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Leihspieler Grujic: Herthas offene Beziehung

Am Sonntag ist die Hoffnung auf eine erfolgreiche Rückrunde das erste Mal wieder gelaufen. 22 Jahre ist sie alt, 1,90 Meter groß, 80 Kilo schwer. Es war ein besonderer Tag für Marko Grujic. Nicht nur, weil er nach seinem Bänderriss endlich wieder ins Lauftraining eingestiegen ist, sondern auch, weil er auf den Tag drei Jahre zuvor seinen Profivertrag beim FC Liverpool unterschrieben hatte. Ein Umstand allerdings, der für Hertha BSC ein Problem darstellt.

Denn es ist ja so: Marko Grujic ist ein Spieler, wie man ihn bei Hertha ein ganzes Jahrzehnt lang nicht gesehen hat. Marko Pantelic, ein Landsmann von Grujic, war so einer, von dem man in jeder noch so verfahrenen Situation dachte: Vielleicht hat er ja noch einen Geistesblitz. Doch der Unterschiedsspieler Grujic gehört dem FC Liverpool, ist nur zur Leihe in Berlin. Hier würde man sagen: “Der hat nochn Koffer in Liverpool.” Genau genommen hat er sogar nur einen Berlin, aber so genau wollen wir es dann auch nicht nehmen. Fakt ist: Grujic wird, wenn es sein Klub will, am Ende der Saison weg sein. Wenn er bis dahin noch sechzehn oder siebzehn Spiele für Hertha gemacht hat, ist die Wahrscheinlichkeit nach allem, was bislang war, recht groß, dass es eine sehr erfolgreiche Rückrunde für Hertha wird. Doch was dann?

Grujic ist zu gut für Hertha

Foto: ROBERT MICHAEL/AFP/Getty Images

Es ist das Problem am Modell “Leihspieler ohne Kaufoption”, dass es ein unsicheres ist, obwohl die Bedingungen klar sind. Zwar hofft die eine Seite (Hertha) immer, dass der Spieler (Grujic) sich vielleicht irgendwie doch in die Stadt oder sogar den Klub verliebt und am Ende doch bleibt. Der Faktor Hauptstadt hat ja schon andere (Kalou) überzeugt und dass ein Davie Selke nach Berlin wechselt, hätte vorher auch kaum jemand gedacht. Aber wenn man mal ganz unromantisch auf die Sache schaut, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Grujic in Berlin noch ein Jahr ranhängt, genauso gering, wie die, dass Marko Pantelic nochmal für Hertha aufläuft.

Der Serbe ist einfach zu gut für diesen Klub. Wenn Liverpool am Ende der Saison entscheidet, dass er noch einmal verliehen werden wollte, stehen Klubs aus höheren Regalen Schlange. Nein, ohne rosarote Brille ist klar: Grujic wird nächste Saison nicht mehr für Hertha spielen. Und deshalb lohnt es sich, einen kritischen Blick auf das Modell Leihspieler zu werfen. Dass es Vorteile hat, liegt auf der Hand. Einer wie Grujic macht alle um ihn herum besser. Er hebt die Mannschaft auf ein höheres Niveau, wodurch alle im Team profitieren. Jeder Spieler erhält mehr Selbstvertrauen, wird dadurch ein mutigerer Fußballer und wie wichtig Mut im Fußball ist, das zeigt schon die Tatsache, dass im Abstiegskampf – also bei den weniger erfolgreichen Vereinen – oft von Angst die Rede ist, die sich breitmacht.

Frankfurt als Vorbild?

Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Bei Hertha betrifft diese Aufwertung konkret Spieler wie zum Beispiel Valentino Lazaro, Arne Maier oder Ondrej Duda, die mit und um Grujic im Schnitt eine ganze (oder sogar zwei) Note(n) besser spielen, weil sie wissen: Den Marko, den kann ich immer anspielen – und notfalls sichert er mich sogar ab. Einer wie Arne Maier kann sich im täglichen Training Dinge von Grujic abgucken, die ihm weder Pal Dardai noch Rainer Widmayer jemals zeigen können. Ein überragender Leihspieler ist goldwert, wenn er so einschlägt, wie Marko Grujic. Vor allem für einen Klub wie Hertha, der viele Jugendspieler integrieren will, die dann von einem wie ihm lernen können.

Allerdings endet diese Aufwertung abrupt am Ende der Saison. Immerhin: Der Lerneffekt bleibt. Aber nicht jeder schafft es so herausragend wie zum Beispiel Eintracht Frankfurt in den vergangenen Jahren sich durch Leihspieler ein Mannschaftsniveau zu erarbeiten, dass sie bis in die K.o.-Runde der Europa League geführt hat. Die Frankfurter um Fredi Bobic haben es seit dem Wiederaufstieg 2012 meisterhaft verstanden, Leihspieler von der Eintracht zu überzeugen, zum Teil auch an den Klub zu binden oder nach dem erwartbaren Abgang gleichwertig zu ersetzen. Natürlich gehört auch Glück dazu und ein Trainer, der dazu passt, aber die Eintracht zeigt, wohin ein gutes Leihspieler-Management führen kann.

Ein zwiespältiges Gefühl bleibt

Bei Hertha muss sich erst noch zeigen, wie gut das funktioniert. Wobei man sagen muss: Soweit wie bei der Eintracht ist es ja noch lange nicht. Grujic ist momentan der einzige ausgeliehene Spieler ohne Kaufoption. Aber mal angenommen, Hertha zieht dank eines überragenden und verletzungsfreien Marko Grujic völlig überraschend in die Champions League ein – Grujic wird dann aber von Liverpool zurückgerufen. Dann steht eine Mannschaft in der Königsklasse, die den Mann verloren hat, der sie dort hingeführt hat. Einen Grujic gleichwertig zu ersetzen, ist mit Herthas finanziellen Möglichkeiten eigentlich unmöglich.

Und so bleibt immer ein zwiespältiges Gefühl, wenn Marko Grujic für Hertha aufläuft. Auf der einen Seite ist es fantastisch mitanzusehen, wie er die Truppe zum Erfolg führt und man sollte diese Momente als Hertha-Fan genießen. Auf der anderen Seite ist sein Zustand im Team wie Sand, der einem durch die Finger rinnt, nichts Festes eben. Marko Grujic ist Herthas offene Beziehung. Der Klub weiß, dass der Spieler mit einem anderen Verein verbandelt ist, genießt aber jeden Moment mit ihm. Vielleicht passt das am Ende sogar besser zum Berliner Lebensgefühl, als jeder andere Spieler zuvor.

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Denn es ist ja so: Marko Grujic ist ein Spieler, wie man ihn bei Hertha ein ganzes Jahrzehnt lang nicht gesehen hat. Marko Pantelic, ein Landsmann von Grujic, war so einer, von dem man in jeder noch so verfahrenen Situation dachte: Vielleicht hat er ja noch einen Geistesblitz. Doch der Unterschiedsspieler Grujic gehört dem FC Liverpool, ist nur zur Leihe in Berlin. Hier würde man sagen: “Der hat nochn Koffer in Liverpool.” Genau genommen hat er sogar nur einen Berlin, aber so genau wollen wir es dann auch nicht nehmen. Fakt ist: Grujic wird, wenn es sein Klub will, am Ende der Saison weg sein. Wenn er bis dahin noch sechzehn oder siebzehn Spiele für Hertha gemacht hat, ist die Wahrscheinlichkeit nach allem, was bislang war, recht groß, dass es eine sehr erfolgreiche Rückrunde für Hertha wird. Doch was dann?

Grujic ist zu gut für Hertha

Foto: ROBERT MICHAEL/AFP/Getty Images

Es ist das Problem am Modell “Leihspieler ohne Kaufoption”, dass es ein unsicheres ist, obwohl die Bedingungen klar sind. Zwar hofft die eine Seite (Hertha) immer, dass der Spieler (Grujic) sich vielleicht irgendwie doch in die Stadt oder sogar den Klub verliebt und am Ende doch bleibt. Der Faktor Hauptstadt hat ja schon andere (Kalou) überzeugt und dass ein Davie Selke nach Berlin wechselt, hätte vorher auch kaum jemand gedacht. Aber wenn man mal ganz unromantisch auf die Sache schaut, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Grujic in Berlin noch ein Jahr ranhängt, genauso gering, wie die, dass Marko Pantelic nochmal für Hertha aufläuft.

Der Serbe ist einfach zu gut für diesen Klub. Wenn Liverpool am Ende der Saison entscheidet, dass er noch einmal verliehen werden wollte, stehen Klubs aus höheren Regalen Schlange. Nein, ohne rosarote Brille ist klar: Grujic wird nächste Saison nicht mehr für Hertha spielen. Und deshalb lohnt es sich, einen kritischen Blick auf das Modell Leihspieler zu werfen. Dass es Vorteile hat, liegt auf der Hand. Einer wie Grujic macht alle um ihn herum besser. Er hebt die Mannschaft auf ein höheres Niveau, wodurch alle im Team profitieren. Jeder Spieler erhält mehr Selbstvertrauen, wird dadurch ein mutigerer Fußballer und wie wichtig Mut im Fußball ist, das zeigt schon die Tatsache, dass im Abstiegskampf – also bei den weniger erfolgreichen Vereinen – oft von Angst die Rede ist, die sich breitmacht.

Frankfurt als Vorbild?

Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Bei Hertha betrifft diese Aufwertung konkret Spieler wie zum Beispiel Valentino Lazaro, Arne Maier oder Ondrej Duda, die mit und um Grujic im Schnitt eine ganze (oder sogar zwei) Note(n) besser spielen, weil sie wissen: Den Marko, den kann ich immer anspielen – und notfalls sichert er mich sogar ab. Einer wie Arne Maier kann sich im täglichen Training Dinge von Grujic abgucken, die ihm weder Pal Dardai noch Rainer Widmayer jemals zeigen können. Ein überragender Leihspieler ist goldwert, wenn er so einschlägt, wie Marko Grujic. Vor allem für einen Klub wie Hertha, der viele Jugendspieler integrieren will, die dann von einem wie ihm lernen können.

Allerdings endet diese Aufwertung abrupt am Ende der Saison. Immerhin: Der Lerneffekt bleibt. Aber nicht jeder schafft es so herausragend wie zum Beispiel Eintracht Frankfurt in den vergangenen Jahren sich durch Leihspieler ein Mannschaftsniveau zu erarbeiten, dass sie bis in die K.o.-Runde der Europa League geführt hat. Die Frankfurter um Fredi Bobic haben es seit dem Wiederaufstieg 2012 meisterhaft verstanden, Leihspieler von der Eintracht zu überzeugen, zum Teil auch an den Klub zu binden oder nach dem erwartbaren Abgang gleichwertig zu ersetzen. Natürlich gehört auch Glück dazu und ein Trainer, der dazu passt, aber die Eintracht zeigt, wohin ein gutes Leihspieler-Management führen kann.

Ein zwiespältiges Gefühl bleibt

Bei Hertha muss sich erst noch zeigen, wie gut das funktioniert. Wobei man sagen muss: Soweit wie bei der Eintracht ist es ja noch lange nicht. Grujic ist momentan der einzige ausgeliehene Spieler ohne Kaufoption. Aber mal angenommen, Hertha zieht dank eines überragenden und verletzungsfreien Marko Grujic völlig überraschend in die Champions League ein – Grujic wird dann aber von Liverpool zurückgerufen. Dann steht eine Mannschaft in der Königsklasse, die den Mann verloren hat, der sie dort hingeführt hat. Einen Grujic gleichwertig zu ersetzen, ist mit Herthas finanziellen Möglichkeiten eigentlich unmöglich.

Und so bleibt immer ein zwiespältiges Gefühl, wenn Marko Grujic für Hertha aufläuft. Auf der einen Seite ist es fantastisch mitanzusehen, wie er die Truppe zum Erfolg führt und man sollte diese Momente als Hertha-Fan genießen. Auf der anderen Seite ist sein Zustand im Team wie Sand, der einem durch die Finger rinnt, nichts Festes eben. Marko Grujic ist Herthas offene Beziehung. Der Klub weiß, dass der Spieler mit einem anderen Verein verbandelt ist, genießt aber jeden Moment mit ihm. Vielleicht passt das am Ende sogar besser zum Berliner Lebensgefühl, als jeder andere Spieler zuvor.

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