Bundesliga

Hertha BSC – Fortuna Düsseldorf: Eine Reaktion auf das Leipzig-Desaster zeigen

Selten herrschte unter den Hertha-Fans in den vergangenen Jahren solch eine große Ernüchterung wie in den letzten Tagen. Drei Niederlagen infolge, zuletzt das desaströse 0:5-Debakel in Leipzig und als ob die sportliche Talfahrt nicht genug wäre, macht der geplatzte Stadionplan der Vereinsverantwortlichen den Migräne-Cocktail der Blau-Weißen perfekt. Es braucht ein Erfolgserlebnis, um die Gemüter milde zu stimmen – Prügelknabe wird Fortuna Düsseldorf sein. Die Mannschaft von Trainer Friedhelm Funkel zählt zu den größten Überraschungen dieser Saison und wird selbstbewusst nach Berlin reisen.

Den Einblick in die gegnerische Fanseele liefert uns dieses Mal Fortuna-Anhängerin Sue, die auch am neuen rein weiblichen Podcast “FRÜF” mitwirkt.

In der Wagenburg zum Klassenerhalt

Vor Anpfiff der laufenden Saison hätte wohl niemand erwartet, dass Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf am 28. Spieltag nur ein einziger Punkt trennen würde. Hertha – ein Verein, der einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel ausgegeben hatte und seit Jahren zum erweiterten Kreis der Vereine gehört, die auf Europa schielen und Düsseldorf, ein auf den ersten Blick recht mittelloser Aufsteiger mit wenig klangvollen Namen im Kader und einem Trainer, der die Bundesliga zwar kennt, aber lange kein Teil dieser mehr war.

Die Einheit Fortuna (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Dementsprechend pessimistische Erwartungen für den Klassenerhalt wurden von außen an die Fortuna herangetragen. “Als wir nach dem Aufstieg aufgrund des kleinsten Etats der Liga und einem Team voller Erstligadebütanten von allen „Experten“ als Abstiegskandidat Nummer 1 gehandelt wurden, sagte Friedhelm Funkel, dass wir um uns herum eine Wagenburg bauen müssen, in der uns der Rest der Welt am Arsch vorbeigeht”, führt Sue die Herangehensweise des erfahrenen Trainers aus. Dieses Mobilisieren des Umfelds und der Mannschaft sollte die richtige Strategie sein, denn trotz lediglich fünf Punkten aus den ersten zehn Saisonspielen und dem damit einhergehenden letzten Tabellenplatz herrschte nie Panik in Düsseldorf – im Gegenteil laut Sue: “Wir haben uns nie entmutigen lassen, immer an uns geglaubt und vor allem immer zusammengehalten. Dass wir diesmal das Tabellenende schon gleich zu Beginn der Saison erreicht hatten, war nach der letzten Runde Bundesliga geradezu eine Erleichterung. So konnten wir uns ganz in Ruhe Platz für Platz nach oben kämpfen.”

Der Kampf nach oben begann ausgerechnet mit dem überraschenden 4:1-Sieg über Hertha BSC, der ungeahnte Kräfte freisetzte. Es folgte ein 3:3 in München und insgesamt drei Siege aus den letzten fünf Hinrunden-Partien. In der Rückrunde knüpfte die Mannschaft vom Rhein an diese Form an und wirkte nun deutlich stabiler. Aus den bisherigen zehn Spielen der Rückserie holte Düsseldorf starke 16 Zähler – eine bessere Bilanz als beispielsweise der VfL Wolfsburg (14), Borussia M’Gladbach (14) oder auch Hertha (elf). Die Abstiegszone ist aufgrund dieser starken Ausbeute mit 14 Punkten Abstand nur noch mit dem Fernglas zu sehen, sodass der Klassenerhalt wohl bereits als gesichert angesehen werden kann.

Echte Verstärkungen im Sommer

Dass die Fortuna sich ein amtliches Punktepolster auf genau die Plätze erarbeitet hat, denen man ihnen vor der Saison prognostiziert hatte, wäre für Rheinländer bereits Anlass genug, um zu feiern. Die Erfolgsgeschichte mit Trainer Funkel hat allerdings ein weiteres Kapitel geschrieben: “Der größte Unterschied zu früher ist wahrscheinlich, dass wir mittlerweile tatsächlich Fußball spielen – und manchmal sogar richtig guten. Früher fehlten uns schlicht die fußballerischen Mittel oder Fähigkeiten, die Taktik variabel an das Spiel des Gegners anzupassen und seine Schwächen zu unserem Vorteil zu nutzen. Unsere deutlich verbesserte Kondition ermöglicht es uns, auch noch in der letzten Minute das spielentscheidende Tor zu erzielen und unser schnelles Umschaltspiel ist eine Waffe, die ihresgleichen sucht.”

Maßgeblich beteiligt an diesem Fußball sind Düsseldorfs Neuzugänge aus dem vergangenen Sommer. Auch hier konnte der Aufsteiger keine spektakulären Schlagzeilen produzieren – Leihspieler oder Akteure aus der zweiten Liga sorgten zunächst für wenig Euphorie bei Medien und Umfeld. Was anfangs noch wie das verzweifelte Zusammenkratzen von Qualität wirkte, verfolgte jedoch einen genauen Plan, der sich mit der Zeit immer besser entfaltet. ” Meiner Ansicht nach ist unser Team vor allem aufgrund der gesunden Mischung zwischen gestandenen Spielern und Neuzugängen bzw. jüngeren und älteren Spielern so stark – und weil es eben nicht nur sportlich, sondern auch menschlich passt. Die positive Konkurrenz auf allen Positionen sorgt für konstant gute Leistungen und die kontinuierliche Weiterentwicklung der gesamten Mannschaft für ein zum Teil erschreckend hohes fußballerisches Niveau”, so Sues Einschätzung.

Vom No-Name zum Heilsbringer: Dodi Lukebakio (Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Besonders zwei Neuzugänge stellt unsere Interview-Gästin heraus, da sie das Spiel der Fortuna entscheidend prägen. “Bei den Neuzugängen würde ich als erstes Kevin Stöger (ein Tor, sechs Vorlagen) hervorheben, weil er auch ein gutes Beispiel für die positive Entwicklung der gesamten Mannschaft ist. Anfangs als Neuling und Erstligadebütant noch ein wenig überfordert oder wie er selber sagt „etwas verkrampft“, brauchte er seine Zeit, um anzukommen – sowohl in der Liga, als auch im Verein. Er hat kontinuierlich dazugelernt, sich verbessert und weiterentwickelt. Mittlerweile ist er eine feste Größe und als Spielmacher oder Mittelfeldmotor kaum mehr aus der Mannschaft wegzudenken.” Weiter macht sie mit Düsseldorfs Top-Scorer (acht Tore, vier vorlagen): “Dann darf natürlich Dodi Lukebakio in einer solchen Aufzählung nicht fehlen, auch wenn er kein echter Neuzugang ist bzw. uns als Leihspieler vom FC Watford am Saisonende leider schon wieder verlassen wird. An einem guten Tag kann er die Bayern im Alleingang an die Wand spielen, ist aber wie alle jungen Spieler noch etwas unbeständig und lässt sich teilweise noch zu leicht aus dem Konzept bringen. Wenn er seine Emotionen noch besser in den Griff bekommt, hat er das Potential einer der ganz Großen zu werden.”

Menschenfänger Friedhelm Funkel

Neben einzelnen Spielern und ein paar genannten Neuzugängen hat vor allem Trainer Friedhelm Funkel einen maßgeblichen Einfluss auf den derzeitigen Erfolg der Fortuna. Der 65-Jährige schien zwischendurch den Anschluss an den modernen Fußball verloren zu haben, ein Trainer der alten Garde, der mit den Tedescos und Nagelsmann nicht mehr mithalten könne. Dass es keine zu jungen oder alten Trainer, sondern nur gute oder schlechte gibt, beweist der ehemalige Hertha-Coach allerdings seit drei Jahren in Düsseldorf. Funkel führte die Fortuna vergangene Saison zur Zweitligameisterschaft und nun auf einen gesicherten Mittelfeldplatz – in beiden Fällen rechnete niemand mit diesem Erfolg.

Funkel ist der Vater des F95-Erfolgs (Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

“Friedhelm Funkel hat einen sehr guten Draht zu der Mannschaft und man spürt förmlich, wie das gegenseitig aufgebaute Vertrauen die Spieler beflügelt und zu Höchstleistungen anstachelt. Seien es jüngere Spieler wie Kaan Ayhan oder ältere wie Oliver Fink, neuere Spieler wie Benito Raman und Jean Zimmer oder Ausleihen wie Dodi Lukebakio – bei allen ist durch die Bank eine immense Leistungssteigerung festzustellen”, lobt Sue die Entwicklung unter dem Trainer-Routinier. In der allgemeinen Wahrnehmung galt Funkel nie als Fußball-Virtuose, der seiner Mannschaft lediglich spielerische Mittel an die Hand gab – unter ihm wird Fußball gearbeitet.

Dass aber auch ein alter Hase noch neue Tricks lernen kann, zeigt die aktuelle Saison. Sue kommt aus dem Schwärmen kaum raus: “Während Funkel auf die Fähigkeiten, den Teamgeist und die Moral seiner Spieler vertrauen kann, wissen diese, dass sie auf seine Gegneranalyse, Strategie und Taktik vertrauen können. Das gibt beiden Seiten die Sicherheit, taktisch variabler und offensiver zu agieren als früher. Wie schon einst Jürgen Klopp sagte: „Die Lust auf Gewinnen muss größer sein, als die Angst zu verlieren.“ Und das ist bei unserer Mannschaft in beispielhafter Weise der Fall. Wir haben diese Saison überhaupt erst vier Mal unentschieden gespielt, insofern kann man Funkel mittlerweile wirklich keinen langweiligen Mauerfußball mehr vorwerfen. Wer hätte das für möglich gehalten, aber es ist derzeit manchmal geradezu ein Genuss, ein Fortuna-Fan aus Düsseldorf zu sein.”

Düsseldorf als Charaktertest

Den angesprochenen Genuss, Fan seines Vereins zu sein, können Herthaner Anhänger aufgrund der letzten Wochen wohl nur wenig nachempfinden. Einmal mehr scheint sich der “Rückrunden-Fluch” zu bestätigen, einmal findet man sich im Niemandsland der Bundesliga wieder, einmal mehr herrscht große Tristesse. “Hertha steht nicht im Niemandsland”, konstatierte Trainer Pal Dardai, “Hertha steht dort, wo es hingehört.“ “Dort” ist Platz zehn mit 35 Punkten, das Saisonziel “Einstelliger Tabellenplatz” ist bereits mit sechs Punkten in die Ferne gerückt und aktuell muss der Blick eher nach unten gerichtet werden.

(Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Negativer Höhepunkt der laufenden Saison war zweifellos das 0:5 gegen RB Leipzig am vergangenen Wochenende, welches aufgrund der Auflösungserscheinungen der Mannschaft sogar höher hätte ausfallen können. Ein schwarzer Tag für die Blau-Weißen, die nun eine Reaktionen zeigen müssen und nach drei Niederlagen infolge zum Punkten verdammt sind. “Es ist besser, 0:5 zu verlieren, als unglücklich 1:2 und dann lügen wir uns in die Tasche, das war toll und gut”, so Dardai. Die Klatsche gegen Leipzig soll als Wachmacher und Motivation dienen.

Motivation für eine Mannschaft, die in den letzten Wochen leicht apathisch wirkte, der es an Spannung und absoluten Siegeswillen fehlte. ”
“Ich erwarte, dass sich die Mannschaft in den restlichen sieben Spielen am Riemen reißt”, stellte Michael Preetz gegenüber dem kicker klar. Besonders in Begegnungen mit gleichstarken oder schwächeren Mannschaften tat sich Hertha schwer, wodurch zahlreiche Punkte liegen gelassen wurden – Punkte, die für einen Saisonendspurt immens wichtig gewesen wären. Hoffnungen auf das internationale Geschäft kann man sich in Berlin nicht mehr machen, doch sollte ein versöhnlicher Abschied in die Sommerpause Motivation genug sein. “Wir sind noch nicht im Urlaub. Es ist dumm, so etwas von uns zu denken. Es bringt nichts nach Ausreden zu suchen. Man muss bei sich schauen und sich selbst hinterfragen, ob man gut vorbereitet war. Jetzt ist alles schlecht, wenn wir gewinnen, sieht die Welt wieder anders aus”, sagte Rekik der B.Z.

Rückkehr zu Viererkette

Die Spieler müssen am Samstag ein anderes Gesicht zeigen und bleibt man in diesem Sprachbild, so ist die taktische Formation wohl so etwas wie das Make-Up einer Mannschaft. Die Verletzung (Faserriss) von Fabian Lustenberger in Verbindung mit den ebenfalls ausfallenden Jordan Torunarigha und Derrick Luckassen verhindert, dass Dardai sein Team einmal mehr mit einer Dreierkette auflaufen lässt – laut eigener Aussage hatte der Ungar ohnehin nicht mit dieser Taktik geplant.

Herthas mögliche Aufstellung gegen Fortuna Düsseldorf

Stattdessen wird die Viererkette zum Einsatz kommen, womöglich in einem 4-2-3-1 System (siehe Grafik). Dadurch könnte die dringend benötigte Kompaktheit und Stabilität zurückkehren, die Hertha in den letzten Spielen abhanden gekommen ist (zehn Gegentore in drei Partien). Dardai hat bereits personelle Wechsel angekündigt, sodass sich Reservisten wie Marvin Plattenhardt, Lukas Klünter oder Mathew Leckie Hoffnungen auf einen Einsatz machen dürfen. Unabhängig vom Personal muss von der Mannschaft eine Wiedergutmachung für das Debakel in Leipzig geleistet werden. Es muss zu erkennen sein, dass die Spieler sich für ihre Fans zerreißen und nicht gewillt sind, die Saison unmotiviert austrudeln zu lassen. Eine Niederlage gegen Düsseldorf könnte die Stimmung endgültig zu kippen bringen.

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Selten herrschte unter den Hertha-Fans in den vergangenen Jahren solch eine große Ernüchterung wie in den letzten Tagen. Drei Niederlagen infolge, zuletzt das desaströse 0:5-Debakel in Leipzig und als ob die sportliche Talfahrt nicht genug wäre, macht der geplatzte Stadionplan der Vereinsverantwortlichen den Migräne-Cocktail der Blau-Weißen perfekt. Es braucht ein Erfolgserlebnis, um die Gemüter milde zu stimmen – Prügelknabe wird Fortuna Düsseldorf sein. Die Mannschaft von Trainer Friedhelm Funkel zählt zu den größten Überraschungen dieser Saison und wird selbstbewusst nach Berlin reisen.

Den Einblick in die gegnerische Fanseele liefert uns dieses Mal Fortuna-Anhängerin Sue, die auch am neuen rein weiblichen Podcast “FRÜF” mitwirkt.

In der Wagenburg zum Klassenerhalt

Vor Anpfiff der laufenden Saison hätte wohl niemand erwartet, dass Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf am 28. Spieltag nur ein einziger Punkt trennen würde. Hertha – ein Verein, der einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel ausgegeben hatte und seit Jahren zum erweiterten Kreis der Vereine gehört, die auf Europa schielen und Düsseldorf, ein auf den ersten Blick recht mittelloser Aufsteiger mit wenig klangvollen Namen im Kader und einem Trainer, der die Bundesliga zwar kennt, aber lange kein Teil dieser mehr war.

Die Einheit Fortuna (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Dementsprechend pessimistische Erwartungen für den Klassenerhalt wurden von außen an die Fortuna herangetragen. “Als wir nach dem Aufstieg aufgrund des kleinsten Etats der Liga und einem Team voller Erstligadebütanten von allen „Experten“ als Abstiegskandidat Nummer 1 gehandelt wurden, sagte Friedhelm Funkel, dass wir um uns herum eine Wagenburg bauen müssen, in der uns der Rest der Welt am Arsch vorbeigeht”, führt Sue die Herangehensweise des erfahrenen Trainers aus. Dieses Mobilisieren des Umfelds und der Mannschaft sollte die richtige Strategie sein, denn trotz lediglich fünf Punkten aus den ersten zehn Saisonspielen und dem damit einhergehenden letzten Tabellenplatz herrschte nie Panik in Düsseldorf – im Gegenteil laut Sue: “Wir haben uns nie entmutigen lassen, immer an uns geglaubt und vor allem immer zusammengehalten. Dass wir diesmal das Tabellenende schon gleich zu Beginn der Saison erreicht hatten, war nach der letzten Runde Bundesliga geradezu eine Erleichterung. So konnten wir uns ganz in Ruhe Platz für Platz nach oben kämpfen.”

Der Kampf nach oben begann ausgerechnet mit dem überraschenden 4:1-Sieg über Hertha BSC, der ungeahnte Kräfte freisetzte. Es folgte ein 3:3 in München und insgesamt drei Siege aus den letzten fünf Hinrunden-Partien. In der Rückrunde knüpfte die Mannschaft vom Rhein an diese Form an und wirkte nun deutlich stabiler. Aus den bisherigen zehn Spielen der Rückserie holte Düsseldorf starke 16 Zähler – eine bessere Bilanz als beispielsweise der VfL Wolfsburg (14), Borussia M’Gladbach (14) oder auch Hertha (elf). Die Abstiegszone ist aufgrund dieser starken Ausbeute mit 14 Punkten Abstand nur noch mit dem Fernglas zu sehen, sodass der Klassenerhalt wohl bereits als gesichert angesehen werden kann.

Echte Verstärkungen im Sommer

Dass die Fortuna sich ein amtliches Punktepolster auf genau die Plätze erarbeitet hat, denen man ihnen vor der Saison prognostiziert hatte, wäre für Rheinländer bereits Anlass genug, um zu feiern. Die Erfolgsgeschichte mit Trainer Funkel hat allerdings ein weiteres Kapitel geschrieben: “Der größte Unterschied zu früher ist wahrscheinlich, dass wir mittlerweile tatsächlich Fußball spielen – und manchmal sogar richtig guten. Früher fehlten uns schlicht die fußballerischen Mittel oder Fähigkeiten, die Taktik variabel an das Spiel des Gegners anzupassen und seine Schwächen zu unserem Vorteil zu nutzen. Unsere deutlich verbesserte Kondition ermöglicht es uns, auch noch in der letzten Minute das spielentscheidende Tor zu erzielen und unser schnelles Umschaltspiel ist eine Waffe, die ihresgleichen sucht.”

Maßgeblich beteiligt an diesem Fußball sind Düsseldorfs Neuzugänge aus dem vergangenen Sommer. Auch hier konnte der Aufsteiger keine spektakulären Schlagzeilen produzieren – Leihspieler oder Akteure aus der zweiten Liga sorgten zunächst für wenig Euphorie bei Medien und Umfeld. Was anfangs noch wie das verzweifelte Zusammenkratzen von Qualität wirkte, verfolgte jedoch einen genauen Plan, der sich mit der Zeit immer besser entfaltet. ” Meiner Ansicht nach ist unser Team vor allem aufgrund der gesunden Mischung zwischen gestandenen Spielern und Neuzugängen bzw. jüngeren und älteren Spielern so stark – und weil es eben nicht nur sportlich, sondern auch menschlich passt. Die positive Konkurrenz auf allen Positionen sorgt für konstant gute Leistungen und die kontinuierliche Weiterentwicklung der gesamten Mannschaft für ein zum Teil erschreckend hohes fußballerisches Niveau”, so Sues Einschätzung.

Vom No-Name zum Heilsbringer: Dodi Lukebakio (Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Besonders zwei Neuzugänge stellt unsere Interview-Gästin heraus, da sie das Spiel der Fortuna entscheidend prägen. “Bei den Neuzugängen würde ich als erstes Kevin Stöger (ein Tor, sechs Vorlagen) hervorheben, weil er auch ein gutes Beispiel für die positive Entwicklung der gesamten Mannschaft ist. Anfangs als Neuling und Erstligadebütant noch ein wenig überfordert oder wie er selber sagt „etwas verkrampft“, brauchte er seine Zeit, um anzukommen – sowohl in der Liga, als auch im Verein. Er hat kontinuierlich dazugelernt, sich verbessert und weiterentwickelt. Mittlerweile ist er eine feste Größe und als Spielmacher oder Mittelfeldmotor kaum mehr aus der Mannschaft wegzudenken.” Weiter macht sie mit Düsseldorfs Top-Scorer (acht Tore, vier vorlagen): “Dann darf natürlich Dodi Lukebakio in einer solchen Aufzählung nicht fehlen, auch wenn er kein echter Neuzugang ist bzw. uns als Leihspieler vom FC Watford am Saisonende leider schon wieder verlassen wird. An einem guten Tag kann er die Bayern im Alleingang an die Wand spielen, ist aber wie alle jungen Spieler noch etwas unbeständig und lässt sich teilweise noch zu leicht aus dem Konzept bringen. Wenn er seine Emotionen noch besser in den Griff bekommt, hat er das Potential einer der ganz Großen zu werden.”

Menschenfänger Friedhelm Funkel

Neben einzelnen Spielern und ein paar genannten Neuzugängen hat vor allem Trainer Friedhelm Funkel einen maßgeblichen Einfluss auf den derzeitigen Erfolg der Fortuna. Der 65-Jährige schien zwischendurch den Anschluss an den modernen Fußball verloren zu haben, ein Trainer der alten Garde, der mit den Tedescos und Nagelsmann nicht mehr mithalten könne. Dass es keine zu jungen oder alten Trainer, sondern nur gute oder schlechte gibt, beweist der ehemalige Hertha-Coach allerdings seit drei Jahren in Düsseldorf. Funkel führte die Fortuna vergangene Saison zur Zweitligameisterschaft und nun auf einen gesicherten Mittelfeldplatz – in beiden Fällen rechnete niemand mit diesem Erfolg.

Funkel ist der Vater des F95-Erfolgs (Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

“Friedhelm Funkel hat einen sehr guten Draht zu der Mannschaft und man spürt förmlich, wie das gegenseitig aufgebaute Vertrauen die Spieler beflügelt und zu Höchstleistungen anstachelt. Seien es jüngere Spieler wie Kaan Ayhan oder ältere wie Oliver Fink, neuere Spieler wie Benito Raman und Jean Zimmer oder Ausleihen wie Dodi Lukebakio – bei allen ist durch die Bank eine immense Leistungssteigerung festzustellen”, lobt Sue die Entwicklung unter dem Trainer-Routinier. In der allgemeinen Wahrnehmung galt Funkel nie als Fußball-Virtuose, der seiner Mannschaft lediglich spielerische Mittel an die Hand gab – unter ihm wird Fußball gearbeitet.

Dass aber auch ein alter Hase noch neue Tricks lernen kann, zeigt die aktuelle Saison. Sue kommt aus dem Schwärmen kaum raus: “Während Funkel auf die Fähigkeiten, den Teamgeist und die Moral seiner Spieler vertrauen kann, wissen diese, dass sie auf seine Gegneranalyse, Strategie und Taktik vertrauen können. Das gibt beiden Seiten die Sicherheit, taktisch variabler und offensiver zu agieren als früher. Wie schon einst Jürgen Klopp sagte: „Die Lust auf Gewinnen muss größer sein, als die Angst zu verlieren.“ Und das ist bei unserer Mannschaft in beispielhafter Weise der Fall. Wir haben diese Saison überhaupt erst vier Mal unentschieden gespielt, insofern kann man Funkel mittlerweile wirklich keinen langweiligen Mauerfußball mehr vorwerfen. Wer hätte das für möglich gehalten, aber es ist derzeit manchmal geradezu ein Genuss, ein Fortuna-Fan aus Düsseldorf zu sein.”

Düsseldorf als Charaktertest

Den angesprochenen Genuss, Fan seines Vereins zu sein, können Herthaner Anhänger aufgrund der letzten Wochen wohl nur wenig nachempfinden. Einmal mehr scheint sich der “Rückrunden-Fluch” zu bestätigen, einmal findet man sich im Niemandsland der Bundesliga wieder, einmal mehr herrscht große Tristesse. “Hertha steht nicht im Niemandsland”, konstatierte Trainer Pal Dardai, “Hertha steht dort, wo es hingehört.“ “Dort” ist Platz zehn mit 35 Punkten, das Saisonziel “Einstelliger Tabellenplatz” ist bereits mit sechs Punkten in die Ferne gerückt und aktuell muss der Blick eher nach unten gerichtet werden.

(Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Negativer Höhepunkt der laufenden Saison war zweifellos das 0:5 gegen RB Leipzig am vergangenen Wochenende, welches aufgrund der Auflösungserscheinungen der Mannschaft sogar höher hätte ausfallen können. Ein schwarzer Tag für die Blau-Weißen, die nun eine Reaktionen zeigen müssen und nach drei Niederlagen infolge zum Punkten verdammt sind. “Es ist besser, 0:5 zu verlieren, als unglücklich 1:2 und dann lügen wir uns in die Tasche, das war toll und gut”, so Dardai. Die Klatsche gegen Leipzig soll als Wachmacher und Motivation dienen.

Motivation für eine Mannschaft, die in den letzten Wochen leicht apathisch wirkte, der es an Spannung und absoluten Siegeswillen fehlte. ”
“Ich erwarte, dass sich die Mannschaft in den restlichen sieben Spielen am Riemen reißt”, stellte Michael Preetz gegenüber dem kicker klar. Besonders in Begegnungen mit gleichstarken oder schwächeren Mannschaften tat sich Hertha schwer, wodurch zahlreiche Punkte liegen gelassen wurden – Punkte, die für einen Saisonendspurt immens wichtig gewesen wären. Hoffnungen auf das internationale Geschäft kann man sich in Berlin nicht mehr machen, doch sollte ein versöhnlicher Abschied in die Sommerpause Motivation genug sein. “Wir sind noch nicht im Urlaub. Es ist dumm, so etwas von uns zu denken. Es bringt nichts nach Ausreden zu suchen. Man muss bei sich schauen und sich selbst hinterfragen, ob man gut vorbereitet war. Jetzt ist alles schlecht, wenn wir gewinnen, sieht die Welt wieder anders aus”, sagte Rekik der B.Z.

Rückkehr zu Viererkette

Die Spieler müssen am Samstag ein anderes Gesicht zeigen und bleibt man in diesem Sprachbild, so ist die taktische Formation wohl so etwas wie das Make-Up einer Mannschaft. Die Verletzung (Faserriss) von Fabian Lustenberger in Verbindung mit den ebenfalls ausfallenden Jordan Torunarigha und Derrick Luckassen verhindert, dass Dardai sein Team einmal mehr mit einer Dreierkette auflaufen lässt – laut eigener Aussage hatte der Ungar ohnehin nicht mit dieser Taktik geplant.

Herthas mögliche Aufstellung gegen Fortuna Düsseldorf

Stattdessen wird die Viererkette zum Einsatz kommen, womöglich in einem 4-2-3-1 System (siehe Grafik). Dadurch könnte die dringend benötigte Kompaktheit und Stabilität zurückkehren, die Hertha in den letzten Spielen abhanden gekommen ist (zehn Gegentore in drei Partien). Dardai hat bereits personelle Wechsel angekündigt, sodass sich Reservisten wie Marvin Plattenhardt, Lukas Klünter oder Mathew Leckie Hoffnungen auf einen Einsatz machen dürfen. Unabhängig vom Personal muss von der Mannschaft eine Wiedergutmachung für das Debakel in Leipzig geleistet werden. Es muss zu erkennen sein, dass die Spieler sich für ihre Fans zerreißen und nicht gewillt sind, die Saison unmotiviert austrudeln zu lassen. Eine Niederlage gegen Düsseldorf könnte die Stimmung endgültig zu kippen bringen.

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