BundesligaEinzelkritik

Einzelkritik 18. Spieltag: Hertha BSC – FC Bayern München

Ein “Ausrufezeichen” hatte sich Trainer Jürgen Klinsmann zum Rückrundenauftakt gegen den FC Bayern München gewünscht. Nach den 90 Minuten und dem Endergebnis einer 0:4-Heimpleite bleiben jedoch mehr Fragezeichen übrig. Während Hertha es im ersten Durchgang verstand, die noch etwas ungelenken und wenig kreativen Bayern-Offensivspieler durch gutes Verteidigen kaltzustellen, ließen sich die Blau-Weißen nach dem Halbzeittee pausenlos überrumpeln. Die Einzelkritik zu einem Spiel, bei dem man sich in der Bewertung schwer tut: lobt man nun das starke Verteidigen in der ersten Halbzeit, oder blickt man kritisch auf das kaum vorhandene Offensivspiel der Mannschaft und wie leicht sie es dem Gegner letztendlich doch machte, Tore zu erzielen?

Jordan Torunarigha – Chance genutzt

Es ist auf den ersten Blick wohl einigermaßen paradox, bei einem 0:4 festzuhalten, dass die Innenverteidiger die besten auf dem Platz waren. Bei Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha war dies am Sonntag jedoch der Fall, hielten sie den Strafraum gegen Bayern doch so lange sauber, bis ihnen im Laufe der zweiten Hälfte nichts mehr übrig blieb, als zusammen mit der Mannschaft unterzugehen. Während eine gute Vorstellung von Boyata mittlerweile niemanden mehr überrascht, ist die Leistung Torunarighas eine detailliertere Erwähnung wert. Herthas Eigengewächs hätte zum Rückrundenauftakt planmäßig nämlich gar nicht in der Startelf stehen sollen, doch da Karim Rekik muskuläre Probleme plagten und Niklas Stark mit Erkältung ausfiel, stand die Nummer 25 von Beginn an auf dem Feld.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Eine überraschende Chance, die es von Torunarigha zu nutzen galt, da der Innenverteidiger (vor dem Spiel) Rang vier in der internen Hackordnung einnahm. Und um es vorwegzunehmen: Torunarigha hat sich eindeutig für mehr empfohlen. Im ersten Durchgang hatte der 22-Jährige im Zusammenspiel mit Boyata absolut alles geklärt, was der FC Bayern in den Strafraum gebracht hatte und große Souveränität ausgestrahlt. Vor allem in der Luft war Torunarigha am Sonntag nicht zu besiegen – und das ist keine übertreibende Floskel – denn alle seine fünf Kopfballduelle entschied der Herthaner für sich. Auch darüber hinaus strahlte Torunarigha eine große Sicherheit aus, was sich vor allem an der Anzahl der von ihm geklärten Aktionen zeigt: 13 Situationen entschärfte der gebürtige Berliner – zum Vergleich: Boyata klärte vier. Dazu kommen ein Tackle, ein abgefangener Ball und ein geblockter Schuss. In Halbzeit eins hatte Torunarigha Bayerns Stürmer Lewandowski voll im Griff und half Marvin Plattenhardt immer wieder aus, Thomas Müller auf der linken Seite zu stellen. Und kamen die Flanken dann doch durch, konnte man sich sicher sein, dass Herthas Innenverteidigung den Ball wieder hinausbefördern würde. Eine im ersten Durchgang also rundum beeindruckende Darbietung Torunarighas, der hoch konzentriert wirkte und stets da war, um brenzliche Szenen zu löschen. Hinzu kam ein kluges Aufbauspiel, dass über den einfachen Ball zum einrückenden Mittelfeldspieler hinausging.

Um so bitterer war es, dass diese Vorstellung keine Früchte tragen sollte und in der zweiten Hälfte mit vier Toren untergraben wurde. Nach dem Pausentee ließen Torunarighas Vorder- und Seitenmänner die Münchener durchgängig gewähren, sodass Herthas Innenverteidiger als (vor)letztes Glied in der Kette eigentlich nur noch zu bemitleiden waren. Einzig beim 0:3-Treffer könnte Torunarigha ein kleiner Vorwurf gemacht werden, da er nach einem Zweikampf an der Seitenlinie nicht schnell genug in seine Position zurückfand und somit die Lücke für Torschütze Thiago aufmachte – dass dieser aber auch von niemand anderem mehr richtig angegriffen wurde, liegt nicht in Torunarighas Verantwortung. Ein wirklich bittere zweite Halbzeit für ihn und Boyata, die noch zu retten versuchten, was zu retten war, letztendlich aber machtlos waren und von ihren Mannschaftskameraden im Stich gelassen wurden.

“Ich habe schon vorher mit Jordan geredet, ihm gesagt, dass er ganz nah dran ist an der ersten Elf. Fällt einer aus, kommt der nächste. So war es bei Jordan. Das geht im Fußball ganz schnell”, hatte Jürgen Klinsmann nach dem Spiel gesagt. Nachdem sich Boyata die fünfte gelbe Karte abholte und damit im Spiel gegen Wolfsburg fehlen wird, ist nahezu sicher, dass Torunarigha auch in der kommenden Begegnung beginnen darf. Die nächste Chance also, um zu sich empfehlen – die erste hat er bereits zweifelsohne genutzt und das trotz vier Gegentoren.

Plattenhardt & Klünter – erst hui, dann pfui

Das Leid der Innenverteidiger im zweiten Durchgang entstand maßgeblich durch Herthas Außenverteidiger, die in den ersten 45 Minuten noch äußerst aufmerksam verteidigten, nach der Halbzeitpause aber alles vermissen ließen, um den Münchenern Einhalt zu gebieten. Ihr fehlender Einfluss auf Herthas Offensivspiel gesellt sich ebenfalls zu den Kritikpunkten.

Die Einzelkritik zu dem missglückten Rückrundenauftakt von Hertha BSC, das sich zu Hause mit 0:4 vom FC Bayern München hat abschießen lassen.
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Nach der ersten Halbzeit war das Herthaner Umfeld noch voll des Lobes ob der starken Defensivleistung der Mannschaft, die ein 0:0 äußerst souverän in die Pause gebracht hatten. Bis auf eine gefährliche Chance von Robert Lewandowski wurde nichts zugelassen, was zum einen sicherlich an dem etwas trägen FC Bayern lag, aber auch an dem so disziplinierten Abwehrverhalten der Berliner. Großen Anteil daran hatten Herthas Außenverteidiger, denn sowohl Marvin Plattenhardt auf der linken, wie auch Lukas Klünter auf der rechten Seite machten einen auffällig wachen und resoluten Eindruck. Im ersten Durchgang wurde alles “wegverteidigt”, denn im Verbund mit einem herausrückenden Innenverteidiger, Sechser Ascacibar oder einem nach hinten arbeitenden Flügelangreifer hatte man Bayerns Vorstöße über die Seite absolut im Griff. Münchens Plan, durch nach innen ziehende Außenbahnspieler oder Flanken zum Erfolg zu kommen, war zunächst also durchkreuzt. Durch eine sehr gute Staffelung und Dopplung der bayerischen Flügelspieler gelang es Hertha, Ballgewinne zu erzielen oder nur sehr ungenaue/ungefährliche Hereingaben zuzulassen. So kamen zwar ein paar Abschlüsse seitens der Gäste rum, doch keine, bei denen einem als Herthaner das Herz stehen blieb. Klünter und Plattenhardt bewiesen im ersten Durchgang große Reife und Stabilität, ließen jedoch offensive Vorstöße vermissen. In den seltensten Fällen überliefen sie ihre offensiven Flügelpartner (Klünter noch öfter als Plattenhardt), um ernstzunehmende Passoptionen darzustellen. Stattdessen verweilten sie in Herthas Hälfte, sodass Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio gegen gleich mehrere Gegenspieler völlig auf sich allein gestellt waren und Hertha somit sehr wenig Konstruktives nach vorne produzieren konnte. Bei allem Lob für die defensive Darbietung musste festgehalten werden, dass Herthas Außenverteidiger für keine Entlastung nach vorne sorgten.

Dies wäre durchaus verkraftbar gewesen, hätten sie ihre Stabilität aufrechterhalten können, doch wurden die beiden Außenverteidiger in den zweiten 45 Minuten nahezu durchgängig überrumpelt, sodass bei Herthas Abwehr sämtliche Dämme brachen. Immer seltener konnten Klünter und Plattenhardt ihre Gegenspieler am Flanken hindern, da sie immer mehr Platz zwischen sich und ihnen ließen. Man sah förmlich, wie die Orientierung der beiden immer weiter schrumpfte und sie somit die Kontrolle über ihren Wirkungsbereich verloren. So kam der FCB immer wieder zum Flanken, woraus Gegentor Nummer eins und vier erfolgten. Auch beim vermeintlichen 0:2, dass letztendlich aber nicht gegeben wurde (Lewandowski hatte Jarstein aus den Händen geköpft), ließ man Müller völlig ungestört flanken. Fast im Minutentakt wurden Hereingaben zugelassen, die zu gefährlichen Torchancen führten. Herthas Flügel hatten im zweiten Durchgang mehr Lücken als die Trainerlizenz von Jürgen Klinsmann. Hinzukam der von Klünter so amateurhaft verursachte Elfmeter, den es aufgrund des sekundenlangen Klammerns von Goretzkas Arm völlig zurecht gab.

So hatte sich Herthas Ass, die Außenverteidigung, im zweiten Durchgang zum Einfallstor für bayerische Torchancen und Treffer entwickelt. Plattenhardt und Klünter wirkten im Laufe der Partie immer hilfloser, sodass Bayerns eigentlich sehr simpler Plan, vor allem über den Flügel für Gefahr zu sorgen, doch noch vollends aufging. Auch offensiv enttäuschten die beiden Verteidiger, da sie kaum Läufe in die Tiefe machten und meist nur ertragslose Halbfeldflanken schlugen – einzig Plattenhardts Vorlage für Selke in der 20. Minute strahlte Gefahr aus. Insgesamt zwei sehr ernüchternde Darbietungen.

Santiago Ascacibar – eine erste Visitenkarte

Bei der Verpflichtung Ascacibars waren dessen Qualitäten recht schnell eingeordnet: ein kampfstarker Balleroberer mit viel Biss, der ein enormes Pensum abruft, um Lücken zu schließen und die Durchgangsstation von Abwehr zu Offensive zu sein. So ziemlich all das hat der 22-jährige Argentinier in seinem Pflichtspieldebüt gezeigt, ohne jedoch wirklich zu glänzen. Insgesamt aber ein löblicher erster Auftritt des defensiven Mittelfeldspielers.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Es kam Ascacibar sicherlich entgegen, sich in seinem ersten Spiel für Hertha vor allem auf Defensivaufgaben konzentrieren zu können. Dem Gegner auf den Füßen zu stehen und etwaige Lücken durch ein hohes Laufpensum zu schließen, kann der giftige Mittelfeldzerstörer offensichtlich gut. Niemand lief am Sonntag so viel wie Herthas neue Nummer 18: 12,58 Kilometer war er unterwegs – ein Darida-Wert. Hinzu kamen die meisten intensiven Läufe (88). Durch diesen vielen Meter, die Ascacibar machte, deckte er einen großen Raum ab und hinderte Leon Goretzka wie Thiago daran, Läufe in den Strafraum zu machen. So war Bayern auch durchaus gezwungen, ihr Glück über den Flügel zu suchen – in der Mitte war vor allem durch Herthas Neuzugang, aber auch durch Marko Grujic und Vladimir Darida, die zusammen eine drei-gegen-drei-Manndeckung spielten, kein Platz. Ein weiterer Faktor war Ascacibars immense Zweikampfstärke, denn niemand gewann so viele Duelle wie der Argentinier, der zudem die meisten erfolgreichen Tacklings (fünf) verbuchte (Lukebakio und Grujic verbuchten mit jeweils zwei die zweitmeisten). Durch diese Qualitäten war der Wintertransfer ein echter Gewinn für die Berliner, allerdings ließ sich auch festhalten, dass ihm im Spiel nach vorne nicht allzu viel einfallen wollte – nun war das bei Mitspielern wie Lukebakio, Dilrosun, Selke oder auch Grujic und Darida nicht unbedingt seine Aufgabe, da er diesen eher den Rücken freihalten sollte.

Auch Ascacibar baute im zweiten Durchgang ab, so war es wenig überraschend, dass Thiago genau in dieser Phase sein Tor machen konnte. Hertha hatte die Ordnung nicht nur auf den Außen, sondern auch im Zentrum verloren und ließ sich in den eigenen Strafraum drängen. Hier konnte der kleine Argentinier wenig ausrichten, sodass er mit seiner Mannschaft mit unterging. Nun ist die zwei Hälfte individuell schwer zu beurteilen, da dass Kollektiv so schwach war, sodass das Endfazit zur Leistung Ascacibars insgesamt positiv ausfällt. Vor allem im ersten Durchgang hat er genau das abgerufen, wofür man ihn geholt hat. Sicherlich ist der “spielerische” Aspekt bei ihm noch ausbaufähig, doch für sein Pflichtspieldebüt war das eine ordentliche Leistung. Es wird spannend zu sehen sein, wie er sich mit mehr Wettkampferfahrung und gegen weniger dominante Gegner schlagen wird.

Davie Selke – der Geduldsfaden hat Risse

Auch über den Winter hinaus ließ Jürgen Klinsmann keinen Zweifel daran, dass Davie Selke weiterhin sein Stürmer Nummer eins sein würde. Dieses Vertrauen stellt der frischgebackene 25-Jährige jedoch unverändert auf die Probe, denn auch gegen den FC Bayern wirkte Selke trotz seines großen Aufwands und Aktionsradius’ schlicht glücklos. Die Gefahr geht dem Mittelstürmer auch weiterhin ab und so stellt sich die dringende Frage, ob das Trainerteam auch künftig so vorbehaltslos auf ihn setzen sollte.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Es nimmt langsam tragische Züge bei Selke an. Oder hat es das bereits? Mittlerweile schwer zu sagen. 18 Spiele hat der Mittelstürmer in der laufenden Saison auf dem Tacho – dabei erzielte Tore: eins. Beim 2:4 gegen RB Leipzig durfte er den Schlusspunkt setzen. Man hatte gehofft, ihm würde der Treffer trotz dessen Bedeutungslosigkeit für das Endergebnis einen Schub geben. Seitdem sind jedoch auch wieder sieben torlose Spiele vorübergegangen. Es ist nicht so, als würde es bei Selke an mangelndem Einsatz liegen – im Gegenteil: manchmal hat man das Gefühl, der Stürmer liefe etwas zu heiß und verliere den klaren Kopf. Selke reibt sich auf – jedes Spiel, jede Minute.

Auch gegen den deutschen Rekordmeister ackerte Selke über 90 Minuten und versuchte alles in seiner Macht stehende, um Bayerns Verteidiger auf Trapp zu halten. Er lief die drittmeisten Meter aller Herthaner und war in Sachen Sprints Platz vier. Hinzukommt eine positive Zweikampfbilanz, ob am Boden oder in der Luft. Nein, auch am vergangenen Sonntag gab Selke alles. Und doch ist es in dieser Spielzeit einfach zu wenig und das ist bei einem mittlerweile 25-Jährigen, der eben kein Talent mehr ist, die vielleicht so bittere Erkenntnis. Sein Alles ist nicht genug. Zumindest aktuell, aber dieses “aktuell” dauert bereits so lange an, dass man sich mittlerweile fragt, ob man überhaupt noch von einer Krise sprechen kann. Wie lang darf so etwas anhalten, bis das Urteil gefällt wird, dass man eben nicht so gut ist? Bei Selke hat man ja bereits andere Zeiten erlebt. “Knipsen” und Selkes Name gehörten einst zusammen, doch in der vergangenen Saison brachte er es auch nur auf drei Bundesliga-Tore. In 83 Pflichtspielen für Hertha netzte er 19 Mal (plus 15 Vorlagen) und in den letzten 48 Liga-Partien insgesamt vier Mal – das ist schlicht zu wenig. Auch gegen München ging Selke die Torgefahr völlig ab: drei Schüsse und keiner davon ging zumindest auf das Tor. Exemplarisch war sein Kopfball in der 20. Minute. Völlig unbedrängt – kein Gegenspieler war näher als drei Meter an ihm dran – misslang ihm der Abschluss aus rund elf Metern. Der Ball landete irgendwo.

Man hat das Gefühl, in der Einzelkritik jedes Mal dasselbe über Selke zu schreiben: er will ja, aber er kann nicht. Und man würde es wohl keinem mehr gönnen, zurück in die Erfolgsspur zu finden, da man Selkes Einsatz wertschätzt und kein Prozent mangelnden Willen ausmachen kann. Und auch, weil Hertha in dieser Saison ein echter Torjäger so sehr fehlt. Auch gegen Bayern ließ Selke diese Eigenschaft vermissen. Er wollte ja, aber er konnte nicht. Imponierender Einsatz reicht nur nicht mehr, denn irgendwann wird ein Mittelstürmer halt doch an Toren gemessen. Klinsmann gilt als knallharter Veränderer, der auch unpopuläre Entscheidungen trifft, wenn er sieht, dass etwas nicht funktioniert. Vielleicht trifft dies bald die Rangordnung im Sturmzentrum, sollte bei Selke der Knoten nicht platzen.

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Ein “Ausrufezeichen” hatte sich Trainer Jürgen Klinsmann zum Rückrundenauftakt gegen den FC Bayern München gewünscht. Nach den 90 Minuten und dem Endergebnis einer 0:4-Heimpleite bleiben jedoch mehr Fragezeichen übrig. Während Hertha es im ersten Durchgang verstand, die noch etwas ungelenken und wenig kreativen Bayern-Offensivspieler durch gutes Verteidigen kaltzustellen, ließen sich die Blau-Weißen nach dem Halbzeittee pausenlos überrumpeln. Die Einzelkritik zu einem Spiel, bei dem man sich in der Bewertung schwer tut: lobt man nun das starke Verteidigen in der ersten Halbzeit, oder blickt man kritisch auf das kaum vorhandene Offensivspiel der Mannschaft und wie leicht sie es dem Gegner letztendlich doch machte, Tore zu erzielen?

Jordan Torunarigha – Chance genutzt

Es ist auf den ersten Blick wohl einigermaßen paradox, bei einem 0:4 festzuhalten, dass die Innenverteidiger die besten auf dem Platz waren. Bei Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha war dies am Sonntag jedoch der Fall, hielten sie den Strafraum gegen Bayern doch so lange sauber, bis ihnen im Laufe der zweiten Hälfte nichts mehr übrig blieb, als zusammen mit der Mannschaft unterzugehen. Während eine gute Vorstellung von Boyata mittlerweile niemanden mehr überrascht, ist die Leistung Torunarighas eine detailliertere Erwähnung wert. Herthas Eigengewächs hätte zum Rückrundenauftakt planmäßig nämlich gar nicht in der Startelf stehen sollen, doch da Karim Rekik muskuläre Probleme plagten und Niklas Stark mit Erkältung ausfiel, stand die Nummer 25 von Beginn an auf dem Feld.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Eine überraschende Chance, die es von Torunarigha zu nutzen galt, da der Innenverteidiger (vor dem Spiel) Rang vier in der internen Hackordnung einnahm. Und um es vorwegzunehmen: Torunarigha hat sich eindeutig für mehr empfohlen. Im ersten Durchgang hatte der 22-Jährige im Zusammenspiel mit Boyata absolut alles geklärt, was der FC Bayern in den Strafraum gebracht hatte und große Souveränität ausgestrahlt. Vor allem in der Luft war Torunarigha am Sonntag nicht zu besiegen – und das ist keine übertreibende Floskel – denn alle seine fünf Kopfballduelle entschied der Herthaner für sich. Auch darüber hinaus strahlte Torunarigha eine große Sicherheit aus, was sich vor allem an der Anzahl der von ihm geklärten Aktionen zeigt: 13 Situationen entschärfte der gebürtige Berliner – zum Vergleich: Boyata klärte vier. Dazu kommen ein Tackle, ein abgefangener Ball und ein geblockter Schuss. In Halbzeit eins hatte Torunarigha Bayerns Stürmer Lewandowski voll im Griff und half Marvin Plattenhardt immer wieder aus, Thomas Müller auf der linken Seite zu stellen. Und kamen die Flanken dann doch durch, konnte man sich sicher sein, dass Herthas Innenverteidigung den Ball wieder hinausbefördern würde. Eine im ersten Durchgang also rundum beeindruckende Darbietung Torunarighas, der hoch konzentriert wirkte und stets da war, um brenzliche Szenen zu löschen. Hinzu kam ein kluges Aufbauspiel, dass über den einfachen Ball zum einrückenden Mittelfeldspieler hinausging.

Um so bitterer war es, dass diese Vorstellung keine Früchte tragen sollte und in der zweiten Hälfte mit vier Toren untergraben wurde. Nach dem Pausentee ließen Torunarighas Vorder- und Seitenmänner die Münchener durchgängig gewähren, sodass Herthas Innenverteidiger als (vor)letztes Glied in der Kette eigentlich nur noch zu bemitleiden waren. Einzig beim 0:3-Treffer könnte Torunarigha ein kleiner Vorwurf gemacht werden, da er nach einem Zweikampf an der Seitenlinie nicht schnell genug in seine Position zurückfand und somit die Lücke für Torschütze Thiago aufmachte – dass dieser aber auch von niemand anderem mehr richtig angegriffen wurde, liegt nicht in Torunarighas Verantwortung. Ein wirklich bittere zweite Halbzeit für ihn und Boyata, die noch zu retten versuchten, was zu retten war, letztendlich aber machtlos waren und von ihren Mannschaftskameraden im Stich gelassen wurden.

“Ich habe schon vorher mit Jordan geredet, ihm gesagt, dass er ganz nah dran ist an der ersten Elf. Fällt einer aus, kommt der nächste. So war es bei Jordan. Das geht im Fußball ganz schnell”, hatte Jürgen Klinsmann nach dem Spiel gesagt. Nachdem sich Boyata die fünfte gelbe Karte abholte und damit im Spiel gegen Wolfsburg fehlen wird, ist nahezu sicher, dass Torunarigha auch in der kommenden Begegnung beginnen darf. Die nächste Chance also, um zu sich empfehlen – die erste hat er bereits zweifelsohne genutzt und das trotz vier Gegentoren.

Plattenhardt & Klünter – erst hui, dann pfui

Das Leid der Innenverteidiger im zweiten Durchgang entstand maßgeblich durch Herthas Außenverteidiger, die in den ersten 45 Minuten noch äußerst aufmerksam verteidigten, nach der Halbzeitpause aber alles vermissen ließen, um den Münchenern Einhalt zu gebieten. Ihr fehlender Einfluss auf Herthas Offensivspiel gesellt sich ebenfalls zu den Kritikpunkten.

Die Einzelkritik zu dem missglückten Rückrundenauftakt von Hertha BSC, das sich zu Hause mit 0:4 vom FC Bayern München hat abschießen lassen.
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Nach der ersten Halbzeit war das Herthaner Umfeld noch voll des Lobes ob der starken Defensivleistung der Mannschaft, die ein 0:0 äußerst souverän in die Pause gebracht hatten. Bis auf eine gefährliche Chance von Robert Lewandowski wurde nichts zugelassen, was zum einen sicherlich an dem etwas trägen FC Bayern lag, aber auch an dem so disziplinierten Abwehrverhalten der Berliner. Großen Anteil daran hatten Herthas Außenverteidiger, denn sowohl Marvin Plattenhardt auf der linken, wie auch Lukas Klünter auf der rechten Seite machten einen auffällig wachen und resoluten Eindruck. Im ersten Durchgang wurde alles “wegverteidigt”, denn im Verbund mit einem herausrückenden Innenverteidiger, Sechser Ascacibar oder einem nach hinten arbeitenden Flügelangreifer hatte man Bayerns Vorstöße über die Seite absolut im Griff. Münchens Plan, durch nach innen ziehende Außenbahnspieler oder Flanken zum Erfolg zu kommen, war zunächst also durchkreuzt. Durch eine sehr gute Staffelung und Dopplung der bayerischen Flügelspieler gelang es Hertha, Ballgewinne zu erzielen oder nur sehr ungenaue/ungefährliche Hereingaben zuzulassen. So kamen zwar ein paar Abschlüsse seitens der Gäste rum, doch keine, bei denen einem als Herthaner das Herz stehen blieb. Klünter und Plattenhardt bewiesen im ersten Durchgang große Reife und Stabilität, ließen jedoch offensive Vorstöße vermissen. In den seltensten Fällen überliefen sie ihre offensiven Flügelpartner (Klünter noch öfter als Plattenhardt), um ernstzunehmende Passoptionen darzustellen. Stattdessen verweilten sie in Herthas Hälfte, sodass Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio gegen gleich mehrere Gegenspieler völlig auf sich allein gestellt waren und Hertha somit sehr wenig Konstruktives nach vorne produzieren konnte. Bei allem Lob für die defensive Darbietung musste festgehalten werden, dass Herthas Außenverteidiger für keine Entlastung nach vorne sorgten.

Dies wäre durchaus verkraftbar gewesen, hätten sie ihre Stabilität aufrechterhalten können, doch wurden die beiden Außenverteidiger in den zweiten 45 Minuten nahezu durchgängig überrumpelt, sodass bei Herthas Abwehr sämtliche Dämme brachen. Immer seltener konnten Klünter und Plattenhardt ihre Gegenspieler am Flanken hindern, da sie immer mehr Platz zwischen sich und ihnen ließen. Man sah förmlich, wie die Orientierung der beiden immer weiter schrumpfte und sie somit die Kontrolle über ihren Wirkungsbereich verloren. So kam der FCB immer wieder zum Flanken, woraus Gegentor Nummer eins und vier erfolgten. Auch beim vermeintlichen 0:2, dass letztendlich aber nicht gegeben wurde (Lewandowski hatte Jarstein aus den Händen geköpft), ließ man Müller völlig ungestört flanken. Fast im Minutentakt wurden Hereingaben zugelassen, die zu gefährlichen Torchancen führten. Herthas Flügel hatten im zweiten Durchgang mehr Lücken als die Trainerlizenz von Jürgen Klinsmann. Hinzukam der von Klünter so amateurhaft verursachte Elfmeter, den es aufgrund des sekundenlangen Klammerns von Goretzkas Arm völlig zurecht gab.

So hatte sich Herthas Ass, die Außenverteidigung, im zweiten Durchgang zum Einfallstor für bayerische Torchancen und Treffer entwickelt. Plattenhardt und Klünter wirkten im Laufe der Partie immer hilfloser, sodass Bayerns eigentlich sehr simpler Plan, vor allem über den Flügel für Gefahr zu sorgen, doch noch vollends aufging. Auch offensiv enttäuschten die beiden Verteidiger, da sie kaum Läufe in die Tiefe machten und meist nur ertragslose Halbfeldflanken schlugen – einzig Plattenhardts Vorlage für Selke in der 20. Minute strahlte Gefahr aus. Insgesamt zwei sehr ernüchternde Darbietungen.

Santiago Ascacibar – eine erste Visitenkarte

Bei der Verpflichtung Ascacibars waren dessen Qualitäten recht schnell eingeordnet: ein kampfstarker Balleroberer mit viel Biss, der ein enormes Pensum abruft, um Lücken zu schließen und die Durchgangsstation von Abwehr zu Offensive zu sein. So ziemlich all das hat der 22-jährige Argentinier in seinem Pflichtspieldebüt gezeigt, ohne jedoch wirklich zu glänzen. Insgesamt aber ein löblicher erster Auftritt des defensiven Mittelfeldspielers.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Es kam Ascacibar sicherlich entgegen, sich in seinem ersten Spiel für Hertha vor allem auf Defensivaufgaben konzentrieren zu können. Dem Gegner auf den Füßen zu stehen und etwaige Lücken durch ein hohes Laufpensum zu schließen, kann der giftige Mittelfeldzerstörer offensichtlich gut. Niemand lief am Sonntag so viel wie Herthas neue Nummer 18: 12,58 Kilometer war er unterwegs – ein Darida-Wert. Hinzu kamen die meisten intensiven Läufe (88). Durch diesen vielen Meter, die Ascacibar machte, deckte er einen großen Raum ab und hinderte Leon Goretzka wie Thiago daran, Läufe in den Strafraum zu machen. So war Bayern auch durchaus gezwungen, ihr Glück über den Flügel zu suchen – in der Mitte war vor allem durch Herthas Neuzugang, aber auch durch Marko Grujic und Vladimir Darida, die zusammen eine drei-gegen-drei-Manndeckung spielten, kein Platz. Ein weiterer Faktor war Ascacibars immense Zweikampfstärke, denn niemand gewann so viele Duelle wie der Argentinier, der zudem die meisten erfolgreichen Tacklings (fünf) verbuchte (Lukebakio und Grujic verbuchten mit jeweils zwei die zweitmeisten). Durch diese Qualitäten war der Wintertransfer ein echter Gewinn für die Berliner, allerdings ließ sich auch festhalten, dass ihm im Spiel nach vorne nicht allzu viel einfallen wollte – nun war das bei Mitspielern wie Lukebakio, Dilrosun, Selke oder auch Grujic und Darida nicht unbedingt seine Aufgabe, da er diesen eher den Rücken freihalten sollte.

Auch Ascacibar baute im zweiten Durchgang ab, so war es wenig überraschend, dass Thiago genau in dieser Phase sein Tor machen konnte. Hertha hatte die Ordnung nicht nur auf den Außen, sondern auch im Zentrum verloren und ließ sich in den eigenen Strafraum drängen. Hier konnte der kleine Argentinier wenig ausrichten, sodass er mit seiner Mannschaft mit unterging. Nun ist die zwei Hälfte individuell schwer zu beurteilen, da dass Kollektiv so schwach war, sodass das Endfazit zur Leistung Ascacibars insgesamt positiv ausfällt. Vor allem im ersten Durchgang hat er genau das abgerufen, wofür man ihn geholt hat. Sicherlich ist der “spielerische” Aspekt bei ihm noch ausbaufähig, doch für sein Pflichtspieldebüt war das eine ordentliche Leistung. Es wird spannend zu sehen sein, wie er sich mit mehr Wettkampferfahrung und gegen weniger dominante Gegner schlagen wird.

Davie Selke – der Geduldsfaden hat Risse

Auch über den Winter hinaus ließ Jürgen Klinsmann keinen Zweifel daran, dass Davie Selke weiterhin sein Stürmer Nummer eins sein würde. Dieses Vertrauen stellt der frischgebackene 25-Jährige jedoch unverändert auf die Probe, denn auch gegen den FC Bayern wirkte Selke trotz seines großen Aufwands und Aktionsradius’ schlicht glücklos. Die Gefahr geht dem Mittelstürmer auch weiterhin ab und so stellt sich die dringende Frage, ob das Trainerteam auch künftig so vorbehaltslos auf ihn setzen sollte.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Es nimmt langsam tragische Züge bei Selke an. Oder hat es das bereits? Mittlerweile schwer zu sagen. 18 Spiele hat der Mittelstürmer in der laufenden Saison auf dem Tacho – dabei erzielte Tore: eins. Beim 2:4 gegen RB Leipzig durfte er den Schlusspunkt setzen. Man hatte gehofft, ihm würde der Treffer trotz dessen Bedeutungslosigkeit für das Endergebnis einen Schub geben. Seitdem sind jedoch auch wieder sieben torlose Spiele vorübergegangen. Es ist nicht so, als würde es bei Selke an mangelndem Einsatz liegen – im Gegenteil: manchmal hat man das Gefühl, der Stürmer liefe etwas zu heiß und verliere den klaren Kopf. Selke reibt sich auf – jedes Spiel, jede Minute.

Auch gegen den deutschen Rekordmeister ackerte Selke über 90 Minuten und versuchte alles in seiner Macht stehende, um Bayerns Verteidiger auf Trapp zu halten. Er lief die drittmeisten Meter aller Herthaner und war in Sachen Sprints Platz vier. Hinzukommt eine positive Zweikampfbilanz, ob am Boden oder in der Luft. Nein, auch am vergangenen Sonntag gab Selke alles. Und doch ist es in dieser Spielzeit einfach zu wenig und das ist bei einem mittlerweile 25-Jährigen, der eben kein Talent mehr ist, die vielleicht so bittere Erkenntnis. Sein Alles ist nicht genug. Zumindest aktuell, aber dieses “aktuell” dauert bereits so lange an, dass man sich mittlerweile fragt, ob man überhaupt noch von einer Krise sprechen kann. Wie lang darf so etwas anhalten, bis das Urteil gefällt wird, dass man eben nicht so gut ist? Bei Selke hat man ja bereits andere Zeiten erlebt. “Knipsen” und Selkes Name gehörten einst zusammen, doch in der vergangenen Saison brachte er es auch nur auf drei Bundesliga-Tore. In 83 Pflichtspielen für Hertha netzte er 19 Mal (plus 15 Vorlagen) und in den letzten 48 Liga-Partien insgesamt vier Mal – das ist schlicht zu wenig. Auch gegen München ging Selke die Torgefahr völlig ab: drei Schüsse und keiner davon ging zumindest auf das Tor. Exemplarisch war sein Kopfball in der 20. Minute. Völlig unbedrängt – kein Gegenspieler war näher als drei Meter an ihm dran – misslang ihm der Abschluss aus rund elf Metern. Der Ball landete irgendwo.

Man hat das Gefühl, in der Einzelkritik jedes Mal dasselbe über Selke zu schreiben: er will ja, aber er kann nicht. Und man würde es wohl keinem mehr gönnen, zurück in die Erfolgsspur zu finden, da man Selkes Einsatz wertschätzt und kein Prozent mangelnden Willen ausmachen kann. Und auch, weil Hertha in dieser Saison ein echter Torjäger so sehr fehlt. Auch gegen Bayern ließ Selke diese Eigenschaft vermissen. Er wollte ja, aber er konnte nicht. Imponierender Einsatz reicht nur nicht mehr, denn irgendwann wird ein Mittelstürmer halt doch an Toren gemessen. Klinsmann gilt als knallharter Veränderer, der auch unpopuläre Entscheidungen trifft, wenn er sieht, dass etwas nicht funktioniert. Vielleicht trifft dies bald die Rangordnung im Sturmzentrum, sollte bei Selke der Knoten nicht platzen.

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