So ändern sich die Zeiten, oder? Vor ein paar Jahren wären wir alle froh darüber gewesen, ein Jahr im ruhigen Fahrwasser verbringen zu können. Ein Jahr ohne Abstiegsangst, mit dem einen oder anderen Überraschungssieg zwischendurch. Ein Jahr, in dem man sich wieder aufs Wochenende freuen kann, statt Angst zu haben, dass man jetzt doch noch unter den Strich rutscht. So war das damals, als Pal Dardai übernommen hat.

Dass der Fußball schnelllebig ist, wissen wir alle. Dass Fußballfans manchmal schnell vergessen, auch. Und deshalb kann ich Pal Dardai verstehen, wenn er ein bisschen genervt ist von den Reaktionen auf die vier Niederlagen in Serie und die erneut schwache Rückrunde seiner Mannschaft. Ich kann auch verstehen, dass er dann mal in die Mottenkiste mit den Standard-Erklärungen greift, die Peter Neururer irgendwann mal vergraben, die Thomas Doll aber vor ein paar Monaten wieder in die Bundesliga zurückgebracht hatte. Manchmal hat man ja selbst keine Erklärung für das, was da auf dem Platz passiert ist. Weil Fußball unterhalb des absoluten Weltklasse-Niveaus halt eben auch immer noch zu einem großen Teil von Zufällen abhängt. Oder wie Dardai sagen würde: Von Tagesform.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Und dann sagt man halt, was man so sagt. Medienschelte geht natürlich immer. Zu hohe Erwartungen, auch klar. Hier noch ein bisschen Verklärung, da noch ein bisschen Halbwahrheit. Dabei ist es ja so: Dardai hätte das gar nicht nötig. Er hat ordentlich Kredit überall, bei Medien, Fans und ich möchte auch glauben in der Mannschaft, weil seine Aussagen meistens nicht nur authentisch, sondern eben auch wahr und nachvollziehbar sind. Fundiert. Seine Auftritte vor den Spielen bei Eurosport gehören mit zum Besten, was ich jemals von einem Hertha-Trainer in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, aber auch taktischem Verständnis gesehen habe. Seine Art, Spiele zu analysieren, ist für mich ein Grund, direkt nach dem Abpfiff noch nicht auszuschalten, sondern zu warten, bis er seine Einschätzung abgegeben hat. Er ist immer der Erste bei den Reportern, ist das schonmal jemandem aufgefallen?

Allerdings – und deshalb wird es jetzt auch so ernst für ihn – lag der Ungar mit seinen Einschätzungen seit seinem Amtsantritt noch nie soweit daneben wie an diesem Sonntag. Dass der Wunsch nach Europa nicht von Medien oder Fans kam, sondern aus Teilen der Mannschaft, war die offensichtlichste Lüge. Doch es gab noch mehr Dinge, die sich leicht wiederlegen lassen.

“Die Mannschaft zieht mit. Ich habe (gegen Düsseldorf) keinen gesehen, der Spazieren gegangen ist.”

Pal Dardai

Schon nach wenigen Sekunden ging Valentino Lazaro im Hertha-Strafraum buchstäblich spazieren, haute erst völlig unmotiviert über den Ball und legte seinem Gegenspieler die Kugel danach schlafmützig auch noch vor die Füße. Es war nicht die einzige Szene, in der man den Eindruck bekommen konnte, dass es sich um ein Freundschaftsspiel handelt. Die Körpersprache nach dem Ausgleich, bei dem eigentlich niemand jubelte, war bezeichnend.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Dass sich Lazaro hinterher hinstellt und die Mitspieler kritisiert, werfe ich ihm übrigens gar nicht vor. Klar, war es nicht sein bestes Spiel, aber Lazaro gehört zumindest zu denen, die noch hohes Tempo gehen – er ist mit großem Abstand der Spieler mit den meisten Sprints im Hertha-Team. Lazaros Aussagen zeigen aber, dass wir bei diesem Gefüge im Moment nicht mehr von einer Mannschaft im eigentlichen Sinne sprechen können, sondern einem nicht mehr funktionierenden Kollektiv aus Einzelspielern.

“Von einem Spieler, der eine Million Euro kostet, können wir keine Leistung erwarten, wie von einem, der 60 Millionen kostet.”

Pal Dardai

Das ist die Antwort auf seine Aussage direkt nach dem Spiel, als er sagte, er könne der Mannschaft nichts vorwerfen. Natürlich ist nicht entscheidend, was jemand gekostet hat, sondern was er auf dem Platz leistet. Aber wenn Hertha in einem Heimspiel bundesligaübergreifend die Mannschaft mit den wenigsten Sprints ist, dann stimmt etwas mit dieser Leistung nicht. Und wenn es in so einer “einfachen” Kategorie wie dem schnellen Laufen schon nicht funktioniert, wie soll es dann woanders klappen?

Frankfurt macht es vor

Denn Sprints reißen Lücken, überspielen Abwehrreihen und sorgen für kreative Momente. Und ich hätte ehrlich gesagt nie gedacht, dass ausgerechnet ein Team von Pal Dardai in solchen Statistiken regelmäßig hinten dran sein würde. Einem Mann, dem man als Spieler immer alles vorwerfen konnte, aber nicht, dass er nicht genug gerannt wäre. “Wir sind eine fleißige Mannschaft” hat Dardai oft gesagt. Das Problem ist: Es stimmt nicht mehr. Und dann sprechen wir über Mentalität.

Denn das ist ja das eigentliche Problem: Wenn zum Beispiel Eintracht Frankfurt regelmäßig begeisternd seine Gegner überrennt, dann liegt das natürlich an der Qualität der Spieler, aber eben auch an intensiven Läufen (saisonweit Platz 3, Hertha 15) und Sprints (Frankfurt 1., Hertha 12.). Die Frankfurter laufen insgesamt zwar mit am wenigsten in der Liga (15., Hertha ist hier übrigens 17.), aber wenn sie laufen, dann tun sie es im hohen Tempo. Wenn sie im Trainer- und Managerteam demnächst mal wieder zusammensitzen und sich wundern, dass das Olympiastadion leer bleibt: Es könnte an der immer mal wieder schlafwagenartigen Spielweise liegen. Oder daran, dass die Mannschaft diese mittlerweile so interpretiert.

Pal hat noch nicht fertig

Und trotzdem bin ich eher geneigt, an Dardai festzuhalten und mit ihm weiterzulernen. Denn auch er sieht ja diese Statistiken und den dürftigen Ertrag. Wichtig ist, dass er sich das annimmt, was kritisiert wird und nicht mit Phrasen um sich schmeißt. Dass er ein junger Trainer ist, hat er immer wieder betont. Dass so ein junger Trainer Fehler macht, ist auch klar. Aber solange diese Fehler in Erkenntnissen münden und nicht auf den letzten drei Tabellenplätzen enden, ist das nach wie vor in Ordnung. Hertha ist nicht Dortmund. Hertha ist auch nicht Gladbach. Hertha ist Hertha – und trotz (oder gerade wegen) der Hauptstadt im Rücken und trotz der wirtschaftlichen Konsolidierung durch KKR weiterhin klamm. Man sieht zuhauf, was bei anderen Klubs passiert ist, die die Geduld verloren haben und zu früh zu viel wollten. Zwei von ihnen versuchen gerade, wieder in die 1. Liga aufzusteigen.

Wichtig ist, dass Dardai sich nicht von wem auch immer treiben lässt. Zu Aussagen, die objektiv falsch sind, selbst, wenn er sie vielleicht so wahrnimmt. Denn das führt dazu, dass man von außen den Eindruck bekommt, dass da jemand nicht mehr weiter weiß. Bislang hatte ich diesen Eindruck bei Dardai nie. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass Pal Dardai und Hertha obwohl wir gerade alle genervt davon sind, noch lange nicht fertig sind.

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

[…] einer enttäuschenden Niederlage gegen Düsseldorf und der darauf folgenden turbulenten Woche, in der intensiv darüber diskutiert wurde, ob Pal Dardai noch eine Zukunft bei Hertha BSC haben kann, spielen die Herthaner am Sonntag gegen die gut aufgelegte TSG Hoffenheim – auf dem Papier […]

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