Hertha BSCKolumne

Mentalitätsfragen

Für den jüngsten Höhenflug von Hertha BSC (drei Spiele – drei Siege) gibt es diverse Erklärungsansätze. Trainer Ante Covic hat seine Taktik angepasst, seine Einwechslungen fruchten endlich (Köln! Ibisevic! Ein Traum!), Spiel- und Schiriglück (u.a. Skjelbreds Handspiel im Berliner Strafraum gegen Düsseldorf) und mit Javairo Dilrosun hat die Mannschaft endlich einen Unterschiedspieler, der sie auf ein anderes Niveau hebt.

Dilrosun – Garant für die jüngsten Erfolge. (Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images)

 

Doch noch eine Sache hat sich verändert. Etwas, was man nur schwer fassen und noch schwerer erklären kann. Ein Begriff, der nur allzu gerne rausgeholt wird, wenn es mal nicht so läuft. Etwas was oft nur dann thematisiert wird, wenn angeblich zu wenig davon da ist. Auch ich meide diesen Begriff eigentlich konsequent. So war – meiner Meinung nach – die schwache Rückrunde unter Pal Dardai nicht in erster Linie auf die angeblich mangelnde Mentalität der Mannschaft zurückzuführen, sondern auf ein strukturelles Problem, welches viel mit Dardai als Trainer und seiner Taktik sowie verletzten bzw. formschwachen Spielern zu tun hatte.

Jetzt ist es raus: in dieser Kolumne soll es um Mentalität gehen. Doch was soll das eigentlich sein, diese “Mentalität”?

Men­ta­li­tätdie (Substantiv, feminin)

Geistes- und Gemütsart; besondere Art des Denkens und Fühlens.

Mentalität ist eine bestimmte Geisteshaltung gegenüber den Widrigkeiten im Leben im allgemeinen und auf dem Fußballplatz im speziellen. Und hier hat sich bei Hertha in den vergangenen Wochen merklich etwas geändert.

Paderborn und Düsseldorf sind auch Siege des Willens

Das Spiel gegen Paderborn war spielerisch eine Bankrotterklärung – dass Covics Mannschaft in diesem entscheidenden Spiel jedoch nach dem Anschlusstreffer die Nerven behielt und nicht noch den Ausgleich kassierte, ist ihr hoch anzurechnen. Der Sieg in Köln bewies, dass die fußballerischen Ansätze aus der Vorbereitung auch in der Bundesliga funktionieren, dass mutiger Fußball sich lohnt. Und im Heimspiel gegen Düsseldorf ließ sich das Team nicht vom Führungstreffer der Gäste beeindrucken, sondern spielte konsequent weiter nach vorne und sicherte sich so den zweiten Heimsieg der Saison. Die Mannschaft hat gelernt, dass sie gemeinsam (mit diesem Trainer) etwas bewegen kann. Dass sie Widrigkeiten (schlechter bzw. unglücklicher Saisonstart; Gegentore etc.) überwinden und Erfolg haben kann.

Das Team hat endlich eine gefestigte Achse

In meinen Augen die Gründe für diese bemerkenswerten Leistungen in der aktuellen Zusammenstellung der Mannschaft. Covic hat endlich eine gute Mischung gefunden, in der Spieler wie Jarstein, Boyata, Skjelbred, Darida, Wolf aber auch Ibisevic und Selke im mentalen Bereich beispielhaft vorangehen. Sie stützen somit das Team und ermöglichen, dass Javairo Dilrosun mit seiner leichtfüßigen Spielweise glänzen kann. Ebenso kann Mittelfeldstratege Marko Grujic zwischen den Kämpfern und Dauerläufern Skjelbred und Darida sich darauf konzentrieren, die so wichtige Verbindung zwischen Abwehr und Angriff zu sein. Er kann die Verantwortung für das Spiel ruhigen Gewissens an seine offensiveren Mitspieler im Mittelfeld abgeben. Mit der späten Leihe von Marius Wolf konnte Manager Michael Preetz noch einen echten Mentalitätsspieler nach Berlin locken, der seit vier Spielen ein wichtiger Bestandteil des Teams ist, weil er sichtlich vorangeht.

Mentalitätsspieler Marius Wolf (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Halt für die jungen Spieler

Die jüngsten Siege und die Achse mit mental starken Spieler ermöglicht es, dass die jüngeren Spieler Sicherheit und damit an Stärke gewinnen. Bestes Beispiel ist hierfür Niklas Stark. Der Vizekapitän hat nach seinem schlechten Saisonstart (unter anderem ein Eigentor auf Schalke) neben dem erfahrenen Abwehrrecken Dedryck Boyata zu alter Stärke zurückgefunden und ist nun wieder einer der Leistungsträger im Team. Wenn die Mannschaft sich auch in Zukunft mental so gefestigt zeigt und an sich glaubt, wird es beispielsweise auch einem Ondrej Duda leichter fallen, zur Form der vergangenen Saison zurückfinden oder einem Selke dabei helfen, endlich seine Tore zu schießen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Der verkorkste Saisonstart und die aktuellen Erfahrungen können der Grundstein dafür sein, dass Trainer und Mannschaft den Glauben an sich selbst und an ihre Fähigkeiten gefunden haben. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, den Widrigkeiten entgegen zu treten und damit in einer krassen Drucksituation Erfolge erzielt. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen. Das erlebte man vor allem in der leblosen Rückrunde der vergangenen Spielzeit und auch im letzten Heimspiel gegen RB Leipzig, das mit dem Treffer zum 0:2 beendet war. Kein Aufbäumen, keine “jetzt erst recht”-Attitüde lässt sich erkennen”, schrieben wir nach dem letzten Hinrunden-Aufeinandertreffen mit Fortuna Düsseldorf (12. Spieltag), welches mit 1:4 verloren ging. Trainer Pal Dardai sagte damals: “Die Mannschaft aus diesem Loch, körperlich oder mental, herauszuführen, das ist das Wichtigste” – Nachfolger Covic scheint dieser Aufgabe bereits gerecht geworden zu sein.

Für meinen Teil kann ich mit ruhigem Gewissen sagen: Hertha BSC in der Saison 2019/20 besitzt Mentalität.

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Für den jüngsten Höhenflug von Hertha BSC (drei Spiele – drei Siege) gibt es diverse Erklärungsansätze. Trainer Ante Covic hat seine Taktik angepasst, seine Einwechslungen fruchten endlich (Köln! Ibisevic! Ein Traum!), Spiel- und Schiriglück (u.a. Skjelbreds Handspiel im Berliner Strafraum gegen Düsseldorf) und mit Javairo Dilrosun hat die Mannschaft endlich einen Unterschiedspieler, der sie auf ein anderes Niveau hebt.

Dilrosun – Garant für die jüngsten Erfolge. (Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images)

 

Doch noch eine Sache hat sich verändert. Etwas, was man nur schwer fassen und noch schwerer erklären kann. Ein Begriff, der nur allzu gerne rausgeholt wird, wenn es mal nicht so läuft. Etwas was oft nur dann thematisiert wird, wenn angeblich zu wenig davon da ist. Auch ich meide diesen Begriff eigentlich konsequent. So war – meiner Meinung nach – die schwache Rückrunde unter Pal Dardai nicht in erster Linie auf die angeblich mangelnde Mentalität der Mannschaft zurückzuführen, sondern auf ein strukturelles Problem, welches viel mit Dardai als Trainer und seiner Taktik sowie verletzten bzw. formschwachen Spielern zu tun hatte.

Jetzt ist es raus: in dieser Kolumne soll es um Mentalität gehen. Doch was soll das eigentlich sein, diese “Mentalität”?

Men­ta­li­tätdie (Substantiv, feminin)

Geistes- und Gemütsart; besondere Art des Denkens und Fühlens.

Mentalität ist eine bestimmte Geisteshaltung gegenüber den Widrigkeiten im Leben im allgemeinen und auf dem Fußballplatz im speziellen. Und hier hat sich bei Hertha in den vergangenen Wochen merklich etwas geändert.

Paderborn und Düsseldorf sind auch Siege des Willens

Das Spiel gegen Paderborn war spielerisch eine Bankrotterklärung – dass Covics Mannschaft in diesem entscheidenden Spiel jedoch nach dem Anschlusstreffer die Nerven behielt und nicht noch den Ausgleich kassierte, ist ihr hoch anzurechnen. Der Sieg in Köln bewies, dass die fußballerischen Ansätze aus der Vorbereitung auch in der Bundesliga funktionieren, dass mutiger Fußball sich lohnt. Und im Heimspiel gegen Düsseldorf ließ sich das Team nicht vom Führungstreffer der Gäste beeindrucken, sondern spielte konsequent weiter nach vorne und sicherte sich so den zweiten Heimsieg der Saison. Die Mannschaft hat gelernt, dass sie gemeinsam (mit diesem Trainer) etwas bewegen kann. Dass sie Widrigkeiten (schlechter bzw. unglücklicher Saisonstart; Gegentore etc.) überwinden und Erfolg haben kann.

Das Team hat endlich eine gefestigte Achse

In meinen Augen die Gründe für diese bemerkenswerten Leistungen in der aktuellen Zusammenstellung der Mannschaft. Covic hat endlich eine gute Mischung gefunden, in der Spieler wie Jarstein, Boyata, Skjelbred, Darida, Wolf aber auch Ibisevic und Selke im mentalen Bereich beispielhaft vorangehen. Sie stützen somit das Team und ermöglichen, dass Javairo Dilrosun mit seiner leichtfüßigen Spielweise glänzen kann. Ebenso kann Mittelfeldstratege Marko Grujic zwischen den Kämpfern und Dauerläufern Skjelbred und Darida sich darauf konzentrieren, die so wichtige Verbindung zwischen Abwehr und Angriff zu sein. Er kann die Verantwortung für das Spiel ruhigen Gewissens an seine offensiveren Mitspieler im Mittelfeld abgeben. Mit der späten Leihe von Marius Wolf konnte Manager Michael Preetz noch einen echten Mentalitätsspieler nach Berlin locken, der seit vier Spielen ein wichtiger Bestandteil des Teams ist, weil er sichtlich vorangeht.

Mentalitätsspieler Marius Wolf (Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Halt für die jungen Spieler

Die jüngsten Siege und die Achse mit mental starken Spieler ermöglicht es, dass die jüngeren Spieler Sicherheit und damit an Stärke gewinnen. Bestes Beispiel ist hierfür Niklas Stark. Der Vizekapitän hat nach seinem schlechten Saisonstart (unter anderem ein Eigentor auf Schalke) neben dem erfahrenen Abwehrrecken Dedryck Boyata zu alter Stärke zurückgefunden und ist nun wieder einer der Leistungsträger im Team. Wenn die Mannschaft sich auch in Zukunft mental so gefestigt zeigt und an sich glaubt, wird es beispielsweise auch einem Ondrej Duda leichter fallen, zur Form der vergangenen Saison zurückfinden oder einem Selke dabei helfen, endlich seine Tore zu schießen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Der verkorkste Saisonstart und die aktuellen Erfahrungen können der Grundstein dafür sein, dass Trainer und Mannschaft den Glauben an sich selbst und an ihre Fähigkeiten gefunden haben. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, den Widrigkeiten entgegen zu treten und damit in einer krassen Drucksituation Erfolge erzielt. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen. Das erlebte man vor allem in der leblosen Rückrunde der vergangenen Spielzeit und auch im letzten Heimspiel gegen RB Leipzig, das mit dem Treffer zum 0:2 beendet war. Kein Aufbäumen, keine “jetzt erst recht”-Attitüde lässt sich erkennen”, schrieben wir nach dem letzten Hinrunden-Aufeinandertreffen mit Fortuna Düsseldorf (12. Spieltag), welches mit 1:4 verloren ging. Trainer Pal Dardai sagte damals: “Die Mannschaft aus diesem Loch, körperlich oder mental, herauszuführen, das ist das Wichtigste” – Nachfolger Covic scheint dieser Aufgabe bereits gerecht geworden zu sein.

Für meinen Teil kann ich mit ruhigem Gewissen sagen: Hertha BSC in der Saison 2019/20 besitzt Mentalität.

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