-Spiel gegen den FC Bayern München statt. Ein volles Olympiastadion, Flutlichtspiel – es könnte ein wahres Fest werden! Doch diese Partie droht bereits vor ihrem Anpfiff gefährlich für Hertha BSC zu werden, da das bevorstehende Spiel gegen Werder Bremen droht, in ihren Schatten zu geraten. Es gilt den Fokus auf Dienstag zu richten, denn dann wartet mit dem Weser-Klub erneut ein immens schwieriger Gegner auf die Berliner.

In Vorbereitung auf das Spiel gegen Bremen haben wir einmal mehr mit einem gegnerischen Fan geredet. Johanna ist glühende Werder-Anhängerin, die zusammen mit drei anderen Bremern den Fan-Podcast “Weserfunk” betreibt.

Bremen hat große Ambitionen

Vater des jüngsten Erfolges: Trainer Florian Kohfeldt (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Dass die “Alte Dame” mit Bremen auf einen schwer zu bespielenden Gegner trifft, zeigt allein schon die Tabelle auf. Während die Berliner mit herausragenden zehn Punkten den zweiten Tabellenplatz belegen, ist Werder mit nur zwei Punkten weniger auf Platz vier anzutreffen. Auch der Gegner am Dienstagabend ist bisher in allen Wettbewerben ungeschlagen und kann von einem wirklich gelungenem Saisonstart reden.

Den brauchte es allerdings auch, um den vor der Saison gesteckten Zielen nicht sofort hinterherlaufen zu müssen. Die Bremer riefen vor dem Saisonstart aus, eindeutig um die europäischen Plätze mitspielen zu wollen. “Das hat uns alle doch etwas überrascht, aber warum nicht mal ambitioniert sein”, zeigt sich Johanna von den Vorstellungen ihres Vereins angetan.

Noch Sand im Bremer Getriebe

Die Ambitionen des Vereins aus dem Norden beruhen vor allem auf der vergangenen Rückrunde. Mit dem damals noch Bundesliga-Trainerneuling Florian Kohfeldt spielten die Bremer erfrischend mutigen Offensivfußball – etwas, das man zumindest damals nur noch sehr selten im deutschen Oberhaus zu sehen bekam und von Mittelklasse-Teams schon einmal gar nicht. Der 36-Jährige rückte davon ab, einfach nur Sicherheitsfußball spielen zu lassen, der zwar für eine recht konstante Punkte-Ausbeute sorgt, aber eben nicht für begeisterte Fans.

Durch den Auswärtsdreier in Augsburg stehen Pizarro und co. gut da, auch wenn noch nicht alles Gold ist, was glänzt. (Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images)

Auch in der laufenden Spielzeit ermutigt Kohfeldt seine Mannschaft dazu, stets spielerische Lösungen zu finden und Siege nicht zu verwalten, sondern bis zum Schlusspfiff überzeugend aufzutreten. Alles gelingen will bisher jedoch nicht. “Momentan ist es noch ein Zwischending. Es gibt Phasen, da spielen sie den Gegner schwindelig und dieser kommt nicht zum Atmen. Dann jedoch scheinen sie von jetzt auf gleich alles vergessen zu haben”, analysiert Johanna das aktuelle Spielniveau ihres Teams. Diese fehlende Konstanz zeigt sich auch in den Ergebnissen, denn Bremen konnte bisher noch keine zwei Spiele hintereinander gewinnen. Die überzeugenden Auswärtssiege gegen Eintracht Frankfurt (1:2) und den FC Augsburg (2:3) werden von den durchwachsenden Heimspielen gegen Hannover 96 (1:1) und den 1. FC Nürnberg (1:1) konterkariert. “Es klappt zwar noch nicht alles, aber das kann man auch meiner Meinung nach zu diesem Zeitpunkt der Saison noch nicht erwarten”, so unsere Gesprächspartnerin. Auffällig ist zudem, dass der Rauten-Klub noch keine einzige Begegnung zu null beendet hat, auch im DFB-Pokal konnte Regionalligist Wormatia Worms (6:1) einen Treffer erzielen. “Punktemäßig war das ein Top-Start. Betrachtet man jedoch die einzelnen Spiele, gibt es gerade in den Heimspielen immer wieder Phasen, wo wir konsequenter sein müssen und Tore erzwingen müssen. Es gibt noch einiges zu tun”, resümiert Kohfeldt den Saisonstart gegenüber Bild.

Drei entscheidende Namen im Werder-Aufgebot

So wundert es auch nicht, dass Johanna in ihren Antworten auf die Frage, welche Spieler sich bisher in Bremen hervortun, vor allem auf Offensivspieler verweist. Durch den Rekord-Verkauf von Thomas Delaney nach Dortmund (20 Millionen Euro) konnte Sportdirektor Frank Baumann munter einkaufen und gab insgesamt rund 25 Millionen Euro für neue Spieler aus. “Dass wir so viele große Namen verpflichten konnten, ist immer noch etwas unwirklich, aber wer große Pläne hat, muss investieren und es zahlt sich bisher aus”, sagt Johanna und meint damit Spieler wie Davy Klaassen, Martin Harnik, Nuri Sahin oder auch Yuya Osako. Der Japaner wechselte im Sommer für 4,5 Millionen Euro an die Weser und löst bei Johanna sehr viel Wohlgefallen aus: “Osako ist für mich der Transfer, der viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Er hat für mich das Potential, einer der Spieler der Saison bei uns zu werden.”

Max Kruse nimmt auf und neben dem Feld eine äußert wichtige Rolle in Bremen ein. (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Neben Osako spielen Max Kruse und Maximilian Eggestein entscheidende Rollen im Bremer System. Kruse ist seit dieser Saison Kapitän der Werderaner und gewinnt somit an noch mehr Bedeutung für sein Team. Neben seiner Position in der Hierarchie hat sich auch die auf dem Feld etwas verändert. “Es fällt auf, dass Max Kruse eine neue Rolle spielt. In die muss er sich noch besser hereinfinden. Letzte Saison war er auf dem kompletten Feld zu finden, ob als 6er, 8er oder 10er. Jetzt soll er die Bälle, die er sich letzte Saison noch selber geholt haben, offensiv verwerten”, beschreibt Johanna das neue Anforderungsprofil an den ehemaligen deutschen Nationalspieler, der mittlerweile als Rechtsaußen aufläuft. Wie in der vergangenen Saison rotiert Trainer Kohfeldt in seinen Formationen zwischen einem 4-4-2 und einem 4-3-3.

Mittelfeldmotor Maxi Eggestein läuft oft unter dem Radar vieler Nicht-Bremen-Fans. Der 21-Jährige ist ein Arbeiter sondergleichen, der unfassbar viele Meter macht und Lücken zuläuft. Die daraus gewonnen Bälle kann der U21-Nationalspieler auch strategisch wertvoll verarbeiten, sodass er ein absoluter Trainer-Liebling ist – ähnlich wie Vladimir Darida bei Hertha. “Maxi Eggestein überrascht mit ziemlichem Tordrang und ist tatsächlich momentan Werders Top-Scorer”, fügt Johanna noch an. In vier Spielen gelangen Eggestein zwei Tore und eine Vorlage. Es scheint also, als ob das Bremer Eigengewächs den nächsten Entwicklungsschritt genommen und einen immens hohen Wert für seine Mannschaft hat. Für Hertha gilt also, diese drei Namen besonders im Auge zu behalten, auch wenn Spieler wie Florian Kainz, Davy Klaassen oder Milot Rashica ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Ein Top-Spiel jagt das nächste

Die Beschreibung der bisherigen Bremer Saison und der Werder-Schlüsselspieler zeigt auf, dass auch die Partie am Dienstag um 18.30 Uhr unter dem Titel “Top-Spiel” laufen wird. Bereits gegen den VfL Wolfsburg, wie Borussia Mönchengladbach spielten die Berliner gegen ähnlich bis gleich stark gestarteten Mannschaften und sollte Hertha auch etwas zählbares aus Bremen entführen, so wäre auch die Partie gegen den FC Bayern ein Top-Spiel.

Herthas Bastürk im Duell mit Bremens Patricj Owomoyela. (Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Die Bilanz zwischen den beiden Mannschaften lässt zumindest nichts gutes für die Herthaner Anhänger vermuten. Der letzte Sieg gegen den SV Werder gelang im Dezember 2013 (3:2) und die Auswärtsstatistik ist noch deströser: 2006 entführten die Blau-Weißen letztmals drei Punkte aus dem Weser-Stadion. Die damaligen Torschützen beim 3:0: Kevin-Prince Boateng, Yildiray Bastürk und Marcelinho. Nun scheint Hertha in dieser Saison jedoch erpicht zu sein, ewig anhaltende Serien zu brechen und neue Bestmarken zu setzen. Der Sieg auf Schalke (2:0) war der erste Berliner Sieg in Gelsenkirchen seit 14 Jahren. Außerdem hat die Mannschaft von Pal Dardai den besten Saisonstart aller Zeiten hingelegt. “Ich befürchte, dass es am Dienstag mal anders ausgehen könnte. Ihr seid ja tatsächlich noch besser gestartet, als wir. Momentan könnte ich mit einem Unentschieden sehr gut leben. Vor allem, weil es dann bedeuten würde, dass wir weiterhin Zuhause unter Kohfeldt ungeschlagen blieben”, schätzt Johann die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Mannschaften ein. „Hertha hat gut begonnen. Aber ein Heimspiel gegen sie müssen wir gewinnen, das ist klar“, legt Bremens Davy Klaassen im kicker hingegen die Messlatte für die anstehende Begegnung hoch.

Hertha will im Flow bleiben

Noch besser als Bremen ist Hertha gestartet, die durch den beeindruckenden Sieg gegen Mönchengladbach (4:2) mit zehn Punkten erster Bayern-Verfolger sind. Eine selten dagewesene Euphorie macht sich in der Stadt breit, die sich aus den begeisternden Auftritten der Berliner Mannschaft und den so vielen aufstrebenden Youngstern speist. Gefühlt spielt sich jede Partie ein neuer Spieler in der Vordergrund, sein es so junge Spieler wie Javairo Dilrosun, Dennis Jastrzembski und Arne Maier oder Profis, von den man es gar nicht erwartet hatte, wie Ondrej Duda, Vedad Ibisevic, Salomon Kalou oder Fabian Lustenberger.

(Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Spätestens der Auftritt am Samstagnachmittag hat eindrücklich bewiesen, dass Hertha im Sommer einen deutlichen Entwicklungsschritt genommen hat und gerade etwas besonders in der Hauptstadt entsteht. Obwohl die großen Namen bei den Transfers ausblieben, obwohl die Testspielgegner nicht das gewünschte Niveau hatten und obwohl die Verletztenliste nicht aufhören will hat das Trainerteam geschafft, spielerischen Fortschritt zu erlangen. Dieser geht jedoch nicht auf Kosten alter Tugenden, denn die gewohnte defensive Stabilität ist immer noch gegeben. So ergibt sich begeisternder Fußball, der aber nicht vogelwild ist. Aktuell greift ein Rad in das andere und so gilt es, die Welle so lange reiten zu können wie möglich. Die jugendliche Unbekümmertheit und der hervorragende Teamgeist lassen zumindest keinen kurzfristigen Einbruch vermuten. “Wir müssen den Moment genießen. Wir dürfen uns nicht selbst anlügen, Spitzenreiter. Nächste Woche versuchen wir in Bremen, wieder zu gewinnen”, managt Dardai die Erwartungen.

Um in Bremen zu gewinnen, wird der Ungar eventuell auf neues Personal setzen. “Wir müssen überlegen, ob wir rotieren, weil das Programm mit Spielen am Dienstag und Freitag nicht einfach ist”, so Dardai. Feststeht, dass Marko Grujic ersetzt werden muss, der nach dem harten Einsteigen von Gladbachs Patrick Herrmann voraussichtlich sechs bis acht Wochen ausfallen wird. Für ihn wird mit großer Wahrscheinlichkeit Per Skjelbred in die Startelf rücken. Weitere Kandidaten für die Bank sind Vedad Ibisevic (34) und Salomon Kalou (33), die gegen die “Fohlen” zwar überragend gespielt hatten, aber aufgrund ihres Alters mehr Pausen bekommen müssen. Es könnte also sein, dass Davie Selke nach überstandener Lungenverletzung sein Startelf-Comeback feiert. Auch Lukas Klünter darf sich Hoffnungen machen, erstmals von Anfang an zu spielen, da bei Valentino Lazaro bei einer Bank-Nominierung Kalous wohl eine Reihe nach vorne aufrücken würde und somit die Position des rechten Verteidigers offen wäre. Maxi Mittelstädt stellt ebenfalls eine Option dar, sollte Dilrosun nach rechts rücken.

Egal mit welchem Personal: Mit einem Auswärtssieg gegen Bremen wäre Hertha BSC einen Schritt näher dran, an der großen Sensation in Form der Tabellenführung zu arbeiten. “Ich glaube, ich hatte vor einem Spiel noch nie so große Angst vor euch”, sagt Johanna. Na, das hört man doch sehr gerne!


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