Am 20. Januar startet Hertha BSC mit dem Auswärtsspiel beim 1. FC Nürnberg in die Rückrunde. Es ist jedoch nicht irgendeine Halbserie, denn den Hauptstadtverein werden in den kommenden Wochen und Monaten zahlreiche Aufgaben und Entscheidungen begegnen, die maßgeblichen Einfluss auf die kommenden Jahre haben werden. Die “alte Dame” steht vor einem mannigfaltigen Umbruch, der 2019 in viele Bahnen gelenkt werden muss.

“Richtungsweisend” ist ohne Frage ein überstrapaziertes Wort im Profi-Fußball. Nahezu jeder Spieltag, jeder Transfer, jede Aussage wird mit diesem Attribut betitelt, was es dadurch zwangsläufig inflationär erscheinen lässt. Im Fall von Hertha trifft es “richtungsweisend” aber äußerst genau – schließlich wurde beispielsweise von Geschäftsführer Sport Michael Preetz ein klar formuliertes sportliches Ziel für die Rückrunde ausgegeben, dass bei einem Nicht-Erreichen spürbare Konsequenzen für Trainer und Mannschaft bedeuten würde. Auch die Masse an auslaufenden Verträgen, die Zukunft von Leihspieler Marko Grujic und zahlreiche Thematiken außerhalb des Platzes spielen eine große Rolle für die nahe und dann wiederum ferne Zukunft des Vereins. Es stehen entscheidende Monate für den gesamten Klub an, der in dieser Zeit sein zukünftiges Gesicht prägen wird.

Die klare Forderung von Preetz

“Wir müssen den Beweis antreten, auch einmal eine bessere Rück- als Hinrunde zu spielen”, stellte Michael Preetz nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen gegenüber der Berliner Morgenpost klar und zurrte somit bereits das Ziel für die zweite Halbserie der Saison fest: mehr als die in der Hinrunde erreichten 24 Punkte sammeln. Selten hat Herthas sportlicher Leiter öffentlich solch klare Anforderungen gestellt, selten wirkte er nach nach einer Hinrunde so verärgert. “Es darf keine Zufriedenheit aufkommen, wenn wir mal zwei oder drei Spiele hintereinander gewinnen. In dem Moment, wo es scheinbar gutgeht, haben wir noch nichts erreicht. Es muss der Reflex einsetzen, dass man jetzt richtig loslegen will und das Gaspedal durchdrücken muss. Das hat mir gefehlt, das ärgert mich. Wir hätten mehr erreichen können, als wir es getan haben. Ich will, dass wir lernen, in solchen Momenten zuzupacken”, definierte Preetz im Interview mit dem Berliner Kurier seine Erwartungen an die Rückrunde.

(Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Diese Worte sind ein klarer Auftrag für Spieler wie Trainer. “Unterm Strich haben wir drei Spiele abgeliefert, die mir wirklich Sorgen bereitet haben, weil wir da nicht eine Mentalität gezeigt haben, dass wir unbedingt alles erreichen wollen”, so Preetz, der damit auf die Niederlagen gegen Fortuna Düsseldorf (1:4), den VfB Stuttgart (1:2) und Bayer Leverkusen (1:3) verwies. Ähnliches darf sich in den bevorstehenden 17 Bundesliga-Partien nicht noch einmal ereignen. Preetz will mehr, hat einen dementsprechend ambitionierten Kader zusammengestellt, welcher zweifellos der beste seit Jahren ist.

Stagnation ist nicht erlaubt – das gilt im schnelllebigen Fußballgeschäft ohnehin, bei Hertha aber in dieser Spielzeit noch mehr. Die Zeiten der Stabilisierung und Etablierung im Oberhaus des deutschen Fußballs sind vorbei, neue Ziele werden angestrebt. Es ist ein spürbarer Kulturwandel im Gange.

 

Dardai muss sich beweisen – Schluss im Sommer?

Doch so schnelllebig dieser Sport auch ist – eine Sache wird sich nie ändern: hauptverantwortlich für den sportlichen Erfolg einer Mannschaft ist und bleibt der Cheftrainer. Und dieser wird auch zur Rechnung gezogen, wenn eben jeder ausbleibt oder den Erwartungen nicht entspricht. Bei Hertha ist das ausgegebene Ziel, mehr als 24 Punkte aus der Rückrunde herauszuholen und sollte dieses nicht erreicht werden, könnte es erstmals richtig eng für Pal Dardai werden.

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Zuletzt berichteten Medien immer wieder von einem leicht unterkühlten Verhältnis zwischen Manager und Trainer, welches bereits im Sommer-Trainingslager seinen Ursprung fand. Streitobjekt war das neue System mit einer Dreier-/Fünferkette, welches Preetz gerne offensiv interpretiert hätte, Dardai aber vor allem als weiteren Defensivmechanismus verstand. Eine Meinungsverschiedenheit, die vielleicht schon tief blicken lässt. Michael Preetz hat die Zeichen der Zeit erkannt – der Fußball, den Hertha die letzten Jahre, spielte, euphorisiert den Fan nicht und lockt schon gar nicht neue Zuschauer ins oft zu leere Olympiastadion. Defensiv sicher stehen und offensiv eiskalt zuschlagen sind Werte, die Dardai der vorher so chaotischen “alten Dame” in nahezu Perfektion eingeimpft hatte. Doch mit vorhanden Kader, der vor Spielwitz und Technik strotzt, sind neue Attribute gefragt: Mut, Spielfreude, Tempo, offensiver Fußball.

Dass der Ungar auch das bieten kann, zeigte das erste Saisondrittel. Die Siege gegen Schalke 04, Borussia Mönchengladbach und dem FC Bayern München führten zu einem regelrechtem Hype um den Berliner Sportclub, selten war die mediale Aufmerksamkeit in den letzten Jahren so groß. Die Spiele machten schlichtweg großen Spaß, Namen wie Lazaro, Grujic, Duda oder Dilrosun lagen in aller Munde. Der Werbe-Claim “Die Zukunft gehört Berlin” schien sehr viel Wahrheit in sich zu tragen. Doch der besondere Flair verzog sich nach dem Heimerfolg gegen den deutschen Rekordmeister und machte Platz für die gräuliche Tristesse, die man in Berlin bereits zu gut kennt.

Es ist nun an Dardai, den mutigen Fußball aus der ersten Saisonphase wiederzubeleben und damit zu zeigen, dass dieser kein Zufallsprodukt war, sondern für das neue Hertha steht. Preetz ist gewillt, den Verein immer weiter nach vorne zu bringen und sich nicht mit dem Tabellenmittelfeld zufriedenzugeben. Sollte Herthas sportlicher Leiter erkennen, dass Dardai aber nicht zu mehr im Stande ist, wird es eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dessen Zukunft geben. Hertha will den nächsten Schritt gehen – kann Dardai das auch?

Kurz vor Weihnachten haben wir uns zusammengesetzt und die abgelaufene Hinrunde Herthas ausgiebig analysiert – eine Hör-Empfehlung, bevor es am Sonntag wieder losgeht!

Der drohende Aderlass im Sommer

Eine ähnlich spannende Frage wie die nach der Zukunft von Dardai, ist, wie Herthas Profi-Kader im kommenden Sommer aussehen wird. Über ein Dutzend Verträge laufen aus, dazu könnte es zu Verkäufen kommen und auch im Trainerstab stehen Veränderungen an.

Nach viereinhalb Jahren wird sich das Widmayer-Dardai-Gespann wohl auflösen. (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Anfangen muss man bei einem bereits verkündeten Abgang für den bevorstehenden Sommer: Co-Trainer Rainer Widmayer wird es nach viereinhalb Jahren an der Seite von Pal Dardai wieder in die Heimat ziehen. Am Dienstag wurde von beiden Vereinen verkündet, dass der Schwabe zum VfB Stuttgart zurückkehrt. Mit Widmayer wird ein verdienter Mitarbeiter und Macher des jüngeren Erfolgs gehen. Dem 51-Jährigen wird oft nachgesagt, das Taktik-Hirn der Blau-Weißen zu sein. Zu seinen Hauptaufgaben zählt der Matchplan für den jeweiligen Gegner, damit einhergehend also auch die taktische Variabilität der Mannschaft. Die Antwort darauf, wie stilprägend die Arbeit von Widmayer ist und wie exakt die Aufgabenverteilung zwischen ihm und Dardai aussieht, liegt in der Blackbox des Berliner Trainerstabs. Es ist aber nicht weit hergeholt, wenn die These aufgestellt werden würde: mit dem Abgang von Widmayer wird sich einiges im Trainerteam der “alten Dame” verändern – ob positiv oder negativ, bleibt abzuwarten. Doch auch hier wird die Entscheidung um seinen Nachfolger prägenden Charakter für die Zukunft einnehmen.

Drei der hier abgebildeten Spieler könnten im Sommer weg sein. (Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images)

Welche Gesichter kommende Spielzeit auf der Trainerbank des Hauptstadtvereins zu sehen sein werden, ist so unsicher, wie die Frage nach denen auf dem Feld. Die Verträge von sowohl aufstrebenden Talenten wie auch erfahrenen Recken laufen kommenden Sommer aus und nun steht die Entscheidung an, wie Hertha seinen Kader für die kommenden Jahre aufstellen will. Da wären zum einen die Routiniers: Per Skjelbred (31), Fabian Lustenberger (30), Thomas Kraft (30) und Vedad Ibisevic (34) – allesamt nehmen jeweils unterschiedliche Rollen im Kader ein und so muss jeweils evaluiert werden, ob sie noch etwas zur Zukunft des Clubs beizutragen haben. Des Weiteren muss die Wahl getroffen werden, welche Youngsters man auch auch in den kommenden Jahren weiterentwickeln will – die Verträge von Palko Dardai (19), Florian Baak (19), Jonathan Klinsmann (21), Marius Gersbeck (23), Sidney Friede (20), Maurice Covic (20) und Dennis Smarsch (20) laufen aus. Es würde den Rahmen sprengen, in diesem Artikel die Chancen jedes Einzelnen auf einen Verbleib einzuschätzen – zumal die Berliner Morgenpost das bereits übernommen hat. Fakt ist jedoch, dass in Berlin ein Umbruch vor der Tür steht, dem man sich nicht mehr entziehen kann und der maßgeblichen Einfluss auf die Kaderstruktur der nächsten Spielzeiten haben wird.

Doch nicht nur die auslaufenden Verträge stehen auf der To-do-Liste von Michael Preetz. Mindestens drei weitere Namen werden Herthas Geschäftsführer Sport ebenfalls viel beschäftigen. Die Zukunft der beiden Leihspieler, Derrick Luckassen und Marko Grujic, ist noch ungeklärt. Während der niederländische Innenverteidiger noch kaum Akzente setzen konnte und Hertha aufgrund der eingebauten Kaufoption nicht so schnell wegläuft, ist die Sorge sehr groß, Grujic nicht halten zu können. Der 22-jährige Serbe hat das Spiel Herthas in nur sieben Einsätzen maßgeblich geprägt und sich bereits in alle Fan-Herzen gespielt. Stand jetzt ist davon auszugehen, dass die Liverpooler Leihgabe seine Zelte im Sommer wieder abbricht, doch wird Preetz wie ein Löwe um ihn kämpfen. Sollte es nicht gelingen, Grujic ein weiteres Jahr in Berlin zu halten, bräuchte es eine personelle Alternative, die einen Mann seines Formats in etwa kompensiert, aber auch finanziell realisierbar ist. Ähnliches gälte, sollte Valentino Lazaro den Verein in einem halben Jahr verlassen. Bereits im Winter waren Vereine wie der AC Mailand an dem 22-jährigen Außenbahnspieler interessiert und so wird sich der Österreicher sehr wahrscheinlich in die jährlichen Top-Verkäufe Berlins einreihen – wie John Brooks und Mitchell Weiser vor ihm. Verliert Hertha auf einen Schlag zahlreiche Routiniers, Marko Grujic, Valentino Lazaro und den Co-Trainer, stehen Manager und Trainer vor einem riesigen Berg, der ein Schild mit “Neuaufbau” drauf trägt und nicht nur eine Spielzeit verlangt, um erklommen zu werden.

Ein Zuhause auf Zeit – das Olympiastadion (Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Themen auf den Rängen

Bereits 1.500 Wörter sind in diesen Artikel geflossen und dennoch lassen sich weiterhin Themen finden, die in den kommenden Monaten Herthas Zukunft in gewisse Bahnen lenken werden. Allein das zeigt auf, in welchem Wandel sich dieser Verein befindet. Es sind nicht nur sportliche Aspekte, welche die nächste Zeit bestimmen werden – auch Themen außerhalb des Platzes stehen auf der Hertha-Agenda.

Das wohl größte ist das Projekt “Neues Stadion”. Geplant war folgendes: “Im ersten Quartal des neuen Jahres will die Vereinsspitze den Pachtvertrag mit dem Land Berlin für das 53.600 Quadratmeter große Baugrundstück unter Dach und Fach haben. Das dafür notwendige Wertgutachten, das der Senat in Auftrag gegeben hat, sollte bis zum Jahresende fertig sein”, so der Tagesspiegel in einem Artikel vom 30. Dezember letzten Jahres. Das angesprochene Gutachten wird laut Senat-internen Kreisen allerdings frühestens im Februar vorliegen, doch laut Klaus Teichert, Geschäftsführer von Herthas Stadion-GmbH, läge man dennoch im Zeitplan. Unabhängig davon, ob sich das Gutachten um Wochen oder Monate verspätet, wird die nähere Zukunft Aufschluss darüber geben, wie es mit Herthas Wunsch nach einer eigenen Fußballarena weitergeht. Kaum etwas ist so entscheidend für die kommenden Jahrzehnte, wie die Frage, ob Hertha endlich in einem eigenen Stadion Spiele veranstalten darf – das Image nach Außen, die Verankerung in der Stadt Berlin und eine weitere Einnahme-Säule hängen davon ab.

Auch die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Fanzene umtreibt den Verein. In der Hinrunde gab es zahlreiche Verwerfungen mit dem harten Fan-Kern, u.a. der Auseinandersetzung mit der Polizei im Spiel gegen Borussia Dortmund geschuldet. Folgen waren ein Bannerverbot (für ein Spiel) und daraufhin ein Stimmungsboykott der Ultras. Das Tischtuch, an dem auch immer wieder die Paul-Keuter-Thematik zerrt, schien kurz vor dem Zerreißen zu stehen. Vereinsführung und Fanvertreter haben es allerdings geschafft, nach langer Zeit des Anschweigens wieder in einen Dialog zu treten, um ihre Beziehung wieder zu stärken und Probleme direkt ansprechen zu können. Es muss beiden Seiten in dieser Rückrunde gelingen, diesen Dialog aufrecht zu erhalten und keine erneute Eskalation zu provozieren – das gilt für beide Parteien. Die Konsequenzen eines erneuten Streits sind nicht auszumalen und könnten zu einer Hannover-esken Situation führen. Man hat nun ca. sechs Monate, um aus seinen Fehlern der Vergangenheit zu lernen und im Sommer einen Neustart zu beginnen – oder aber es kommt zum großen Knall.

Fazit: Es stehen spannende Zeiten für Hertha BSC an – der Wandel in so vielen Bereichen hat begonnen und wird Konsequenzen mit sich ziehen. Es ist offensichtlich, dass sich der Verein auf die nächste Stufe des Profi-Fußballs hieven will und nun stellt sich die Frage, wie viele Fans, Spieler und Trainer er mitnehmen kann. Vieles davon wird sich im kommenden halben Jahr entscheiden, was die Situation von Hertha so speziell macht. Dieser Artikel hat bewusst darauf verzichtet, die gestellten Fragen zu beantworten – sie sind schlichtweg zu offen oder weitreichend, als dass es Sinn ergäbe, Vermutungen anzustellen. Das zeigt allerdings auch, was für eine Herkulesaufgabe Herthas Geschäftsführung bevorsteht.


4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Mit dem Abschied des Co Trainers hat und wird sich der Abwärtstrend von HBSV fortsetzen. Mit Ende der letzten Ssison hätte man einen neuen Trainer präsentieren müssen. Dieses Versäumnis kann sich in der Rückrunde als Nachteil herausstellenden, so dass weit weniger als die 24 Punkte der Hinrunde zuNuche schlagen werden. Die guten Ansätze der Mannschaft sind überhaupt nicht stringent und haben viel zu viele Schwankungen. Ein Makel den Dardai nicht aufheben wird.
Er ist eben nicht der Kreative, sondern er ist und bleibt ein Arbeiter ohne Ideen.

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Lukas, nicht im nächsten Podcast vergessen mindestens drei Mal zu erwähnen, dass du ja eine besondere Beziehung “zum Club” hast… 😉

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[…] 16. January 2019PloggoHerthabaseNo Comments […]

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[…] jedoch steht in der Rückrunde die Kaderplanung für die nächste Saison an. Und hier steht Hertha BSC an einem Scheideweg, denn diverse Spielerverträge laufen aus. Die Vertragsverlängerung sorgt hier für […]

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