BundesligaEinzelkritikHertha BSC

Einzelkritik 10. Spieltag: Hertha BSC – RB Leipzig

Es war ein sehr gebrauchter Abend für alle Herthaner. Eine Mannschaft ohne gute Tagesform, eine deftige 0:3-Niederlage gegen RB Leipzig und dazu noch ein vom Stimmungsboykott der Ostkurve stillgelegtes Stadion. Zweimal kamen die Berliner schlecht aus der Kabine, zweimal wurden sie dafür bestraft. Zwar gab es nach dem 0:1-Rückstand zahlreiche Chancen zum Ausgleich, doch nachdem Ibisevic und co. diese nicht nutzen konnten, zeigten die “roten Bullen” ihre ganze Qualität und demonstrierten einen Klassenunterschied. So verlor die “alte Dame” trotz einiger Tormöglichkeiten absolut verdient und muss damit die erste Heimniederlage der laufenden Saison hinnehmen. 

Tor

Rune Jarstein – Note: 1

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Dass Hertha am Samstagabend mit 0:3 verlor, lag mit Sicherheit nicht an Jarstein, der noch schlimmeres verhindert hatte.

Es ist eine bittere Erkenntnis, wenn bei einer deutlichen 0:3-Niederlage immer noch der eigene Keeper der beste Mann auf dem Feld gewesen ist. So geschehen am Samstagabend, denn trotz drei Gegentreffern muss man sich bei Rune Jarstein vielmals bedanken – ohne ihn wären es weitaus mehr Leipziger Tore geworden. Insgesamt neun Torschüsse wehrte der Norweger ab, zahlreiche davon in großartiger Manier. Bereits in der ersten Spielminute musste Jarstein einen Torschuss aus kürzester Distanz von Timo Werner mit einem herausragenden Reflex vereiteln. Das Privatduell der beiden zog sich über die gesamte Spieldauer. Auch in der siebten Minute zeigte der 34-Jährige zunächst fantastische Reaktionsgeschwindigkeit, als er den Kopfball von Mitspieler Mittelstädt noch parierte, beim Nachschuss Werners aber machtlos war.

Man könnte nach sehr viele Szenen nennen, in den Herthas Schlussmann glänzend reagiert hatte, doch das würde den Rahmen sprengen. Bei sämtlichen Gegentreffern war Jarstein machtlos und wenn er eine Chance hatte, ein Leipziger Tor zu verhindern, so war er absolut jedes Mal zur Stelle. Eine herausragende Leistung Jarsteins, ohne den ein Kantersieg der Gäste durchaus möglich gewesen wäre.

Abwehr

Niklas Stark – Note: 3-

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Herthas Abwehrchef hatte noch die beste Figur gegen meist zu schnelle und aggressive Leipziger gemacht.

Die pure Wucht, mit der die Sachsen am Samstagabend in das letzte Abwehrdrittel der Berliner preschten, war oftmals zu viel für Herthas Defensive. Auch Stark hatte seine Probleme mit den technisch starken RB-Angreifern, so ließ er Werner in der ersten Minute und auch immer wieder Matheus Cunha zu leicht ziehen. Im direkten Duell ließ sich der 23-Jährige zu oft übertölpeln, doch in anderen Disziplinen konnte er hingegen überzeugen. Beispielsweise in Laufduellen, in denen Stark seine überdurchschnittliche Geschwindigkeit ausspielen konnte und so insgesamt sehr gute sechs Bälle abfing und vier Situationen klärte.

Die einprägsamste ereignete sich in der 27. Minute, als Stark Werner noch einholte und im perfekten Moment mit einer Grätsche am Torschuss hindern konnte. In diesem Moment und weiteren bewies Herthas Innenverteidiger perfektes Timing. Auch seine zwei Blocks unterstreichen, dass Stark meist genau wusste, wo er zu welchem Zeitpunkt zu sein hatte.

Es war kein schlechter Auftritt von Stark, doch war er im Zweikampf gedanklich nicht schnell genug und so hatten Leipzigs Angreifer oft zu leichtes Spiel.

Fabian Lustenberger – Note: 3-

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Tatsächlich war Lustenberger rein strategisch der vielleicht wichtigste Spieler am Samstagabend.

Das mag verwundern, werden doch oftmals die spielerischen Mängel Lustenbergers hervorgehoben und kritisiert. Gegen Leipzig aber war der Schweizer ein extrem wichtiges Element für den Berliner Spielaufbau. Niemand bei Hertha traute sich so viele lange Bälle zu wie Lustenberger und bei keinem kamen auch so viele an. Mit seinen sauberen Seitenverlagerungen sorgte der 30-Jährige immer wieder für dringend benötigte Entlastung und mit ihnen leitete er auch einige Vorstöße ein. Zudem traute sich “Lusti” immer wieder Läufe in die gegnerische Hälfte zu, um eine weitere Anspielstation bereitzustellen.

Lustenberger bekleidete gegen Leipzig insgesamt drei verschiedene Positionen: Sechser, Achter und Innenverteidiger – je nachdem, was gerade gefragt war. Dabei behielt er über 90 Minuten seine Zweikampfstärke, einzig durch sein unterdurchschnittliches Tempo entwischten ihm zu viele Gegenspieler. Kamen Bruma und co. mit Tempo auf Lustenberger zu, war er kein allzu großes Hindernis.

Ein taktisches sehr interessantes Spiel des im Laufe der Partie dritten Berliner Kapitäns. Er hatte ein sehr breites Aufgabenportfolio und wusste in vielen Dingen zu überzeugen. Doch auch Lustenberger wirkte in einigen Szenen mit Leipzigs Angriffsspiel überfordert. Besonders im zweiten Durchgang hatte er dem Gegner nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Karim Rekik – Note: 4

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Der Niederländer fand über 90 Minuten kaum statt.

Ja, so eine Grätsche der Marke “Rekik regelt” hätte es am Samstagabend durchaus gebraucht. Will sagen: Leipzig hat Hertha im Zweikampf sehr häufig den Schneid abgekauft und Rekik wäre eigentlich der richtige Spieler dafür gewesen, mit resolutem Spiel dagegenzuhalten. Das fand allerdings nicht statt, der 23-Jährige fiel in der Begegnung kaum auf.

Rekik führte deutlich weniger Zweikämpfe als z.B. Stark oder Lustenberger und auch seine andere Statistiken halten sich im Minimalbereich auf. Auch bei ihm hatte man das Gefühl, dass ihm viele Dinge, die Leipzig veranstaltete, zu schnell gingen. So kam er oft nicht in die Zweikämpfe und fing auch nur ein einzigen Ball ab.

Ein eigenartiger Auftritt Rekiks, der kaum Präsenz zeigte und dem Leipziger Offensivspiel wenig entgegenzusetzen hatte.

Valentino Lazaro – Note: 4+

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Einmal mehr war Lazaro sehr wichtig für das Offensivspiel seiner Mannschaft, doch defensiv offenbarte er große Lücken.

Eins muss zunächst festgehalten werden: man merkte Lazaro über 90 Minuten Willen und Einsatz an. Der Österreicher wollte etwas bewirken, doch fehlten ihm Esprit und Spritzigkeit – das kann auch an über 270 Einsatzminuten innerhalb einer Woche liegen. Und Lazaro hat ja sogar etwas bewegt, ganze vier Torchancen legte er auf – darunter die riesige Gelegenheit in der neunten Minute, die Salomon Kalou hätte nutzen müssen.

Immer, wenn Lazaro den Ball bekam, richtete sich sein Blick nach vorne. Doch gelangen ihm seine gewohnten Tempo-Vorstöße im ersten Durchgang nur selten und im zweiten gar nicht mehr. Man merkte dem 22-Jährigen an, wie viele Spiele er in den Beinen hat und so fehlte es oftmals an letzter Konsequenz in seinen Aktionen. Auch seine Rückwärtsbewegung und sein generelles Abwehrverhalten litten unter seiner Müdigkeit. Viel zu oft ließ er viel zu große Lücken auf seiner Seite zu und viel zu oft war er zu weit weg von seinem Gegenspieler. Das lud die Leipziger immer zu Vorstößen über Lazaros Seite ein. Auch das Tor zum 0:2 fiel über seine Flanke.

Im ersten Durchgang bemüht und mit noch einigen guten Szenen, verließ es Lazaro im zweiten völlig und so war es ein äußerst durchwachsener Auftritt des Rechtsverteidigers.

Marvin Plattenhardt – Note: 5-

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Er wollte sich wieder für die Nationalmannschaft aufdrängen, doch mittlerweile muss Plattenhardt sich grundsätzlichere Gedanken über seine Spielweise machen.

Am Samstagabend gab es wohl keinen überforderteren Spieler als Plattenhardt. Herthas Linksverteidiger war in kaum einer Szene Herr der Lage und wurde – so polemisch darf man werden – zum Spielball der Leipziger Offensive. Es ging im alles zu schnell und so konnte der 26-Jährige kaum einen Zweikampf richtig annehmen. Immer wieder wurde “Platte” von RB überspielt, sehr viele gefährliche Angriffe wurden über seine Seite eingeleitet. Mit individuellen Fehlern tat er sein übriges, so verlor er den Ball vorm 0:2 im Mittelfeld. Ein Vergleich: Davie Selke, ein Mittelstürmer, der in der 60. Minute eingewechselt wurde, gewann mehr Zweikämpfe (sechs) als Plattenhardt in 30 Minuten mehr Spielzeit (fünf).

Auch in seinem Spiel nach vorne war Plattenhardt äußerst gehemmt. Er traute sich sehr selten über die Mittellinie hinaus und ließ Flügelpartner Mittelstädt oftmals allein gegen drei Leipziger anlaufen. Nicht eine Flanke hatte sich der Linksverteidiger erlaubt. Seine Auswechslung nach einer Stunde war absolut folgerichtig, die Partie lief gänzlich an Plattenhardt vorbei.

Zusammenfasend lässt sich sagen, dass Plattenhardt aktuell neben sich steht und in dieser Form keine Option für die Startelf sein kann. Nicht nur, dass nach vorne nichts bewirkt, mittlerweile unterlaufen ihm auch defensiv immer mehr klare Patzer.

Mittelfeld

Arne Maier – Note: 3-

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Herthas Eigengewächs gehörte zu den Aktivposten im Berliner Mittelfeld.

Nein, auch von Maier war es am 10. Spieltag keine Glanzleistung – Thema Tagesform. Doch war der 19-Jährige immerhin einer derjenigen, die sich aktiv gegen die Niederlage stemmten. Er forderte den Ball immer zu, hatte die zweitmeisten Ballkontakte aller Herthaner und versuchte stets, das Spielgerät konstruktiv nach vorne zu spielen. Man sah nur seltenst Rückpässe zur Innenverteidigung von ihm.

Auch seine Tempodribblings ins Leipziger Abwehrdrittel konnten sich sehen lassen. Mit diesen riss Maier immer wieder Lücken ins RB-Korsett und einmal dort angekommen, verlor er den Ball nicht (wie gegen Freiburg) leichtfertig, sondern gab ihn sinnvoll weiter. So hatte der Mittelfeldmotor auch die mit Abstand beste Passquote seiner Mannschaft. Maiers Mut, aus dem zwei Torschüsse und eine Torschussvorlage enstanden, war im ersten Durchgang zu spüren – er wollte seine Mitspieler mitreißen. Doch auch der U21-Nationalspieler beugte sich dem Leipziger Druck nach dem Pausentee, bewirken konnte er nicht mehr viel.

Der Wille von Maier war stets erkennbar, leider sprang nichts zählbares bei heraus.

Ondrej Duda – Note: 4

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Wie schon gegen Dortmund fiel Duda vor allem durch sein Arbeiten nach hinten auf, aber weniger durch seine gestalterischen Fähigkeiten.

Mittlerweile hat sich der Eindruck verfestigt, dass Duda kein Schönwetterfußballer ist. Nein, der Slowake packt tatkräftig mit an und ist sich für keinerlei Arbeit zu schade. Auch gegen Leipzig überzeugte er durch ein sehr großes Laufpensum (niemand bei Hertha lief mehr), hohe Zweikampfstärke (die zweitmeisten Duelle gewonnen) und einige Tacklings (fünf) auf. Duda biss sich in die Partie hinein und wollte den Leipzigern das Leben schwer machen.

Dabei verlor der 23-Jährige jedoch etwas die spielerische Komponente aus den Augen. Er trat nicht unbedingt als Lenker der Mannschaft auf, sondern war allenfalls am RB-Strafraum präsent. Dort gab er zwei Schüsse ab, die jeweils geblockt wurden (u.a. sein trickreicher Hackenschuss) und eine Torschussvorlage, die Kalou nicht verwerten konnte. Es fehlte dem Spielmacher an zündenden Ideen, kaum Schnittstellenpässe waren von ihm zu sehen. Dass er über 90 Minuten auf dem Feld blieb, ist aufgrund seines immensen Einsatzes gerechtfertigt, rein spielerisch hatte er sich es aber nicht verdient. Ein ständiger Faktor war Duda auf keinen Fall.

Einsatz hui, Kreativität pfui.

Salomon Kalou – Note: 5+

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Einer der seltenen Spiele, in denen Kalou nicht kaltschnäuzig auftrat.

Gegen Dortmund glänzte der Ivorer noch mit seinen beiden Treffern, die er eiskalt verwandelte. Im Spiel gegen Leipzig hingegen war es eben Kalou, der zahlreiche Gelegenheiten zum Ausgleich liegen ließ und seiner Mannschaft damit eventuell einen Punktgewinn kostete (den weiteren Spielverlauf kann man naturgemäß nicht voraussagen).

In der neunten Minute hätte der 33-Jährige beispielsweise das 1:1 schießen müssen, nachdem ihn Lazaro mustergültig bedient hatte. Der Versuch verunglückte Kalou jedoch völlig und so trudelte der Ball rechts am Tor vorbei. Minute 21, die nächste große (Doppel-)Chance für den Angreifer: bei seinem ersten Schuss verzögerte Kalou zu lange und musste sich den Ball auf den schwächeren linken Fuß legen, bei seinem darauffolgenden Kopfball platziert er den Ball nicht gefährlich genug, sodass RB-Keeper Gulacsi noch parieren konnte.

Darüber hinaus war Kalou kaum zu sehen, gerade einmal 33 Ballkontakte hatte er bis zu seiner Auswechslung vorzuweisen. Besonders im zweiten Durchgang lief das Spiel an dem Routinier vorbei, sodass Dardai ihn folgerichtig in der 67. Minute für Leckie vom Feld nahm. Ein sehr unglücklicher Auftritt des sonst so kaltschnäuzigen Stürmers. An diesem Tag sollte es einfach nicht sein.

 

Maxi Mittelstädt – Note: 4+

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Bemüht aber selten glücklich agierte Mittelstädt gegen Leipzig.

Schaffte es Hertha am Samstag, offensiv durchzubrechen, dann geschah das nicht selten über die linke Seite. Oft verantwortlich war Mittelstädt, der sich in jeden Zweikampf biss, teilweise zwei bis drei Leipziger an sich band und so Raum für seine Mitspieler generierte. So sind beiden Großchancen für Kalou zunächst über die linke Flanke eingeleitet worden, die dann die rechte Seite aus dem Ivorer und Lazaro mit in den Angriff einspannte.

Nach dem ersten Durchgang konnte man also ein durchaus ordentliches Fazit für Mittelstädts Vorstellung ziehen. Niemand bei Hertha gewann so viele direkte Duelle wie der 21-Jährige, dazu kommen etliche intensive Läufe, denn natürlich war er auch defensiv eingebunden. Sehr unglücklich agierte das Eigengewächs allerdings beim 0:1, denn zuerst köpfte er Jarstein an und konnte den Ball daraufhin nicht klären. Ein klarer Fehler? Schwierig zu sagen. Zumindest war mit Schuld an dem frühen Rückstand.

Recht früh nach dem Wiederanpfiff rückte Mittelstädt auf die Linksverteidigerposition, nachdem Plattenhardt nach 60 Minuten vom Feld genommen wurde. Weiter hinten gelang es dem U21-Nationalspieler quasi gar nicht mehr, Druck zu entwickeln – es wurde von Minute zu Minute stiller um ihn. Auch sah Mittelstädt in einigen Zweikämpfen mit Bruma und Klostermann deutlich unterlegen aus. Fünf abgefangene Bälle und für Tacklings zeigen aber, dass er eindeutig mehr auf der Höhe war, als Plattenhardt zuvor.

Ein sehr engagierter Auftritt von Mittelstädt, der aber etwas Spielwitz vermissen ließ und im zweiten Durchgang defensive Mängel offenbarte.

Sturm

Vedad Ibisevic – Note: 5

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Eindeutig nicht das Spiel des Torjägers.

Will man wissen, wie wenig Ibisevic an dieser Partie teilgenommen hat, reicht schon fast ein Blick auf seine Anzahl an Ballkontakten: 17. 17 Ballkontakte sind unfassbar wenig.

Und dennoch hätte der 34-Jährige spielentscheidend mitwirken können. Seine beste Szene hatte er bereits nach neun Minuten, als er Lazaro mit einem überragenden Ball bediente – den Rest der Szene kennen wir. In der 41. Minute landete der Ball im Fünf-Meter-Raum vor seinen Füßen, sprang ihm allerdings unglücklich ans Knie. Nur drei Minuten später hatte sich der Bosnier in eine exzellente Schussposition getankt, doch nahm er einen Ballkontakt zu viel und scheiterte dann aus zu spitzem Winkel an Torwart Gulacsi. Wie Kalou hatte also auch Herthas Kapitän genug Möglichkeiten, um die “alte Dame” zum Ausgleich zu schießen.

Er tat es aber nicht und da er ansonsten nicht an diesem Spiel teilnahm, wechselte ihn Dardai nach 60 Minuten für Selke aus. Ein äußerst unglücklicher Auftritt des Routiniers.

 


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Es war ein sehr gebrauchter Abend für alle Herthaner. Eine Mannschaft ohne gute Tagesform, eine deftige 0:3-Niederlage gegen RB Leipzig und dazu noch ein vom Stimmungsboykott der Ostkurve stillgelegtes Stadion. Zweimal kamen die Berliner schlecht aus der Kabine, zweimal wurden sie dafür bestraft. Zwar gab es nach dem 0:1-Rückstand zahlreiche Chancen zum Ausgleich, doch nachdem Ibisevic und co. diese nicht nutzen konnten, zeigten die “roten Bullen” ihre ganze Qualität und demonstrierten einen Klassenunterschied. So verlor die “alte Dame” trotz einiger Tormöglichkeiten absolut verdient und muss damit die erste Heimniederlage der laufenden Saison hinnehmen. 

Tor

Rune Jarstein – Note: 1

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Dass Hertha am Samstagabend mit 0:3 verlor, lag mit Sicherheit nicht an Jarstein, der noch schlimmeres verhindert hatte.

Es ist eine bittere Erkenntnis, wenn bei einer deutlichen 0:3-Niederlage immer noch der eigene Keeper der beste Mann auf dem Feld gewesen ist. So geschehen am Samstagabend, denn trotz drei Gegentreffern muss man sich bei Rune Jarstein vielmals bedanken – ohne ihn wären es weitaus mehr Leipziger Tore geworden. Insgesamt neun Torschüsse wehrte der Norweger ab, zahlreiche davon in großartiger Manier. Bereits in der ersten Spielminute musste Jarstein einen Torschuss aus kürzester Distanz von Timo Werner mit einem herausragenden Reflex vereiteln. Das Privatduell der beiden zog sich über die gesamte Spieldauer. Auch in der siebten Minute zeigte der 34-Jährige zunächst fantastische Reaktionsgeschwindigkeit, als er den Kopfball von Mitspieler Mittelstädt noch parierte, beim Nachschuss Werners aber machtlos war.

Man könnte nach sehr viele Szenen nennen, in den Herthas Schlussmann glänzend reagiert hatte, doch das würde den Rahmen sprengen. Bei sämtlichen Gegentreffern war Jarstein machtlos und wenn er eine Chance hatte, ein Leipziger Tor zu verhindern, so war er absolut jedes Mal zur Stelle. Eine herausragende Leistung Jarsteins, ohne den ein Kantersieg der Gäste durchaus möglich gewesen wäre.

Abwehr

Niklas Stark – Note: 3-

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Herthas Abwehrchef hatte noch die beste Figur gegen meist zu schnelle und aggressive Leipziger gemacht.

Die pure Wucht, mit der die Sachsen am Samstagabend in das letzte Abwehrdrittel der Berliner preschten, war oftmals zu viel für Herthas Defensive. Auch Stark hatte seine Probleme mit den technisch starken RB-Angreifern, so ließ er Werner in der ersten Minute und auch immer wieder Matheus Cunha zu leicht ziehen. Im direkten Duell ließ sich der 23-Jährige zu oft übertölpeln, doch in anderen Disziplinen konnte er hingegen überzeugen. Beispielsweise in Laufduellen, in denen Stark seine überdurchschnittliche Geschwindigkeit ausspielen konnte und so insgesamt sehr gute sechs Bälle abfing und vier Situationen klärte.

Die einprägsamste ereignete sich in der 27. Minute, als Stark Werner noch einholte und im perfekten Moment mit einer Grätsche am Torschuss hindern konnte. In diesem Moment und weiteren bewies Herthas Innenverteidiger perfektes Timing. Auch seine zwei Blocks unterstreichen, dass Stark meist genau wusste, wo er zu welchem Zeitpunkt zu sein hatte.

Es war kein schlechter Auftritt von Stark, doch war er im Zweikampf gedanklich nicht schnell genug und so hatten Leipzigs Angreifer oft zu leichtes Spiel.

Fabian Lustenberger – Note: 3-

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Tatsächlich war Lustenberger rein strategisch der vielleicht wichtigste Spieler am Samstagabend.

Das mag verwundern, werden doch oftmals die spielerischen Mängel Lustenbergers hervorgehoben und kritisiert. Gegen Leipzig aber war der Schweizer ein extrem wichtiges Element für den Berliner Spielaufbau. Niemand bei Hertha traute sich so viele lange Bälle zu wie Lustenberger und bei keinem kamen auch so viele an. Mit seinen sauberen Seitenverlagerungen sorgte der 30-Jährige immer wieder für dringend benötigte Entlastung und mit ihnen leitete er auch einige Vorstöße ein. Zudem traute sich “Lusti” immer wieder Läufe in die gegnerische Hälfte zu, um eine weitere Anspielstation bereitzustellen.

Lustenberger bekleidete gegen Leipzig insgesamt drei verschiedene Positionen: Sechser, Achter und Innenverteidiger – je nachdem, was gerade gefragt war. Dabei behielt er über 90 Minuten seine Zweikampfstärke, einzig durch sein unterdurchschnittliches Tempo entwischten ihm zu viele Gegenspieler. Kamen Bruma und co. mit Tempo auf Lustenberger zu, war er kein allzu großes Hindernis.

Ein taktisches sehr interessantes Spiel des im Laufe der Partie dritten Berliner Kapitäns. Er hatte ein sehr breites Aufgabenportfolio und wusste in vielen Dingen zu überzeugen. Doch auch Lustenberger wirkte in einigen Szenen mit Leipzigs Angriffsspiel überfordert. Besonders im zweiten Durchgang hatte er dem Gegner nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Karim Rekik – Note: 4

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Der Niederländer fand über 90 Minuten kaum statt.

Ja, so eine Grätsche der Marke “Rekik regelt” hätte es am Samstagabend durchaus gebraucht. Will sagen: Leipzig hat Hertha im Zweikampf sehr häufig den Schneid abgekauft und Rekik wäre eigentlich der richtige Spieler dafür gewesen, mit resolutem Spiel dagegenzuhalten. Das fand allerdings nicht statt, der 23-Jährige fiel in der Begegnung kaum auf.

Rekik führte deutlich weniger Zweikämpfe als z.B. Stark oder Lustenberger und auch seine andere Statistiken halten sich im Minimalbereich auf. Auch bei ihm hatte man das Gefühl, dass ihm viele Dinge, die Leipzig veranstaltete, zu schnell gingen. So kam er oft nicht in die Zweikämpfe und fing auch nur ein einzigen Ball ab.

Ein eigenartiger Auftritt Rekiks, der kaum Präsenz zeigte und dem Leipziger Offensivspiel wenig entgegenzusetzen hatte.

Valentino Lazaro – Note: 4+

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Einmal mehr war Lazaro sehr wichtig für das Offensivspiel seiner Mannschaft, doch defensiv offenbarte er große Lücken.

Eins muss zunächst festgehalten werden: man merkte Lazaro über 90 Minuten Willen und Einsatz an. Der Österreicher wollte etwas bewirken, doch fehlten ihm Esprit und Spritzigkeit – das kann auch an über 270 Einsatzminuten innerhalb einer Woche liegen. Und Lazaro hat ja sogar etwas bewegt, ganze vier Torchancen legte er auf – darunter die riesige Gelegenheit in der neunten Minute, die Salomon Kalou hätte nutzen müssen.

Immer, wenn Lazaro den Ball bekam, richtete sich sein Blick nach vorne. Doch gelangen ihm seine gewohnten Tempo-Vorstöße im ersten Durchgang nur selten und im zweiten gar nicht mehr. Man merkte dem 22-Jährigen an, wie viele Spiele er in den Beinen hat und so fehlte es oftmals an letzter Konsequenz in seinen Aktionen. Auch seine Rückwärtsbewegung und sein generelles Abwehrverhalten litten unter seiner Müdigkeit. Viel zu oft ließ er viel zu große Lücken auf seiner Seite zu und viel zu oft war er zu weit weg von seinem Gegenspieler. Das lud die Leipziger immer zu Vorstößen über Lazaros Seite ein. Auch das Tor zum 0:2 fiel über seine Flanke.

Im ersten Durchgang bemüht und mit noch einigen guten Szenen, verließ es Lazaro im zweiten völlig und so war es ein äußerst durchwachsener Auftritt des Rechtsverteidigers.

Marvin Plattenhardt – Note: 5-

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Er wollte sich wieder für die Nationalmannschaft aufdrängen, doch mittlerweile muss Plattenhardt sich grundsätzlichere Gedanken über seine Spielweise machen.

Am Samstagabend gab es wohl keinen überforderteren Spieler als Plattenhardt. Herthas Linksverteidiger war in kaum einer Szene Herr der Lage und wurde – so polemisch darf man werden – zum Spielball der Leipziger Offensive. Es ging im alles zu schnell und so konnte der 26-Jährige kaum einen Zweikampf richtig annehmen. Immer wieder wurde “Platte” von RB überspielt, sehr viele gefährliche Angriffe wurden über seine Seite eingeleitet. Mit individuellen Fehlern tat er sein übriges, so verlor er den Ball vorm 0:2 im Mittelfeld. Ein Vergleich: Davie Selke, ein Mittelstürmer, der in der 60. Minute eingewechselt wurde, gewann mehr Zweikämpfe (sechs) als Plattenhardt in 30 Minuten mehr Spielzeit (fünf).

Auch in seinem Spiel nach vorne war Plattenhardt äußerst gehemmt. Er traute sich sehr selten über die Mittellinie hinaus und ließ Flügelpartner Mittelstädt oftmals allein gegen drei Leipziger anlaufen. Nicht eine Flanke hatte sich der Linksverteidiger erlaubt. Seine Auswechslung nach einer Stunde war absolut folgerichtig, die Partie lief gänzlich an Plattenhardt vorbei.

Zusammenfasend lässt sich sagen, dass Plattenhardt aktuell neben sich steht und in dieser Form keine Option für die Startelf sein kann. Nicht nur, dass nach vorne nichts bewirkt, mittlerweile unterlaufen ihm auch defensiv immer mehr klare Patzer.

Mittelfeld

Arne Maier – Note: 3-

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Herthas Eigengewächs gehörte zu den Aktivposten im Berliner Mittelfeld.

Nein, auch von Maier war es am 10. Spieltag keine Glanzleistung – Thema Tagesform. Doch war der 19-Jährige immerhin einer derjenigen, die sich aktiv gegen die Niederlage stemmten. Er forderte den Ball immer zu, hatte die zweitmeisten Ballkontakte aller Herthaner und versuchte stets, das Spielgerät konstruktiv nach vorne zu spielen. Man sah nur seltenst Rückpässe zur Innenverteidigung von ihm.

Auch seine Tempodribblings ins Leipziger Abwehrdrittel konnten sich sehen lassen. Mit diesen riss Maier immer wieder Lücken ins RB-Korsett und einmal dort angekommen, verlor er den Ball nicht (wie gegen Freiburg) leichtfertig, sondern gab ihn sinnvoll weiter. So hatte der Mittelfeldmotor auch die mit Abstand beste Passquote seiner Mannschaft. Maiers Mut, aus dem zwei Torschüsse und eine Torschussvorlage enstanden, war im ersten Durchgang zu spüren – er wollte seine Mitspieler mitreißen. Doch auch der U21-Nationalspieler beugte sich dem Leipziger Druck nach dem Pausentee, bewirken konnte er nicht mehr viel.

Der Wille von Maier war stets erkennbar, leider sprang nichts zählbares bei heraus.

Ondrej Duda – Note: 4

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Wie schon gegen Dortmund fiel Duda vor allem durch sein Arbeiten nach hinten auf, aber weniger durch seine gestalterischen Fähigkeiten.

Mittlerweile hat sich der Eindruck verfestigt, dass Duda kein Schönwetterfußballer ist. Nein, der Slowake packt tatkräftig mit an und ist sich für keinerlei Arbeit zu schade. Auch gegen Leipzig überzeugte er durch ein sehr großes Laufpensum (niemand bei Hertha lief mehr), hohe Zweikampfstärke (die zweitmeisten Duelle gewonnen) und einige Tacklings (fünf) auf. Duda biss sich in die Partie hinein und wollte den Leipzigern das Leben schwer machen.

Dabei verlor der 23-Jährige jedoch etwas die spielerische Komponente aus den Augen. Er trat nicht unbedingt als Lenker der Mannschaft auf, sondern war allenfalls am RB-Strafraum präsent. Dort gab er zwei Schüsse ab, die jeweils geblockt wurden (u.a. sein trickreicher Hackenschuss) und eine Torschussvorlage, die Kalou nicht verwerten konnte. Es fehlte dem Spielmacher an zündenden Ideen, kaum Schnittstellenpässe waren von ihm zu sehen. Dass er über 90 Minuten auf dem Feld blieb, ist aufgrund seines immensen Einsatzes gerechtfertigt, rein spielerisch hatte er sich es aber nicht verdient. Ein ständiger Faktor war Duda auf keinen Fall.

Einsatz hui, Kreativität pfui.

Salomon Kalou – Note: 5+

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Einer der seltenen Spiele, in denen Kalou nicht kaltschnäuzig auftrat.

Gegen Dortmund glänzte der Ivorer noch mit seinen beiden Treffern, die er eiskalt verwandelte. Im Spiel gegen Leipzig hingegen war es eben Kalou, der zahlreiche Gelegenheiten zum Ausgleich liegen ließ und seiner Mannschaft damit eventuell einen Punktgewinn kostete (den weiteren Spielverlauf kann man naturgemäß nicht voraussagen).

In der neunten Minute hätte der 33-Jährige beispielsweise das 1:1 schießen müssen, nachdem ihn Lazaro mustergültig bedient hatte. Der Versuch verunglückte Kalou jedoch völlig und so trudelte der Ball rechts am Tor vorbei. Minute 21, die nächste große (Doppel-)Chance für den Angreifer: bei seinem ersten Schuss verzögerte Kalou zu lange und musste sich den Ball auf den schwächeren linken Fuß legen, bei seinem darauffolgenden Kopfball platziert er den Ball nicht gefährlich genug, sodass RB-Keeper Gulacsi noch parieren konnte.

Darüber hinaus war Kalou kaum zu sehen, gerade einmal 33 Ballkontakte hatte er bis zu seiner Auswechslung vorzuweisen. Besonders im zweiten Durchgang lief das Spiel an dem Routinier vorbei, sodass Dardai ihn folgerichtig in der 67. Minute für Leckie vom Feld nahm. Ein sehr unglücklicher Auftritt des sonst so kaltschnäuzigen Stürmers. An diesem Tag sollte es einfach nicht sein.

 

Maxi Mittelstädt – Note: 4+

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Bemüht aber selten glücklich agierte Mittelstädt gegen Leipzig.

Schaffte es Hertha am Samstag, offensiv durchzubrechen, dann geschah das nicht selten über die linke Seite. Oft verantwortlich war Mittelstädt, der sich in jeden Zweikampf biss, teilweise zwei bis drei Leipziger an sich band und so Raum für seine Mitspieler generierte. So sind beiden Großchancen für Kalou zunächst über die linke Flanke eingeleitet worden, die dann die rechte Seite aus dem Ivorer und Lazaro mit in den Angriff einspannte.

Nach dem ersten Durchgang konnte man also ein durchaus ordentliches Fazit für Mittelstädts Vorstellung ziehen. Niemand bei Hertha gewann so viele direkte Duelle wie der 21-Jährige, dazu kommen etliche intensive Läufe, denn natürlich war er auch defensiv eingebunden. Sehr unglücklich agierte das Eigengewächs allerdings beim 0:1, denn zuerst köpfte er Jarstein an und konnte den Ball daraufhin nicht klären. Ein klarer Fehler? Schwierig zu sagen. Zumindest war mit Schuld an dem frühen Rückstand.

Recht früh nach dem Wiederanpfiff rückte Mittelstädt auf die Linksverteidigerposition, nachdem Plattenhardt nach 60 Minuten vom Feld genommen wurde. Weiter hinten gelang es dem U21-Nationalspieler quasi gar nicht mehr, Druck zu entwickeln – es wurde von Minute zu Minute stiller um ihn. Auch sah Mittelstädt in einigen Zweikämpfen mit Bruma und Klostermann deutlich unterlegen aus. Fünf abgefangene Bälle und für Tacklings zeigen aber, dass er eindeutig mehr auf der Höhe war, als Plattenhardt zuvor.

Ein sehr engagierter Auftritt von Mittelstädt, der aber etwas Spielwitz vermissen ließ und im zweiten Durchgang defensive Mängel offenbarte.

Sturm

Vedad Ibisevic – Note: 5

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Eindeutig nicht das Spiel des Torjägers.

Will man wissen, wie wenig Ibisevic an dieser Partie teilgenommen hat, reicht schon fast ein Blick auf seine Anzahl an Ballkontakten: 17. 17 Ballkontakte sind unfassbar wenig.

Und dennoch hätte der 34-Jährige spielentscheidend mitwirken können. Seine beste Szene hatte er bereits nach neun Minuten, als er Lazaro mit einem überragenden Ball bediente – den Rest der Szene kennen wir. In der 41. Minute landete der Ball im Fünf-Meter-Raum vor seinen Füßen, sprang ihm allerdings unglücklich ans Knie. Nur drei Minuten später hatte sich der Bosnier in eine exzellente Schussposition getankt, doch nahm er einen Ballkontakt zu viel und scheiterte dann aus zu spitzem Winkel an Torwart Gulacsi. Wie Kalou hatte also auch Herthas Kapitän genug Möglichkeiten, um die “alte Dame” zum Ausgleich zu schießen.

Er tat es aber nicht und da er ansonsten nicht an diesem Spiel teilnahm, wechselte ihn Dardai nach 60 Minuten für Selke aus. Ein äußerst unglücklicher Auftritt des Routiniers.

 


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