Habt ihr euch schon mal gewünscht, dass euch Hertha egal ist? Dass es euch nicht interessiert, gegen wen euer Team verloren hat? Welcher Spieler dabei vom Platz geflogen ist? Oder welche Fangruppen sich irgendwo daneben benommen haben? Es könnte so einfach sein, oder? Fernseher aus! Laptop zu! Interessiert mich alles nicht mehr …

Ich hab das am Samstag mal versucht und ich kann direkt sagen: Funktioniert nicht. Als ich den Fernseher ausgemacht habe, stand es noch 0:0, aber die Gelb-Rote Karte für Maxi Mittelstädt hatte mich dermaßen genervt (und es hatte zugegebenermaßen auch noch einen anderen Grund, dass ich das Haus verließ), dass ich das Unheil schon kommen sah. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, es half nichts: Jedes Gegentor, das mir per Liveticker-Push übermittelt wurde, war ein Stich ins Herz. Jeder Tweet, den ich mir abends durchlas, senkte meine Stimmung weiter. Es ist wirklich bemerkenswert (und vielleicht auch ein bisschen beängstigend), wie stark diese Mannschaft und dieser Verein mein Gefühlsleben bestimmt.

Die Emotionalität einer Niederlage

(Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Es funktioniert natürlich auch andersrum: Nach dem 2:0 gegen die Bayern ging alles leichter von der Hand. Was sollte passieren? Wir hatten gegen den Rekordmeister gewonnen! Nach dem 1:4 in Düsseldorf wäre ich dagegen am liebsten gar nicht mehr unter Leute gegangen. Wir hatten gegen einen Aufsteiger, mit dem uns seit 2012 mehr verbindet, als “nur” Fußball, eine richtige Klatsche kassiert. Dabei half es auch nicht, dass ich den Platzverweis für Mittelstädt für überzogen hielt und immer noch halte, weil er willkürlich verteilt schien. Da hatte einer schon Gelb und der Schiedsrichter hatte offensichtlich Lust, eine Rote folgen zu lassen. Die Theatralik des Düsseldorfers tat ihr Übriges.

In solchen Momenten würde ich meine Passion für diesen Verein gerne abstellen, weil er mir seelische Qualen bereitet. Ich fühle mich dann persönlich vom Schiedsrichter ungerecht behandelt, obwohl ich natürlich weiß, dass das Quatsch ist. Wie es auch völlig bescheuert ist, seine Stimmung von den Ergebnissen und Leistungen eines Fußballklubs abhängig zu machen. Aber andererseits habe ich offensichtlich keine Wahl. Denn obwohl ich die zweite Halbzeit gegen Düsseldorf nicht gesehen habe, zog mich das reine Ergebnis emotional runter, als wäre Hertha nicht 8., sondern 16. Wochenlang musste ich nicht auf den Abstand zu den Abstiegsrängen gucken, nach dem 1:4 habe ich es zum ersten Mal wieder getan.

Die Situation mit den Ultras

Hinzu kommt die nervige Gesamtsituation zwischen den Fans und der Vereinsführung. Die Debatte um die Aktion in Dortmund habe ich verfolgt, aber gleichzeitig versucht, sie nicht an mich ranzulassen. Denn bei allem Verständnis für die Ultra-Kultur, ich sehe in meiner Vorstellung von einem Miteinander keine Situation, in der ich einen brennenden Bengalo auf einen Menschen werfe oder auf ihn losgehe, weil er mir eine Fahne weggenommen hat. Und wenn es die Fahne meines kleinen Sohnes wäre – man kann das auch anders lösen als so.

Das Problem ist aber: Die, die da unten am Zaun in Dortmund für diese Szenen gesorgt haben, lieben diesen Verein ziemlich sicher genau so innig wie ich. Das verbindet uns auf eine absurde Art und Weise, denn ich bin mir ebenfalls relativ sicher, dass wir abseits davon, dass wir uns einig sind, dass Hertha jedes Spiel gewinnen sollte, nicht in allzu vielen Dingen einer Meinung sind. Aber in dem Moment, wo jemand aus dem Hertha-Block mit einer Stange in der Hand einen Polizisten anschreit (egal, wie verhältnismäßig der Einsatz gewesen sein mag oder nicht) oder einen Bengalo in die Polizistenmasse wirft, nimmt er mich mit. Ich bin als Hertha-Fan dabei und muss mich in der Woche danach dafür rechtfertigen oder mir irgendwelche Sprüche anhören. “Haste am Wochenende wieder gezündelt?” Ich will das nicht. Es gehört momentan aber leider dazu. Wenn ich ehrlich bin, will ich auch keine Mannschaft, die 2:0 gegen die Bayern gewinnt und es dann nicht schafft, wenigstens einmal gegen Mainz, Freiburg oder Düsseldorf zu gewinnen. Ich hatte das zu Saisonbeginn schon einmal formuliert: “Wirklich pissig werden Hertha-Fans nur, wenn Mainz 05 im Olympiastadion auftrumpft oder der SC Freiburg hier die bessere Mannschaft ist.” Ok, es war umgekehrt, Fakt ist aber, dass ich Fortuna Düsseldorf da gar nicht hingeschrieben habe, weil ich wirklich nicht davon ausgegangen wäre, dass wir gegen die derart untergehen.

Dardai ist nun gefragt

(Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Mittlerweile muss man ja sagen, dass das Bayern-Spiel ein Wendepunkt war. Seit diesem Jubeltag hat Hertha nicht mehr gewonnen und mit Ausnahme der Partie gegen Freiburg auch nicht mehr verdient gehabt. Rein punktetechnisch hätte es im Nachhinein mehr gebracht, gegen Bayern zu verlieren und dafür gegen Düsseldorf und Freiburg zu gewinnen. Aber schon klar: Hätte, hätte … Was ich sagen will (und gleichzeitig nicht, denn ganz tief in mir drin ist mir alles recht, was nicht Abstiegskampf ist, auch das graue Mittelmaß, aber jetzt hab ich den Satz schon begonnen): Kann Hertha sich mal entscheiden? Ist das nun diese tolle Mannschaft, in der jeder für jeden kämpft und die Stimmung so toll ist, wie lange nicht und die spielerischen Lösungen so großartig wie noch nie? Oder bricht das alles bei der erstbesten Gegenwehr, die nicht nach Champions League klingt, in sich zusammen? Manchmal wünsche ich mir, dass Pal Dardai diese Antworten parat hätte. Ich liebe ihn ja für seine schonungslose Ehrlichkeit. Aber wenn er einen Tag nach dem Spiel gegen Düsseldorf sagt: “Wir trainieren seit Jahren die Defensive nicht, weil wir es nicht gebraucht haben. Das Verhalten war bisher gut. Aber jetzt gegen den Ball, da ist irgendwas passiert. Die (Spieler) sind nicht so scharf …”, (Quelle: Immerhertha) dann hört sich das für mich nicht zum ersten Mal danach an, als wäre da jemand völig überrascht von einer Entwicklun, die in seinem Aufgabenbereich liegt. Schon der erste Satz muss eigentlich alle Alarmleuchten blinken lassen. Woher solll denn zum Beispiel ein Derrick Luckassen wissen, wie er im Verbund verteidigen soll, wenn das nie trainiert wird?

Es ist höchste Zeit, da mal wieder ein paar Einheiten anzusetzen. Dardai hat ja zu Beginn seiner Karriere immer über seine Pyramide gesprochen. Wenn ich ihn richtig verstehe, bröckelt das Fundament gerade, weil sich lange Zeit niemand drum gekümmert hat. Die Länderspielpause kommt in diesem Zusammenhang und vor dem Spiel gegen taktisch und vor allem offensiv herausragende Hoffenheimer zum perfekten Zeitpunkt. Zwar sind zwölf Herthaner mit ihren Nationalteams unterwegs, darunter ist allerdings kein Abwehrspieler und mit Arne Maier auch nur ein defensiverer Sechser.

Für mich ist die Pause eh perfekt. Bei Länderspielen bin ich schon länger nicht mehr emotional involviert. Das werden entspannte zwei Wochen. Bei Hertha wird sich diese Entspannung allerdings nie einstellen, emotional wird mich dieser Verein immer fesseln, dessen bin ich mir bewusst. Es wäre nur schön, wenn ich in der Zukunft nicht mehr ganz so oft den Wunsch verspüre, dass es nicht so ist.

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