DFB PokalKolumne

Ein Abend, der bleibt

Das emotionale Weiterkommen im DFB-Pokal gegen Dynamo Dresden kann dem Verein einen unschätzbaren Auftrieb geben. Und auch wenn nicht, wird dieser intensive Abend in den Gedächtnissen bleiben. Ein Kommentar.

Wenn wir uns auf diesem Blog nach Spielen melden, dann meist mit einer Einzelkritik. Dazu werden Statistiken gebolzt, individuelle und mannschaftstaktische Aspekte analysiert und versucht, in den Kontext des Spiels einzubinden. Doch nicht nach diesem Mittwochabend, nicht nach solch einem unfassbaren Stück Fußball.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

So könnte man sicherlich kritisch hinterfragen, warum es Hertha mit 63% Ballbesitz, 55% gewonnen Zweikämpfen und 28 zu 13 Schüssen (zwölf zu drei aufs Tor) nicht geschafft hat, den Tabellenvorletzten der zweiten Liga zu Hause souverän zu schlagen und wieso es stattdessen drei Gegentore, zwei Rückstände, 120 Minuten und ein Elfmeterschießen gebraucht hat, um die Sachsen niederzuringen. Auch könnten Einzelaktionen wie Starks Einsteigen vor dem Elfmeter zum 2:2 oder Krafts misslungenem Abwehrversuch des Tores zum 2:3 nun zerpflückt werden. Dass Hertha am Mittwochabend nicht alles richtig gemacht und es einmal mehr an der miesen Chancenverwertung und mangelhaften Abwehrarbeit gekrankt hat, ist wohl unstrittig.

So hat sich die Partie im ersten Durchgang wie eine Kopie des letzten Ligaspiels gegen Hoffenheim angefühlt, in welchem sich Hertha ebenfalls nicht für eine starke Anfangsphase mit Toren belohnt und anschließend den Faden verloren hatte. Ruhephasen wären grundsätzlich in Ordnung, würden sie, wie aktuell bei den Blau-Weißen, nicht mit Sicherheit in Gegentoren münden. So auch gegen Dresden geschehen.

Ein neues Selbstbewusstsein

Doch ein Fußballspiel ist manchmal auch einfach nur das, was man daraus nach dem Schlusspfiff macht. Und so dient dieser Kommentar nicht dazu, einmal mehr auf den offensichtlichen Defiziten der Mannschaft herumzuhacken, sondern dazu, die positiven Eigenschaften von Spielern und Trainer ins Flutlicht zu rücken. Oder um es ruppig zu formulieren: nach so einem Fußballfest ist es doch scheißegal, was genau weshalb nicht gepasst hat. Dinge können auch tot-analysiert werden, doch auch für einen Taktikliebhaber wie mir, der oft zur nüchternden Bewertung greift und Sachverhalte faktisch aufarbeiten will, fühlt sich das in dem Kontext dieser Pokalnacht unangebracht an.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Nein, lasst uns das Positive herausarbeiten, und das ist mit dem Wort “Mut” wohl durchaus passend getroffen. Das hatte bereits mit der Aufstellung begonnen, mit der Ante Covic eine klare Richtung vorgegeben hatte. Mit Dilrosun, Lukebakio, Kalou, Duda, Darida und Wolf hatte Herthas Trainer nahezu alles aufs Feld gestellt, das als “technisch beschlagen” eingestuft werden kann. Covic wollte gegen Dresden Fußball spielen lassen, die individuelle Überlegenheit seiner Mannschaft selbstbewusst präsentieren. Während ein Pal Dardai vor solch einem Spiel noch einen Abnutzungskampf ausgerufen und dem Gegner dann dadurch den Zahn gezogen hätte, dass man eben noch mehr kratzt und beißt, will Nachfolger Covic ganz bewusst das Spielerische in den Fokus rücken und einen individuell schwächeren Gegner lieber dominieren, als sich auf sein Niveau “herunterzulassen”.

Das ist eine erkennbare Entwicklung in der Haltung des Vereins. In den letzten Jahren ein Verfechter des Understatements, präsentiert sich Hertha nun mit breiter Brust. Wenn man Waffen wie Duda und co. hat, wieso diese dann nicht auch benutzen? Hört sich selbstverständlich an, wurde in den vergangenen Jahren jedoch deutlich konservativer gehandhabt.

Blau-weißes Herz

Diese neue Mentalität, die wir bereits Mitte Oktober unter die Lupe genommen haben, hatte sich auch im Spiel gezeigt. “Das war ein unglaubliches Spiel. Ich denke, dass wir die Fans nicht nur verwöhnt haben, aber am Ende sind wir weitergekommen – das zählt. Wir haben nach den Rückschlägen weiter an uns geglaubt und uns immer wieder Torchancen erspielt”, sagte Marko Grujic nach dem Spiel. Und tatsächlich war es beeindruckend zu sehen, wie die Mannschaft trotz des so bescheidenen Spielverlaufs immer wieder zurückkam und sich nicht von der Hoffnung verabschiedete, den Platz noch als Sieger zu verlassen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

“Wir wissen, was wir nach Rückstand tun müssen, um ein Spiel noch umzubiegen. Auch nach dem 2:3 haben wir den Glauben nicht verloren. Ich bin unheimlich stolz auf die Truppe, auch wenn die Art und Weise des Weiterkommens nicht gut für die Nerven war”, erklärte Covic. Acht Rückstände in elf Pflichtspielen sind zwar eine miserable Bilanz, sorgen in solchen Momenten wohl allerdings für eine gewisse Ruhe. Und so spielte Hertha trotz fortlaufender Rückschläge weiter Fußball, lief unermüdlich an, ließ nie den Kopf hängen – es sollte sich lohnen.

Es war schlichtweg imponierend, welch großes blau-weißes Herz die Mannschaft am Mittwochabend zeigte, mit welch unbedingtem Kampfes- und Siegeswillen sie die widrigen Umstände der Partie einfach nicht akzeptieren wollte. Sinnbildlich dafür stand Jordan Torunarigha, der nach einem Zweikampf aufgrund von Schmerzen zwischendurch kaum noch laufen konnte, jedoch auf dem Platz blieb und den Ball in der 120. Minute zum 3:3 in die Maschen drosch. Es hätte an diesem Abend genügend Gelegenheiten gegeben, den Kopf in den Sand zu stecken, doch anders als in den vergangenen Jahren kapitulierte man nicht. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen”, schrieb ich im noch im November 2018 – davon war am Mittwoch nichts mehr zu sehen. Stattdessen hat man eine Mannschaft gesehen, die alles für den Sieg geopfert, nie den Glauben verloren und es einfach erzwungen hat.

Ein Sieg, sie alle zu tragen

Und so steht Hertha BSC im Achtelfinale des DFB-Pokals, nachdem man sich gegen einen Zweitligisten durchgesetzt hat. Ganz nüchtern betrachtet klingt dies nach keinem Grund, frenetisch zu jubeln, doch ist dieses Weiterkommen potenziell so viel mehr wert.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Zum einen, weil Hertha es endlich einmal geschafft hat, den großen Rahmen eines Spiels mit fußballerischem Leben zu füllen und der allgemeinen Wahrnehmung als “graue Maus” nun wirklich nicht gerecht zu werden. Olympiastadion, 70.000 Zuschauer (darunter 35.000 Dresdner, die der Partie eine noch dichtere Atmosphäre schenkten), Flutlicht, K.O.-Spiel – alles stand für einen großen Abend bereit. Und Hertha wusste diese Rahmenbedingungen zu nutzen, indem es einen der spektakulärsten Pokalspiel der letzten Jahre ablieferte. “Die Kulisse war der Wahnsinn – ich glaube, ich habe noch nie vor so vielen Fans gespielt. Das gibt einem unglaublich viel Motivation”, zeigte sich Dodi Lukebakio begeistert.

Es gibt so Spiele, die bleiben einfach in Erinnerung. Diese “Weißt du noch damals, als …?”-Spiele. Hertha produzierte in den vergangenen Jahren nicht allzu viele von diesen Erinnerungen, zumindest nicht in positiver Hinsicht. Doch Partien wie die am Mittwochabend bleiben. Sie werden zu Geschichten, zu Legenden, zu Gründen, die man aufzählt, warum man Anhänger dieses Vereins ist. Fußball ist Theater, Fußball ist Storytelling, und Hertha hat mit dem 8:7 n.E. gegen Dynamo Dresden ein dramaturgisches Meisterwerk auf die Bühne gebracht. Das soll keine unkritische Schönmalerei sein, Hertha hätte das Spiel auch souveräner hinter sich bringen oder sogar verlieren können, doch ein Fußballspiel ist manchmal eben auch einfach nur das, was man nach dem Schlusspfiff daraus macht. Und in Jahren wird man sich nicht an die zahlreichen liegengelassenen Torchancen oder Krafts Patzer erinnern, sondern an Torunarighas Last-Minute-Tor, den Elfmeterkiller und wie laut das Olympiastadion denn tatsächlich werden konnte. Diese Erinnerungen bleiben, alles andere verblasst.

Erfolgreiche Generalprobe fürs Derby

Ein anderer Aspekt ist das bevorstehende Spiel für die “alte Dame”. Das lang ersehnte und medial bereits aufgebauschte Stadtderby mit Union Berlin wirft bereits seit einigen Tagen seinen Schatten voraus und drohte den Fokus aufs Pokalspiel sogar leicht zu verrücken. Doch anstatt sich von der Partie in Köpenick verrückt machen zu lassen, nutzte Hertha die Begegnung mit Dresden dazu, sich für eben jenes Derby einzustimmen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Denn das Pokalspiel konnte durchaus als Generalprobe für den kommenden Samstag angesehen werden: ein individuell schwächerer Gegner, der vor allem über die Leidenschaft ins Spiel findet und von seinen lautstarken Fans angepeitscht wird – das trifft sowohl auf Dresden, als auch auf die “Eisernen” zu. Ich will ganz ehrlich sein, ich hatte meine Zweifel, ob Hertha im Derby an das vermeintliche Feuer der Unioner herankommen wird. Rennen sich ein Dilrosun oder Duda genauso die Seele aus dem Leib wie ein Parensen oder Polter? Gibt Hertha ebenso 110%? Ich bin mir nicht sicher gewesen und da das Derby vermutlich durch Attribute wie Kampf, Wille und Hingabe entschieden wird, sehe ich diese Fragen als entscheidend an.

Am Mittwoch hat mir das Team allerdings eindrucksvoll bewiesen, dass sie diese Attribute auch am Samstag auf den Platz bringen und Union keinen Meter schenken wird. “Das gibt uns so viel, vor allem im Hinblick auf das Derby. Wir haben das Spiel gewonnen, sind im Pokal weiter dabei und freuen uns jetzt auf Union. Das wird ein geiles Spiel, in dem wir Derby-Mentalität zeigen müssen”, sagte Davie Selke nach dem Pokal-Weiterkommen. Diese “Derby-Mentalität” haben die Jungs in blau-weiß auf ganzer Linie bewiesen und somit äußerst gute Voraussetzungen für das Spiel in der Alten Försterei geschaffen. “In zwei Tagen werden wir wieder so fit sein, dass wir bei Union alles geben können, so ein Sieg kann auch beflügeln. Auf das Derby ist jeder heiß. Solche Spiele kitzeln aus einem nochmal ein paar Prozente raus”, so Marius Wolf. Ich habe ebenfalls nicht die Sorge, dass Hertha aufgrund der 120 Minuten in den Beinen zwangsläufig einen spürbaren Nachteil haben muss – stattdessen hoffe ich, dass der Eintracht-Frankfurt-Effekt einsetzt. Bei den Hessen sind seit längerer Zeit trotz immens vieler Spiele kaum Ermüdungserscheinungen zu erkennen, da die Europa-Nächte sie eher beflügeln als belasten. Diesen Antrieb erhoffe ich mir von dem Sieg über Dresden, sodass auch der Abend gegen Union einer ist, der bleibt.

Das emotionale Weiterkommen im DFB-Pokal gegen Dynamo Dresden kann dem Verein einen unschätzbaren Auftrieb geben. Und auch wenn nicht, wird dieser intensive Abend in den Gedächtnissen bleiben. Ein Kommentar.

Wenn wir uns auf diesem Blog nach Spielen melden, dann meist mit einer Einzelkritik. Dazu werden Statistiken gebolzt, individuelle und mannschaftstaktische Aspekte analysiert und versucht, in den Kontext des Spiels einzubinden. Doch nicht nach diesem Mittwochabend, nicht nach solch einem unfassbaren Stück Fußball.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

So könnte man sicherlich kritisch hinterfragen, warum es Hertha mit 63% Ballbesitz, 55% gewonnen Zweikämpfen und 28 zu 13 Schüssen (zwölf zu drei aufs Tor) nicht geschafft hat, den Tabellenvorletzten der zweiten Liga zu Hause souverän zu schlagen und wieso es stattdessen drei Gegentore, zwei Rückstände, 120 Minuten und ein Elfmeterschießen gebraucht hat, um die Sachsen niederzuringen. Auch könnten Einzelaktionen wie Starks Einsteigen vor dem Elfmeter zum 2:2 oder Krafts misslungenem Abwehrversuch des Tores zum 2:3 nun zerpflückt werden. Dass Hertha am Mittwochabend nicht alles richtig gemacht und es einmal mehr an der miesen Chancenverwertung und mangelhaften Abwehrarbeit gekrankt hat, ist wohl unstrittig.

So hat sich die Partie im ersten Durchgang wie eine Kopie des letzten Ligaspiels gegen Hoffenheim angefühlt, in welchem sich Hertha ebenfalls nicht für eine starke Anfangsphase mit Toren belohnt und anschließend den Faden verloren hatte. Ruhephasen wären grundsätzlich in Ordnung, würden sie, wie aktuell bei den Blau-Weißen, nicht mit Sicherheit in Gegentoren münden. So auch gegen Dresden geschehen.

Ein neues Selbstbewusstsein

Doch ein Fußballspiel ist manchmal auch einfach nur das, was man daraus nach dem Schlusspfiff macht. Und so dient dieser Kommentar nicht dazu, einmal mehr auf den offensichtlichen Defiziten der Mannschaft herumzuhacken, sondern dazu, die positiven Eigenschaften von Spielern und Trainer ins Flutlicht zu rücken. Oder um es ruppig zu formulieren: nach so einem Fußballfest ist es doch scheißegal, was genau weshalb nicht gepasst hat. Dinge können auch tot-analysiert werden, doch auch für einen Taktikliebhaber wie mir, der oft zur nüchternden Bewertung greift und Sachverhalte faktisch aufarbeiten will, fühlt sich das in dem Kontext dieser Pokalnacht unangebracht an.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Nein, lasst uns das Positive herausarbeiten, und das ist mit dem Wort “Mut” wohl durchaus passend getroffen. Das hatte bereits mit der Aufstellung begonnen, mit der Ante Covic eine klare Richtung vorgegeben hatte. Mit Dilrosun, Lukebakio, Kalou, Duda, Darida und Wolf hatte Herthas Trainer nahezu alles aufs Feld gestellt, das als “technisch beschlagen” eingestuft werden kann. Covic wollte gegen Dresden Fußball spielen lassen, die individuelle Überlegenheit seiner Mannschaft selbstbewusst präsentieren. Während ein Pal Dardai vor solch einem Spiel noch einen Abnutzungskampf ausgerufen und dem Gegner dann dadurch den Zahn gezogen hätte, dass man eben noch mehr kratzt und beißt, will Nachfolger Covic ganz bewusst das Spielerische in den Fokus rücken und einen individuell schwächeren Gegner lieber dominieren, als sich auf sein Niveau “herunterzulassen”.

Das ist eine erkennbare Entwicklung in der Haltung des Vereins. In den letzten Jahren ein Verfechter des Understatements, präsentiert sich Hertha nun mit breiter Brust. Wenn man Waffen wie Duda und co. hat, wieso diese dann nicht auch benutzen? Hört sich selbstverständlich an, wurde in den vergangenen Jahren jedoch deutlich konservativer gehandhabt.

Blau-weißes Herz

Diese neue Mentalität, die wir bereits Mitte Oktober unter die Lupe genommen haben, hatte sich auch im Spiel gezeigt. “Das war ein unglaubliches Spiel. Ich denke, dass wir die Fans nicht nur verwöhnt haben, aber am Ende sind wir weitergekommen – das zählt. Wir haben nach den Rückschlägen weiter an uns geglaubt und uns immer wieder Torchancen erspielt”, sagte Marko Grujic nach dem Spiel. Und tatsächlich war es beeindruckend zu sehen, wie die Mannschaft trotz des so bescheidenen Spielverlaufs immer wieder zurückkam und sich nicht von der Hoffnung verabschiedete, den Platz noch als Sieger zu verlassen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

“Wir wissen, was wir nach Rückstand tun müssen, um ein Spiel noch umzubiegen. Auch nach dem 2:3 haben wir den Glauben nicht verloren. Ich bin unheimlich stolz auf die Truppe, auch wenn die Art und Weise des Weiterkommens nicht gut für die Nerven war”, erklärte Covic. Acht Rückstände in elf Pflichtspielen sind zwar eine miserable Bilanz, sorgen in solchen Momenten wohl allerdings für eine gewisse Ruhe. Und so spielte Hertha trotz fortlaufender Rückschläge weiter Fußball, lief unermüdlich an, ließ nie den Kopf hängen – es sollte sich lohnen.

Es war schlichtweg imponierend, welch großes blau-weißes Herz die Mannschaft am Mittwochabend zeigte, mit welch unbedingtem Kampfes- und Siegeswillen sie die widrigen Umstände der Partie einfach nicht akzeptieren wollte. Sinnbildlich dafür stand Jordan Torunarigha, der nach einem Zweikampf aufgrund von Schmerzen zwischendurch kaum noch laufen konnte, jedoch auf dem Platz blieb und den Ball in der 120. Minute zum 3:3 in die Maschen drosch. Es hätte an diesem Abend genügend Gelegenheiten gegeben, den Kopf in den Sand zu stecken, doch anders als in den vergangenen Jahren kapitulierte man nicht. “Es ist nämlich ein immer wiederkehrendes Charakteristikum dieser Mannschaft, sich großen Widerständen gegenüber zu ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen”, schrieb ich im noch im November 2018 – davon war am Mittwoch nichts mehr zu sehen. Stattdessen hat man eine Mannschaft gesehen, die alles für den Sieg geopfert, nie den Glauben verloren und es einfach erzwungen hat.

Ein Sieg, sie alle zu tragen

Und so steht Hertha BSC im Achtelfinale des DFB-Pokals, nachdem man sich gegen einen Zweitligisten durchgesetzt hat. Ganz nüchtern betrachtet klingt dies nach keinem Grund, frenetisch zu jubeln, doch ist dieses Weiterkommen potenziell so viel mehr wert.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Zum einen, weil Hertha es endlich einmal geschafft hat, den großen Rahmen eines Spiels mit fußballerischem Leben zu füllen und der allgemeinen Wahrnehmung als “graue Maus” nun wirklich nicht gerecht zu werden. Olympiastadion, 70.000 Zuschauer (darunter 35.000 Dresdner, die der Partie eine noch dichtere Atmosphäre schenkten), Flutlicht, K.O.-Spiel – alles stand für einen großen Abend bereit. Und Hertha wusste diese Rahmenbedingungen zu nutzen, indem es einen der spektakulärsten Pokalspiel der letzten Jahre ablieferte. “Die Kulisse war der Wahnsinn – ich glaube, ich habe noch nie vor so vielen Fans gespielt. Das gibt einem unglaublich viel Motivation”, zeigte sich Dodi Lukebakio begeistert.

Es gibt so Spiele, die bleiben einfach in Erinnerung. Diese “Weißt du noch damals, als …?”-Spiele. Hertha produzierte in den vergangenen Jahren nicht allzu viele von diesen Erinnerungen, zumindest nicht in positiver Hinsicht. Doch Partien wie die am Mittwochabend bleiben. Sie werden zu Geschichten, zu Legenden, zu Gründen, die man aufzählt, warum man Anhänger dieses Vereins ist. Fußball ist Theater, Fußball ist Storytelling, und Hertha hat mit dem 8:7 n.E. gegen Dynamo Dresden ein dramaturgisches Meisterwerk auf die Bühne gebracht. Das soll keine unkritische Schönmalerei sein, Hertha hätte das Spiel auch souveräner hinter sich bringen oder sogar verlieren können, doch ein Fußballspiel ist manchmal eben auch einfach nur das, was man nach dem Schlusspfiff daraus macht. Und in Jahren wird man sich nicht an die zahlreichen liegengelassenen Torchancen oder Krafts Patzer erinnern, sondern an Torunarighas Last-Minute-Tor, den Elfmeterkiller und wie laut das Olympiastadion denn tatsächlich werden konnte. Diese Erinnerungen bleiben, alles andere verblasst.

Erfolgreiche Generalprobe fürs Derby

Ein anderer Aspekt ist das bevorstehende Spiel für die “alte Dame”. Das lang ersehnte und medial bereits aufgebauschte Stadtderby mit Union Berlin wirft bereits seit einigen Tagen seinen Schatten voraus und drohte den Fokus aufs Pokalspiel sogar leicht zu verrücken. Doch anstatt sich von der Partie in Köpenick verrückt machen zu lassen, nutzte Hertha die Begegnung mit Dresden dazu, sich für eben jenes Derby einzustimmen.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Denn das Pokalspiel konnte durchaus als Generalprobe für den kommenden Samstag angesehen werden: ein individuell schwächerer Gegner, der vor allem über die Leidenschaft ins Spiel findet und von seinen lautstarken Fans angepeitscht wird – das trifft sowohl auf Dresden, als auch auf die “Eisernen” zu. Ich will ganz ehrlich sein, ich hatte meine Zweifel, ob Hertha im Derby an das vermeintliche Feuer der Unioner herankommen wird. Rennen sich ein Dilrosun oder Duda genauso die Seele aus dem Leib wie ein Parensen oder Polter? Gibt Hertha ebenso 110%? Ich bin mir nicht sicher gewesen und da das Derby vermutlich durch Attribute wie Kampf, Wille und Hingabe entschieden wird, sehe ich diese Fragen als entscheidend an.

Am Mittwoch hat mir das Team allerdings eindrucksvoll bewiesen, dass sie diese Attribute auch am Samstag auf den Platz bringen und Union keinen Meter schenken wird. “Das gibt uns so viel, vor allem im Hinblick auf das Derby. Wir haben das Spiel gewonnen, sind im Pokal weiter dabei und freuen uns jetzt auf Union. Das wird ein geiles Spiel, in dem wir Derby-Mentalität zeigen müssen”, sagte Davie Selke nach dem Pokal-Weiterkommen. Diese “Derby-Mentalität” haben die Jungs in blau-weiß auf ganzer Linie bewiesen und somit äußerst gute Voraussetzungen für das Spiel in der Alten Försterei geschaffen. “In zwei Tagen werden wir wieder so fit sein, dass wir bei Union alles geben können, so ein Sieg kann auch beflügeln. Auf das Derby ist jeder heiß. Solche Spiele kitzeln aus einem nochmal ein paar Prozente raus”, so Marius Wolf. Ich habe ebenfalls nicht die Sorge, dass Hertha aufgrund der 120 Minuten in den Beinen zwangsläufig einen spürbaren Nachteil haben muss – stattdessen hoffe ich, dass der Eintracht-Frankfurt-Effekt einsetzt. Bei den Hessen sind seit längerer Zeit trotz immens vieler Spiele kaum Ermüdungserscheinungen zu erkennen, da die Europa-Nächte sie eher beflügeln als belasten. Diesen Antrieb erhoffe ich mir von dem Sieg über Dresden, sodass auch der Abend gegen Union einer ist, der bleibt.

Menü