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Marvin Plattenhardt – Von Höhen und Tiefen

Aus Nürnberg gekommen, hat sich Marvin Plattenhardt unter Pal Dardai nicht nur einen jahrelang unumstrittenen Stammplatz als linker Verteidiger erkämpft. Er hat es sogar in die Deutsche Nationalmannschaft geschafft. Freistoßspezialist, Stammspieler, Flankengeber: „Platte“ erlebt in Berlin viele Höhen, nun auch einige Tiefen. Diese Saison könnte bisher die komplizierteste seiner Hertha-Zeit werden.

Vom Abstieg in Nürnberg auf die Berliner Bank

Plattenhardt überzeugte Dardai sofort im Training. (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Wer hätte bei seinem Wechsel aus Nürnberg gedacht, dass Marvin Plattenhardt solch eine Karriere in Berlin hinlegen würde und es bis in die Nationalelf schafft? Wer hätte gedacht, dass er Freistoßtore schießen würde, die sogar an Kugelblitz Ronny erinnern?

Im Sommer 2014 wechselt der damals 22-jährige Plattenhardt vom Absteiger 1.FC Nürnberg für nur 500.000 € zum Hauptstadtclub. Bei den Franken war er Stammspieler, bei seiner Ankunft in Berlin unter Trainer Jos Luhukay jedoch zunächst nur zweite Wahl. Er spielte während der Amtszeit des Holländers nur ein Spiel von Anfang an, zu Hause gegen Hannover 96 im November 2014. Ein Katastrophenspiel des jungen Profis, der an beiden Gegentoren direkt beteiligt war. Hertha unterlag mit 0:2. Danach war erstmal klar, dass er keinen weiteren Einsatz unter Luhukay bekommen würde.

„Ich vertraue dir. Mach einfach dein Ding!“

Als Jos Luhukay am 05. Februar 2015 entlassen wurde, wurden die Karten unter Trainer Pal Dardai neu gemischt. Plattenhardt überzeugte im Training sofort und wurde gleich im ersten Spiel von Dardai in Mainz (Endstand 2:0 Auswärtssieg für Hertha) als Stammspieler eingesetzt. Wie Dardai einst auf einer Pressekonferenz verriet, sagte er Michael Preetz nach der ersten Trainingseinheit mit den Profis, dass Plattenhardt das Zeug zum Nationalspieler hat. „Ich vertraue dir. Mach einfach dein Ding!“, soll Dardai seinem Schützling vor dem Spiel gegen die 05er gesagt haben. Der Ex-Nürnberger solle beruhigt auf dem Platz agieren, Fehler würde der Ungar verzeihen. Eine schöne Geschichte, bedenkt man, was aus Plattenhardt in den nächsten Jahren werden sollte.

“Platte” sorgte selber öfter für Torjubel. (Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Dass Pal Dardai Recht hatte, auf den jungen Linksverteidiger derart zu vertrauen, wird ihm bis heute jeder bestätigen. In der Rückrunde 2014/15 kann sich Hertha vor dem Abstieg noch retten, mit Marvin Plattenhardt als Stammspieler. Der Abwehrspieler strotzte vor Selbstvertrauen.

Es folgten zwei herausragende Spielzeiten in der Bundesliga. In der Saison 2015/16 spielte Marvin Plattenhardt jede Minute, fehlte nur in zwei Pflichtspielen aufgrund einer Gelb-Sperre (unter anderem fehlte er im Pokal gegen … den 1.FC Nürnberg). Dabei erzielte er seine beiden ersten Freistoßtore für die “alte Dame”. Außerdem bereitete er fünf Tore seiner Mannschaft vor, spielte insgesamt eine sehr solide und ansprechende Saison (Kicker-Durchschnittsnote 3,35).

Stammspieler bei Hertha und Nationalspieler

Freistöße von Plattenhardt waren lange eine echte Waffe.

Die Saison 2016/17 verlief ähnlich gut für den gebürtigen Filderstädter (Kicker-Durchschnittsnote erneut 3,35). Dieses Mal gelangen ihm sogar drei Freistoßtore und vier Torvorlagen. Erneut spielte Plattenhardt eigentlich immer, verpasste wenige Spiele im Laufe der Saison aufgrund von kleineren Verletzungen oder Erkrankungen. Auch ihm ist es zu verdanken gewesen, dass sich Hertha BSC den sechsten Tabellenplatz sicherte und direkt für die Europa League qualifizierte.

Innerhalb von zwei Saisons hatte sich Marvin Plattenhardt nicht nur einen Stammplatz erkämpft. Er hatte auch durch seine Tore und Vorlagen, sowie durch seine solide Spielweise in der Defensive, auf sich aufmerksam machen können.

Der verdiente Lohn für seine starken Leistungen bekommt er im Sommer 2017. Es gibt den Anruf von Bundestrainer Joachim Löw und ein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft im Juni gegen Dänemark. Seit Arne Friedrich war kein Hertha-Profi mehr für die deutsche Nationalmannschaft nominiert worden. Ein großer Moment also. Es schien einfach alles zu laufen für Marvin Plattenhardt, die Saison 2017/18 konnte nicht früh genug kommen.

Das erste Tief

Plattenhardt bei der WM 2018 in Russland (Foto: Hector Vivas/Getty Images)

Auch in der Europa-League Saison 2017/18 war der frisch gebackene Nationalspieler unumstritten. Erneut spielte er in der Liga jede Minute (bis auf ein Spiel wegen Gelbsperre) und das trotz eines deutlichen Tiefs in der Rückrunde – seinem ersten Tief im blau-weißen Trikot. In unserem Artikel “Plattenhardt – Zu wenig für Dardai und Russland” aus dem März 2018 schrieben wir: “Plattenhardt hat seinen Mut verloren. Seinen Mut, auch riskante Tacklings auszuüben. Seinen Mut, offensiv für Wirbel zu sorgen. Seinen Mut, ein entscheidender Faktor im Spiel seiner Mannschaft zu sein” – es sind deutliche Parallelen zu seiner derzeitigen Form zu erkennen.

Plattenhardts letzte Torvorlage stammte aus dem Hinrunden-Spiel gegen den VfL Wolfsburg (3:3), am 5. November vergangenen Jahres. Sein letztes eigenes Tor ist noch länger her, im März 2017 traf er per direktem Freistoß gegen Borussia Dortmund (2:1). Die Stärke bei Standards war das Markenzeichen von ihm und Hertha BSC. In der Hinrunde waren die Berliner noch die ligaweit stärkste Mannschaft, in der Rückrunde gelang ihnen allerdings noch kein einziger Treffer durch eine Ecke oder einen Freistoß – das liegt auch an den Hereingaben von Plattenhardt. Der Linksverteidiger vermag es zudem nicht, aus dem Spiel heraus gefährlich zu werden. Er konnte in seiner Zeit bei Hertha neben direkten Freistößen noch keinen Treffer erzielen. Sein damals letzter Assist aus dem Spiel heraus gelang ihm am 8. April 2016 gegen Hannover 96 (2:2).

Während Plattenhardt in der Hinrunde noch überzeugen konnte, schien er nach der Winterpause deutlich gehemmt. Dennoch nominierte ihn Bundestrainer Joachim Löw für die WM in Russland. Das Turnier sollte sich jedoch zum Albtraum entwickeln. Nur ein Spiel bestritt „Platte“, bei der Niederlage gegen Mexiko und ist bei dieser tatsächlich kein Faktor, da ihn seine Mannschaftskameraden nicht einbanden. Der Turnierverlauf für die DFB-Elf ist hinreichend bekannt und sollte sicherlich nicht beflügelnd auf das Gemüt des Berliners wirken.

Wechselgerüchte und Formschwäche

Nach der Weltmeisterschaft kamen zahlreiche Wechselgerüchte um ihn auf. Den gesamten Sommer mussten sich Hertha-Fans alle möglichen Artikel über potenzielle Interessenten für Plattenhardt durchlesen. Lange gingen viele davon aus, ihn würde es noch nach England ziehen. Die vielen Gerüchte sollten sich jedoch nicht bewahrheiten: bei Saisonstart stand der 26-Jährige mit dem blau-weißen Trikot auf dem Platz.

(Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Die vielen Spekulationen und die Enttäuschung der WM wären für jeden Spieler schwer zu verarbeiten gewesen. Im ersten Pflichtspiel gegen Eintracht Braunschweig im Pokal erzielt Plattenhardt ein überragendes Tor, doch ganz gelöst wirkt er in der anschließenden Zeit dennoch nicht. Insbesondere in der Offensivbewegung hatte er zuletzt große Schwierigkeiten aufgezeigt. Er wirkt öfters ängstlich, spielt nur selten Risikopässe und wählt meistens den Rückpass zum Innenverteidiger. Vorstöße sind äußerst selten zu sehen und allgemein lässt er das vermissen, was ihn in den vergangenen Jahren so stark gemacht hatte – eine Beobachtung, die man, wie beschrieben, auch schon in der Rückrunde 17/18 machen konnte.

„Platte“ war zwar nie ein sehr offensiv ausgerichteter Außenverteidiger wie beispielsweise Valentino Lazaro oder Mitchell Weiser. Trotzdem konnte er in den vergangenen Jahren immer wieder Akzente nach vorne setzen und viele Torvorlagen beitragen. In der laufenden Spielzeit gelingt ihm das zu selten. Auch seine Stärke bei direkten Freistößen hat er seit einer Weile nicht mehr unter Beweis gestellt, Ondrej Duda hat diese Rolle übernommen.

Der Faktor Mittelstädt

Mittelstädt ist in der Form nicht aus der Startelf zu denken. (Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Auch die Rolle des Stamm-Linksverteidigers könnte Plattenhardt enteignet werden. Eigengewächs Maximilian Mittelstädt, zum Saisonstart noch links offensiv eingesetzt, bekommt immer mehr Einsätze als linker Verteidiger und überzeugt dort auf ganzer Linie. Auf der Position zeigte sich der 21-Jährige sehr diszipliniert und spielt deutlich mutiger nach vorne als der Protagonist dieses Artikels.

Gut für Hertha – schlecht für Plattenhardt. Ihm läuft die Zeit bzw. Mittelstädt davon. Der gebürtige Berliner drängt sich immer mehr auf, schoss im Pokal sogar sein erstes Profi-Tor. Im letzten Spiel gegen RB Leipzig (Endstand 0:3) zeigte Plattenhardt hingegen seine wohl schwächste Partie seit einiger Zeit. Auch defensiv erlaubt sich der deutsche Nationalspieler ungewohnte Schwächen und seine Abwehrarbeit war der eine Aspekt, auf den man sich immer verlassen konnte.

Doch hier ein Vergleich zwischen seinen Zahlen und denen von Herausforderer Mittelstädt. Plattenhardt bringt aktuell pro Partie 1,4 erfolgreiche Tacklings (letzte Saison noch 1,7) durch, Mittelstädt ganze 3, also über doppelt so viele. Dazu fängt “Platte” nur 0,4 Bälle pro Spiel ab (letzte Saison 0,8), Mittelstädt gelingt das sechsfache (!) mit 3,6 pro Spiel. Dazu klärt der U21-Nationalspieler rund doppelt so viele Aktionen wie sein Konkurrent. Selbst Valentino Lazaro, dem immer wieder defensive Schwächen angerechnet werden, ist in sämtlichen Defensiv-Statistiken besser als Plattenhardt. Es sind also nicht nur die Tore und Vorlagen, die dem Herthaner fehlen. Es sind auch grundsätzliche Tugenden eines Abwehrspielers.

Die Zeit, in der Plattenhardt unumstrittener Stammspieler bei der „alten Dame“ war, scheint langsam zu Ende zu sein. Es gibt einen neuen Linksverteidiger in der Stadt. Es ist wohl auch kein Zufall, dass Plattenhardt bei den drei bisher größten Erfolgen dieser Saison nicht auf dem Platz stand (Beim Sieg gegen Schalke 04, FC Bayern München und beim Remis in Dortmund spielte Mittelstädt als linker Verteidiger).

Wie geht es weiter?

Im Sommer 2018 ist bei Marvin Plattenhardt viel passiert: WM-Frust, Wechselgerüchte und eine sehr kurze Sommerpause. Das alles muss ein Spieler auch erstmal verarbeiten. Wenn dann noch eine neue Konkurrenzsituation entsteht, und zeitgleich die Formkurve nach unten zeigt, wird es nicht leichter. All das gilt es in seiner Bewertung zu beachten.

Der Glücksgriff von Michael Preetz (Der Marktwert von Plattenhardt beträgt heute laut transfermarkt.de 17 Millionen Euro) hat seit seiner Ankunft in Berlin eindrucksvoll gezeigt, was er in der Lage ist, zu leisten. Die aktuelle Situation sieht zwar nicht gut aus, seine Qualität kann man ihm jedoch nicht absprechen. Gefühlt fehlt dem 26-jährigen mentale Frische, er scheint sich von vielen Dingen noch nicht frei gemacht zu haben und leidet eventuell auch unter dem Erwartungsdruck von außen. Solch eine Phase darf auch ein deutscher Nationalspieler durchleben, die ganz großen Namen in Deutschland machen es aktuell vor.

Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass ihm Zeit auf der Bank gut tun würde, um nicht von Anpfiff abliefern zu müssen. Mittelstädt hat sich seine Chance verdient und ist sicherlich der letzte, der sich beschweren würde, wenn Dardai ihn nach z.B. 70 Minuten vom Platz nähme, um Plattenhardt zurück zur Normalform zu bringen. Oder aber es ist genau das richtige, wenn ihm Pal Dardai weiterhin das Vertrauen schenkt. Genau dieses Vertrauen hat nämlich dem Verteidiger ursprünglich so gut getan. „Mach dein Ding“, Platte. Dann ist alles möglich.

 


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Vom Abstieg in Nürnberg auf die Berliner Bank

Plattenhardt überzeugte Dardai sofort im Training. (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Wer hätte bei seinem Wechsel aus Nürnberg gedacht, dass Marvin Plattenhardt solch eine Karriere in Berlin hinlegen würde und es bis in die Nationalelf schafft? Wer hätte gedacht, dass er Freistoßtore schießen würde, die sogar an Kugelblitz Ronny erinnern?

Im Sommer 2014 wechselt der damals 22-jährige Plattenhardt vom Absteiger 1.FC Nürnberg für nur 500.000 € zum Hauptstadtclub. Bei den Franken war er Stammspieler, bei seiner Ankunft in Berlin unter Trainer Jos Luhukay jedoch zunächst nur zweite Wahl. Er spielte während der Amtszeit des Holländers nur ein Spiel von Anfang an, zu Hause gegen Hannover 96 im November 2014. Ein Katastrophenspiel des jungen Profis, der an beiden Gegentoren direkt beteiligt war. Hertha unterlag mit 0:2. Danach war erstmal klar, dass er keinen weiteren Einsatz unter Luhukay bekommen würde.

„Ich vertraue dir. Mach einfach dein Ding!“

Als Jos Luhukay am 05. Februar 2015 entlassen wurde, wurden die Karten unter Trainer Pal Dardai neu gemischt. Plattenhardt überzeugte im Training sofort und wurde gleich im ersten Spiel von Dardai in Mainz (Endstand 2:0 Auswärtssieg für Hertha) als Stammspieler eingesetzt. Wie Dardai einst auf einer Pressekonferenz verriet, sagte er Michael Preetz nach der ersten Trainingseinheit mit den Profis, dass Plattenhardt das Zeug zum Nationalspieler hat. „Ich vertraue dir. Mach einfach dein Ding!“, soll Dardai seinem Schützling vor dem Spiel gegen die 05er gesagt haben. Der Ex-Nürnberger solle beruhigt auf dem Platz agieren, Fehler würde der Ungar verzeihen. Eine schöne Geschichte, bedenkt man, was aus Plattenhardt in den nächsten Jahren werden sollte.

“Platte” sorgte selber öfter für Torjubel. (Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Dass Pal Dardai Recht hatte, auf den jungen Linksverteidiger derart zu vertrauen, wird ihm bis heute jeder bestätigen. In der Rückrunde 2014/15 kann sich Hertha vor dem Abstieg noch retten, mit Marvin Plattenhardt als Stammspieler. Der Abwehrspieler strotzte vor Selbstvertrauen.

Es folgten zwei herausragende Spielzeiten in der Bundesliga. In der Saison 2015/16 spielte Marvin Plattenhardt jede Minute, fehlte nur in zwei Pflichtspielen aufgrund einer Gelb-Sperre (unter anderem fehlte er im Pokal gegen … den 1.FC Nürnberg). Dabei erzielte er seine beiden ersten Freistoßtore für die “alte Dame”. Außerdem bereitete er fünf Tore seiner Mannschaft vor, spielte insgesamt eine sehr solide und ansprechende Saison (Kicker-Durchschnittsnote 3,35).

Stammspieler bei Hertha und Nationalspieler

Freistöße von Plattenhardt waren lange eine echte Waffe.

Die Saison 2016/17 verlief ähnlich gut für den gebürtigen Filderstädter (Kicker-Durchschnittsnote erneut 3,35). Dieses Mal gelangen ihm sogar drei Freistoßtore und vier Torvorlagen. Erneut spielte Plattenhardt eigentlich immer, verpasste wenige Spiele im Laufe der Saison aufgrund von kleineren Verletzungen oder Erkrankungen. Auch ihm ist es zu verdanken gewesen, dass sich Hertha BSC den sechsten Tabellenplatz sicherte und direkt für die Europa League qualifizierte.

Innerhalb von zwei Saisons hatte sich Marvin Plattenhardt nicht nur einen Stammplatz erkämpft. Er hatte auch durch seine Tore und Vorlagen, sowie durch seine solide Spielweise in der Defensive, auf sich aufmerksam machen können.

Der verdiente Lohn für seine starken Leistungen bekommt er im Sommer 2017. Es gibt den Anruf von Bundestrainer Joachim Löw und ein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft im Juni gegen Dänemark. Seit Arne Friedrich war kein Hertha-Profi mehr für die deutsche Nationalmannschaft nominiert worden. Ein großer Moment also. Es schien einfach alles zu laufen für Marvin Plattenhardt, die Saison 2017/18 konnte nicht früh genug kommen.

Das erste Tief

Plattenhardt bei der WM 2018 in Russland (Foto: Hector Vivas/Getty Images)

Auch in der Europa-League Saison 2017/18 war der frisch gebackene Nationalspieler unumstritten. Erneut spielte er in der Liga jede Minute (bis auf ein Spiel wegen Gelbsperre) und das trotz eines deutlichen Tiefs in der Rückrunde – seinem ersten Tief im blau-weißen Trikot. In unserem Artikel “Plattenhardt – Zu wenig für Dardai und Russland” aus dem März 2018 schrieben wir: “Plattenhardt hat seinen Mut verloren. Seinen Mut, auch riskante Tacklings auszuüben. Seinen Mut, offensiv für Wirbel zu sorgen. Seinen Mut, ein entscheidender Faktor im Spiel seiner Mannschaft zu sein” – es sind deutliche Parallelen zu seiner derzeitigen Form zu erkennen.

Plattenhardts letzte Torvorlage stammte aus dem Hinrunden-Spiel gegen den VfL Wolfsburg (3:3), am 5. November vergangenen Jahres. Sein letztes eigenes Tor ist noch länger her, im März 2017 traf er per direktem Freistoß gegen Borussia Dortmund (2:1). Die Stärke bei Standards war das Markenzeichen von ihm und Hertha BSC. In der Hinrunde waren die Berliner noch die ligaweit stärkste Mannschaft, in der Rückrunde gelang ihnen allerdings noch kein einziger Treffer durch eine Ecke oder einen Freistoß – das liegt auch an den Hereingaben von Plattenhardt. Der Linksverteidiger vermag es zudem nicht, aus dem Spiel heraus gefährlich zu werden. Er konnte in seiner Zeit bei Hertha neben direkten Freistößen noch keinen Treffer erzielen. Sein damals letzter Assist aus dem Spiel heraus gelang ihm am 8. April 2016 gegen Hannover 96 (2:2).

Während Plattenhardt in der Hinrunde noch überzeugen konnte, schien er nach der Winterpause deutlich gehemmt. Dennoch nominierte ihn Bundestrainer Joachim Löw für die WM in Russland. Das Turnier sollte sich jedoch zum Albtraum entwickeln. Nur ein Spiel bestritt „Platte“, bei der Niederlage gegen Mexiko und ist bei dieser tatsächlich kein Faktor, da ihn seine Mannschaftskameraden nicht einbanden. Der Turnierverlauf für die DFB-Elf ist hinreichend bekannt und sollte sicherlich nicht beflügelnd auf das Gemüt des Berliners wirken.

Wechselgerüchte und Formschwäche

Nach der Weltmeisterschaft kamen zahlreiche Wechselgerüchte um ihn auf. Den gesamten Sommer mussten sich Hertha-Fans alle möglichen Artikel über potenzielle Interessenten für Plattenhardt durchlesen. Lange gingen viele davon aus, ihn würde es noch nach England ziehen. Die vielen Gerüchte sollten sich jedoch nicht bewahrheiten: bei Saisonstart stand der 26-Jährige mit dem blau-weißen Trikot auf dem Platz.

(Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Die vielen Spekulationen und die Enttäuschung der WM wären für jeden Spieler schwer zu verarbeiten gewesen. Im ersten Pflichtspiel gegen Eintracht Braunschweig im Pokal erzielt Plattenhardt ein überragendes Tor, doch ganz gelöst wirkt er in der anschließenden Zeit dennoch nicht. Insbesondere in der Offensivbewegung hatte er zuletzt große Schwierigkeiten aufgezeigt. Er wirkt öfters ängstlich, spielt nur selten Risikopässe und wählt meistens den Rückpass zum Innenverteidiger. Vorstöße sind äußerst selten zu sehen und allgemein lässt er das vermissen, was ihn in den vergangenen Jahren so stark gemacht hatte – eine Beobachtung, die man, wie beschrieben, auch schon in der Rückrunde 17/18 machen konnte.

„Platte“ war zwar nie ein sehr offensiv ausgerichteter Außenverteidiger wie beispielsweise Valentino Lazaro oder Mitchell Weiser. Trotzdem konnte er in den vergangenen Jahren immer wieder Akzente nach vorne setzen und viele Torvorlagen beitragen. In der laufenden Spielzeit gelingt ihm das zu selten. Auch seine Stärke bei direkten Freistößen hat er seit einer Weile nicht mehr unter Beweis gestellt, Ondrej Duda hat diese Rolle übernommen.

Der Faktor Mittelstädt

Mittelstädt ist in der Form nicht aus der Startelf zu denken. (Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images)

Auch die Rolle des Stamm-Linksverteidigers könnte Plattenhardt enteignet werden. Eigengewächs Maximilian Mittelstädt, zum Saisonstart noch links offensiv eingesetzt, bekommt immer mehr Einsätze als linker Verteidiger und überzeugt dort auf ganzer Linie. Auf der Position zeigte sich der 21-Jährige sehr diszipliniert und spielt deutlich mutiger nach vorne als der Protagonist dieses Artikels.

Gut für Hertha – schlecht für Plattenhardt. Ihm läuft die Zeit bzw. Mittelstädt davon. Der gebürtige Berliner drängt sich immer mehr auf, schoss im Pokal sogar sein erstes Profi-Tor. Im letzten Spiel gegen RB Leipzig (Endstand 0:3) zeigte Plattenhardt hingegen seine wohl schwächste Partie seit einiger Zeit. Auch defensiv erlaubt sich der deutsche Nationalspieler ungewohnte Schwächen und seine Abwehrarbeit war der eine Aspekt, auf den man sich immer verlassen konnte.

Doch hier ein Vergleich zwischen seinen Zahlen und denen von Herausforderer Mittelstädt. Plattenhardt bringt aktuell pro Partie 1,4 erfolgreiche Tacklings (letzte Saison noch 1,7) durch, Mittelstädt ganze 3, also über doppelt so viele. Dazu fängt “Platte” nur 0,4 Bälle pro Spiel ab (letzte Saison 0,8), Mittelstädt gelingt das sechsfache (!) mit 3,6 pro Spiel. Dazu klärt der U21-Nationalspieler rund doppelt so viele Aktionen wie sein Konkurrent. Selbst Valentino Lazaro, dem immer wieder defensive Schwächen angerechnet werden, ist in sämtlichen Defensiv-Statistiken besser als Plattenhardt. Es sind also nicht nur die Tore und Vorlagen, die dem Herthaner fehlen. Es sind auch grundsätzliche Tugenden eines Abwehrspielers.

Die Zeit, in der Plattenhardt unumstrittener Stammspieler bei der „alten Dame“ war, scheint langsam zu Ende zu sein. Es gibt einen neuen Linksverteidiger in der Stadt. Es ist wohl auch kein Zufall, dass Plattenhardt bei den drei bisher größten Erfolgen dieser Saison nicht auf dem Platz stand (Beim Sieg gegen Schalke 04, FC Bayern München und beim Remis in Dortmund spielte Mittelstädt als linker Verteidiger).

Wie geht es weiter?

Im Sommer 2018 ist bei Marvin Plattenhardt viel passiert: WM-Frust, Wechselgerüchte und eine sehr kurze Sommerpause. Das alles muss ein Spieler auch erstmal verarbeiten. Wenn dann noch eine neue Konkurrenzsituation entsteht, und zeitgleich die Formkurve nach unten zeigt, wird es nicht leichter. All das gilt es in seiner Bewertung zu beachten.

Der Glücksgriff von Michael Preetz (Der Marktwert von Plattenhardt beträgt heute laut transfermarkt.de 17 Millionen Euro) hat seit seiner Ankunft in Berlin eindrucksvoll gezeigt, was er in der Lage ist, zu leisten. Die aktuelle Situation sieht zwar nicht gut aus, seine Qualität kann man ihm jedoch nicht absprechen. Gefühlt fehlt dem 26-jährigen mentale Frische, er scheint sich von vielen Dingen noch nicht frei gemacht zu haben und leidet eventuell auch unter dem Erwartungsdruck von außen. Solch eine Phase darf auch ein deutscher Nationalspieler durchleben, die ganz großen Namen in Deutschland machen es aktuell vor.

Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass ihm Zeit auf der Bank gut tun würde, um nicht von Anpfiff abliefern zu müssen. Mittelstädt hat sich seine Chance verdient und ist sicherlich der letzte, der sich beschweren würde, wenn Dardai ihn nach z.B. 70 Minuten vom Platz nähme, um Plattenhardt zurück zur Normalform zu bringen. Oder aber es ist genau das richtige, wenn ihm Pal Dardai weiterhin das Vertrauen schenkt. Genau dieses Vertrauen hat nämlich dem Verteidiger ursprünglich so gut getan. „Mach dein Ding“, Platte. Dann ist alles möglich.

 


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