BundesligaVorbericht

Borussia Dortmund – Hertha BSC: Mehr Außenseiter geht nicht

Schon zu Wochenbeginn war jedem klar, wie schwer die Aufgabe für Hertha gegen den BVB werden würde. Ungeschlagener Tabellenführer, dazu eine Offensive, die seit Wochen alles kurz und klein schießt, was ihr in den Weg kommt, Neuzugänge, die sich allesamt nahtlos einfügen und und und … Was dann aber am Mittwochabend folgen sollte, setzte dem Ganzen nochmal die Krone auf. 4:0 schlug die Borussia das europäische Spitzenteam Atletico Madrid und untermalte damit eindrücklich, was in dieser Saison vielleicht möglich sein könnte. Dennoch ist das Auftreten der Borussen noch lange kein Grund, die Flinte schon vor Anpfiff ins Korn zu werfen.

Gemeinsam mit dem freien Journalisten Lars Pollmann vom Yellowwallpod wollen wir analysieren, warum es derzeit beim BVB so glatt läuft und zeigen, wieso man als Hertha-Fan trotzdem hoffen darf, nicht mit leeren Händen aus dem Ruhrgebiet heimzukehren.

Alles neu macht der Sommer

Nach der ernüchternden letzten Saison, an deren Ende zwar die Qualifikation für die Champions League stand, die aber ansonsten gerade fußballerisch wenig Anlass zur Freude bot, fand im Sommer ein personeller Umbruch statt. Spieler wie Castro, Yarmolenko, Schürrle und Sahin verließen den Verein. Dafür kamen mit Diallo, Witsel, Delaney, Hakimi und Alcacer sowohl erfahrene Akteure als auch solche, die erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Die Gemeinsamkeit der Zugänge: sie funktionieren allesamt von der ersten Minute an. Für den BVB-Experten Lars ist das kein Zufall: “Anders als in den vergangenen beiden Jahren hat der BVB alles dafür getan, eine erfolgreiche Mannschaft auf den Platz zu stellen. Dafür stehen neben der Verpflichtung von Lucien Favre als Cheftrainer auch die Personalien Sebastian Kehl und Matthias Sammer.“ Sebastian Kehl übernahm im Sommer die Rolle als Leiter der Lizenzspielerabteilung, während Matthias Sammer schon seit März als externer Berater für den Verein tätig ist.

Der ehemalige Hertha-Trainer Favre führt den BVB derzeit von Sieg zu Sieg. ( Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Mit Favre zurück in die Erfolgsspur

Der vielleicht wichtigste Transfer fand aber auf der Trainerposition statt. Herthas Ex-Trainer Lucien Favre steht seit Juli an der Seitenlinie. Seitdem hat Dortmund kein einziges Spiel verloren. Zur Bewertung des Schweizers sagt Lars: “Bisher muss Favre ein Zwischenzeugnis mit Bestnoten ausgestellt werden. Die wenigsten werden den BVB zu einem so frühen Zeitpunkt auf diesem Niveau erwartet haben. Nahezu alle Spieler funktionieren erheblich besser, als sie es im vergangenen Jahr taten.“
Als Grund für den Erfolg unter Favre nennt Lars neben den Neuzugängen vor allem die “Geduld“ im Spiel. Das spiegelt sich auch in vereinzelten Spielverläufen wider. So verfiel der BVB weder gegen Leipzig noch gegen Augsburg und Leverkusen in Panik, als man in Rückstand geriet. Im Gegenteil konnte man all diese Spiele am Ende sogar noch für sich entscheiden. Gerade im Angesicht des neuen Systems und der vielen Neuzugänge ist es keineswegs selbstverständlich, dass das Team bisher jedes Mal so beeindruckend zurückkommt und nicht einzubrechen droht, wie es in der Vorsaison der Fall war. Auch damals legte Dortmund unter Peter Bosz einen fulminanten Start hin, holte aus den ersten sieben Spielen 19 Zähler. Parallelen und die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt, sieht Lars jedoch nicht. So sagt er angesprochen auf den ähnlich starken Auftakt vor rund einem Jahr: “Die ersten Erfolge standen auf tönernen Füßen, weil Trainer Peter Bosz einen radikalen Plan A verfolgte und einen Plan B lange Zeit konsequent ablehnte. Da spielte vermutlich ein gewisser Mangel an Erfahrung auf dem Niveau eine Rolle, wobei fairerweise gesagt werden muss, dass der Verein seinem Trainer auch keine Mannschaft zur Verfügung stellte, die den Plan A hätte dauerhaft umsetzen können. Große Hoffnungen in der Vermeidung einer anhaltenden Schwächephase tragen neben Favre auch die Schultern von Witsel und Delaney. „Mentalität“ ist zwar eigentlich ein Unwort, passt aber als Überschrift für den ‘neuen’ BVB ganz gut.” Es passt dieser Tage also vieles zusammen. Der Kader scheint genau die richtige Mischung aus erfahrenen “Leitwölfen” wie Delaney, Witsel und mittlerweile auch Marco Reus auf der einen sowie hoch veranlagten Talenten wie Sancho, Hakimi und Pulisic auf der anderen Seite zu haben. Auch die Breite des Kaders spielt eine entscheidende Rolle. So saßen gegen Madrid unter anderem Weigl, Sancho, Dahoud, Philipp und Guerreiro auf der Bank. Letzterer wurde zur 62. Minute eingewechselt und erzielte prompt zwei Tore – und das, obwohl er in der gesamten Saison zuvor erst auf 51 Minuten kam. Im Erfolg klappt eben alles.

Die Alte Dame als Stolperstein für den BVB?

Karim Rekik und Niklas Stark können gegen Dortmund wieder gemeinsam auflaufen. ( Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)

Dass die Frage nach dem Favoriten an diesem Samstag kaum eindeutiger ausfallen könnte, dürfte also allerspätestens nach Mittwoch jedem klar sein. Nichts desto trotz gibt es gute Argumente dafür, dass Hertha keineswegs chancenlos ist. Da wäre zum einen Herthas Bilanz gegen die Top-Teams. So gab es aus den letzten fünf Aufeinandertreffen mit dem BVB immerhin zwei Unentschieden und einen Sieg. Auch bei den Niederlagen verkaufte man sich meist teuer. Noch beeindruckender fällt die Statistik gegen den FC Bayern aus. Hier ist Hertha seit vier Spielen ungeschlagen und konnte das letzte Aufeinandertreffen bekanntermaßen sogar gewinnen. Generell lässt sich feststellen, dass Hertha unter Pal Dardai selten Gefahr läuft, abgeschossen zu werden. Das liegt zu großen Teilen natürlich an der defensiven Stabilität, auf die es in Dortmund zuallererst ankommen wird. Daher ist es umso wichtiger, dass sich sowohl Rekik als auch Stark unter der Woche wieder fit meldeten. Mut machen darf außerdem die Effizienz der Alten Dame. Lars verweist darauf, dass fast alle Gegner der bisherigen Saison gegen den BVB zu Großchancen kamen, jedoch meist am derzeit stark aufgelegten Roman Bürki scheiterten. Hertha allerdings zählt wie fast immer unter Dardai mal wieder zu den effizientesten Teams der Liga. Im Schnitt brauchen Ibisevic und Co. 4,62 Schüsse pro Tor und belegen damit Platz 4 dieses Rankings. Kann Hertha also seine zwei Kernkompetenzen ausspielen – defensiv geordnet stehen und vorne mit brutaler Effizienz – könnte es am Samstag vielleicht zu einer Überraschung kommen.

 


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Schon zu Wochenbeginn war jedem klar, wie schwer die Aufgabe für Hertha gegen den BVB werden würde. Ungeschlagener Tabellenführer, dazu eine Offensive, die seit Wochen alles kurz und klein schießt, was ihr in den Weg kommt, Neuzugänge, die sich allesamt nahtlos einfügen und und und … Was dann aber am Mittwochabend folgen sollte, setzte dem Ganzen nochmal die Krone auf. 4:0 schlug die Borussia das europäische Spitzenteam Atletico Madrid und untermalte damit eindrücklich, was in dieser Saison vielleicht möglich sein könnte. Dennoch ist das Auftreten der Borussen noch lange kein Grund, die Flinte schon vor Anpfiff ins Korn zu werfen.

Gemeinsam mit dem freien Journalisten Lars Pollmann vom Yellowwallpod wollen wir analysieren, warum es derzeit beim BVB so glatt läuft und zeigen, wieso man als Hertha-Fan trotzdem hoffen darf, nicht mit leeren Händen aus dem Ruhrgebiet heimzukehren.

Alles neu macht der Sommer

Nach der ernüchternden letzten Saison, an deren Ende zwar die Qualifikation für die Champions League stand, die aber ansonsten gerade fußballerisch wenig Anlass zur Freude bot, fand im Sommer ein personeller Umbruch statt. Spieler wie Castro, Yarmolenko, Schürrle und Sahin verließen den Verein. Dafür kamen mit Diallo, Witsel, Delaney, Hakimi und Alcacer sowohl erfahrene Akteure als auch solche, die erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Die Gemeinsamkeit der Zugänge: sie funktionieren allesamt von der ersten Minute an. Für den BVB-Experten Lars ist das kein Zufall: “Anders als in den vergangenen beiden Jahren hat der BVB alles dafür getan, eine erfolgreiche Mannschaft auf den Platz zu stellen. Dafür stehen neben der Verpflichtung von Lucien Favre als Cheftrainer auch die Personalien Sebastian Kehl und Matthias Sammer.“ Sebastian Kehl übernahm im Sommer die Rolle als Leiter der Lizenzspielerabteilung, während Matthias Sammer schon seit März als externer Berater für den Verein tätig ist.

Der ehemalige Hertha-Trainer Favre führt den BVB derzeit von Sieg zu Sieg. ( Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Mit Favre zurück in die Erfolgsspur

Der vielleicht wichtigste Transfer fand aber auf der Trainerposition statt. Herthas Ex-Trainer Lucien Favre steht seit Juli an der Seitenlinie. Seitdem hat Dortmund kein einziges Spiel verloren. Zur Bewertung des Schweizers sagt Lars: “Bisher muss Favre ein Zwischenzeugnis mit Bestnoten ausgestellt werden. Die wenigsten werden den BVB zu einem so frühen Zeitpunkt auf diesem Niveau erwartet haben. Nahezu alle Spieler funktionieren erheblich besser, als sie es im vergangenen Jahr taten.“
Als Grund für den Erfolg unter Favre nennt Lars neben den Neuzugängen vor allem die “Geduld“ im Spiel. Das spiegelt sich auch in vereinzelten Spielverläufen wider. So verfiel der BVB weder gegen Leipzig noch gegen Augsburg und Leverkusen in Panik, als man in Rückstand geriet. Im Gegenteil konnte man all diese Spiele am Ende sogar noch für sich entscheiden. Gerade im Angesicht des neuen Systems und der vielen Neuzugänge ist es keineswegs selbstverständlich, dass das Team bisher jedes Mal so beeindruckend zurückkommt und nicht einzubrechen droht, wie es in der Vorsaison der Fall war. Auch damals legte Dortmund unter Peter Bosz einen fulminanten Start hin, holte aus den ersten sieben Spielen 19 Zähler. Parallelen und die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt, sieht Lars jedoch nicht. So sagt er angesprochen auf den ähnlich starken Auftakt vor rund einem Jahr: “Die ersten Erfolge standen auf tönernen Füßen, weil Trainer Peter Bosz einen radikalen Plan A verfolgte und einen Plan B lange Zeit konsequent ablehnte. Da spielte vermutlich ein gewisser Mangel an Erfahrung auf dem Niveau eine Rolle, wobei fairerweise gesagt werden muss, dass der Verein seinem Trainer auch keine Mannschaft zur Verfügung stellte, die den Plan A hätte dauerhaft umsetzen können. Große Hoffnungen in der Vermeidung einer anhaltenden Schwächephase tragen neben Favre auch die Schultern von Witsel und Delaney. „Mentalität“ ist zwar eigentlich ein Unwort, passt aber als Überschrift für den ‘neuen’ BVB ganz gut.” Es passt dieser Tage also vieles zusammen. Der Kader scheint genau die richtige Mischung aus erfahrenen “Leitwölfen” wie Delaney, Witsel und mittlerweile auch Marco Reus auf der einen sowie hoch veranlagten Talenten wie Sancho, Hakimi und Pulisic auf der anderen Seite zu haben. Auch die Breite des Kaders spielt eine entscheidende Rolle. So saßen gegen Madrid unter anderem Weigl, Sancho, Dahoud, Philipp und Guerreiro auf der Bank. Letzterer wurde zur 62. Minute eingewechselt und erzielte prompt zwei Tore – und das, obwohl er in der gesamten Saison zuvor erst auf 51 Minuten kam. Im Erfolg klappt eben alles.

Die Alte Dame als Stolperstein für den BVB?

Karim Rekik und Niklas Stark können gegen Dortmund wieder gemeinsam auflaufen. ( Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)

Dass die Frage nach dem Favoriten an diesem Samstag kaum eindeutiger ausfallen könnte, dürfte also allerspätestens nach Mittwoch jedem klar sein. Nichts desto trotz gibt es gute Argumente dafür, dass Hertha keineswegs chancenlos ist. Da wäre zum einen Herthas Bilanz gegen die Top-Teams. So gab es aus den letzten fünf Aufeinandertreffen mit dem BVB immerhin zwei Unentschieden und einen Sieg. Auch bei den Niederlagen verkaufte man sich meist teuer. Noch beeindruckender fällt die Statistik gegen den FC Bayern aus. Hier ist Hertha seit vier Spielen ungeschlagen und konnte das letzte Aufeinandertreffen bekanntermaßen sogar gewinnen. Generell lässt sich feststellen, dass Hertha unter Pal Dardai selten Gefahr läuft, abgeschossen zu werden. Das liegt zu großen Teilen natürlich an der defensiven Stabilität, auf die es in Dortmund zuallererst ankommen wird. Daher ist es umso wichtiger, dass sich sowohl Rekik als auch Stark unter der Woche wieder fit meldeten. Mut machen darf außerdem die Effizienz der Alten Dame. Lars verweist darauf, dass fast alle Gegner der bisherigen Saison gegen den BVB zu Großchancen kamen, jedoch meist am derzeit stark aufgelegten Roman Bürki scheiterten. Hertha allerdings zählt wie fast immer unter Dardai mal wieder zu den effizientesten Teams der Liga. Im Schnitt brauchen Ibisevic und Co. 4,62 Schüsse pro Tor und belegen damit Platz 4 dieses Rankings. Kann Hertha also seine zwei Kernkompetenzen ausspielen – defensiv geordnet stehen und vorne mit brutaler Effizienz – könnte es am Samstag vielleicht zu einer Überraschung kommen.

 


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