Vorbericht

Hertha BSC – Schalke 04: Dardais Team vor der Reifeprüfung

Ein jeder kennt das alljährliche Spiel mit den Neujahrsvorsätzen. Kaum steht Silvester vor der Tür, setzt man sich allerhand ambitionierte Ziele, die man ohnehin nicht erreicht. Bei Hertha lautete dieses Ziel, endlich mal eine ordentliche Rückrunde zu spielen. Der Start war in dieser Hinsicht schon einmal sehr verheißungsvoll. Nach dem 3:1 gegen Nürnberg konnte sich Hertha auf einen europäischen Tabellenrang vorschieben, zeigte endlich wieder die am Ende des letzten Jahres so lang vermisste Stabilität in der Defensive und wusste auch im Spiel nach vorn zu überzeugen. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass der Tabellenletzte aus dem Frankenland nicht wirklich als Gradmesser herhalten kann. Gerade das 1:0 durch Ibisevic wäre in dieser Form wohl gegen keinen anderen Bundesligisten zustandegekommen. Dennoch müssen diese Lücken auch erstmal ausgenutzt werden. So kann Hertha nun mit Selbstvertraün ins Spiel am Freitagabend gehen. Dort wartet mit Schalke 04 ein Gegner von einem anderen Kaliber.

In Vorbereitung auf das Spiel haben wir mit der Schalke-Expertin und Journalistin Nele gesprochen, die uns die Lage rund um ihren Verein geschildert hat.

Der turbulente Schalker Winter

Ralf Fährmann, Schalke 04

Vor dem Spiel von Schalke gegen Wolfsburg wurde Ralf Fährmann auf die Bank gesetzt. (Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

In der Winterpause war man auf Schalke von besinnlicher Festtagsstimmung weit entfernt. Kurz nach dem Jahreswechsel wurde mal eben aus heiterem Himmel der Wechsel von Abwehrchef Naldo verkündet. Nur zur Erinnerung: Es handelt sich dabei um den Spieler, der noch in der Vorsaison u.a. vom Kicker zum Verteidiger des Jahres gewählt wurde und dessen Vertrag man erst im Sommer verlängerte. Auch für Nele kam dieser Abgang alles andere als erwartet: „Diesen Transfer kann ich mir nicht erklären. Ähnlich wie den Höwedes-Transfer. Die beiden miteinander zu vergleichen, fällt in dem Zusammenhang nicht schwer – es scheint, als würde Tedesco Spieler vergraulen, die von den Fans gemocht werden.“ Auch mit dem Rückrundenstart wurden die spektakulären Personalentscheidungen nicht weniger. Kurz vor Anpfiff des Schalker Spiels gegen den VfL Wolfsburg wurde publik, dass Ralf Fährmann bis auf Weiteres nicht mehr das Schalker Tor hüten wird. Stattdessen erhält nun Eigengewächs Alexander Nübel den Vorzug. Sportlich ist die Entscheidung nicht komplett an den Haaren herbeigezogen. Fährmann hatte in der Hinrunde ein ums andere Mal Patzer in seinen Spielen. Dennoch regt sie natürlich zu allerlei Diskussionen an, wie auch Neles Reaktion zeigt: „Auf der einen Seite freut es mich sehr für Alex Nübel, der Fährmann wirklich gut vertreten hat. Auf der anderen Seite ist gerade Ralf Fährmann aber „einer von uns“, ein zugezogener echter Schalker Jung’, der konstant gute Leistungen gezeigt hat. Über Jahre. Ja, in den letzten Spielen waren Patzer dabei. Ihn auf die Bank zu setzen finde ich nicht richtig – er ist der zweite Kapitän, den Tedesco bei Schalke quasi absetzt.“ Zumindest im Spiel gegen Wolfsburg ging die Entscheidung erstmal gut. Nübel machte eine starke Partie und hatte großen Anteil am 2:1-Sieg der Schalker. Klar ist aber auch, dass, sollten Nübel in den nächsten Spielen Fehler unterlaufen, die Diskussionen schnell wieder aufflammen werden.

Von der Vorsaison meilenweit entfernt

Sebastian Rudy, Schalke 04

Auch die Schalker Neuzugänge stehen in der Kritik (Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Dass diese personellen Themen ein solches Zündpotenzial haben, liegt in erster Linie an der prekären Tabellenposition. Mit Rang 12 hinkt Schalke den Ansprüchen komplett hinterher. War man im Vorjahr noch Vizemeister, liegt man nun ganze zehn Punkte hinter den Champions League-Plätzen. Nun regte auch in der Saison 2017/2018 der Fußball von Tedesco nicht gerade zum Zungeschnalzen an, er war aber immerhin erfolgreich. Nun hat man einen – aus fußballästhetischer Sicht – nur schwer zu ertragenden Spielstil, ohne jedoch das passende Schmerzensgeld in Form von Punkten einzuheimsen. Diese Mischung ist denkbar ungünstig. Dass sie zu Teilen erklärbar ist, macht es nicht unbedingt weniger schlimm. Denn eines der Probleme ist die gescheiterte Transferpolitik im letzten Sommer. Mit Goretzka, Meyer und Kehrer verließen drei Hochkaräter den Verein. Gerade der Abgang von Leon Goretzka fällt dabei besonders ins Gewicht. So sagt Nele: „Ich hätte nicht gedacht, dass der Abgang von Goretzka doch so sehr auffallen und schmerzen würde – also ja, die Abgänge wurden nicht adäquat ersetzt. Wenn man solch einen guten Spieler verliert, merkt man das erst wenn er wirklich weg ist, wie sehr er wirklich fehlt. Ähnliches bei Kehrer. Der Verein kann sich nicht immer darauf verlassen, dass Norbert Elgert (Trainer der Schalker A-Jugend) irgendwelche Jugendspieler aus dem Hut zaubert.“

Nun ist es nicht so, als hätte Schalke nicht versucht, die hinterlassenen Lücken im Kader mit Neuzugängen zu stopfen. Doch weder Mascarell – der bislang auf lediglich 169 Bundesligaminuten für Schalke kommt – noch Sebastian Rudy konnten den Erwartungen bislang gerecht werden. Und so steht auf dem Papier nun ein Kader, der zwar nicht die Qualität der Vorsaison hat, der aber gleichermaßen weiterhin viel zu gut ist, um in der unteren Tabellenhälfte zu verweilen. Kurzum: Für Schalke geht es am Freitagabend um einiges, will man die Saison doch noch einigermaßen versöhnlich ins Ziel retten.

Wenn ihr eine Audio-Vorschau auf die Partie gegen Schalke haben wollt, hört gern in den meinsportpodcast rein, bei dem unser Redakteur Chris zu Gast war.

Hertha mit dem hoffnungsvollen Blick nach oben

Das gilt allerdings gleichermaßen auch für Hertha. Mit dem Sieg gegen Nürnberg ist man nun wieder in einer verheißungsvollen Position im Kampf um das internationale Geschäft. Doch als leidgeprobter Herthafan weiß man, dass genau diese Spiele, in denen man sich potenziell in den vorderen Plätzen etablieren könnte, so ganz und gar nicht Sache von Dardais Mannschaft sind. Am Freitag gegen Schalke hat Hertha nun die Chance, den Beweis anzutreten, dass man dazugelernt hat und in der Lage ist, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen.


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Ein jeder kennt das alljährliche Spiel mit den Neujahrsvorsätzen. Kaum steht Silvester vor der Tür, setzt man sich allerhand ambitionierte Ziele, die man ohnehin nicht erreicht. Bei Hertha lautete dieses Ziel, endlich mal eine ordentliche Rückrunde zu spielen. Der Start war in dieser Hinsicht schon einmal sehr verheißungsvoll. Nach dem 3:1 gegen Nürnberg konnte sich Hertha auf einen europäischen Tabellenrang vorschieben, zeigte endlich wieder die am Ende des letzten Jahres so lang vermisste Stabilität in der Defensive und wusste auch im Spiel nach vorn zu überzeugen. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass der Tabellenletzte aus dem Frankenland nicht wirklich als Gradmesser herhalten kann. Gerade das 1:0 durch Ibisevic wäre in dieser Form wohl gegen keinen anderen Bundesligisten zustandegekommen. Dennoch müssen diese Lücken auch erstmal ausgenutzt werden. So kann Hertha nun mit Selbstvertraün ins Spiel am Freitagabend gehen. Dort wartet mit Schalke 04 ein Gegner von einem anderen Kaliber.

In Vorbereitung auf das Spiel haben wir mit der Schalke-Expertin und Journalistin Nele gesprochen, die uns die Lage rund um ihren Verein geschildert hat.

Der turbulente Schalker Winter

Ralf Fährmann, Schalke 04

Vor dem Spiel von Schalke gegen Wolfsburg wurde Ralf Fährmann auf die Bank gesetzt. (Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

In der Winterpause war man auf Schalke von besinnlicher Festtagsstimmung weit entfernt. Kurz nach dem Jahreswechsel wurde mal eben aus heiterem Himmel der Wechsel von Abwehrchef Naldo verkündet. Nur zur Erinnerung: Es handelt sich dabei um den Spieler, der noch in der Vorsaison u.a. vom Kicker zum Verteidiger des Jahres gewählt wurde und dessen Vertrag man erst im Sommer verlängerte. Auch für Nele kam dieser Abgang alles andere als erwartet: „Diesen Transfer kann ich mir nicht erklären. Ähnlich wie den Höwedes-Transfer. Die beiden miteinander zu vergleichen, fällt in dem Zusammenhang nicht schwer – es scheint, als würde Tedesco Spieler vergraulen, die von den Fans gemocht werden.“ Auch mit dem Rückrundenstart wurden die spektakulären Personalentscheidungen nicht weniger. Kurz vor Anpfiff des Schalker Spiels gegen den VfL Wolfsburg wurde publik, dass Ralf Fährmann bis auf Weiteres nicht mehr das Schalker Tor hüten wird. Stattdessen erhält nun Eigengewächs Alexander Nübel den Vorzug. Sportlich ist die Entscheidung nicht komplett an den Haaren herbeigezogen. Fährmann hatte in der Hinrunde ein ums andere Mal Patzer in seinen Spielen. Dennoch regt sie natürlich zu allerlei Diskussionen an, wie auch Neles Reaktion zeigt: „Auf der einen Seite freut es mich sehr für Alex Nübel, der Fährmann wirklich gut vertreten hat. Auf der anderen Seite ist gerade Ralf Fährmann aber „einer von uns“, ein zugezogener echter Schalker Jung’, der konstant gute Leistungen gezeigt hat. Über Jahre. Ja, in den letzten Spielen waren Patzer dabei. Ihn auf die Bank zu setzen finde ich nicht richtig – er ist der zweite Kapitän, den Tedesco bei Schalke quasi absetzt.“ Zumindest im Spiel gegen Wolfsburg ging die Entscheidung erstmal gut. Nübel machte eine starke Partie und hatte großen Anteil am 2:1-Sieg der Schalker. Klar ist aber auch, dass, sollten Nübel in den nächsten Spielen Fehler unterlaufen, die Diskussionen schnell wieder aufflammen werden.

Von der Vorsaison meilenweit entfernt

Sebastian Rudy, Schalke 04

Auch die Schalker Neuzugänge stehen in der Kritik (Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Dass diese personellen Themen ein solches Zündpotenzial haben, liegt in erster Linie an der prekären Tabellenposition. Mit Rang 12 hinkt Schalke den Ansprüchen komplett hinterher. War man im Vorjahr noch Vizemeister, liegt man nun ganze zehn Punkte hinter den Champions League-Plätzen. Nun regte auch in der Saison 2017/2018 der Fußball von Tedesco nicht gerade zum Zungeschnalzen an, er war aber immerhin erfolgreich. Nun hat man einen – aus fußballästhetischer Sicht – nur schwer zu ertragenden Spielstil, ohne jedoch das passende Schmerzensgeld in Form von Punkten einzuheimsen. Diese Mischung ist denkbar ungünstig. Dass sie zu Teilen erklärbar ist, macht es nicht unbedingt weniger schlimm. Denn eines der Probleme ist die gescheiterte Transferpolitik im letzten Sommer. Mit Goretzka, Meyer und Kehrer verließen drei Hochkaräter den Verein. Gerade der Abgang von Leon Goretzka fällt dabei besonders ins Gewicht. So sagt Nele: „Ich hätte nicht gedacht, dass der Abgang von Goretzka doch so sehr auffallen und schmerzen würde – also ja, die Abgänge wurden nicht adäquat ersetzt. Wenn man solch einen guten Spieler verliert, merkt man das erst wenn er wirklich weg ist, wie sehr er wirklich fehlt. Ähnliches bei Kehrer. Der Verein kann sich nicht immer darauf verlassen, dass Norbert Elgert (Trainer der Schalker A-Jugend) irgendwelche Jugendspieler aus dem Hut zaubert.“

Nun ist es nicht so, als hätte Schalke nicht versucht, die hinterlassenen Lücken im Kader mit Neuzugängen zu stopfen. Doch weder Mascarell – der bislang auf lediglich 169 Bundesligaminuten für Schalke kommt – noch Sebastian Rudy konnten den Erwartungen bislang gerecht werden. Und so steht auf dem Papier nun ein Kader, der zwar nicht die Qualität der Vorsaison hat, der aber gleichermaßen weiterhin viel zu gut ist, um in der unteren Tabellenhälfte zu verweilen. Kurzum: Für Schalke geht es am Freitagabend um einiges, will man die Saison doch noch einigermaßen versöhnlich ins Ziel retten.

Wenn ihr eine Audio-Vorschau auf die Partie gegen Schalke haben wollt, hört gern in den meinsportpodcast rein, bei dem unser Redakteur Chris zu Gast war.

Hertha mit dem hoffnungsvollen Blick nach oben

Das gilt allerdings gleichermaßen auch für Hertha. Mit dem Sieg gegen Nürnberg ist man nun wieder in einer verheißungsvollen Position im Kampf um das internationale Geschäft. Doch als leidgeprobter Herthafan weiß man, dass genau diese Spiele, in denen man sich potenziell in den vorderen Plätzen etablieren könnte, so ganz und gar nicht Sache von Dardais Mannschaft sind. Am Freitag gegen Schalke hat Hertha nun die Chance, den Beweis anzutreten, dass man dazugelernt hat und in der Lage ist, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen.


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