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Lukas Klünter – mit Rekordtempo ins Rampenlicht

Hertha BSC ist Spitzenreiter! Gut, nicht in irgendeiner Tabelle oder beispielsweise den Zuschauerzahlen, auch nicht in Mannschaftsstatistiken wie erzielte Tore oder ähnliches – nein, in Sachen Tempo macht den Berlinern keiner etwas vor und mit den “den Berlinern” ist Lukas Klünter gemeint. Der 22-Jährige musste lange auf seine Chance warten, plagte sich zwischendurch mit Verletzungen herum, doch hat nun endlich seinen Platz in der Mannschaft gefunden und gilt als einer der wenigen Lichtblicke in der laufenden Rückrunde.

35,4 km/h erreichte Lukas Klünter als Höchstgeschwindigkeit im Spiel gegen Hannover 96 – sicherlich ein schwacher Trost, blickt man auf die ernüchternde Darbietung beim 0:0 gegen den Tabellenletzten zurück, doch sind es wohl die kleinen Dinge, an denen sich die Herthaner Anhänger in diesen Tagen festhalten und aufrichten sollten. Niemand in der Bundesliga war in der laufenden Saison schneller als Klünter, sodass die “graue Maus” aus Berlin doch eine kleine Attraktion vorzeigen kann. Bereits vor der offiziellen Verkündung seines Wechsels hatten wir uns mit den Tributen des damaligen Kölners auseinandergesetzt und kamen an seinem außerordentlich hohen Tempo nicht vorbei: 10,6 Sekunden braucht Klünter für die 100 Meter – der Wert eines professionellen Leichtathleten, eines guten wohlgemerkt.

Die Idee hinter dem Transfer

Doch nicht nur aufgrund seiner herausragenden Geschwindigkeit hat sich Hertha die Dienste des Rechtsverteidigers gesichert. Das Anforderungsprofil für Neuverpflichtungen der “alten Dame” ergibt sich aus den Transferphasen der vergangenen Jahre: Jung, talentiert, deutsch und verhältnismäßig günstig. All diese Eigenschaften trafen auf Spieler wie Mitchell Weiser (den es nun zu ersetzen galt), Niklas Stark, Marvin Plattenhardt oder (bis auf die Nationalität) Karim Rekik zu und da damals mit Peter Pekarik ein sehr erfahrener Rechtsverteidiger kürzlich sein Vertrag in Berlin verlängert hatte, war klar, dass Hertha wohl keinen “fertigen”, also absolut gestandenen Spieler für diese Position dazuholen würde.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Was Trainer Pal Dardai ebenfalls wichtig war, ist der Offensivdrang eines Außenverteidigers. Er lässt seinen Defensivspielern auf den Außenbahnen zahlreiche Aufgaben eines Spielmachers zukommen und bindet sie offensiv massiv ein. Besonders in dem immer mal wieder verwendeten 4-4-2-System sind aufrückende Außenverteidiger wichtig. Mit Klünter kam genau solch ein Spielertyp, der bereits viel taktisches Rüstzeug aus der Domstadt mitbringen konnte. Dort erfuhr die Dreierkette unter dem damaligen Trainer Peter Stöger mit zwei hoch stehenden Außenverteidigern, so genannten “Schienenspielern” viel Anwendung. In diesem System sind die Außenbahnspieler dazu angehalten, sowohl defensiv sicher zu stehen, als auch in der Vorwärtsbewegung tatkräftig mitzuhelfen. Wie sich in der laufenden Saison bestätigte, plante das Trainerteam, die Dreier-/Fünferkette nun auch bei den Blau-Weißen zu implementieren, sodass sich die Idee ergab, den erfahren Peter Pekarik in einer stabilen Dreierkette einzusetzen und den dynamischeren und offensiv-denkenden Klünter in einem System mit Dreierkette das Vertrauen zu schenken. Eine gesunde Aufgabenverteilung, um den noch jungen Neuzugang nicht mit zu viel Verantwortung zu überfordern.

Durst- statt Langstrecke

Über “zu viel” Verantwortung konnte sich Klünter in der zurückliegenden Hinrunde allerdings keinesfalls beschweren, vielmehr über Unterbeschäftigung. Nur eine einzige Minute (gegen Wolfsburg) durfte der Außenspieler in den ersten 17 Partien auf dem Bundesliga-Rasen stehen. „Er hat Pech, dass ich Valentino Lazaro zum Rechtsverteidiger umgeschult habe“, sagte Pal Dardai im November. Der Österreicher hatte sich überraschend schnell an die neue Position des Außenverteidigers angepasst und wurde zu einer der zentralen Mannschaftsstützen, verpasste bis Anfang Februar nicht eine Bundesliga-Minute – zwei Tore und vier Vorlagen waren eine zu starke Bilanz, als dass es für Dardai Anlass gegeben hätte, auf dieser Position etwas personell zu verändern.

Erschwerend für Klünters Situation kam hinzu, dass er sich im November einen Muskelbündelriss im Training zugezogen hatte und aufgrund dessen rund zwei Monate nicht zur Verfügung stand, somit auch nicht um eine Rolle im Kader kämpfen konnte. „Im Training hat er einen Schritt nach vorne gemacht. Auch beim Testspiel gegen Eintracht Braunschweig hat er eine gute Leistung gezeigt“, bescheinigte ihm damals Pal Dardai. Man könne von Klünter aber nicht auf Anhieb ein fehlerfreies Spiel erwarten. „Er ist ein junger Spieler, der sich noch entwickeln kann und Potenzial hat.“

Der Durchbruch in Gladbach

Sicherlich blieb Klünter nicht ohne Fehler, als er den gelbgesperrten Lazaro am 21. Spieltag bei Borussia Mönchengladbach vertrat, doch präsentierte sich der 22-Jährige in einer, gemessen an der kaum vorhanden Spielpraxis, herausragenden Verfassung. Drei Tage zuvor hatte Klünter rund 40 Minuten im DFB-Pokal gegen Bayern München (2:3) absolvieren dürfen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Erstmals seit seinem Wechsel nach Berlin stand er von Anfang an auf dem Feld und konnte als gebürtiger Rheinländer einen deutlichen Sieg gegen Rivale Gladbach feiern. Die Anfangsphase der Begegnung verlief für Klünter allerdings genauso holprig wie für den Rest der Mannschaft. Der Rechtsverteidiger kam selten in die Zweikämpfe und hatte immer wieder technische Fehler in seinem Spiel. Mit der Zeit wendete sich das Blatt allerdings und er wurde immer sicherer. Er behauptete sich gegen Gladbachs Thorgan Hazard, der sich damals in Topform befand, immer besser und überzeugte durch ein gutes Gespür für Stellungsspiel wie Zweikampfverhalten.

Je sicherer er sich defensiv fühlte, desto mehr Läufe in die gegnerische Hälfte traute sich Klünter zu. Der Ex-Kölner sorgte für viel Entlastung bei Flügelpartner Kalou, indem er durch weite Sprints die Gegner auf sich zog und somit dem Ivorer Platz schaffte. So gelang auch Herthas Führungstreffer, bei dem Klünter mit seinem Vorstoß Gladbachs Oscar Wendt an sich band und Kalou die Gelegenheit gab, den Raum einfacher zu nutzen. 36 Sprints legte Klünter am Samstag hin, niemand anderes konnte ansatzweise so viele aufweisen. Zwar sind ein Torschuss und zwei misslungene Flanken noch keine gute Ausbeute, aber mit seinen ständigen Offensivläufen beschäftigte Klünter den Gegner ununterbrochen und war somit eine wichtige Waffe im Konterspiel. Beinahe hatte er noch einen Treffer direkt aufgelegt, doch seinen sehr guten Steckpass kurz vor Abpfiff konnte Selke nicht verwerten.

Ein absolut gelungenes Startelfdebüt für Klünter, der zeigte, dass er weitaus mehr als nur ein schneller Spieler ist und den Hertha-Fans nicht Angst und Bange sein muss, wenn Stammspieler Lazaro für ein Spiel verhindert sein sollte. Klünter etablierte sich mit nur einem Auftritt als ernstzunehmende Alternative für die Startelf.

Klünter bleibt dran

Das Spiel im Borussia-Park hatte Klünter für die Öffentlichkeit entfremdet. Zuvor fand er im allgemeinen Austausch der Fans gar nicht statt. Wie auch? Bei drei Kadernominierungen und einer Einsatzminute in den ersten 20 Saisonspielen? “Den Schritt nach Berlin sehe ich als große Chance, mich persönlich weiterzuentwickeln. In der letzten Zeit hatte ich nicht so viel Spielzeit, hier möchte ich wieder mehr zum Einsatz kommen. Mir ist klar, dass ich mich beweisen muss”, erklärte Klünter seine Erwartungen im Sommer. Nun hatte er sich erstmals über 90 Minuten bewiesen und gleich überzeugt.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Seit der Begegnung in Gladbach stand Klünter in jedem Spieltagskader der Hauptstädter und insgesamt drei Mal in der Startelf. Zuletzt sogar zweimal in Folge, eine weitere Premiere für den Neuzugang. Inbesondere die Partie gegen die TSG Hoffenheim war ein weiterer Meilenstein auf Klünters Weg zum Stammspieler. Aufgrund akuten Personalmangels musste er spontan auf die ungewohnte Innenverteidiger-Position ausweichen und sich dort gegen einen der formstärksten Offensivspieler der Bundesliga behaupten – Ishak Belfodil. Klünter machte aber auch in diesem Spiel einen starken Job, lief dem Hoffenheimer Stürmer einen Ball nach dem anderen ab und spielte diese mit einer bemerkenswerten Ruhe von hinten heraus. In einer sonst immens wackeligen Berliner Defensive war ausgerechnet der ungelernte Innenverteidiger Klünter der beste Mann. “Lukas Klünter hat ein gutes Spiel als Innenverteidiger gemacht. Da haben wir als Hertha BSC in Sachen Marktwert wahrscheinlich ein Plus von zwei Millionen Euro gemacht. Das war eine überraschend gute Leistung von ihm”, erhielt er nach der Partie trotz des 1:3-Ausgangs ein Sonderlob von Trainer Dardai.

Seine mehr als solide Vorstellung in Sinsheim war wohl der endgültige Beweis, dass Klünter aufgrund seiner Schnelligkeit nicht nur auf der blau-weißen Tartanbahn überzeugen könnte, sondern auch das Rüstzeug hat, mehrere stabile Spiele am Stück abzureißen. Es findet beinahe in Image-Wechsel statt: viele trauten Klünter außerhalb seiner Athletik nur sehr wenig zu, sahen ihn als reinen Sprinter, doch stellt er immer mehr unter Beweis, mehr als nur Langstreckenläufer mit Ball am Fuß zu sein.

Der Gewinner unter den Verlierern

Die bemerkenswerte Entwicklungskurve Klünters blieb dem DFB ebenfalls nicht verborgen und so wurde er erstmals seit 2017 wieder für Deutschlands U21-Nationalmannschaft nominiert, reiste zusammen mit Jordan Torunarigha, Maxi Mittelstädt und Arne Maier zu Stefan Kuntz und bekam sogar Spielzeit, um sich zu präsentieren. Ein Zeichen dafür, dass Klünter nach einer schwierigen Phase endgültig zurück ist.

Foto: Jörg Schüler/Getty Images for DFB

“Wir müssen in den verbleibenden fünf Spielen zusehen, dass wir diese vernünftig über die Bühne kriegen und uns wieder von der guten Seite zeigen, die wir in der laufenden Saison auch schon demonstriert haben. Wir wollen den Fans und dem Vereinsumfeld etwas zurückgeben, das ist das große Ziel”, gab Klünter zuletzt im Vereins-Interview als Richtung für den Saisonendspurt vor, doch im darauffolgenden Spiel schien sich beinahe nur er selbst an diese Worte zu halten. Gegen Hannover 96 war Klünter in einem absolut trostlosen Spiel der Aktivposten seiner Mannschaft. Trotz des enttäuschenden 0:0 gegen das Tabellenschlusslicht konnte Klünter einmal mehr Pluspunkte für sich sammeln, fand sogar in die Elf des Spieltages von Eurosport: “Der rechte Außenverteidiger stach aus einer schwachen Berliner Elf als einer der Wenigen hervor. (…) Vor allem in der ersten Hälfte lief so gut wie jeder Angriff der Berliner über seine rechte Seite, auch in Durchgang zwei war Klünter an den Offensivaktionen seines Teams meist beteiligt”, hieß es in der Begründung für seine Nominierung.

Klünter war für den vermeintlichen Stamm-Rechtsverteidiger Valentino Lazaro auf die Außenbahn gerückt – vielleicht bereits ein Vorgeschmack auf die kommende Spielzeit, da Lazaro immer wieder mit einem Wechsel im Sommer in Verbindung gebracht wird. Der Österreicher hatte sich aufgrund seiner zuletzt schwachen Auftritte eine “Denkpause” von Dardai eingehandelt, saß nur auf der Tribüne und musste zusehen, wie Klünter es deutlich besser als er in den letzten Wochen machte. Sicherlich ist der Rahmen spielerischer Möglichkeiten mit Klünter anstatt Lazaro kleiner – in Sachen Technik, Finesse und Effizienz hat der Österreicher dem U21-Nationalspieler (noch) einiges voraus, doch etabliert sich Klünter momentan als wirklich solider Bundesliga-Spieler. Sicherlich verkörpert Klünter einen klassischeren Rechtsverteidiger-Typ als der verkappte Spielmacher Lazaro, doch auch mit seinen Attributen kann er seiner Mannschaft helfen.

Es ist eine einmal mehr enttäuschende Rückrunde der “alten Dame” mit beinahe keinen Höhepunkten. So sind es die kleinen Lichtblicke, die in den Fokus gerückt werden müssen und der Aufstieg Lukas Klünters vom abgeschlagenen Tribünengast zum ernsthaften Startelf-Aspiranten ist genau so einer. So ist er einer der wenigen Gewinnern unter den Verlierern – eine Entwicklung, die ihm nur wenige zugetraut hätten. “Ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ich mir Zeit gebe und dass ich nicht den Kopf hängen lasse, wenn es mal nicht so läuft, dass ich immer dran bleibe. Das habe ich getan und jetzt bin ich froh, dass es besser läuft. Für die kommenden Jahre nehme ich mir auf jeden Fall noch mehr vor und bin ich mir auch sicher, dass es klappen wird”, so Klünter.

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Hertha BSC ist Spitzenreiter! Gut, nicht in irgendeiner Tabelle oder beispielsweise den Zuschauerzahlen, auch nicht in Mannschaftsstatistiken wie erzielte Tore oder ähnliches – nein, in Sachen Tempo macht den Berlinern keiner etwas vor und mit den “den Berlinern” ist Lukas Klünter gemeint. Der 22-Jährige musste lange auf seine Chance warten, plagte sich zwischendurch mit Verletzungen herum, doch hat nun endlich seinen Platz in der Mannschaft gefunden und gilt als einer der wenigen Lichtblicke in der laufenden Rückrunde.

35,4 km/h erreichte Lukas Klünter als Höchstgeschwindigkeit im Spiel gegen Hannover 96 – sicherlich ein schwacher Trost, blickt man auf die ernüchternde Darbietung beim 0:0 gegen den Tabellenletzten zurück, doch sind es wohl die kleinen Dinge, an denen sich die Herthaner Anhänger in diesen Tagen festhalten und aufrichten sollten. Niemand in der Bundesliga war in der laufenden Saison schneller als Klünter, sodass die “graue Maus” aus Berlin doch eine kleine Attraktion vorzeigen kann. Bereits vor der offiziellen Verkündung seines Wechsels hatten wir uns mit den Tributen des damaligen Kölners auseinandergesetzt und kamen an seinem außerordentlich hohen Tempo nicht vorbei: 10,6 Sekunden braucht Klünter für die 100 Meter – der Wert eines professionellen Leichtathleten, eines guten wohlgemerkt.

Die Idee hinter dem Transfer

Doch nicht nur aufgrund seiner herausragenden Geschwindigkeit hat sich Hertha die Dienste des Rechtsverteidigers gesichert. Das Anforderungsprofil für Neuverpflichtungen der “alten Dame” ergibt sich aus den Transferphasen der vergangenen Jahre: Jung, talentiert, deutsch und verhältnismäßig günstig. All diese Eigenschaften trafen auf Spieler wie Mitchell Weiser (den es nun zu ersetzen galt), Niklas Stark, Marvin Plattenhardt oder (bis auf die Nationalität) Karim Rekik zu und da damals mit Peter Pekarik ein sehr erfahrener Rechtsverteidiger kürzlich sein Vertrag in Berlin verlängert hatte, war klar, dass Hertha wohl keinen “fertigen”, also absolut gestandenen Spieler für diese Position dazuholen würde.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Was Trainer Pal Dardai ebenfalls wichtig war, ist der Offensivdrang eines Außenverteidigers. Er lässt seinen Defensivspielern auf den Außenbahnen zahlreiche Aufgaben eines Spielmachers zukommen und bindet sie offensiv massiv ein. Besonders in dem immer mal wieder verwendeten 4-4-2-System sind aufrückende Außenverteidiger wichtig. Mit Klünter kam genau solch ein Spielertyp, der bereits viel taktisches Rüstzeug aus der Domstadt mitbringen konnte. Dort erfuhr die Dreierkette unter dem damaligen Trainer Peter Stöger mit zwei hoch stehenden Außenverteidigern, so genannten “Schienenspielern” viel Anwendung. In diesem System sind die Außenbahnspieler dazu angehalten, sowohl defensiv sicher zu stehen, als auch in der Vorwärtsbewegung tatkräftig mitzuhelfen. Wie sich in der laufenden Saison bestätigte, plante das Trainerteam, die Dreier-/Fünferkette nun auch bei den Blau-Weißen zu implementieren, sodass sich die Idee ergab, den erfahren Peter Pekarik in einer stabilen Dreierkette einzusetzen und den dynamischeren und offensiv-denkenden Klünter in einem System mit Dreierkette das Vertrauen zu schenken. Eine gesunde Aufgabenverteilung, um den noch jungen Neuzugang nicht mit zu viel Verantwortung zu überfordern.

Durst- statt Langstrecke

Über “zu viel” Verantwortung konnte sich Klünter in der zurückliegenden Hinrunde allerdings keinesfalls beschweren, vielmehr über Unterbeschäftigung. Nur eine einzige Minute (gegen Wolfsburg) durfte der Außenspieler in den ersten 17 Partien auf dem Bundesliga-Rasen stehen. „Er hat Pech, dass ich Valentino Lazaro zum Rechtsverteidiger umgeschult habe“, sagte Pal Dardai im November. Der Österreicher hatte sich überraschend schnell an die neue Position des Außenverteidigers angepasst und wurde zu einer der zentralen Mannschaftsstützen, verpasste bis Anfang Februar nicht eine Bundesliga-Minute – zwei Tore und vier Vorlagen waren eine zu starke Bilanz, als dass es für Dardai Anlass gegeben hätte, auf dieser Position etwas personell zu verändern.

Erschwerend für Klünters Situation kam hinzu, dass er sich im November einen Muskelbündelriss im Training zugezogen hatte und aufgrund dessen rund zwei Monate nicht zur Verfügung stand, somit auch nicht um eine Rolle im Kader kämpfen konnte. „Im Training hat er einen Schritt nach vorne gemacht. Auch beim Testspiel gegen Eintracht Braunschweig hat er eine gute Leistung gezeigt“, bescheinigte ihm damals Pal Dardai. Man könne von Klünter aber nicht auf Anhieb ein fehlerfreies Spiel erwarten. „Er ist ein junger Spieler, der sich noch entwickeln kann und Potenzial hat.“

Der Durchbruch in Gladbach

Sicherlich blieb Klünter nicht ohne Fehler, als er den gelbgesperrten Lazaro am 21. Spieltag bei Borussia Mönchengladbach vertrat, doch präsentierte sich der 22-Jährige in einer, gemessen an der kaum vorhanden Spielpraxis, herausragenden Verfassung. Drei Tage zuvor hatte Klünter rund 40 Minuten im DFB-Pokal gegen Bayern München (2:3) absolvieren dürfen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Erstmals seit seinem Wechsel nach Berlin stand er von Anfang an auf dem Feld und konnte als gebürtiger Rheinländer einen deutlichen Sieg gegen Rivale Gladbach feiern. Die Anfangsphase der Begegnung verlief für Klünter allerdings genauso holprig wie für den Rest der Mannschaft. Der Rechtsverteidiger kam selten in die Zweikämpfe und hatte immer wieder technische Fehler in seinem Spiel. Mit der Zeit wendete sich das Blatt allerdings und er wurde immer sicherer. Er behauptete sich gegen Gladbachs Thorgan Hazard, der sich damals in Topform befand, immer besser und überzeugte durch ein gutes Gespür für Stellungsspiel wie Zweikampfverhalten.

Je sicherer er sich defensiv fühlte, desto mehr Läufe in die gegnerische Hälfte traute sich Klünter zu. Der Ex-Kölner sorgte für viel Entlastung bei Flügelpartner Kalou, indem er durch weite Sprints die Gegner auf sich zog und somit dem Ivorer Platz schaffte. So gelang auch Herthas Führungstreffer, bei dem Klünter mit seinem Vorstoß Gladbachs Oscar Wendt an sich band und Kalou die Gelegenheit gab, den Raum einfacher zu nutzen. 36 Sprints legte Klünter am Samstag hin, niemand anderes konnte ansatzweise so viele aufweisen. Zwar sind ein Torschuss und zwei misslungene Flanken noch keine gute Ausbeute, aber mit seinen ständigen Offensivläufen beschäftigte Klünter den Gegner ununterbrochen und war somit eine wichtige Waffe im Konterspiel. Beinahe hatte er noch einen Treffer direkt aufgelegt, doch seinen sehr guten Steckpass kurz vor Abpfiff konnte Selke nicht verwerten.

Ein absolut gelungenes Startelfdebüt für Klünter, der zeigte, dass er weitaus mehr als nur ein schneller Spieler ist und den Hertha-Fans nicht Angst und Bange sein muss, wenn Stammspieler Lazaro für ein Spiel verhindert sein sollte. Klünter etablierte sich mit nur einem Auftritt als ernstzunehmende Alternative für die Startelf.

Klünter bleibt dran

Das Spiel im Borussia-Park hatte Klünter für die Öffentlichkeit entfremdet. Zuvor fand er im allgemeinen Austausch der Fans gar nicht statt. Wie auch? Bei drei Kadernominierungen und einer Einsatzminute in den ersten 20 Saisonspielen? “Den Schritt nach Berlin sehe ich als große Chance, mich persönlich weiterzuentwickeln. In der letzten Zeit hatte ich nicht so viel Spielzeit, hier möchte ich wieder mehr zum Einsatz kommen. Mir ist klar, dass ich mich beweisen muss”, erklärte Klünter seine Erwartungen im Sommer. Nun hatte er sich erstmals über 90 Minuten bewiesen und gleich überzeugt.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Seit der Begegnung in Gladbach stand Klünter in jedem Spieltagskader der Hauptstädter und insgesamt drei Mal in der Startelf. Zuletzt sogar zweimal in Folge, eine weitere Premiere für den Neuzugang. Inbesondere die Partie gegen die TSG Hoffenheim war ein weiterer Meilenstein auf Klünters Weg zum Stammspieler. Aufgrund akuten Personalmangels musste er spontan auf die ungewohnte Innenverteidiger-Position ausweichen und sich dort gegen einen der formstärksten Offensivspieler der Bundesliga behaupten – Ishak Belfodil. Klünter machte aber auch in diesem Spiel einen starken Job, lief dem Hoffenheimer Stürmer einen Ball nach dem anderen ab und spielte diese mit einer bemerkenswerten Ruhe von hinten heraus. In einer sonst immens wackeligen Berliner Defensive war ausgerechnet der ungelernte Innenverteidiger Klünter der beste Mann. “Lukas Klünter hat ein gutes Spiel als Innenverteidiger gemacht. Da haben wir als Hertha BSC in Sachen Marktwert wahrscheinlich ein Plus von zwei Millionen Euro gemacht. Das war eine überraschend gute Leistung von ihm”, erhielt er nach der Partie trotz des 1:3-Ausgangs ein Sonderlob von Trainer Dardai.

Seine mehr als solide Vorstellung in Sinsheim war wohl der endgültige Beweis, dass Klünter aufgrund seiner Schnelligkeit nicht nur auf der blau-weißen Tartanbahn überzeugen könnte, sondern auch das Rüstzeug hat, mehrere stabile Spiele am Stück abzureißen. Es findet beinahe in Image-Wechsel statt: viele trauten Klünter außerhalb seiner Athletik nur sehr wenig zu, sahen ihn als reinen Sprinter, doch stellt er immer mehr unter Beweis, mehr als nur Langstreckenläufer mit Ball am Fuß zu sein.

Der Gewinner unter den Verlierern

Die bemerkenswerte Entwicklungskurve Klünters blieb dem DFB ebenfalls nicht verborgen und so wurde er erstmals seit 2017 wieder für Deutschlands U21-Nationalmannschaft nominiert, reiste zusammen mit Jordan Torunarigha, Maxi Mittelstädt und Arne Maier zu Stefan Kuntz und bekam sogar Spielzeit, um sich zu präsentieren. Ein Zeichen dafür, dass Klünter nach einer schwierigen Phase endgültig zurück ist.

Foto: Jörg Schüler/Getty Images for DFB

“Wir müssen in den verbleibenden fünf Spielen zusehen, dass wir diese vernünftig über die Bühne kriegen und uns wieder von der guten Seite zeigen, die wir in der laufenden Saison auch schon demonstriert haben. Wir wollen den Fans und dem Vereinsumfeld etwas zurückgeben, das ist das große Ziel”, gab Klünter zuletzt im Vereins-Interview als Richtung für den Saisonendspurt vor, doch im darauffolgenden Spiel schien sich beinahe nur er selbst an diese Worte zu halten. Gegen Hannover 96 war Klünter in einem absolut trostlosen Spiel der Aktivposten seiner Mannschaft. Trotz des enttäuschenden 0:0 gegen das Tabellenschlusslicht konnte Klünter einmal mehr Pluspunkte für sich sammeln, fand sogar in die Elf des Spieltages von Eurosport: “Der rechte Außenverteidiger stach aus einer schwachen Berliner Elf als einer der Wenigen hervor. (…) Vor allem in der ersten Hälfte lief so gut wie jeder Angriff der Berliner über seine rechte Seite, auch in Durchgang zwei war Klünter an den Offensivaktionen seines Teams meist beteiligt”, hieß es in der Begründung für seine Nominierung.

Klünter war für den vermeintlichen Stamm-Rechtsverteidiger Valentino Lazaro auf die Außenbahn gerückt – vielleicht bereits ein Vorgeschmack auf die kommende Spielzeit, da Lazaro immer wieder mit einem Wechsel im Sommer in Verbindung gebracht wird. Der Österreicher hatte sich aufgrund seiner zuletzt schwachen Auftritte eine “Denkpause” von Dardai eingehandelt, saß nur auf der Tribüne und musste zusehen, wie Klünter es deutlich besser als er in den letzten Wochen machte. Sicherlich ist der Rahmen spielerischer Möglichkeiten mit Klünter anstatt Lazaro kleiner – in Sachen Technik, Finesse und Effizienz hat der Österreicher dem U21-Nationalspieler (noch) einiges voraus, doch etabliert sich Klünter momentan als wirklich solider Bundesliga-Spieler. Sicherlich verkörpert Klünter einen klassischeren Rechtsverteidiger-Typ als der verkappte Spielmacher Lazaro, doch auch mit seinen Attributen kann er seiner Mannschaft helfen.

Es ist eine einmal mehr enttäuschende Rückrunde der “alten Dame” mit beinahe keinen Höhepunkten. So sind es die kleinen Lichtblicke, die in den Fokus gerückt werden müssen und der Aufstieg Lukas Klünters vom abgeschlagenen Tribünengast zum ernsthaften Startelf-Aspiranten ist genau so einer. So ist er einer der wenigen Gewinnern unter den Verlierern – eine Entwicklung, die ihm nur wenige zugetraut hätten. “Ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ich mir Zeit gebe und dass ich nicht den Kopf hängen lasse, wenn es mal nicht so läuft, dass ich immer dran bleibe. Das habe ich getan und jetzt bin ich froh, dass es besser läuft. Für die kommenden Jahre nehme ich mir auf jeden Fall noch mehr vor und bin ich mir auch sicher, dass es klappen wird”, so Klünter.

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