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Noch nicht Schluss mit Lusti

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Fabian Lustenberger gehört bei Hertha zum Inventar. Abgeschrieben war er schon oft, am Ende hat er doch wieder gespielt. Eine kleine Hommage an den, der immer wacht. Und warum auch nach dieser Saison noch nicht Schluss mit Lusti ist…

Um zu verstehen, wie lange Fabian Lustenberger schon bei Hertha BSC spielt, reicht ein Blick auf die Mannschaft, die bei seinen ersten Bundesliga-Minuten im August 2007 mit ihm auf dem Platz stand. Der Stürmer Marco Pantelic gehörte dazu, der 22-Jährige Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek, Nationalspieler Arne Friedrich, der Spieler Pal Dardai aber auch und vor allem: Andreas Schmidt. Der ist heute 45 und warum er für die Geschichte von Fabian Lustenberger eine gewisse Relevanz besitzt, darauf kommen wir am Ende noch einmal zu sprechen.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Fabian Lustenberger war einer der ersten Spieler, der vom damaligen Hertha-Trainer Lucien Favre den Stempel der Polyvalenz aufgedrückt bekam. Ein Stempel, der danach unauslöschbar auf seiner Haut brannte. Der Duden übersetzt das Wort Polyvalenz mit “breit gefächerte Einsatzmöglichkeit” und genau das war und ist die ideale Beschreibung des Fußballspielers Fabian Lustenberger: Er kann im Grunde genommen tatsächlich alles spielen. Nach ein paar Jahren muss man sagen: Defensiv alles. Woran sich in diesem Zusammenhang aber kaum jemand erinnert: Als Hertha ihn damals aus Luzern holte, stand auf seiner Scoutkarte ein OM für Offensives Mittelfeld. Denn auf dieser Position hatte er die Luzerner Mannschaft zu neuen Höhen geführt.

Geld war rar, Spezialisten teuer

Polyvalenz ist im Profifußball nicht immer ein Vorteil, war bei Hertha aber ein großer, weil das Geld in der Nach-Hoeneß-Ära knapp und Spezialisten teuer waren. Der junge Lustenberger stopfte fortan im Hertha-Kader und auf dem Platz die Löcher, die sich teilweise riesengroß vor ihm auftaten. Er tat das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und kam dabei nie auf die Idee, sich woanders umzuschauen, das tat er kürzlich in einem Interview kund und das beschreibt auch die Beziehung zwischen dem Schweizer Allround-Fußballer und Hertha BSC hervorragend (obwohl er in dem Interview um das Wort Beziehung herumschippert). Hertha war durch den mittlerweile 30-Jährigen sehr häufig in der Position, etwas auf dem Transfermarkt machen zu können, aber nicht zu müssen – denn wenn es nicht klappte, war ja immer noch Fabian Lustenberger da.

Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

Einen wie ihn zu haben ist Luxus und Makel zugleich. Denn wer in allem ziemlich gut ist, ist nicht in einem wirklich hervorragend. Lustenbergers Spielintelligenz ist überdurchschnittlich, er antizipiert Pässe auf hohem Niveau, er kann eine Mannschaft defensiv stabilisieren. Doch Impulse nach vorne, das gewisse Etwas, um einem Spiel eine Richtung zu geben, die Mitspieler mitzureißen – das fehlt Lustenberger trotz seiner 30 Jahre. Wenn Marko Grujic ein Box-to-Box-Spieler ist, der qua definition den gesamten Raum zwischen den Strafräumen beackert, dann ist Lustenberger ein Box-Spieler. Einer, der für die eigene Box zuständig ist, ob als Sechser oder Innenverteidiger.

Reicht es noch für das Hochgeschwindigkeitsgeschäft?

Das Problem: Da sah er zuletzt zweimal ein bisschen unglücklich aus. Gegen Wolfsburg kam er rein und beim 2:2 gegen Admir Mehmedi zu spät. Gegen Gladbach machte er dafür – wie die gesamte Mannschaft – eines seiner besten Spiele der vergangenen Monate. In Bremen schoss er Rune Jarstein dann den Ball aus der Hand. Das sind so Szenen, in denen die Zweifel wachsen, ob es noch reicht für das Hochgeschwindigkeitsgeschäft Profifußball. Was natürlich Quatsch ist, aber weil Lustenberger erstens keine 2 mehr vorne stehen hat und zweitens einfach schon seit einer gefühlten Ewigkeit in Berlin spielt und sich Ewigkeit lang anhört, ist es halt der Lauf der Dinge. Vedad Ibisevic und Salomon Kalou können mit Toren dagegen anspielen, Lustenberger hat nur die defensiven Zweikämpfe, die Raumaufteilung vor dem Strafraum und das sind eben Aktionen, die in etwa so sexy sind, wie sie sich anhören.

Pal Dardai weiß allerdings genau, was er an Lustenberger hat. Man könnte auch sagen: Er weiß, was er bekommt. Solide Arbeit, keine Kunststückchen. Hausmannskost statt Sterneküche. Je nach Gegner kann das aber eben genau das richtige sein. Es ist auffällig, dass Lustenberger – wenn man sich die Zusammenschnitte von Herthas letzten Spielen noch einmal anschaut – nie dabei ist, wenn es offensiv brenzlig wird. Das kann eigentlich nur heißen, dass er eine klare Ansage von Dardai bekommen hat. Du sicherst ab. Du bleibst hinten. Lustenberger ist vor dem eigenen Tor der, der immer wacht.

Nur Kiraly traf seltener

Und damit sind wir wieder bei Andreas Schmidt, der, wenn er wiedergeboren und jetzt bei Hertha aufschlagen würde, wohl als der deutsche Fabian Lustenberger beschrieben werden könnte, weil sie sich von der Spielweise so ähnlich waren. Schmidt war ein Innenverteidiger, der auch vor der Abwehr spielen konnte, dort schnörkellos seine Arbeit verrichtet hat und nach Hause gegangen ist. 193 Spiele machte er für Hertha in der Bundesliga, ehe er 2008 35jährig seine Karriere beendete. Es war die Debütsaison von Lustenberger, der Schmidt beim 4:2 gegen Gladbach in der Rekordspieler-Tabelle überholte und nun bei 196 Spielen steht. Beim Blick auf diese Tabelle wird Lustenbergers Manko noch einmal deutlich: Weniger Tore als er (3) hat in der Top 10 nur Torhüter Gabor Kiraly erzielt. Andreas Schmidt ist im Vergleich dazu mit neun Treffern schon fast eine Tormaschine – aber auch nicht mehr in der Top 10. Lustenberger wird Kiraly übrigens nach der Länderspielpause – vorausgesetzt Dardai bringt ihn im Heimspiel gegen Freiburg – in Dortmund einsatztechnisch einholen.

Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Bleibt die Frage, wie lange sie einen wie Lustenberger in Berlin noch brauchen können. Die Antwort ist relativ einfach: So lange wie Hertha kein Geld für Granaten wie Marko Grujic hat und Lustenberger das noch möchte. Denn so oft wie der Schweizer schon abgeschrieben war, so oft bekam er dann doch seine Einsätze. Lustenberger ist zufrieden in Berlin, in Berlin sind sie in der Regel zufrieden mit ihm. Grujic wird am Ende der Saison nach Liverpool zurückgehen. Wer weiß, wer noch dem Ruf nach Höherem folgt. Lusti wird bleiben und seinen Job machen, so gut er es kann und mit dem Herz an der richtigen Stelle.

Dafür sollten wir ihm viel häufiger dankbar sein.


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[…] scheint auch mit Favre dessen Faible für polyvalente Spieler zu teilen. Bestes Beispiel dafür ist wohl Fabian Lustenberger, der erste “polyvalente” Spieler bei…. Favre förderte seinen Schweizer Landsmann und baute ihn zur Stammkraft im Berliner Team auf. Auch […]

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Fabian Lustenberger gehört bei Hertha zum Inventar. Abgeschrieben war er schon oft, am Ende hat er doch wieder gespielt. Eine kleine Hommage an den, der immer wacht. Und warum auch nach dieser Saison noch nicht Schluss mit Lusti ist…

Um zu verstehen, wie lange Fabian Lustenberger schon bei Hertha BSC spielt, reicht ein Blick auf die Mannschaft, die bei seinen ersten Bundesliga-Minuten im August 2007 mit ihm auf dem Platz stand. Der Stürmer Marco Pantelic gehörte dazu, der 22-Jährige Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek, Nationalspieler Arne Friedrich, der Spieler Pal Dardai aber auch und vor allem: Andreas Schmidt. Der ist heute 45 und warum er für die Geschichte von Fabian Lustenberger eine gewisse Relevanz besitzt, darauf kommen wir am Ende noch einmal zu sprechen.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Fabian Lustenberger war einer der ersten Spieler, der vom damaligen Hertha-Trainer Lucien Favre den Stempel der Polyvalenz aufgedrückt bekam. Ein Stempel, der danach unauslöschbar auf seiner Haut brannte. Der Duden übersetzt das Wort Polyvalenz mit “breit gefächerte Einsatzmöglichkeit” und genau das war und ist die ideale Beschreibung des Fußballspielers Fabian Lustenberger: Er kann im Grunde genommen tatsächlich alles spielen. Nach ein paar Jahren muss man sagen: Defensiv alles. Woran sich in diesem Zusammenhang aber kaum jemand erinnert: Als Hertha ihn damals aus Luzern holte, stand auf seiner Scoutkarte ein OM für Offensives Mittelfeld. Denn auf dieser Position hatte er die Luzerner Mannschaft zu neuen Höhen geführt.

Geld war rar, Spezialisten teuer

Polyvalenz ist im Profifußball nicht immer ein Vorteil, war bei Hertha aber ein großer, weil das Geld in der Nach-Hoeneß-Ära knapp und Spezialisten teuer waren. Der junge Lustenberger stopfte fortan im Hertha-Kader und auf dem Platz die Löcher, die sich teilweise riesengroß vor ihm auftaten. Er tat das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und kam dabei nie auf die Idee, sich woanders umzuschauen, das tat er kürzlich in einem Interview kund und das beschreibt auch die Beziehung zwischen dem Schweizer Allround-Fußballer und Hertha BSC hervorragend (obwohl er in dem Interview um das Wort Beziehung herumschippert). Hertha war durch den mittlerweile 30-Jährigen sehr häufig in der Position, etwas auf dem Transfermarkt machen zu können, aber nicht zu müssen – denn wenn es nicht klappte, war ja immer noch Fabian Lustenberger da.

Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

Einen wie ihn zu haben ist Luxus und Makel zugleich. Denn wer in allem ziemlich gut ist, ist nicht in einem wirklich hervorragend. Lustenbergers Spielintelligenz ist überdurchschnittlich, er antizipiert Pässe auf hohem Niveau, er kann eine Mannschaft defensiv stabilisieren. Doch Impulse nach vorne, das gewisse Etwas, um einem Spiel eine Richtung zu geben, die Mitspieler mitzureißen – das fehlt Lustenberger trotz seiner 30 Jahre. Wenn Marko Grujic ein Box-to-Box-Spieler ist, der qua definition den gesamten Raum zwischen den Strafräumen beackert, dann ist Lustenberger ein Box-Spieler. Einer, der für die eigene Box zuständig ist, ob als Sechser oder Innenverteidiger.

Reicht es noch für das Hochgeschwindigkeitsgeschäft?

Das Problem: Da sah er zuletzt zweimal ein bisschen unglücklich aus. Gegen Wolfsburg kam er rein und beim 2:2 gegen Admir Mehmedi zu spät. Gegen Gladbach machte er dafür – wie die gesamte Mannschaft – eines seiner besten Spiele der vergangenen Monate. In Bremen schoss er Rune Jarstein dann den Ball aus der Hand. Das sind so Szenen, in denen die Zweifel wachsen, ob es noch reicht für das Hochgeschwindigkeitsgeschäft Profifußball. Was natürlich Quatsch ist, aber weil Lustenberger erstens keine 2 mehr vorne stehen hat und zweitens einfach schon seit einer gefühlten Ewigkeit in Berlin spielt und sich Ewigkeit lang anhört, ist es halt der Lauf der Dinge. Vedad Ibisevic und Salomon Kalou können mit Toren dagegen anspielen, Lustenberger hat nur die defensiven Zweikämpfe, die Raumaufteilung vor dem Strafraum und das sind eben Aktionen, die in etwa so sexy sind, wie sie sich anhören.

Pal Dardai weiß allerdings genau, was er an Lustenberger hat. Man könnte auch sagen: Er weiß, was er bekommt. Solide Arbeit, keine Kunststückchen. Hausmannskost statt Sterneküche. Je nach Gegner kann das aber eben genau das richtige sein. Es ist auffällig, dass Lustenberger – wenn man sich die Zusammenschnitte von Herthas letzten Spielen noch einmal anschaut – nie dabei ist, wenn es offensiv brenzlig wird. Das kann eigentlich nur heißen, dass er eine klare Ansage von Dardai bekommen hat. Du sicherst ab. Du bleibst hinten. Lustenberger ist vor dem eigenen Tor der, der immer wacht.

Nur Kiraly traf seltener

Und damit sind wir wieder bei Andreas Schmidt, der, wenn er wiedergeboren und jetzt bei Hertha aufschlagen würde, wohl als der deutsche Fabian Lustenberger beschrieben werden könnte, weil sie sich von der Spielweise so ähnlich waren. Schmidt war ein Innenverteidiger, der auch vor der Abwehr spielen konnte, dort schnörkellos seine Arbeit verrichtet hat und nach Hause gegangen ist. 193 Spiele machte er für Hertha in der Bundesliga, ehe er 2008 35jährig seine Karriere beendete. Es war die Debütsaison von Lustenberger, der Schmidt beim 4:2 gegen Gladbach in der Rekordspieler-Tabelle überholte und nun bei 196 Spielen steht. Beim Blick auf diese Tabelle wird Lustenbergers Manko noch einmal deutlich: Weniger Tore als er (3) hat in der Top 10 nur Torhüter Gabor Kiraly erzielt. Andreas Schmidt ist im Vergleich dazu mit neun Treffern schon fast eine Tormaschine – aber auch nicht mehr in der Top 10. Lustenberger wird Kiraly übrigens nach der Länderspielpause – vorausgesetzt Dardai bringt ihn im Heimspiel gegen Freiburg – in Dortmund einsatztechnisch einholen.

Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Bleibt die Frage, wie lange sie einen wie Lustenberger in Berlin noch brauchen können. Die Antwort ist relativ einfach: So lange wie Hertha kein Geld für Granaten wie Marko Grujic hat und Lustenberger das noch möchte. Denn so oft wie der Schweizer schon abgeschrieben war, so oft bekam er dann doch seine Einsätze. Lustenberger ist zufrieden in Berlin, in Berlin sind sie in der Regel zufrieden mit ihm. Grujic wird am Ende der Saison nach Liverpool zurückgehen. Wer weiß, wer noch dem Ruf nach Höherem folgt. Lusti wird bleiben und seinen Job machen, so gut er es kann und mit dem Herz an der richtigen Stelle.

Dafür sollten wir ihm viel häufiger dankbar sein.


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[…] scheint auch mit Favre dessen Faible für polyvalente Spieler zu teilen. Bestes Beispiel dafür ist wohl Fabian Lustenberger, der erste “polyvalente” Spieler bei…. Favre förderte seinen Schweizer Landsmann und baute ihn zur Stammkraft im Berliner Team auf. Auch […]

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