Hertha BSCKolumne

Am Scheidepunkt der Saison? – ein Kommentar zur aktuellen Situation bei Hertha BSC

Hertha BSC spielt in dieser Saison überraschend offensiven und erfrischenden Fußball. Die Stadionpläne kommen voran und der Verein befindet sich weiter auf dem Weg der finanziellen Konsolidierung. Also alles Friede, Freude, Eierkuchen in Berlin? Mitnichten. Denn die Situation zwischen der Vereinsführung mit Michael Preetz und den organisierten Fans eskaliert immer weiter. Deswegen sich der Verein in dieser Woche an einem Scheidepunkt befindet.

In Reaktion auf die Pyro- und Gewaltexzesse in Dortmund hat der Verein Spruchbänder, Doppelhalter etc. beim Heimspiel gegen Leipzig verboten. Die organisierten Fans riefen daraufhin einen Stimmungsboykott aus. Eine gespenstige Ruhe seitens der Herthafans war über weite Teile des Spiels die Folge. Der ausbleibende Support war somit sicherlich mit ursächlich für die enttäuschenden Leistung der Mannschaft gegen RB Leipzig. Eine Situation, die kein Herthaner wollen kann.

Eine Reaktion musste folgen – aber war es die richtige?

Die Geschehnisse in Dortmund waren zu heftig, als das Hertha BSC nicht hätte reagieren können. Zusätzlich bestand die Gefahr, dass im Spiel gegen das Hassobjekt RB Leipzig die Berliner Fans erneut mit geschmacklosen Aktionen für bundesweites Aufsehen sorgen (es wäre nicht das erste Mal) und so Hertha BSC in Verruf bringen. Ob dafür ein allgemeines Spruchbandverbot die richtige Maßnahme ist, kann man zu Recht diskutieren. Gleichzeitig hat Hertha BSC jedoch mit einem Gesprächsangebot für diese Woche auch einen Lösungsweg für die aktuellen Spannungen aufgezeigt.

Auslöser für die aktuellen Spannungen ist nicht die Vereinsführung

Der Auslöser für die aktuelle Eskalation – Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Es ist nicht die Aufgabe von Hertha BSC, gewaltsames oder beleidigendes Verhalten seiner Fans zu tolerieren oder gar zu decken. Indem der Verein auf das krasse Fehlverhalten seiner Fans in Dortmund reagieren musste, schaffte er zwangsläufig einen Anlass zur Solidarisierung der Berliner Fans.

Der eigentliche Auslöser – die eskalierte Geburtstagsfeier der Hauptstadtmafia – wird von den aktiven Fans in den Hintergrund geschoben. Indem sich die Diskussion auf das Spruchbandverbot und nicht auf die Gewalt und Zerstörungen in Dortmund konzentriert, scheint allein die Vereinsführung für die aktuellen Spannungen verantwortlich zu sein. Die Auseinandersetzungen zwischen aktiver Fanszene und Vereinsführung gewinnt aktuell immer mehr an Schärfe. Ein kompletter Bruch zwischen Verein und aktiver Fanszene wie in Hannover scheint auch bei Hertha BSC nicht mehr undenkbar.

Die Ultras müssen ihrer Rolle gerecht werden

Deshalb ist es nicht zielführend, dass die Ultras in dieser Situation erneut ein Gesprächsangebot der Vereinsführung ausgeschlagen haben. Ein Dialog, in dem beide Seiten Fehler eingestehen und ein kooperatives Miteinander vereinbaren, hätte die aktuellen Spannungen zwischen Verein und aktiver Fanszene entschärfen können. Mit der Verweigerung von direkten Gesprächen, entziehen sich die Ultras ihrer Verantwortung. Es wird ihrer herausgehobenen Stellung nicht gerecht, wenn sich die Ultras hinter anderen Fangruppierungen verstecken wollen. Denn der aktuelle Konflikt besteht nicht grundsätzlich zwischen Fans und Hertha BSC, sondern zwischen Ultras und Hertha BSC. Dementsprechend sollten insbesondere die betroffenen Akteure zueinanderfinden und sich verständigen.

Der komplette Bruch muss unbedingt verhindert werden

Gemeinsam stark: Mannschaft und Fans – Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Es ist nicht akzeptabel, dass die Hauptbeteiligten auch weiterhin nicht miteinander kommunizieren, denn damit provozieren sie den kompletten Bruch zwischen Verein und aktiven Fans. Am schlimmsten jedoch wäre eine weitere Eskalation der angespannten Situation, beispielsweise durch erneute Pyro- und Gewaltexzesse in Düsseldorf. Dann bestünde die Gefahr, dass Hertha BSC erneut eine Reaktion zeigen muss und dementsprechend der Stimmungsboykott weiterhin aufrecht erhalten wird. Dieser würde sicherlich den sportlichen Erfolg der Mannschaft gefährden. Auch deswegen fordert Cheftrainer Pal Dardai eine “schnelle Lösung” im Streit zwischen Verein und Fans.

Alle beteiligten Akteure müssen eine gesichtswahrende Lösung finden. Dazu gehört, dass der Verein realisiert, dass er über die Strenge geschlagen hat und  dementsprechend die Kollektivstrafen aufhebt. Es sollten nur die Personen bestraft werden, denen ein strafrechtlich relevantes Verhalten in Dortmund nachgewiesen werden kann. Dazu gehört aber auch, dass die Ultras sich als konstruktiver Teil des Vereins verstehen. Die Gegenseite anzuzeigen, ist hingegen nicht zielführend. Die Ultras müssen wieder in den direkten Dialog mit der Vereinsführung treten. Die Zeiten, in denen die Ultras auf ein “Zeichen des guten Willens” von Seiten des Vereins warten konnten, sind vorbei. Für Abwarten und Schmollen ist die aktuelle Situation zu gefährlich.

Sollte das Treffen zwischen Fans und Vereinsführung (ohne Ultras) keine substanziellen Ergebnisse bringen, gäbe es im November noch mit “Hertha im Dialog” (19.11.) und der Mitgliederversammlung (26.11.) weitere Gesprächsmöglichkeiten. Und wenn alles nichts hilft, muss man sich eben Hilfe von außen suchen – wie bei einer Eheberatung. Denn eine Scheidung ist keine Option.


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Hertha BSC spielt in dieser Saison überraschend offensiven und erfrischenden Fußball. Die Stadionpläne kommen voran und der Verein befindet sich weiter auf dem Weg der finanziellen Konsolidierung. Also alles Friede, Freude, Eierkuchen in Berlin? Mitnichten. Denn die Situation zwischen der Vereinsführung mit Michael Preetz und den organisierten Fans eskaliert immer weiter. Deswegen sich der Verein in dieser Woche an einem Scheidepunkt befindet.

In Reaktion auf die Pyro- und Gewaltexzesse in Dortmund hat der Verein Spruchbänder, Doppelhalter etc. beim Heimspiel gegen Leipzig verboten. Die organisierten Fans riefen daraufhin einen Stimmungsboykott aus. Eine gespenstige Ruhe seitens der Herthafans war über weite Teile des Spiels die Folge. Der ausbleibende Support war somit sicherlich mit ursächlich für die enttäuschenden Leistung der Mannschaft gegen RB Leipzig. Eine Situation, die kein Herthaner wollen kann.

Eine Reaktion musste folgen – aber war es die richtige?

Die Geschehnisse in Dortmund waren zu heftig, als das Hertha BSC nicht hätte reagieren können. Zusätzlich bestand die Gefahr, dass im Spiel gegen das Hassobjekt RB Leipzig die Berliner Fans erneut mit geschmacklosen Aktionen für bundesweites Aufsehen sorgen (es wäre nicht das erste Mal) und so Hertha BSC in Verruf bringen. Ob dafür ein allgemeines Spruchbandverbot die richtige Maßnahme ist, kann man zu Recht diskutieren. Gleichzeitig hat Hertha BSC jedoch mit einem Gesprächsangebot für diese Woche auch einen Lösungsweg für die aktuellen Spannungen aufgezeigt.

Auslöser für die aktuellen Spannungen ist nicht die Vereinsführung

Der Auslöser für die aktuelle Eskalation – Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Es ist nicht die Aufgabe von Hertha BSC, gewaltsames oder beleidigendes Verhalten seiner Fans zu tolerieren oder gar zu decken. Indem der Verein auf das krasse Fehlverhalten seiner Fans in Dortmund reagieren musste, schaffte er zwangsläufig einen Anlass zur Solidarisierung der Berliner Fans.

Der eigentliche Auslöser – die eskalierte Geburtstagsfeier der Hauptstadtmafia – wird von den aktiven Fans in den Hintergrund geschoben. Indem sich die Diskussion auf das Spruchbandverbot und nicht auf die Gewalt und Zerstörungen in Dortmund konzentriert, scheint allein die Vereinsführung für die aktuellen Spannungen verantwortlich zu sein. Die Auseinandersetzungen zwischen aktiver Fanszene und Vereinsführung gewinnt aktuell immer mehr an Schärfe. Ein kompletter Bruch zwischen Verein und aktiver Fanszene wie in Hannover scheint auch bei Hertha BSC nicht mehr undenkbar.

Die Ultras müssen ihrer Rolle gerecht werden

Deshalb ist es nicht zielführend, dass die Ultras in dieser Situation erneut ein Gesprächsangebot der Vereinsführung ausgeschlagen haben. Ein Dialog, in dem beide Seiten Fehler eingestehen und ein kooperatives Miteinander vereinbaren, hätte die aktuellen Spannungen zwischen Verein und aktiver Fanszene entschärfen können. Mit der Verweigerung von direkten Gesprächen, entziehen sich die Ultras ihrer Verantwortung. Es wird ihrer herausgehobenen Stellung nicht gerecht, wenn sich die Ultras hinter anderen Fangruppierungen verstecken wollen. Denn der aktuelle Konflikt besteht nicht grundsätzlich zwischen Fans und Hertha BSC, sondern zwischen Ultras und Hertha BSC. Dementsprechend sollten insbesondere die betroffenen Akteure zueinanderfinden und sich verständigen.

Der komplette Bruch muss unbedingt verhindert werden

Gemeinsam stark: Mannschaft und Fans – Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Es ist nicht akzeptabel, dass die Hauptbeteiligten auch weiterhin nicht miteinander kommunizieren, denn damit provozieren sie den kompletten Bruch zwischen Verein und aktiven Fans. Am schlimmsten jedoch wäre eine weitere Eskalation der angespannten Situation, beispielsweise durch erneute Pyro- und Gewaltexzesse in Düsseldorf. Dann bestünde die Gefahr, dass Hertha BSC erneut eine Reaktion zeigen muss und dementsprechend der Stimmungsboykott weiterhin aufrecht erhalten wird. Dieser würde sicherlich den sportlichen Erfolg der Mannschaft gefährden. Auch deswegen fordert Cheftrainer Pal Dardai eine “schnelle Lösung” im Streit zwischen Verein und Fans.

Alle beteiligten Akteure müssen eine gesichtswahrende Lösung finden. Dazu gehört, dass der Verein realisiert, dass er über die Strenge geschlagen hat und  dementsprechend die Kollektivstrafen aufhebt. Es sollten nur die Personen bestraft werden, denen ein strafrechtlich relevantes Verhalten in Dortmund nachgewiesen werden kann. Dazu gehört aber auch, dass die Ultras sich als konstruktiver Teil des Vereins verstehen. Die Gegenseite anzuzeigen, ist hingegen nicht zielführend. Die Ultras müssen wieder in den direkten Dialog mit der Vereinsführung treten. Die Zeiten, in denen die Ultras auf ein “Zeichen des guten Willens” von Seiten des Vereins warten konnten, sind vorbei. Für Abwarten und Schmollen ist die aktuelle Situation zu gefährlich.

Sollte das Treffen zwischen Fans und Vereinsführung (ohne Ultras) keine substanziellen Ergebnisse bringen, gäbe es im November noch mit “Hertha im Dialog” (19.11.) und der Mitgliederversammlung (26.11.) weitere Gesprächsmöglichkeiten. Und wenn alles nichts hilft, muss man sich eben Hilfe von außen suchen – wie bei einer Eheberatung. Denn eine Scheidung ist keine Option.


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