Hertha BSCKolumne

Keep calm and carry on

Acht Gegentore. Zwei Niederlagen gegen Gegner auf vermeintlicher Augenhöhe. Nach drei insgesamt eher enttäuschenden Spieltagen werden die ersten Hertha-Fans nervös. Erste Zweifel am neuen Trainer Ante Covic werden formuliert, die Notwendigkeit des Trainerwechsels allgemein in Frage gestellt und mit Wehmut an die vermeintlich gute Zeit mit Pal Dardai gedacht.

Geduld und Ruhe sind jedoch die Tugenden der Stunde! Ja, es war nicht alles Gold in den vergangenen beiden Spielen, sondern eher (besonders in der Defensive) billiges Blech. Trotzdem sollte nicht zu früh der Stab über Ante Covic gebrochen werden. Dafür sprechen meiner Meinung nach mehrere Gründe.

Der Misserfolg hat viele (unglückliche) Gründe

Die sportliche Misere ist nicht allein auf strukturelle beziehungsweise taktische Gründe zurückzuführen, sondern beruht auch auf einer ganzen Menge individuelles Pech oder Unvermögen (je nachdem wie man es sehen möchte). Ohne die beiden unnötigen Eigentore von Karim Rekik und Niklas Stark hätte Schalke 04 wohl kein Tor in diesem Spiel geschossen. Auch das unsinnige Foul von Marko Grujic an Robert Lewandowski und der anschließende Elfmeter im Spiel gegen die Bayern wird in dieser Form wohl nie wieder passieren. Gegen Wolfsburg gerät Hertha dumm (Rekiks “Sprungtackle” führt zum Elfmeter) in Rückstand, drückt anschließend auf den Ausgleich und läuft schlussendlich in die Konter. That’s football.

Covic ist flexibel und lernfähig

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Ante Covic ist lernfähig und bereit, seinen und den Weg der Mannschaft an die aktuellen Probleme und Herausforderungen anzupassen. Als Zwischenbilanz nach den ersten drei Spielen erkannte und kommunizierte er die noch vorhandenen Unzulänglichkeit der Mannschaft: „Nach acht Gegentoren wäre es naiv, nicht an der Balance zu arbeiten – wir müssen als Verbund besser stehen.” Fehler zu erkennen und sie dann abzustellen sollte eigentlich eine selbstverständliche Grundtugend sein. Doch es gibt auch die krassen Gegenbeispiele wie beispielsweise im Jahr 2015, als VfB-Trainer Alexander Zorniger seinen Kamikaze-Spielstil bis zum bitteren Ende (seiner Entlassung) voll durchzog und trotz sportlichen Misserfolgen von seiner Philosophie nicht abrückte.

Für solch ein Verhalten gibt es aber auch in der jüngsten Hertha-Vergangenheit ein Beispiel: Pal Dardai. Nach den desolaten Spielen gegen Leipzig und Düsseldorf zeigte sich der Ungarn trotzig und realitätsfern. So sagte er beispielsweise nach der Heimpleite gegen Düsseldorf: „Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC … Wenn ich schaue auf gelaufene Kilometer, den Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, Torschüsse, war das für Hertha-Verhältnisse ein sehr gutes Spiel. Dieses mal haben wir verloren.“ Solche Töne hat man von Ante Covic bislang noch nicht vernommen.

Covic hat noch genügend Patronen im Gürtel

Ante Covic ist zwar ein Neuling im Profitrainerbereich, hat aber als Jugendtrainer und Profispieler das Geschäft zu genüge kennengelernt. Ihm stehen noch ausreichend taktische, personelle und psychologische Kniffe zur Verfügung, mit denen er das Ruder rumreißen kann. Der Mannschaft fehlt es sichtbar an Mentalität? Dauerkämpfer- und renner Per Skjelbred sowie der wuchtige Marius Wolf sind jederzeit bereit. Niklas Stark und Karim Rekik stehen auf dem Platz weiter neben sich? Jordan Torunarigha und der wiedergenesene Dedryck Boyata sind bereit und heiß. Wenn Arne Maier zurückkehrt, hat Covic noch eine weitere wichtige Option, um das derzeit wackelige Mittelfeld zu stabilisieren. Covic will gegenüber dem Team ein Zeichen setzen? Ein neuen Kapitän zu benennen kann manchmal Wunder bewirken. Vedad Ibisevic weiß das am Besten. Der neue offensivere Ansatz funktioniert (noch) nicht? Die Rückkehr zum altbewährten 4-2-3-1 oder zur Fünferkette aus der vergangenen Saison sollten der Mannschaft nicht schwer fallen. Covic ist derzeit noch nett und stellt sich vor die Mannschaft, aber er wird auch sicherlich andere Saiten aufziehen können.

Dardai ist keine Alternative

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Ja, Pal Dardai hatte einen erholsamen Urlaub und möchte wieder – nicht morgen aber irgendwann – als Trainer arbeiten. Da liegt bei einigen der Gedanke nah, bei weiteren Misserfolgen Covic durch Dardai zu ersetzen. Quasi einmal “Zurück auf Los”. Doch das wird nicht passieren. Michael Preetz wird Covic nicht durch Dardai ersetzen – zu offensichtlich wäre damit das Eingeständnis eines Fehlers. Des Weiteren wäre Pal Dardai in der Saison 2019/20 nicht der Dardai, den wir alle kennen und schätzen gelernt haben. Rainer Widmayer, taktisches Pendant und Co-Trainer von Dardai, arbeitet mittlerweile in Stuttgart. Man wüsste also nicht, ob man “nur” den Motivations- und Mentalitäts-Pal zurückbekäme oder auch einen Trainer, der die Mannschaft mit taktischen Kniffen zu Siegen führt.

Auch wüsste man nicht, ob Dardai mit den Neuverpflichtungen wie Lukebakio, Löwen, Redan, Wolf und Boyata etwas anzufangen wüsste. Der Sinn dieser teilweise sehr teuren Investitionen stünde in Frage, denn jeder Hertha-Fan weiß zu genüge, was mit Spielern passiert, mit denen Dardai nichts anfangen kann. An dieser Stelle gehen Grüße raus Valentin Stocker in Basel und Sandro Wagner in Tianjin. Nicht zuletzt die Worte von Dardai selbst schließen eine Rückkehr als Hertha-Chefcoach aus. “Das war eine schöne Zeit bei Hertha, aber sicherlich war ich zum Schluss auch ein bisschen müde“, sagte der Ungar dem Tagesspiegel.

Keep calm and carry on

Es war klar, dass nach über vier Jahren Dardai-Ära der Umbruch nicht von heute auf morgen passieren würde. Deswegen plädiere ich dafür, Covic auch entsprechend Zeit einzuräumen, damit er mit der Mannschaft und dem Verein den erwünschten nächsten Schritt schaffen kann. Noch ist Hertha nicht verloren. Ante Covic ist ein junger Trainer mit großen Ideen und er verdient Unterstützung, aber vor allem Vertrauen – auch bei einer erneuten Niederlage, einem wackeligen Remis oder einem erstolperten Sieg gegen Mainz. Danach kommen weitere Spiele gegen schlagbare Gegner. Das Leben und der Spielplan gehen weiter und die Saison ist lang. Also ich bleibe ganz ruhig und entspannt.

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Acht Gegentore. Zwei Niederlagen gegen Gegner auf vermeintlicher Augenhöhe. Nach drei insgesamt eher enttäuschenden Spieltagen werden die ersten Hertha-Fans nervös. Erste Zweifel am neuen Trainer Ante Covic werden formuliert, die Notwendigkeit des Trainerwechsels allgemein in Frage gestellt und mit Wehmut an die vermeintlich gute Zeit mit Pal Dardai gedacht.

Geduld und Ruhe sind jedoch die Tugenden der Stunde! Ja, es war nicht alles Gold in den vergangenen beiden Spielen, sondern eher (besonders in der Defensive) billiges Blech. Trotzdem sollte nicht zu früh der Stab über Ante Covic gebrochen werden. Dafür sprechen meiner Meinung nach mehrere Gründe.

Der Misserfolg hat viele (unglückliche) Gründe

Die sportliche Misere ist nicht allein auf strukturelle beziehungsweise taktische Gründe zurückzuführen, sondern beruht auch auf einer ganzen Menge individuelles Pech oder Unvermögen (je nachdem wie man es sehen möchte). Ohne die beiden unnötigen Eigentore von Karim Rekik und Niklas Stark hätte Schalke 04 wohl kein Tor in diesem Spiel geschossen. Auch das unsinnige Foul von Marko Grujic an Robert Lewandowski und der anschließende Elfmeter im Spiel gegen die Bayern wird in dieser Form wohl nie wieder passieren. Gegen Wolfsburg gerät Hertha dumm (Rekiks “Sprungtackle” führt zum Elfmeter) in Rückstand, drückt anschließend auf den Ausgleich und läuft schlussendlich in die Konter. That’s football.

Covic ist flexibel und lernfähig

Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Ante Covic ist lernfähig und bereit, seinen und den Weg der Mannschaft an die aktuellen Probleme und Herausforderungen anzupassen. Als Zwischenbilanz nach den ersten drei Spielen erkannte und kommunizierte er die noch vorhandenen Unzulänglichkeit der Mannschaft: „Nach acht Gegentoren wäre es naiv, nicht an der Balance zu arbeiten – wir müssen als Verbund besser stehen.” Fehler zu erkennen und sie dann abzustellen sollte eigentlich eine selbstverständliche Grundtugend sein. Doch es gibt auch die krassen Gegenbeispiele wie beispielsweise im Jahr 2015, als VfB-Trainer Alexander Zorniger seinen Kamikaze-Spielstil bis zum bitteren Ende (seiner Entlassung) voll durchzog und trotz sportlichen Misserfolgen von seiner Philosophie nicht abrückte.

Für solch ein Verhalten gibt es aber auch in der jüngsten Hertha-Vergangenheit ein Beispiel: Pal Dardai. Nach den desolaten Spielen gegen Leipzig und Düsseldorf zeigte sich der Ungarn trotzig und realitätsfern. So sagte er beispielsweise nach der Heimpleite gegen Düsseldorf: „Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC … Wenn ich schaue auf gelaufene Kilometer, den Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, Torschüsse, war das für Hertha-Verhältnisse ein sehr gutes Spiel. Dieses mal haben wir verloren.“ Solche Töne hat man von Ante Covic bislang noch nicht vernommen.

Covic hat noch genügend Patronen im Gürtel

Ante Covic ist zwar ein Neuling im Profitrainerbereich, hat aber als Jugendtrainer und Profispieler das Geschäft zu genüge kennengelernt. Ihm stehen noch ausreichend taktische, personelle und psychologische Kniffe zur Verfügung, mit denen er das Ruder rumreißen kann. Der Mannschaft fehlt es sichtbar an Mentalität? Dauerkämpfer- und renner Per Skjelbred sowie der wuchtige Marius Wolf sind jederzeit bereit. Niklas Stark und Karim Rekik stehen auf dem Platz weiter neben sich? Jordan Torunarigha und der wiedergenesene Dedryck Boyata sind bereit und heiß. Wenn Arne Maier zurückkehrt, hat Covic noch eine weitere wichtige Option, um das derzeit wackelige Mittelfeld zu stabilisieren. Covic will gegenüber dem Team ein Zeichen setzen? Ein neuen Kapitän zu benennen kann manchmal Wunder bewirken. Vedad Ibisevic weiß das am Besten. Der neue offensivere Ansatz funktioniert (noch) nicht? Die Rückkehr zum altbewährten 4-2-3-1 oder zur Fünferkette aus der vergangenen Saison sollten der Mannschaft nicht schwer fallen. Covic ist derzeit noch nett und stellt sich vor die Mannschaft, aber er wird auch sicherlich andere Saiten aufziehen können.

Dardai ist keine Alternative

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Ja, Pal Dardai hatte einen erholsamen Urlaub und möchte wieder – nicht morgen aber irgendwann – als Trainer arbeiten. Da liegt bei einigen der Gedanke nah, bei weiteren Misserfolgen Covic durch Dardai zu ersetzen. Quasi einmal “Zurück auf Los”. Doch das wird nicht passieren. Michael Preetz wird Covic nicht durch Dardai ersetzen – zu offensichtlich wäre damit das Eingeständnis eines Fehlers. Des Weiteren wäre Pal Dardai in der Saison 2019/20 nicht der Dardai, den wir alle kennen und schätzen gelernt haben. Rainer Widmayer, taktisches Pendant und Co-Trainer von Dardai, arbeitet mittlerweile in Stuttgart. Man wüsste also nicht, ob man “nur” den Motivations- und Mentalitäts-Pal zurückbekäme oder auch einen Trainer, der die Mannschaft mit taktischen Kniffen zu Siegen führt.

Auch wüsste man nicht, ob Dardai mit den Neuverpflichtungen wie Lukebakio, Löwen, Redan, Wolf und Boyata etwas anzufangen wüsste. Der Sinn dieser teilweise sehr teuren Investitionen stünde in Frage, denn jeder Hertha-Fan weiß zu genüge, was mit Spielern passiert, mit denen Dardai nichts anfangen kann. An dieser Stelle gehen Grüße raus Valentin Stocker in Basel und Sandro Wagner in Tianjin. Nicht zuletzt die Worte von Dardai selbst schließen eine Rückkehr als Hertha-Chefcoach aus. “Das war eine schöne Zeit bei Hertha, aber sicherlich war ich zum Schluss auch ein bisschen müde“, sagte der Ungar dem Tagesspiegel.

Keep calm and carry on

Es war klar, dass nach über vier Jahren Dardai-Ära der Umbruch nicht von heute auf morgen passieren würde. Deswegen plädiere ich dafür, Covic auch entsprechend Zeit einzuräumen, damit er mit der Mannschaft und dem Verein den erwünschten nächsten Schritt schaffen kann. Noch ist Hertha nicht verloren. Ante Covic ist ein junger Trainer mit großen Ideen und er verdient Unterstützung, aber vor allem Vertrauen – auch bei einer erneuten Niederlage, einem wackeligen Remis oder einem erstolperten Sieg gegen Mainz. Danach kommen weitere Spiele gegen schlagbare Gegner. Das Leben und der Spielplan gehen weiter und die Saison ist lang. Also ich bleibe ganz ruhig und entspannt.

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