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Die einzigartige Rolle des Fabian Lustenberger

Gestern hat Fabian Lustenberger – aktuell dienstältester Spieler bei Hertha BSC – seinen Abschied zum Saisonende verkündet. Nicht nur menschlich wird sein Abgang ein großer Verlust für den Verein sein, sondern auch taktisch. Denn Fabian Lustenberger spielt in dieser Saison eine entscheidende Rolle in den taktischen Überlegungen von Cheftrainer Pal Dardai.

Lustenbergers wichtige Rolle gegen Schalke

Zu Beginn der Partie zwischen Hertha BSC und Schalke 04 haben sich die Berliner in einer Dreierkette aus Rekik, Lustenberger und Stark aufgestellt. Eine taktische Variante, die der Schalker Trainer Domenico Tedesco erwartet hatte. In der gleichen Formation ist Hertha BSC schon im Spiel davor gegen Nürnberg gestartet. Tedesco stellte seine Mannschaft entsprechend ein und ließ sie im 4-2-3-1 auflaufen, um Überzahlsituationen auf den offensiven Außenbahnen zu schaffen.

Hertha mit der Dreier- bzw. Fünferkette (meineaufstellung.de)

 

Pal Dardai musste reagieren, zum einen weil Plattenhardt und Rekik “nicht richtig nach vorne verteidigt” haben (wodurch das System sehr schief wurde und Selke teilweise als linker Mittelfeldspieler agieren musste) und zum anderen weil Schalke durch Konoplyanka früh in Führung gegangen war. Herthas Cheftrainer stellte im Mittelfeld auf eine Raute um, indem er Lustenberger aus der Dreierkette auf die Position des defensiven Mittelfeldspieler zog und somit für eine Überzahl im Zentrum sorgte. Mit der Raute werden die offensiven Stärken einer Mannschaft akzentuiert, sowie das schnelle und vertikale Spiel forciert. Nachteil ist jedoch, dass nominell lediglich ein Sechser im Mittelfeld zur Absicherung bereit steht. Dies kann nur mit sehr hoher Laufbereitschaft und Passsicherheit aufgefangen werden.

Lustenberger füllte diese Rolle eines Hybriden mit Bravour aus. Er hatte mit einer Passgenauigkeit von 88,6% (vier Fehlpässe, von denen lediglich zwei in der eigenen Hälfte passierten) den zweitbesten Wert der Berliner und spulte das drittgrößte Laufpensum ab (11,12 km), nur knapp darüber lagen Ondrej Duda (11,22 km) und Marko Grujic (11,29 km). Nur mit Lustenberger war die Umstellung von Dreier- bzw. Fünferkette auf eine Rautenformation möglich. Hätte beispielsweise Torunarigha anstatt des Schweizers gespielt, hätte Dardai sich etwas anderes einfallen lassen müssen. Zumindest hätte Dardai das Mittelfeldzentrum in dieser Form nicht stärken können.

Hertha in der Rautenformation (meineaufstellung.de)

 

Mit seiner Polyvalenz ist Lustenberger nicht zu ersetzen

Lustenberger als zuverlässiger Abräumer in der Abwehr und im Mittelfeld (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Lustenberger ist schon länger bei Hertha die Antwort auf viele Fragen. Im aktuellen Kader ist er der einzige Spieler, der problemlos zwischen Abwehr und Mittelfeld wechseln kann. Kein anderer Spieler hat die Fähigkeiten als Innenverteidiger zu starten und dann als Sechser ins Mittelfeld zu wechseln (oder umgekehrt). Niklas Stark hat zwar ab und zu auf der Sechs gespielt, jedoch ist er hier keine gleichwertige Alternative zu Lustenberger. Auch die anderen Innenverteidiger (Rekik und Torunarigha) können nicht im Mittelfeld spielen. Bei den Mittelfeldspielern sieht es ebenso schlecht aus: weder Maier, Grujic, Darida noch Skjelbred können problemlos in die Abwehr wechseln und als Innenverteidiger in einer Dreier- oder Viererkette spielen. Lustenbergers Fähigkeit, ansatzlos zwischen Abwehr und Mittelfeld zu pendeln, ist sein größter Trumpf im Konkurrenzkampf um die Startelfplätze, der in dieser Saison bei Hertha BSC besonders stark ausgeprägt ist.

 

Ein Lustenberger 2.0 muss her

Die Polyvalenz von Lustenberger garantiert Trainer Dardai die notwendige taktische Flexibilität, um in solchen Partien wie gegen Schalke noch umzustellen und zurückzukommen. Aufrund dessen wird sein Abgang Ende Sommer auch oder besonders in taktischer Hinsicht ein herber Verlust sein. Manager Michael Preetz muss hier zweifelsohne für adäquaten Ersatz sorgen. Will Hertha BSC seine taktische Flexibilität bewahren, ist das Profil klar: ein defensiver Mittelfeldspieler, der problemlos auch in der Innenverteidigung spielen kann und dabei sehr passsicher sowie spielintelligent ist. Ein Abwehrmann, der sich auch im Mittelfeld zurecht findet, wäre auch denkbar.

Das Gute ist manchmal ganz nah

Könnte Lustenbergers Rolle einnehmen: Sidney Friede (Foto: Ottmar Winter/Bongarts/Getty Images)

Vielleicht muss Preetz auch gar nicht weit suchen und tief in die Tasche greifen, um einen Ersatz nach Berlin locken. Denn mit Sidney Friede hat Hertha BSC bereits jemanden unter Vertrag, der Lustenbergers Platz einnehmen kann. Das Berliner Eigengewächs spielte in der Jugend hauptsächlich im zentralen Mittelfeld und wurde erst während des Übergangs in den Seniorenbereich zum Abwehrspieler umgeschult. Er ist also grundsätzlich dazu in der Lage, beide Positionen zu spielen und sollte das nötige Spielverständnis für beide Rollen aufbringen können.

Derzeit ist das Talent nach Belgien ausgeliehen, wo es bislang recht gut für ihn läuft. Hier kam er unter den Ex-Hertha-Trainer Jürgen Röber bereits zu zwei Einsätzen und konnte unter anderem den aktuellen Tabellenführer schlagen. Es bleibt für Hertha BSC und den Spieler selbst zu hoffen, dass er in Belgien den nächsten Schritt macht und sich vollends an den Profi-Fußball gewöhnt. Ziel muss es sein, dass Friede sich so weiterentwickelt, dass er in der kommenden Saison eine echte Alternative für Cheftrainer Pal Dardai sein kann. Denn auch nach der “Ära Lustenberger” wird Dardai einen Wandler zwischen Mittelfeld und Abwehr brauchen.


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[…] 100 Prozent, aber das ist normal”. Im Mittelfeld könnten ansonsten auch Fabian Lustenberger (mit wäre während des Spiels ein fluider Wechsel von 4er auf 5er Kette möglich) oder Per Skjelbred (die “Zerstörer”-Variante) […]

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[…] ob dieser wieder von Beginn an spielt und wer dafür auf die Bank müsste. Ein Kandidat wäre wohl Fabian Lustenberger, der diese Saison allerdings sehr ordentliche Leistungen zeigt. Dass Pal Dardai bei seiner Auswahl […]

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Gestern hat Fabian Lustenberger – aktuell dienstältester Spieler bei Hertha BSC – seinen Abschied zum Saisonende verkündet. Nicht nur menschlich wird sein Abgang ein großer Verlust für den Verein sein, sondern auch taktisch. Denn Fabian Lustenberger spielt in dieser Saison eine entscheidende Rolle in den taktischen Überlegungen von Cheftrainer Pal Dardai.

Lustenbergers wichtige Rolle gegen Schalke

Zu Beginn der Partie zwischen Hertha BSC und Schalke 04 haben sich die Berliner in einer Dreierkette aus Rekik, Lustenberger und Stark aufgestellt. Eine taktische Variante, die der Schalker Trainer Domenico Tedesco erwartet hatte. In der gleichen Formation ist Hertha BSC schon im Spiel davor gegen Nürnberg gestartet. Tedesco stellte seine Mannschaft entsprechend ein und ließ sie im 4-2-3-1 auflaufen, um Überzahlsituationen auf den offensiven Außenbahnen zu schaffen.

Hertha mit der Dreier- bzw. Fünferkette (meineaufstellung.de)

 

Pal Dardai musste reagieren, zum einen weil Plattenhardt und Rekik “nicht richtig nach vorne verteidigt” haben (wodurch das System sehr schief wurde und Selke teilweise als linker Mittelfeldspieler agieren musste) und zum anderen weil Schalke durch Konoplyanka früh in Führung gegangen war. Herthas Cheftrainer stellte im Mittelfeld auf eine Raute um, indem er Lustenberger aus der Dreierkette auf die Position des defensiven Mittelfeldspieler zog und somit für eine Überzahl im Zentrum sorgte. Mit der Raute werden die offensiven Stärken einer Mannschaft akzentuiert, sowie das schnelle und vertikale Spiel forciert. Nachteil ist jedoch, dass nominell lediglich ein Sechser im Mittelfeld zur Absicherung bereit steht. Dies kann nur mit sehr hoher Laufbereitschaft und Passsicherheit aufgefangen werden.

Lustenberger füllte diese Rolle eines Hybriden mit Bravour aus. Er hatte mit einer Passgenauigkeit von 88,6% (vier Fehlpässe, von denen lediglich zwei in der eigenen Hälfte passierten) den zweitbesten Wert der Berliner und spulte das drittgrößte Laufpensum ab (11,12 km), nur knapp darüber lagen Ondrej Duda (11,22 km) und Marko Grujic (11,29 km). Nur mit Lustenberger war die Umstellung von Dreier- bzw. Fünferkette auf eine Rautenformation möglich. Hätte beispielsweise Torunarigha anstatt des Schweizers gespielt, hätte Dardai sich etwas anderes einfallen lassen müssen. Zumindest hätte Dardai das Mittelfeldzentrum in dieser Form nicht stärken können.

Hertha in der Rautenformation (meineaufstellung.de)

 

Mit seiner Polyvalenz ist Lustenberger nicht zu ersetzen

Lustenberger als zuverlässiger Abräumer in der Abwehr und im Mittelfeld (Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Lustenberger ist schon länger bei Hertha die Antwort auf viele Fragen. Im aktuellen Kader ist er der einzige Spieler, der problemlos zwischen Abwehr und Mittelfeld wechseln kann. Kein anderer Spieler hat die Fähigkeiten als Innenverteidiger zu starten und dann als Sechser ins Mittelfeld zu wechseln (oder umgekehrt). Niklas Stark hat zwar ab und zu auf der Sechs gespielt, jedoch ist er hier keine gleichwertige Alternative zu Lustenberger. Auch die anderen Innenverteidiger (Rekik und Torunarigha) können nicht im Mittelfeld spielen. Bei den Mittelfeldspielern sieht es ebenso schlecht aus: weder Maier, Grujic, Darida noch Skjelbred können problemlos in die Abwehr wechseln und als Innenverteidiger in einer Dreier- oder Viererkette spielen. Lustenbergers Fähigkeit, ansatzlos zwischen Abwehr und Mittelfeld zu pendeln, ist sein größter Trumpf im Konkurrenzkampf um die Startelfplätze, der in dieser Saison bei Hertha BSC besonders stark ausgeprägt ist.

 

Ein Lustenberger 2.0 muss her

Die Polyvalenz von Lustenberger garantiert Trainer Dardai die notwendige taktische Flexibilität, um in solchen Partien wie gegen Schalke noch umzustellen und zurückzukommen. Aufrund dessen wird sein Abgang Ende Sommer auch oder besonders in taktischer Hinsicht ein herber Verlust sein. Manager Michael Preetz muss hier zweifelsohne für adäquaten Ersatz sorgen. Will Hertha BSC seine taktische Flexibilität bewahren, ist das Profil klar: ein defensiver Mittelfeldspieler, der problemlos auch in der Innenverteidigung spielen kann und dabei sehr passsicher sowie spielintelligent ist. Ein Abwehrmann, der sich auch im Mittelfeld zurecht findet, wäre auch denkbar.

Das Gute ist manchmal ganz nah

Könnte Lustenbergers Rolle einnehmen: Sidney Friede (Foto: Ottmar Winter/Bongarts/Getty Images)

Vielleicht muss Preetz auch gar nicht weit suchen und tief in die Tasche greifen, um einen Ersatz nach Berlin locken. Denn mit Sidney Friede hat Hertha BSC bereits jemanden unter Vertrag, der Lustenbergers Platz einnehmen kann. Das Berliner Eigengewächs spielte in der Jugend hauptsächlich im zentralen Mittelfeld und wurde erst während des Übergangs in den Seniorenbereich zum Abwehrspieler umgeschult. Er ist also grundsätzlich dazu in der Lage, beide Positionen zu spielen und sollte das nötige Spielverständnis für beide Rollen aufbringen können.

Derzeit ist das Talent nach Belgien ausgeliehen, wo es bislang recht gut für ihn läuft. Hier kam er unter den Ex-Hertha-Trainer Jürgen Röber bereits zu zwei Einsätzen und konnte unter anderem den aktuellen Tabellenführer schlagen. Es bleibt für Hertha BSC und den Spieler selbst zu hoffen, dass er in Belgien den nächsten Schritt macht und sich vollends an den Profi-Fußball gewöhnt. Ziel muss es sein, dass Friede sich so weiterentwickelt, dass er in der kommenden Saison eine echte Alternative für Cheftrainer Pal Dardai sein kann. Denn auch nach der “Ära Lustenberger” wird Dardai einen Wandler zwischen Mittelfeld und Abwehr brauchen.


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[…] 100 Prozent, aber das ist normal”. Im Mittelfeld könnten ansonsten auch Fabian Lustenberger (mit wäre während des Spiels ein fluider Wechsel von 4er auf 5er Kette möglich) oder Per Skjelbred (die “Zerstörer”-Variante) […]

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[…] ob dieser wieder von Beginn an spielt und wer dafür auf die Bank müsste. Ein Kandidat wäre wohl Fabian Lustenberger, der diese Saison allerdings sehr ordentliche Leistungen zeigt. Dass Pal Dardai bei seiner Auswahl […]

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