Hertha BSCVorbericht

1. FC Union Berlin – Hertha BSC: Das etwas andere Derby

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Nun heißt es erst einmal ganz tief durchatmen. Ein auf allen Ebenen derart intensives Spiel, wie das am Mittwochabend gegen Dynamo Dresden, hat man als Hertha-Fan lange nicht gesehen. Zum Runterkommen täte es da eigentlich ganz gut, wenn man sich am Wochenende einen schönen Waldspaziergang vornimmt oder in den Park geht und Enten füttert. Doch der Spielplan der DFL meint es in dieser englischen Woche nicht gut mit dem Seelenheil aller blau-weißen Anhänger. Denn schon am Samstag steht das Spiel an, auf das schon seit Wochen hingefiebert wird:

Mit dem Aufstieg Unions kommt es nun erstmals in der Bundesliga zum Stadt-Derby. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Am 27. Mai 2019 war die Überraschung perfekt. Ein 0:0 im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart besiegelte den Aufstieg Unions in die Bundesliga. Nachdem man in den Vorjahren einige Male am Wunder schnupperte, ist der Traum von der ersten Liga nun Realität.

Damit steht auch fest, dass es in dieser Saison erstmalig zum Derby zwischen Union und der Alten Dame im Fußball-Oberhaus kommt. Anlässlich dieses Ereignisses haben wir uns etwas Besonderes einfallen lassen. Ganz im Sinne des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls haben wir Unioner und Herthaner aus der Podcast/- Bloggerszene zu ihrer Gemütslage vor dem Spiel befragt. Wir wollen wissen, welche Bedeutung das Derby für beide Seiten hat, wie sich die Rivalität der zwei größten Berliner Vereine in den letzten Jahren entwickelt hat und mit welchen Gefühlen beide Fanlager in den Samstag gehen.

Kein Derby wie jedes andere

Das letzte Aufeinandertreffen liegt über sechseinhalb Jahre zurück. (Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Hört man hierzulande das Wort “Derby”, denkt man zuallererst an Partien wie Dortmund – Schalke, Bayern – 1860 München, Stuttgart – Karlsruhe oder Nürnberg – Fürth. All diese Begegnungen eint eine tief gewachsene Rivalität zwischen den jeweiligen Teams. Der Ausgang des Derbys kann dabei schon mal über eine ansonsten komplett verkorkste Saison hinweghelfen oder den Schmerz zumindest erheblich lindern. So war es beispielsweise der Fall, als Dortmund in der Saison 2006/2007 Schalke am vorletzen Spieltag die Meisterschaft versaute, abgesehen davon jedoch eine enttäuschende Runde spielte und auf Rang 9 abschloss. Über 10 Jahre später bleibt aber vor allem dieses eine Spiel in Erinnerung.

Hertha und Union “fehlt” diese gewachsene Rivalität. Bekanntermaßen bestand zu Zeiten der Teilung und auch noch danach (zumindest in Teilen) eine Freundschaft zwischen beiden Fanlagern. Zudem gab es in der gemeinsamen Geschichte lediglich zwei Spielzeiten, in denen man in derselben Liga spielte. Daher gab es kaum Gelegenheiten, für denkwürdige Spiele oder andere besondere Momente zu sorgen. Trotzdem hat sich in den letzten Jahren, zumindest beim aktiven Teil der Fanszenen, eine starke Antipathie füreinander entwickelt. So gibt es kaum noch ein Heimspiel der Alten Dame, bei dem es nicht “Scheiß Union” durch das weite Rund schallt. Ein Spiel wie jedes andere ist es also keineswegs. Schon allein deswegen nicht, weil man sich nun weitaus eher auf Augenhöhe begegnet, als es noch zu Zweitligazeiten der Fall war.

Zwar ist Hertha auch jetzt der Favorit, doch waren die Machtverhältnisse im Unterhaus – in dem Hertha mit einem Kader antrat, der an Wettbewerbsverzerrung grenzte und das zu einer Zeit, als Union noch weit davon entfernt war, ernsthafte Aufstiegsambitionen zu haben – weitaus klarer verteilt. Und selbstverständlich darf man auch das Thema Prestige nicht außer Acht lassen. Ein Derbysieg schmeckt dann am Ende des Tages eben doch süßer als Siege gegen Wolfsburg, Hoffenheim und Konsorten.

Die sportliche Bedeutung

Neben der emotionalen Komponente geht es nüchtern betrachtet auch in dieser Partie zunächst einmal um drei Zähler. Diese würden beiden Mannschaften in der aktuellen Situation zupasskommen. Union befindet sich seit Saisonbeginn, wie es nicht anders zu erwarten war, im Abstiegskampf und rangiert punktgleich mit dem 17. auf Rang 15. Auch wenn der Start mit einem 0:4 gegen RB Leipzig gleich mal gehörig daneben ging, hat man seitdem bewiesen, dass man keineswegs chancenlos ist und konnte gerade bei den Siegen gegen Dortmund und Freiburg zeigen, insbesondere vor heimischer Kulisse für die eine oder andere Überraschung gut zu sein. Hertha sollte sich also nicht auf den Derby-Heimfluch (bisher konnte weder Hertha noch Union ein Derby im eigenen Stadion für sich entscheiden) verlassen.

Auch die Alte Dame kann einen Sieg im Derby, nicht nur aus atmosphärischen Gründen, dringend gebrauchen. Nach dem Zwischenhoch mit zehn Punkten aus vier Spielen sorgte die Niederlage gegen Hoffenheim wieder für einen kleinen Dämpfer. Will man den Anschluss an das obere Tabellendrittel nicht verlieren, ist ein Sieg in Köpenick Pflicht.

Um das Stimmungsbild aus beiden Fanlagern möglichst genau abzubilden, haben wir mit je drei Herthanern und drei Unionern aus der Podcast-/ Bloggerszene gesprochen. Genauer gesagt standen uns für Union Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen, Daniel Roßbach – ebenfalls bekannt durch u.a. Textilvergehen und Spielverlagerung.de – sowie Benni von der Alten Podcasterei gesprochen.
Auf Herthaner Seite standen uns Steffen vom Damenwahl-Podcast
, Moritz von der Axel Kruse-Jugend sowie Steven, der den Blog sogenannterblogger betreibt, Rede und Antwort.

Wir bedanken uns vielmals bei unseren tollen Interview-Gästen und wünschen viel Spaß beim Lesen!

Hertha BASE: Nur noch ein paar Tage bis zum Derby: Wie sehr kribbelt es schon?

Steven (Hertha-Fan): Jetzt, nach dem wichtigen Pokalspiel, liegt der Fokus natürlich komplett auf dem Derby. Ja, es kribbelt!

Benjamin (Union-Fan): Als viele Unioner nach dem Relegationsrückspiel schon das Derby im Kopf hatten, war ich immens davon genervt. Immerhin waren wir für uns aufgestiegen. Das Abenteuer erste Liga ist eines, welches nicht nur aus zwei Derbys besteht. Nun nähert sich jedoch der Spieltag und ich muss gestehen: ja, ich bin heiß auf das Spiel!

Sebastian (Union-Fan): Bis jetzt noch gar nicht. Aber das hat eher was mit der gesamten Saison zu tun. Ich war so oft so aufgeregt in dieser Spielzeit, das kann ein Derby gar nicht toppen. Man steigt eben nur ein Mal das erste Mal in die Bundesliga auf. Das erste Spiel überhaupt, der erste Punkt, der erste Sieg und so weiter und so fort. Es gibt eine ganze Reihe Gegner, gegen die Union das erste Mal überhaupt in einer Liga spielt. Hertha gehört da nicht dazu, weil ihr uns zwei Mal entgegen gekommen seid. Und dann ist da noch der enge Spielplan. Auswärtsspiel beim FC Bayern, dann Pokal in Freiburg und dann gleich das Derby – viel Zeit für Vorfreude bleibt da nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass es am Sonnabend Vormittag kribbeln wird.

Steffen (Hertha-Fan): Noch nicht so sehr, wie ich gedacht hätte. Das liegt vermutlich am Pokalspiel, welches der Derbyvorfreude noch so ein wenig im Weg steht. Außerdem habe ich für das Auswärtsspiel bei Union – mal wieder – kein Ticket. Ein TV-Derby und das Aufeinandertreffen direkt im Stadion sind dann nochmal was anderes. Mal schauen, ob das Kribbeln zum Wochenende hin noch zunimmt. Spoiler: Ja, wird es!

Daniel (Union-Fan): Es geht … uns gerade eher auf die Nerven. Wir beim Textilvergehen werden seit einer Weile ständig danach gefragt, wie bedeutend uns nun eigentlich dieses Derby sei, und wie das Verhältnis von Hertha und Union denn nun eigentlich sein sollte. Dabei ist mir Hertha die meiste Zeit über eher etwas egal – zumindest so, dass ich nicht wie offenbar manche Leute im Union-Block in München plötzlich auf die Idee käme, mich über Hoffenheim-Tore zu freuen, weil sie gegen Hertha fallen. Aber natürlich ist Hertha schon ein besonderer Gegner. Das Spiel am Samstag wird nicht eins der Top5 aufregendsten dieses nicht-ganz-uninteressanten Jahres bei Union sein – aber in der Liste auch nicht auf Platz 22 stehen.

Moritz (Hertha-Fan): Auf einer Skala von “Siehst Du, dass ich mich kratze?” – “Nein.” – “Weil es mich nicht juckt.” bis Dschungelprüfung: irgendwo dazwischen. Das Pokalspiel zieht auch einiges an Aufmerksamkeit und es ist doch weniger von der Fanszene und Hertha her passiert, als ich gehofft habe (Kein Public Viewing, kein Begleiten des Busses …). Gefühlt geht es die ganze Zeit darum, wer noch wie von wo ein Ticket kriegt … (Nein, ich habe keins. Nein, ich kann meins auch nicht weitergeben, ich habe keins.)

Hertha BASE: Ist das Gefühl dieses Mal (auch wegen der höheren Spielklasse) ein anderes als noch bei den letzten Aufeinandertreffen?

Steven (Hertha-Fan): Würde ich schon so sehen, ja. In der zweiten Liga war halt immer im Hinterkopf, dass wir eigentlich niemals hätten absteigen dürfen. Die Derbys und viele andere Spiele gegen für uns neue Gegner waren natürlich spannend, aber es war klar, dass der Fokus auf dem Wiederaufstieg liegt. Ein Bundesliga-Derby in der eigenen Stadt ist schon was besonderes und wäre für mich persönlich nur noch zu toppen durch ein Pokal-Derby.

Benjamin (Union-Fan): Das Gefühl ist in der Tat anders als zuvor – aber nicht der Spielklasse wegen. So viele Pflichtspielderbys gegeneinander haben unsere Vereine noch nicht auf dem Buckel und dennoch ist das letzte eine Weile her. Und diese Jahre machen etwas mit dem Fußballgemüt. Ich sehe Hertha heute anders als damals. Das unterscheidet es für mich.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Es ist sehr viel sehr gleich. Und doch ist manches ein bisschen anders. Die Grundvoraussetzung hat sich geändert und ich glaube, dass uns das allen gefällt: Niemand musste absteigen, damit das Derby stattfinden kann. Und wir befinden uns im natürlichen Habitat von Hertha, in der Bundesliga. Ob diese Liga auch mal ein natürlicher Lebensraum für Union wird, werden wir sehen. Und auch die Bedeutung von Union hat sich geändert. Obwohl Bedeutung vielleicht das falsche Wort ist. Durch den Bundesliga-Aufstieg bekennen sich mehr und mehr Menschen zum 1. FC Union. Auch durch Vereinsmitgliedschaft. Und das führt schon dazu, dass Union zwar noch der Underdog ist, aber der Abstand zu Hertha gefühlt geringer ist, auch wenn da noch sehr viel Weg zu gehen ist, damit Union in Bereichen wie in der Nachwuchsarbeit ansatzweise auf einem ähnlichen Stand ist.

Steffen (Hertha-Fan): Ein Derby ist was besonderes. Ob in der 1. oder 2. Liga ist für mich eher zweitrangig. Ich beschreibe das Derby-Gefühl gern mit “das Weiße in den Augen des Gegners sehen”. Wenn man ein normales Ligaspiel gewinnt oder verliert, dann freut oder ärgert man sich – und dann geht’s weiter. Bei einem Derby kann man nicht so einfach einen Haken dran machen. Da sieht man die Fans des Gegners noch Tage und Wochen später auf der Straße, auf der Arbeit, im Supermarkt. Da möchte man in jedem Fall derjenige sein, der grinst. Nicht der, der angegrinst wird. Bestimmt bekommt das erstklassige Derby deutschlandweit eine andere Aufmerksamkeit. In Berlin empfinde ich das Spiel nicht anders.

Daniel (Union-Fan): Damals waren Spiele von Union gegen Hertha auf jeden Fall noch eine viel asymmetrischere Angelegenheit. Natürlich gibt es jede Menge Aspekte, in denen Union viel toller ist als Hertha, aber sportlich war es eben sehr klar nur vorübergehend dieselbe Liga, und innerhalb der ein großer Unterschied. Das ist jetzt beides nicht mehr (weniger) der Fall.

Moritz (Hertha-Fan): In Liga zwei war ich noch nicht so in die Fanszene eingebunden, aber damals war es definitiv auch was Besonderes. Die Hektik scheint diesmal größer, auch wegen der Mauerfall-Jubiläums-Sache vielleicht. Über Liga eins wird auch mehr in der Presse berichtet… Also unterm Strich: Ja, es ist ein anderes Gefühl.

Hertha BASE: Welches ist deine prägnanteste Erinnerung an die zurückliegenden Derbys?

Steven (Hertha-Fan): Sicherlich der 2:1-Sieg in der Alten Försterei in der Saison 12/13. Ein absolut dreckiges Kampfspiel mit Typen wie Maik Franz, Peter Niemeyer oder eben auch Änis Ben-Hatira und Sandro Wagner. Dazu der Freistoß von Ronny, mit mehr Wucht als Verstand. Spielerisch sicherlich übel, aber es wurde um jeden Ball, um jeden Einwurf gefightet. Wenn die aktuelle Mannschaft es am Samstag schafft, so eine Einstellung auf den Platz zu bringen, mache ich mir angesichts der vorhandenen spielerischen Qualität keine Sorgen.

Benjamin (Union-Fan): Selbstverständlich war das 2:1 im Olympiastadion ein historischer Moment für den 1. FC Union Berlin. Und meine Erinnerung daran bleibt, egal wie irgendein zukünftiges Derby enden sollte.

Sebastian (Union-Fan): Michael Parensens unzählige Verletzungen. Ich erinnere mich, wie ich beim Derby an der Alten Försterei noch in den Krankenwagen schaute, bevor der mit ihm losgefahren ist. Und dann natürlich der Sieg im Olympiastadion. Ich hätte eigentlich in der Sport-Redaktion des Kuriers arbeiten müssen, durfte aber ins Stadion, weil ich eine Familie aufgetan hatte, in der der Vater Unioner und der Sohn Herthaner ist und beide bis zum Stadion begleitete, wo sich beim Einlass deren Wege trennten. Ich bin meinem damaligen Chef Andreas Lorenz immer noch dankbar, dass er mich das hat machen lassen.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Im Vorfeld des ersten Pflichtspiel-Derbys gegen Union war ich eigentlich ganz entspannt. Hertha und Union waren traditionell keine großen Rivalen, der „echte“ Derby-Gegner war TeBe. Mit Union verband ich eher die Geschichten der „Alten“. Etwa von gegenseitiger Unterstützung zu Mauerzeiten, wenn Unioner zu Auswärtsspielen von Hertha im Europapokal gegen Gegner aus dem Ostblock anreisten oder Herthaner nach Ost-Berlin fuhren, um Union an der Alten Försterei anzufeuern. Geschichten von Blau-Weißen und Rot-Weißen, die sich in den Monaten nach dem Mauerfall bei dem einen oder anderen Spiel glücklich im selben Stadion wieder fanden. Nicht als Gegner, sondern als Menschen in einer plötzlich wiedervereinigten Stadt. Tja, dann zogen die Jahre ins Land und das Verhältnis zwischen Fans und Vereinen kühlte mehr und mehr ab. 2010 war von den alten freundschaftlichen Banden kaum noch etwas zu spüren. Dann entschied sich Union im Vorfeld des ersten Derbys auf einmal die Ost-West-Karte zu spielen und das Spiel als ein Ost-Berlin gegen West-Berlin zu stilisieren. Ich habe das als ehemaliger Ost-Berliner als ziemlich schlimm empfunden. Vielleicht bin ich da auch zu empfindlich, aber für mich war das Derby eine Geschichte des zusammenwachsenden, wiedervereinigten Berlins. Und auf einmal versuchte da jemand, eine neue Spaltung, wenn auch nur sportlich, zu beschwören. Das schwebt bei mir seitdem bei jedem Aufeinandertreffen im Hinterkopf.

Daniel (Union-Fan): Ich bin ja noch gar nicht so lange Unioner, und eh Zugezogener. Das 2-2 im Februar 2013 in Charlottenburg mit dem späten Freistoß von Ronny war tatsächlich eins meiner ersten Union-Spiele in einem Stadion. Die Auswahl ist also nicht so furchtbar groß – aber ich fand den Auswärtsblock (ich war im Union-lastigen neutralen/heim Sektor daneben) damals sehr beeindruckend – vor allem die geschwenkte, schön rote Pyro im Oberrang.

Moritz (Hertha-Fan): Im Olympiastadion noch in der Schlussphase der Ausgleich durch das obligatorische Ronny-Freistoß-Tor… Fühlte sich trotzdem wie eine Niederlage an..

Hertha BASE: Wie hat sich die Rivalität in deinen Augen in den letzten Jahren entwickelt und wie nimmst du sie aktuell wahr?

Steven (Hertha-Fan): Es ist logisch, dass die Rivalität innerhalb einer Stadt größer wird, je öfter man sich sportlich über den Weg läuft. Historisch gesehen ist das sicher nicht vergleichbar mit den großen Rivalitäten wie Dortmund – Schalke, St. Pauli – HSV oder auch Karlsruhe – Stuttgart. Von daher sollte man da nicht die große gewachsene Feindschaft reinreden. Ebenso ist es aber sicher auch kein Freundschaftsderby. Die Kontakte, die es mal gab und die ich niemandem schlecht reden will, sind doch sehr abgekühlt und gerade von Unioner Seite nimmt man eine recht ablehnende Haltung wahr, wenn es um Hertha und die freundschaftlichen Kontakte der Vergangenheit geht.

Benjamin (Union-Fan): In meinem Umfeld bestand die Rivalität auch zu den Zweitligaderbys. Seit den 90ern ist hingegen viel passiert. Beide Vereine, Szenen, Fans driften in der Wahrnehmung auseinander. Das merke ich auch an mir selbst. Hätte ich mich in den letzten Derbys noch über ein gemeinsames “Eisern Berlin” gefreut, so kann ich heute getrost darauf verzichten. Der Alleinstellungsanspruch, der mir nicht nur von den blau-weißen “Wir sind Berlin”-Plakaten an der Bushaltestelle ins Gesicht springt, trägt dazu sicher auch etwas bei. Ihr mögt ganz gerne “Eine Stadt – ein Verein – Hertha BSC” singen. Aber auch ihr wisst hoffentlich, wie bunt die Fußballwelt in Berlin ist. “Eine Stadt – so viele Vereine!”

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Sebastian (Union-Fan): Da ich bekennender Anhänger der Fußball-Ökumene Berlin bin, hat sich für mich wenig geändert. Wir hosten ja als Union-Blog und -Podcast auch den Hertha-Podcast Damenwahl. Ich mochte das Hertha-Echo mit Manne Sangel und ich finde, dass die Ostkurve zu den unterschätztesten Fanszenen in Fußball-Deutschland gehört. Was sich geändert hat? Uns trennt seit 30 Jahren keine Mauer mehr, sodass sich eine normale Rivalität entwickeln konnte, ohne in Hass umzuschlagen. Dazu gehört auch, dass man das Gegenüber als Konkurrenz empfindet. Und ich finde, dass das Hertha als Verein gut tut, um ein Profil jenseits dieser schlimmen Bezeichnungen wie “Hauptstadtklub” zu entwickeln. Abgrenzung tut dem Verein (und hier meine ich explizit die Leute, die im Verein arbeiten und nicht die Fans) ganz gut. Man muss nicht allen gefallen wollen. Und für Union ist es auch ganz gut, sich in Konkurrenz zu befinden. Toll finden wir uns schon von alleine. Da tut kritische Betrachtung ganz gut. Am Ende profitieren beide Klubs davon, dass man sich plötzlich in Berlin bekennen muss: Union oder Hertha?

Steffen (Hertha-Fan): Seit Herthas letztem Aufstieg im Jahr 2013 hat sich für mich persönlich eigentlich nicht so viel verändert. Sicherlich haben sich für beide Klubs in massiver Weise Dinge geändert. Union durchlebt gerade eine ähnliche Wachstumsphase wie Hertha in der zweiten Hälfte der Neunziger. Hertha selbst konnte sich erst einmal aus der ewigen Schuldenfalle befreien. Zu welchem Preis werden wir wohl erst in der Rückschau in einigen Jahren bewerten können. Aber im Verhältnis zwischen Hertha und Union, zwischen Herthanern und Unionern, hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel getan. Man arbeitet professionell miteinander, die Fans betrachten sich argwöhnisch aus der Distanz. Die Unionern marschieren in der ihnen eigenen Art durchs Land und verkünden ihre moralische Überlegenheit, die Herthaner zucken genervt mit den Schultern. Das empfinde ich tatsächlich keinen Deut anders als 2010. Business as usual.

Daniel (Union-Fan): In den letzten Jahren hatten wir bei Union mit Hertha direkt natürlich nicht zu tun – höchstens mal über die Karlsruher Dependance (das finden wir eher merkwürdig). Wenn ich mich mit Herthanern unterhalte, dann nicht selten im Rahmen unserer Podcast-Ökumene mit Damenwahl. Da ist das alles grundsätzlich natürlich freundlich mit Aussicht auf kleine Sticheleien. Und so sehe ich eben auch Hertha insgesamt. Außerdem hat sich in den letzten Jahren ja auch die Bundesliga geändert, in der es nun viele Mannschaften gibt, die ich viel weniger mag als Hertha und/oder die mir (noch) weniger sagen. Und machen wir uns nichts vor, natürlich bietet die Nähe zueinander auch Reibungsfläche.

Moritz (Hertha-Fan): Zu Zweitliga-Zeiten waren die Bus-Beschädigungen ziemlich daneben, das hat mich damals geärgert. Den ständigen Sprüh-Battle an der Autobahn oder auf den Stromkästen wiederum finde ich lustig. Ich höre ständig Herthaner “Scheiß-Union” rufen, egal, gegen wen wir spielen – das ist nicht so meins. Ich hoffe auf ein wirklich nettes und friedliches Spiel, ich kenne so viele Unioner und Herthaner, die sich genau das wünschen – ich finde, wir haben uns ein Freundschaftsderby verdient, es gibt genug Spaltung und Hass in der Gesellschaft, Berlin braucht L I E B E !

Hertha BASE: Viele Herthaner aus meinem Umfeld haben sich über den Aufstieg Unions gefreut. Wie sah das bei dir bzw. in deinem Umfeld aus?

Steven (Hertha-Fan): Die Vorfreude auf das Derby war natürlich sofort da, aber es war bei mir persönlich sicher nicht so, dass ich Union im Endspurt die Daumen gedrückt habe. Es gibt zwar durchaus einiges bei Union, was mir gefällt; Die klare Positionierung pro 50+1, den Fokus aufs Stadionerlebnis, das Verhältnis zwischen Fans und Verein oder die Tatsache, dass man nicht bei jeder Fackel einen Tobsuchtsanfall bekommt. Allerdings hat der sportliche Erfolg Unions in den letzten Jahren natürlich auch viele Leute angezogen, die sich von diesem Mythos um den alternativen Kultklub angezogen fühlen. Da reden dann plötzlich Leute von der “Union-Familie”, die vor ein paar Jahren noch ins Olympiastadion gegangen sind, um Bremen oder Dortmund die Daumen zu drücken. Leute, die eher dem Klischee des zugezogenen Prenzlauer Berg Hipsters entsprechen, als dem Arbeiter-Milieu. Dafür kann Union an sich nicht so viel. Wenn sich aber Herr Zingler dann hinstellt und in Bezug auf das Derby vom “Klassenkampf” spricht, dann frage ich mich, ob er den Bezug zur Realität verloren hat. Eine Äußerung, die er noch dazu tätigt, nachdem man in Köpenick mit Adidas einen sehr lukrativen Ausrüstervertrag, sowie einen Hauptsponsorvertrag mit dem Immobilien-Unternehmen Aroundtown geschlossen hat. Ein Unternehmen, was sich nicht zwingend mit dem Image des kleinen, sich seiner sozialen Verantwortung bewussten Vereins in Einklang bringen lässt. Nun ist es sicherlich so, dass es gerade auch bei Hertha in dieser Richtung Entwicklungen gab, mit denen viele Fans nicht zwingend glücklich sind. Allerdings gerieren wir uns auch eher selten als letzte anti-kommerzielle Bastion des Profifußballs.

Moritz (Hertha-Fan): Die meisten haben sich zunächst total gefreut, allerdings ging ja damals schon vor der Relegation der Union-Hype los, plötzlich wurde uns wieder bewusst, WIE grau unsere graue Maus noch immer (angeblich) ist. Jetzt sind die meisten eher trotzig: schön dass Union mitmacht, es ist eine Bereicherung, aber wir sollten zeigen, was wir draufhaben. Hertha ist Kult seit dem 25. Juli 1892.

Hertha BASE: Welche Bedeutung hat der Ausgang des Derbys für den Rest der Saison? Erhoffst du dir bei einem Sieg einen besonderen Schub und befürchtest du umgekehrt im Falle der Niederlage einen Knick?

Steven (Hertha-Fan): Mit Blick auf die Tabelle wäre ein Sieg, auch ohne die besondere Bedeutung des Derbys, immens wichtig. Speziell aufgrund der Situation, dass sich in der Mannschaft einige Hierarchien geändert haben, Spieler wie Salomon Kalou eine neue Rolle akzeptieren müssen und man einen neuen, im Profibereich unerfahrenen Trainer hat, kann so ein Derbysieg sicherlich eine Wirkung haben, die über das Wochenende hinaus geht. Mit einer Niederlage befasse ich mich, wenn es soweit ist. Dauert also noch.

Benjamin (Union-Fan): Das Derby ist ein Fußballspiel mit besonderem emotionalen Wert. In diesem Sinne ist es ein (nicht DER) Höhepunkt der Saison. Dennoch geht es auch hier nur um drei Punkte – wichtige Punkte für Union, ja. Aber genau so wichtig wie gegen Freiburg, Schalke oder Köln. Mehr nicht.

Sebastian (Union-Fan): Weder noch. Ich hätte gerne die Punkte, weil es Punkte im Kampf um den Klassenerhalt sind. Zwar macht ein Sieg gegen Hertha besonders viel Spaß. Und umgekehrt sicher auch, denn sonst hätte nicht ewig vor Herthas Pressekonferenz-Raum ein Bild von Sandro Wagner nach seinem Tor gegen Union gehangen. Aber würde eine Fee vor mir stehen und fragen: Klassenerhalt oder Derbysieg? Dann würde ich mich sofort für den Klassenerhalt entscheiden. Die Aufmerksamkeit, die ein Jahr Bundesliga generiert, schafft man in zehn Jahren zweite Liga nicht. Und Union braucht das, um sich weiter irgendwie im Profibereich der 20 besten Mannschaften Deutschlands zu etablieren. Ihr wisst, wovon ich rede. Es ist wahnsinnig schwierig, sich in der Bundesliga zu etablieren, wenn nicht gerade von extern signifikant viel Geld dazugeschossen wird. Und ich glaube, dass der Abstand zwischen Bundesliga und zweiter Liga immer größer wird und entsprechend mit jedem Jahr das Fenster kleiner, sich überhaupt in der Ersten Liga etablieren zu können, wie das mal Mainz oder Freiburg gemacht haben.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Ein einziges Spiel kann schon mal bedeutend für den Verlauf einer ganzen Saison sein. Ich glaube aber nicht, dass dieses Derby-Hinspiel so ein entscheidendes Spiel ist. Hertha wird sich diese Saison im Niemandsland der Tabelle einpendeln. Wir sind aktuell, vor allem Defensiv, nicht stabil genug, um Ansprüche auf höhere Tabellenregionen anmelden zu dürfen. Dafür gibt es diese Saison zu viele stabil performende Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte. Union hat an den ersten Spieltagen genug Punkte und Selbstvertrauen getankt, da würde unser Nachbar auch bei einer klaren Niederlage nicht hoffnungslos in den Abstiegskampf zurückfallen. Ich denke, am Samstag geht es einzig und allein darum, wer bis Weihnachten mit Dauergrinsen im Gesicht herumlaufen darf.

Daniel (Union-Fan): Das Momentum aus dem Spiel halte ich für weniger wichtig als die schlichten drei Punkte. Hertha fällt in die Klasse von Gegnern, die Union zuhause schlagen kann, und hin und wieder auch schlagen muss, um am Ende auf 35-40 Punkte zu kommen. Natürlich würde ein Sieg darüber hinaus auch noch etwas Selbstvertrauen und Schwung für die nächsten Wochen geben, in denen Union noch einige Spiele hat, in denen Urs Fischer wohl Punkte budgetiert hat (Union spielt noch gegen vier der fünf anderen Mannschaften im letzten Drittel der Tabelle).

Moritz (Hertha-Fan): Für das Verhältnis Trainer/Fans ist es wahrscheinlich am wichtigsten, da hängt schon etwas davon ab. Abgesehen davon sind es nur drei Punkte und wir sind noch früh in der Saison. Ich befürchte weder einen Knick noch verspreche ich mir einen Schub. Ich denke, die Fußballer von heute sind Profis und hören sich hinterher auf YouTube eine Seelenreise an, die Ihnen die traumatische Erfahrung der Niederlage zu überwinden hilft.

Wie lautet dein Tipp für das Spiel?

Steven (Hertha-Fan): Ich bin sehr optimistisch, dass Ante Covic es versteht, seine Mannschaft auf so ein Spiel einzustellen. Dazu haben wir genügend Spieler im Kader, die mit solchen Situationen umgehen können und sich durch nichts beeindrucken lassen. Ich tippe auf ein 3:1 für Hertha.

Benjamin (Union-Fan): Egal ob Derby oder nicht: wenige Tage vor einem Spiel flüstert der Kopf nur noch und das Herz schreit um so lauter: “Die hau’n wa weg!”. Die Punkte bleiben in Köpenick: 2:1 für die Guten, so wie damals im Leichtathletikstadion.

Sebastian (Union-Fan): 2:1 für Union. Es wird mal Zeit für einen Heimsieg im Derby.

Steffen (Hertha-Fan): Derbys werden gewonnen! Diese Saison, nächste Saison und darüber hinaus. (Hertha, ey, bitte gewinne dieses verdammte Spiel!)

Daniel (Union-Fan): <a
href=”https://shop.spreadshirt.de/textilvergehen/punktederliebe-A5d82998210c34104e7d46120?productType=812&sellable=aZaZxezBDXtRwqdoDYXd-812-7&appearance=2″
target=”_blank” rel=”noopener”>Union immer 3-0!</a>

Moritz (Hertha-Fan): Hertha gewinnt 2:1. Ich würde Selke ein Tor wünschen, aber vielleicht ist das zuviel, es ist ja noch nicht Weihnachten. Also Kalou und Ibi, wie immer.

 

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Mit dem Aufstieg Unions kommt es nun erstmals in der Bundesliga zum Stadt-Derby. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Am 27. Mai 2019 war die Überraschung perfekt. Ein 0:0 im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart besiegelte den Aufstieg Unions in die Bundesliga. Nachdem man in den Vorjahren einige Male am Wunder schnupperte, ist der Traum von der ersten Liga nun Realität.

Damit steht auch fest, dass es in dieser Saison erstmalig zum Derby zwischen Union und der Alten Dame im Fußball-Oberhaus kommt. Anlässlich dieses Ereignisses haben wir uns etwas Besonderes einfallen lassen. Ganz im Sinne des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls haben wir Unioner und Herthaner aus der Podcast/- Bloggerszene zu ihrer Gemütslage vor dem Spiel befragt. Wir wollen wissen, welche Bedeutung das Derby für beide Seiten hat, wie sich die Rivalität der zwei größten Berliner Vereine in den letzten Jahren entwickelt hat und mit welchen Gefühlen beide Fanlager in den Samstag gehen.

Kein Derby wie jedes andere

Das letzte Aufeinandertreffen liegt über sechseinhalb Jahre zurück. (Photo by Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Hört man hierzulande das Wort “Derby”, denkt man zuallererst an Partien wie Dortmund – Schalke, Bayern – 1860 München, Stuttgart – Karlsruhe oder Nürnberg – Fürth. All diese Begegnungen eint eine tief gewachsene Rivalität zwischen den jeweiligen Teams. Der Ausgang des Derbys kann dabei schon mal über eine ansonsten komplett verkorkste Saison hinweghelfen oder den Schmerz zumindest erheblich lindern. So war es beispielsweise der Fall, als Dortmund in der Saison 2006/2007 Schalke am vorletzen Spieltag die Meisterschaft versaute, abgesehen davon jedoch eine enttäuschende Runde spielte und auf Rang 9 abschloss. Über 10 Jahre später bleibt aber vor allem dieses eine Spiel in Erinnerung.

Hertha und Union “fehlt” diese gewachsene Rivalität. Bekanntermaßen bestand zu Zeiten der Teilung und auch noch danach (zumindest in Teilen) eine Freundschaft zwischen beiden Fanlagern. Zudem gab es in der gemeinsamen Geschichte lediglich zwei Spielzeiten, in denen man in derselben Liga spielte. Daher gab es kaum Gelegenheiten, für denkwürdige Spiele oder andere besondere Momente zu sorgen. Trotzdem hat sich in den letzten Jahren, zumindest beim aktiven Teil der Fanszenen, eine starke Antipathie füreinander entwickelt. So gibt es kaum noch ein Heimspiel der Alten Dame, bei dem es nicht “Scheiß Union” durch das weite Rund schallt. Ein Spiel wie jedes andere ist es also keineswegs. Schon allein deswegen nicht, weil man sich nun weitaus eher auf Augenhöhe begegnet, als es noch zu Zweitligazeiten der Fall war.

Zwar ist Hertha auch jetzt der Favorit, doch waren die Machtverhältnisse im Unterhaus – in dem Hertha mit einem Kader antrat, der an Wettbewerbsverzerrung grenzte und das zu einer Zeit, als Union noch weit davon entfernt war, ernsthafte Aufstiegsambitionen zu haben – weitaus klarer verteilt. Und selbstverständlich darf man auch das Thema Prestige nicht außer Acht lassen. Ein Derbysieg schmeckt dann am Ende des Tages eben doch süßer als Siege gegen Wolfsburg, Hoffenheim und Konsorten.

Die sportliche Bedeutung

Neben der emotionalen Komponente geht es nüchtern betrachtet auch in dieser Partie zunächst einmal um drei Zähler. Diese würden beiden Mannschaften in der aktuellen Situation zupasskommen. Union befindet sich seit Saisonbeginn, wie es nicht anders zu erwarten war, im Abstiegskampf und rangiert punktgleich mit dem 17. auf Rang 15. Auch wenn der Start mit einem 0:4 gegen RB Leipzig gleich mal gehörig daneben ging, hat man seitdem bewiesen, dass man keineswegs chancenlos ist und konnte gerade bei den Siegen gegen Dortmund und Freiburg zeigen, insbesondere vor heimischer Kulisse für die eine oder andere Überraschung gut zu sein. Hertha sollte sich also nicht auf den Derby-Heimfluch (bisher konnte weder Hertha noch Union ein Derby im eigenen Stadion für sich entscheiden) verlassen.

Auch die Alte Dame kann einen Sieg im Derby, nicht nur aus atmosphärischen Gründen, dringend gebrauchen. Nach dem Zwischenhoch mit zehn Punkten aus vier Spielen sorgte die Niederlage gegen Hoffenheim wieder für einen kleinen Dämpfer. Will man den Anschluss an das obere Tabellendrittel nicht verlieren, ist ein Sieg in Köpenick Pflicht.

Um das Stimmungsbild aus beiden Fanlagern möglichst genau abzubilden, haben wir mit je drei Herthanern und drei Unionern aus der Podcast-/ Bloggerszene gesprochen. Genauer gesagt standen uns für Union Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen, Daniel Roßbach – ebenfalls bekannt durch u.a. Textilvergehen und Spielverlagerung.de – sowie Benni von der Alten Podcasterei gesprochen.
Auf Herthaner Seite standen uns Steffen vom Damenwahl-Podcast
, Moritz von der Axel Kruse-Jugend sowie Steven, der den Blog sogenannterblogger betreibt, Rede und Antwort.

Wir bedanken uns vielmals bei unseren tollen Interview-Gästen und wünschen viel Spaß beim Lesen!

Hertha BASE: Nur noch ein paar Tage bis zum Derby: Wie sehr kribbelt es schon?

Steven (Hertha-Fan): Jetzt, nach dem wichtigen Pokalspiel, liegt der Fokus natürlich komplett auf dem Derby. Ja, es kribbelt!

Benjamin (Union-Fan): Als viele Unioner nach dem Relegationsrückspiel schon das Derby im Kopf hatten, war ich immens davon genervt. Immerhin waren wir für uns aufgestiegen. Das Abenteuer erste Liga ist eines, welches nicht nur aus zwei Derbys besteht. Nun nähert sich jedoch der Spieltag und ich muss gestehen: ja, ich bin heiß auf das Spiel!

Sebastian (Union-Fan): Bis jetzt noch gar nicht. Aber das hat eher was mit der gesamten Saison zu tun. Ich war so oft so aufgeregt in dieser Spielzeit, das kann ein Derby gar nicht toppen. Man steigt eben nur ein Mal das erste Mal in die Bundesliga auf. Das erste Spiel überhaupt, der erste Punkt, der erste Sieg und so weiter und so fort. Es gibt eine ganze Reihe Gegner, gegen die Union das erste Mal überhaupt in einer Liga spielt. Hertha gehört da nicht dazu, weil ihr uns zwei Mal entgegen gekommen seid. Und dann ist da noch der enge Spielplan. Auswärtsspiel beim FC Bayern, dann Pokal in Freiburg und dann gleich das Derby – viel Zeit für Vorfreude bleibt da nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass es am Sonnabend Vormittag kribbeln wird.

Steffen (Hertha-Fan): Noch nicht so sehr, wie ich gedacht hätte. Das liegt vermutlich am Pokalspiel, welches der Derbyvorfreude noch so ein wenig im Weg steht. Außerdem habe ich für das Auswärtsspiel bei Union – mal wieder – kein Ticket. Ein TV-Derby und das Aufeinandertreffen direkt im Stadion sind dann nochmal was anderes. Mal schauen, ob das Kribbeln zum Wochenende hin noch zunimmt. Spoiler: Ja, wird es!

Daniel (Union-Fan): Es geht … uns gerade eher auf die Nerven. Wir beim Textilvergehen werden seit einer Weile ständig danach gefragt, wie bedeutend uns nun eigentlich dieses Derby sei, und wie das Verhältnis von Hertha und Union denn nun eigentlich sein sollte. Dabei ist mir Hertha die meiste Zeit über eher etwas egal – zumindest so, dass ich nicht wie offenbar manche Leute im Union-Block in München plötzlich auf die Idee käme, mich über Hoffenheim-Tore zu freuen, weil sie gegen Hertha fallen. Aber natürlich ist Hertha schon ein besonderer Gegner. Das Spiel am Samstag wird nicht eins der Top5 aufregendsten dieses nicht-ganz-uninteressanten Jahres bei Union sein – aber in der Liste auch nicht auf Platz 22 stehen.

Moritz (Hertha-Fan): Auf einer Skala von “Siehst Du, dass ich mich kratze?” – “Nein.” – “Weil es mich nicht juckt.” bis Dschungelprüfung: irgendwo dazwischen. Das Pokalspiel zieht auch einiges an Aufmerksamkeit und es ist doch weniger von der Fanszene und Hertha her passiert, als ich gehofft habe (Kein Public Viewing, kein Begleiten des Busses …). Gefühlt geht es die ganze Zeit darum, wer noch wie von wo ein Ticket kriegt … (Nein, ich habe keins. Nein, ich kann meins auch nicht weitergeben, ich habe keins.)

Hertha BASE: Ist das Gefühl dieses Mal (auch wegen der höheren Spielklasse) ein anderes als noch bei den letzten Aufeinandertreffen?

Steven (Hertha-Fan): Würde ich schon so sehen, ja. In der zweiten Liga war halt immer im Hinterkopf, dass wir eigentlich niemals hätten absteigen dürfen. Die Derbys und viele andere Spiele gegen für uns neue Gegner waren natürlich spannend, aber es war klar, dass der Fokus auf dem Wiederaufstieg liegt. Ein Bundesliga-Derby in der eigenen Stadt ist schon was besonderes und wäre für mich persönlich nur noch zu toppen durch ein Pokal-Derby.

Benjamin (Union-Fan): Das Gefühl ist in der Tat anders als zuvor – aber nicht der Spielklasse wegen. So viele Pflichtspielderbys gegeneinander haben unsere Vereine noch nicht auf dem Buckel und dennoch ist das letzte eine Weile her. Und diese Jahre machen etwas mit dem Fußballgemüt. Ich sehe Hertha heute anders als damals. Das unterscheidet es für mich.

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Sebastian (Union-Fan): Es ist sehr viel sehr gleich. Und doch ist manches ein bisschen anders. Die Grundvoraussetzung hat sich geändert und ich glaube, dass uns das allen gefällt: Niemand musste absteigen, damit das Derby stattfinden kann. Und wir befinden uns im natürlichen Habitat von Hertha, in der Bundesliga. Ob diese Liga auch mal ein natürlicher Lebensraum für Union wird, werden wir sehen. Und auch die Bedeutung von Union hat sich geändert. Obwohl Bedeutung vielleicht das falsche Wort ist. Durch den Bundesliga-Aufstieg bekennen sich mehr und mehr Menschen zum 1. FC Union. Auch durch Vereinsmitgliedschaft. Und das führt schon dazu, dass Union zwar noch der Underdog ist, aber der Abstand zu Hertha gefühlt geringer ist, auch wenn da noch sehr viel Weg zu gehen ist, damit Union in Bereichen wie in der Nachwuchsarbeit ansatzweise auf einem ähnlichen Stand ist.

Steffen (Hertha-Fan): Ein Derby ist was besonderes. Ob in der 1. oder 2. Liga ist für mich eher zweitrangig. Ich beschreibe das Derby-Gefühl gern mit “das Weiße in den Augen des Gegners sehen”. Wenn man ein normales Ligaspiel gewinnt oder verliert, dann freut oder ärgert man sich – und dann geht’s weiter. Bei einem Derby kann man nicht so einfach einen Haken dran machen. Da sieht man die Fans des Gegners noch Tage und Wochen später auf der Straße, auf der Arbeit, im Supermarkt. Da möchte man in jedem Fall derjenige sein, der grinst. Nicht der, der angegrinst wird. Bestimmt bekommt das erstklassige Derby deutschlandweit eine andere Aufmerksamkeit. In Berlin empfinde ich das Spiel nicht anders.

Daniel (Union-Fan): Damals waren Spiele von Union gegen Hertha auf jeden Fall noch eine viel asymmetrischere Angelegenheit. Natürlich gibt es jede Menge Aspekte, in denen Union viel toller ist als Hertha, aber sportlich war es eben sehr klar nur vorübergehend dieselbe Liga, und innerhalb der ein großer Unterschied. Das ist jetzt beides nicht mehr (weniger) der Fall.

Moritz (Hertha-Fan): In Liga zwei war ich noch nicht so in die Fanszene eingebunden, aber damals war es definitiv auch was Besonderes. Die Hektik scheint diesmal größer, auch wegen der Mauerfall-Jubiläums-Sache vielleicht. Über Liga eins wird auch mehr in der Presse berichtet… Also unterm Strich: Ja, es ist ein anderes Gefühl.

Hertha BASE: Welches ist deine prägnanteste Erinnerung an die zurückliegenden Derbys?

Steven (Hertha-Fan): Sicherlich der 2:1-Sieg in der Alten Försterei in der Saison 12/13. Ein absolut dreckiges Kampfspiel mit Typen wie Maik Franz, Peter Niemeyer oder eben auch Änis Ben-Hatira und Sandro Wagner. Dazu der Freistoß von Ronny, mit mehr Wucht als Verstand. Spielerisch sicherlich übel, aber es wurde um jeden Ball, um jeden Einwurf gefightet. Wenn die aktuelle Mannschaft es am Samstag schafft, so eine Einstellung auf den Platz zu bringen, mache ich mir angesichts der vorhandenen spielerischen Qualität keine Sorgen.

Benjamin (Union-Fan): Selbstverständlich war das 2:1 im Olympiastadion ein historischer Moment für den 1. FC Union Berlin. Und meine Erinnerung daran bleibt, egal wie irgendein zukünftiges Derby enden sollte.

Sebastian (Union-Fan): Michael Parensens unzählige Verletzungen. Ich erinnere mich, wie ich beim Derby an der Alten Försterei noch in den Krankenwagen schaute, bevor der mit ihm losgefahren ist. Und dann natürlich der Sieg im Olympiastadion. Ich hätte eigentlich in der Sport-Redaktion des Kuriers arbeiten müssen, durfte aber ins Stadion, weil ich eine Familie aufgetan hatte, in der der Vater Unioner und der Sohn Herthaner ist und beide bis zum Stadion begleitete, wo sich beim Einlass deren Wege trennten. Ich bin meinem damaligen Chef Andreas Lorenz immer noch dankbar, dass er mich das hat machen lassen.

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Steffen (Hertha-Fan): Im Vorfeld des ersten Pflichtspiel-Derbys gegen Union war ich eigentlich ganz entspannt. Hertha und Union waren traditionell keine großen Rivalen, der „echte“ Derby-Gegner war TeBe. Mit Union verband ich eher die Geschichten der „Alten“. Etwa von gegenseitiger Unterstützung zu Mauerzeiten, wenn Unioner zu Auswärtsspielen von Hertha im Europapokal gegen Gegner aus dem Ostblock anreisten oder Herthaner nach Ost-Berlin fuhren, um Union an der Alten Försterei anzufeuern. Geschichten von Blau-Weißen und Rot-Weißen, die sich in den Monaten nach dem Mauerfall bei dem einen oder anderen Spiel glücklich im selben Stadion wieder fanden. Nicht als Gegner, sondern als Menschen in einer plötzlich wiedervereinigten Stadt. Tja, dann zogen die Jahre ins Land und das Verhältnis zwischen Fans und Vereinen kühlte mehr und mehr ab. 2010 war von den alten freundschaftlichen Banden kaum noch etwas zu spüren. Dann entschied sich Union im Vorfeld des ersten Derbys auf einmal die Ost-West-Karte zu spielen und das Spiel als ein Ost-Berlin gegen West-Berlin zu stilisieren. Ich habe das als ehemaliger Ost-Berliner als ziemlich schlimm empfunden. Vielleicht bin ich da auch zu empfindlich, aber für mich war das Derby eine Geschichte des zusammenwachsenden, wiedervereinigten Berlins. Und auf einmal versuchte da jemand, eine neue Spaltung, wenn auch nur sportlich, zu beschwören. Das schwebt bei mir seitdem bei jedem Aufeinandertreffen im Hinterkopf.

Daniel (Union-Fan): Ich bin ja noch gar nicht so lange Unioner, und eh Zugezogener. Das 2-2 im Februar 2013 in Charlottenburg mit dem späten Freistoß von Ronny war tatsächlich eins meiner ersten Union-Spiele in einem Stadion. Die Auswahl ist also nicht so furchtbar groß – aber ich fand den Auswärtsblock (ich war im Union-lastigen neutralen/heim Sektor daneben) damals sehr beeindruckend – vor allem die geschwenkte, schön rote Pyro im Oberrang.

Moritz (Hertha-Fan): Im Olympiastadion noch in der Schlussphase der Ausgleich durch das obligatorische Ronny-Freistoß-Tor… Fühlte sich trotzdem wie eine Niederlage an..

Hertha BASE: Wie hat sich die Rivalität in deinen Augen in den letzten Jahren entwickelt und wie nimmst du sie aktuell wahr?

Steven (Hertha-Fan): Es ist logisch, dass die Rivalität innerhalb einer Stadt größer wird, je öfter man sich sportlich über den Weg läuft. Historisch gesehen ist das sicher nicht vergleichbar mit den großen Rivalitäten wie Dortmund – Schalke, St. Pauli – HSV oder auch Karlsruhe – Stuttgart. Von daher sollte man da nicht die große gewachsene Feindschaft reinreden. Ebenso ist es aber sicher auch kein Freundschaftsderby. Die Kontakte, die es mal gab und die ich niemandem schlecht reden will, sind doch sehr abgekühlt und gerade von Unioner Seite nimmt man eine recht ablehnende Haltung wahr, wenn es um Hertha und die freundschaftlichen Kontakte der Vergangenheit geht.

Benjamin (Union-Fan): In meinem Umfeld bestand die Rivalität auch zu den Zweitligaderbys. Seit den 90ern ist hingegen viel passiert. Beide Vereine, Szenen, Fans driften in der Wahrnehmung auseinander. Das merke ich auch an mir selbst. Hätte ich mich in den letzten Derbys noch über ein gemeinsames “Eisern Berlin” gefreut, so kann ich heute getrost darauf verzichten. Der Alleinstellungsanspruch, der mir nicht nur von den blau-weißen “Wir sind Berlin”-Plakaten an der Bushaltestelle ins Gesicht springt, trägt dazu sicher auch etwas bei. Ihr mögt ganz gerne “Eine Stadt – ein Verein – Hertha BSC” singen. Aber auch ihr wisst hoffentlich, wie bunt die Fußballwelt in Berlin ist. “Eine Stadt – so viele Vereine!”

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Sebastian (Union-Fan): Da ich bekennender Anhänger der Fußball-Ökumene Berlin bin, hat sich für mich wenig geändert. Wir hosten ja als Union-Blog und -Podcast auch den Hertha-Podcast Damenwahl. Ich mochte das Hertha-Echo mit Manne Sangel und ich finde, dass die Ostkurve zu den unterschätztesten Fanszenen in Fußball-Deutschland gehört. Was sich geändert hat? Uns trennt seit 30 Jahren keine Mauer mehr, sodass sich eine normale Rivalität entwickeln konnte, ohne in Hass umzuschlagen. Dazu gehört auch, dass man das Gegenüber als Konkurrenz empfindet. Und ich finde, dass das Hertha als Verein gut tut, um ein Profil jenseits dieser schlimmen Bezeichnungen wie “Hauptstadtklub” zu entwickeln. Abgrenzung tut dem Verein (und hier meine ich explizit die Leute, die im Verein arbeiten und nicht die Fans) ganz gut. Man muss nicht allen gefallen wollen. Und für Union ist es auch ganz gut, sich in Konkurrenz zu befinden. Toll finden wir uns schon von alleine. Da tut kritische Betrachtung ganz gut. Am Ende profitieren beide Klubs davon, dass man sich plötzlich in Berlin bekennen muss: Union oder Hertha?

Steffen (Hertha-Fan): Seit Herthas letztem Aufstieg im Jahr 2013 hat sich für mich persönlich eigentlich nicht so viel verändert. Sicherlich haben sich für beide Klubs in massiver Weise Dinge geändert. Union durchlebt gerade eine ähnliche Wachstumsphase wie Hertha in der zweiten Hälfte der Neunziger. Hertha selbst konnte sich erst einmal aus der ewigen Schuldenfalle befreien. Zu welchem Preis werden wir wohl erst in der Rückschau in einigen Jahren bewerten können. Aber im Verhältnis zwischen Hertha und Union, zwischen Herthanern und Unionern, hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel getan. Man arbeitet professionell miteinander, die Fans betrachten sich argwöhnisch aus der Distanz. Die Unionern marschieren in der ihnen eigenen Art durchs Land und verkünden ihre moralische Überlegenheit, die Herthaner zucken genervt mit den Schultern. Das empfinde ich tatsächlich keinen Deut anders als 2010. Business as usual.

Daniel (Union-Fan): In den letzten Jahren hatten wir bei Union mit Hertha direkt natürlich nicht zu tun – höchstens mal über die Karlsruher Dependance (das finden wir eher merkwürdig). Wenn ich mich mit Herthanern unterhalte, dann nicht selten im Rahmen unserer Podcast-Ökumene mit Damenwahl. Da ist das alles grundsätzlich natürlich freundlich mit Aussicht auf kleine Sticheleien. Und so sehe ich eben auch Hertha insgesamt. Außerdem hat sich in den letzten Jahren ja auch die Bundesliga geändert, in der es nun viele Mannschaften gibt, die ich viel weniger mag als Hertha und/oder die mir (noch) weniger sagen. Und machen wir uns nichts vor, natürlich bietet die Nähe zueinander auch Reibungsfläche.

Moritz (Hertha-Fan): Zu Zweitliga-Zeiten waren die Bus-Beschädigungen ziemlich daneben, das hat mich damals geärgert. Den ständigen Sprüh-Battle an der Autobahn oder auf den Stromkästen wiederum finde ich lustig. Ich höre ständig Herthaner “Scheiß-Union” rufen, egal, gegen wen wir spielen – das ist nicht so meins. Ich hoffe auf ein wirklich nettes und friedliches Spiel, ich kenne so viele Unioner und Herthaner, die sich genau das wünschen – ich finde, wir haben uns ein Freundschaftsderby verdient, es gibt genug Spaltung und Hass in der Gesellschaft, Berlin braucht L I E B E !

Hertha BASE: Viele Herthaner aus meinem Umfeld haben sich über den Aufstieg Unions gefreut. Wie sah das bei dir bzw. in deinem Umfeld aus?

Steven (Hertha-Fan): Die Vorfreude auf das Derby war natürlich sofort da, aber es war bei mir persönlich sicher nicht so, dass ich Union im Endspurt die Daumen gedrückt habe. Es gibt zwar durchaus einiges bei Union, was mir gefällt; Die klare Positionierung pro 50+1, den Fokus aufs Stadionerlebnis, das Verhältnis zwischen Fans und Verein oder die Tatsache, dass man nicht bei jeder Fackel einen Tobsuchtsanfall bekommt. Allerdings hat der sportliche Erfolg Unions in den letzten Jahren natürlich auch viele Leute angezogen, die sich von diesem Mythos um den alternativen Kultklub angezogen fühlen. Da reden dann plötzlich Leute von der “Union-Familie”, die vor ein paar Jahren noch ins Olympiastadion gegangen sind, um Bremen oder Dortmund die Daumen zu drücken. Leute, die eher dem Klischee des zugezogenen Prenzlauer Berg Hipsters entsprechen, als dem Arbeiter-Milieu. Dafür kann Union an sich nicht so viel. Wenn sich aber Herr Zingler dann hinstellt und in Bezug auf das Derby vom “Klassenkampf” spricht, dann frage ich mich, ob er den Bezug zur Realität verloren hat. Eine Äußerung, die er noch dazu tätigt, nachdem man in Köpenick mit Adidas einen sehr lukrativen Ausrüstervertrag, sowie einen Hauptsponsorvertrag mit dem Immobilien-Unternehmen Aroundtown geschlossen hat. Ein Unternehmen, was sich nicht zwingend mit dem Image des kleinen, sich seiner sozialen Verantwortung bewussten Vereins in Einklang bringen lässt. Nun ist es sicherlich so, dass es gerade auch bei Hertha in dieser Richtung Entwicklungen gab, mit denen viele Fans nicht zwingend glücklich sind. Allerdings gerieren wir uns auch eher selten als letzte anti-kommerzielle Bastion des Profifußballs.

Moritz (Hertha-Fan): Die meisten haben sich zunächst total gefreut, allerdings ging ja damals schon vor der Relegation der Union-Hype los, plötzlich wurde uns wieder bewusst, WIE grau unsere graue Maus noch immer (angeblich) ist. Jetzt sind die meisten eher trotzig: schön dass Union mitmacht, es ist eine Bereicherung, aber wir sollten zeigen, was wir draufhaben. Hertha ist Kult seit dem 25. Juli 1892.

Hertha BASE: Welche Bedeutung hat der Ausgang des Derbys für den Rest der Saison? Erhoffst du dir bei einem Sieg einen besonderen Schub und befürchtest du umgekehrt im Falle der Niederlage einen Knick?

Steven (Hertha-Fan): Mit Blick auf die Tabelle wäre ein Sieg, auch ohne die besondere Bedeutung des Derbys, immens wichtig. Speziell aufgrund der Situation, dass sich in der Mannschaft einige Hierarchien geändert haben, Spieler wie Salomon Kalou eine neue Rolle akzeptieren müssen und man einen neuen, im Profibereich unerfahrenen Trainer hat, kann so ein Derbysieg sicherlich eine Wirkung haben, die über das Wochenende hinaus geht. Mit einer Niederlage befasse ich mich, wenn es soweit ist. Dauert also noch.

Benjamin (Union-Fan): Das Derby ist ein Fußballspiel mit besonderem emotionalen Wert. In diesem Sinne ist es ein (nicht DER) Höhepunkt der Saison. Dennoch geht es auch hier nur um drei Punkte – wichtige Punkte für Union, ja. Aber genau so wichtig wie gegen Freiburg, Schalke oder Köln. Mehr nicht.

Sebastian (Union-Fan): Weder noch. Ich hätte gerne die Punkte, weil es Punkte im Kampf um den Klassenerhalt sind. Zwar macht ein Sieg gegen Hertha besonders viel Spaß. Und umgekehrt sicher auch, denn sonst hätte nicht ewig vor Herthas Pressekonferenz-Raum ein Bild von Sandro Wagner nach seinem Tor gegen Union gehangen. Aber würde eine Fee vor mir stehen und fragen: Klassenerhalt oder Derbysieg? Dann würde ich mich sofort für den Klassenerhalt entscheiden. Die Aufmerksamkeit, die ein Jahr Bundesliga generiert, schafft man in zehn Jahren zweite Liga nicht. Und Union braucht das, um sich weiter irgendwie im Profibereich der 20 besten Mannschaften Deutschlands zu etablieren. Ihr wisst, wovon ich rede. Es ist wahnsinnig schwierig, sich in der Bundesliga zu etablieren, wenn nicht gerade von extern signifikant viel Geld dazugeschossen wird. Und ich glaube, dass der Abstand zwischen Bundesliga und zweiter Liga immer größer wird und entsprechend mit jedem Jahr das Fenster kleiner, sich überhaupt in der Ersten Liga etablieren zu können, wie das mal Mainz oder Freiburg gemacht haben.

Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Steffen (Hertha-Fan): Ein einziges Spiel kann schon mal bedeutend für den Verlauf einer ganzen Saison sein. Ich glaube aber nicht, dass dieses Derby-Hinspiel so ein entscheidendes Spiel ist. Hertha wird sich diese Saison im Niemandsland der Tabelle einpendeln. Wir sind aktuell, vor allem Defensiv, nicht stabil genug, um Ansprüche auf höhere Tabellenregionen anmelden zu dürfen. Dafür gibt es diese Saison zu viele stabil performende Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte. Union hat an den ersten Spieltagen genug Punkte und Selbstvertrauen getankt, da würde unser Nachbar auch bei einer klaren Niederlage nicht hoffnungslos in den Abstiegskampf zurückfallen. Ich denke, am Samstag geht es einzig und allein darum, wer bis Weihnachten mit Dauergrinsen im Gesicht herumlaufen darf.

Daniel (Union-Fan): Das Momentum aus dem Spiel halte ich für weniger wichtig als die schlichten drei Punkte. Hertha fällt in die Klasse von Gegnern, die Union zuhause schlagen kann, und hin und wieder auch schlagen muss, um am Ende auf 35-40 Punkte zu kommen. Natürlich würde ein Sieg darüber hinaus auch noch etwas Selbstvertrauen und Schwung für die nächsten Wochen geben, in denen Union noch einige Spiele hat, in denen Urs Fischer wohl Punkte budgetiert hat (Union spielt noch gegen vier der fünf anderen Mannschaften im letzten Drittel der Tabelle).

Moritz (Hertha-Fan): Für das Verhältnis Trainer/Fans ist es wahrscheinlich am wichtigsten, da hängt schon etwas davon ab. Abgesehen davon sind es nur drei Punkte und wir sind noch früh in der Saison. Ich befürchte weder einen Knick noch verspreche ich mir einen Schub. Ich denke, die Fußballer von heute sind Profis und hören sich hinterher auf YouTube eine Seelenreise an, die Ihnen die traumatische Erfahrung der Niederlage zu überwinden hilft.

Wie lautet dein Tipp für das Spiel?

Steven (Hertha-Fan): Ich bin sehr optimistisch, dass Ante Covic es versteht, seine Mannschaft auf so ein Spiel einzustellen. Dazu haben wir genügend Spieler im Kader, die mit solchen Situationen umgehen können und sich durch nichts beeindrucken lassen. Ich tippe auf ein 3:1 für Hertha.

Benjamin (Union-Fan): Egal ob Derby oder nicht: wenige Tage vor einem Spiel flüstert der Kopf nur noch und das Herz schreit um so lauter: “Die hau’n wa weg!”. Die Punkte bleiben in Köpenick: 2:1 für die Guten, so wie damals im Leichtathletikstadion.

Sebastian (Union-Fan): 2:1 für Union. Es wird mal Zeit für einen Heimsieg im Derby.

Steffen (Hertha-Fan): Derbys werden gewonnen! Diese Saison, nächste Saison und darüber hinaus. (Hertha, ey, bitte gewinne dieses verdammte Spiel!)

Daniel (Union-Fan): <a
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target=”_blank” rel=”noopener”>Union immer 3-0!</a>

Moritz (Hertha-Fan): Hertha gewinnt 2:1. Ich würde Selke ein Tor wünschen, aber vielleicht ist das zuviel, es ist ja noch nicht Weihnachten. Also Kalou und Ibi, wie immer.

 

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