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Herthaner unter der Lupe: Javairo Dilrosun

Aufgrund der momentanen Situation rund um COVID-19 und der Unterbrechung der Bundesliga beschäftigt sich die HerthaBASE-Redaktion gezwungenermaßen mit anderen Themen als dem aktuellen Spielbetrieb. Unter anderem wollen wir auf verschiedene Spieler des Kaders einen genaueren Blick werfen. Heute ist Javairo Dilrosun dran. Wie sind seine bisherigen Leistungen im blau-weißen Trikot zu bewerten? Wie sieht seine momentane Situation aus? Was kann man in Zukunft noch von ihm erwarten?

Am 3. Mai 2018 verkündete Hertha BSC auf seiner Website, dass ein junger Flügelstürmer vom großen Manchester City für die neue Saison verpflichtet wurde. Der damals 19-jährige Niederländer kam aus der U23 des Scheich-Klubs und hatte laut Hertha bereits seit Jahren mit starken Leistungen in den Jugendmannschaften in Manchester auf sich aufmerksam gemacht. Javairô Joreno Faustino Dilrosun, der von Mannschaftskollegen und Trainern „Jeff“ gerufen wird, wurde am 22. Juni 1998 in Amsterdam geboren. Bereits im Jahr 2006 wurde er ein Spieler der legendären Talentschmiede von Ajax Amsterdam. Sein Talent wurde von vielen bereits in jungen Jahren erkannt und so war er ab der U15 ein fester Teil der niederländischen U-Nationalmannschaften. Im Jahr 2014 wagte er den Sprung ins Ausland, und zwar in die U18 Manchester Citys, dessen erste Mannschaft damals noch von Manuel Pellegrini trainiert wurde und soeben die Meisterschaft in der englischen Premier League gewonnen hatte.

Übrigens stand damals ein gewisser Dedryck Boyata im Kader des Scheich-Klubs. Der Belgier stand sechs Jahre lang bei den Sky Blues unter Vertrag (2009-2015), wurde dabei aber zweimal ausgeliehen (zu Twente Enschede und den Bolton Wanderers) und machte insgesamt nur 13 Spiele für die Citizens. Im Jahr 2015 wechselte er zu Celtic, wo er bekanntermaßen den Durchbruch schaffte und von wo er im Jahr 2019 zu Hertha BSC wechselte.

Foto: Julian Finney/Getty Images

Anders als Boyata war Dilrosun bei den Citizens aber erst einmal für die Jugend eingeplant. Im Jahr 2016, also im Alter von 18 Jahren, kam Dilrosun zum ersten Mal für die U21 zum Einsatz, und später auch in der U23. In England spielen die U23-Mannschaften der Premier League-Klubs übrigens in einer eigens organisierten Liga, der sogenannten Premier League 2. Somit spielen die Talente der Topvereine also eigentlich nur gegeneinander und erhalten keine Spielpraxis im sogenannten „Männerfußball“. In Deutschland treten die zweiten Mannschaften der Profiklubs bekanntermaßen mehrheitlich in der Regionalliga oder 3. Liga gegeneinander, aber auch gegen andere Vereine an. Dort müssen sie sich öfter mal gegen erfahrenere und gestandene Fußballer durchsetzen.

Im Jahr 2018 erkannte Dilrosun, dass er den Verein wechseln muss, um den Durchbruch im Profifußball zu schaffen und Hertha BSC schien die richtige Adresse dazu. Die U19 des Berliner Vereins sollte kurz darauf Deutscher Meister werden und Hertha, mit dem damaligen Trainer Pal Dardai, hatte den Ruf Talente weiterzuentwickeln und ihnen eine faire Chance zu geben. So standen damals mit Valentino Lazaro, Maximilian Mittelstädt, Mitchell Weiser, Arne Maier und Jordan Torunarigha mehrere vielversprechende Talente und Spieler mit hohem Entwicklungspotenzial im Kader der Blau-Weißen. Hertha einigte sich also auf einen „langfristigen“ Vertrag mit dem „schnellen und spielstarken“ Flügelstürmer.

Laut Hertha hatte Dilrosun Qualitäten, die der Hertha-Kader bis dahin noch nicht hergab, und sprach dabei vor allem von seiner enormen Dribbelstärke. Diese habe er sich vor allem im Straßenfußball in Amsterdam selbst beigebracht. Pal Dardai, damals noch Cheftrainer, sagte über den jungen Offensivspieler, er habe „alles drauf, was du dir als Trainer wünschst“.

Interessant war bei dieser Verpflichtung das Vertrauen in die Fähigkeiten Dilrosuns und die der eigenen Scouts, wenn man bedenkt, dass der 19-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch kein Profispiel absolviert hatte. Bei Hertha BSC hatte man allerdings bereits Erfahrungen mit einem Spieler aus der Jugendakademie Manchester Citys gemacht, und zwar durchaus positive: Karim Rekik, gut vier Jahre älter als Dilrosun, war im Sommer 2017, also ein Jahr zuvor, an die Spree gewechselt und hat die Berliner Abwehr auf Anhieb stabilisiert. Die Parallelen zu Dilrosun sind bemerkenswert: Der Innenverteidiger kommt auch aus den Niederlanden, wurde anfänglich aber bei Feyenoord Rotterdam ausgebildet, bevor er 2011 in die U18 Manchester Citys wechselte. Bei den “Sky Blues” verbrachte er vier Jahre in der Jugend und zweiten Mannschaft, zusätzlich wurde Rekik dreimal ausgeliehen bevor er 2015 nach Marseille wechselte und dort den Durchbruch schaffte.

Ein verheißungsvoller Start

Das Vertrauen in Dilrosuns Potenzial sollte sich erstaunlich schnell auszahlen. Obwohl er zunächst einmal als Versprechen für die Zukunft galt und langsam an die Bundesliga herangeführt werden sollte, kam er bereits am 2. Spieltag für Herthas Profimannschaft zum Einsatz (am 1. Spieltag war er noch für die U23 im Einsatz). In der 6. Minute wurde der junge Niederländer für den verletzten Karim Rekik eingewechselt. Neun Minuten später bereitete er das 1:0 für Ondrej Duda vor: Einen langen hohen Ball von Jordan Torunarigha nahm Dilrosun technisch perfekt mit, sodass er mit einem Ballkontakt an Weston McKennie vorbeihuschte. Er hatte anschließend das Auge für den zentral postierten Duda, dessen abgefälschter Schuss unhaltbar über Schalkes Ralf Fährmann einschlug. Der starke Duda besorgte am Ende per Freistoß das 2:0 und Hertha siegte zum ersten Mal nach 14 Jahren wieder in Gelsenkirchen. Der junge Niederländer hatte in seinem ersten Profispiel überhaupt seinen Anteil an diesem Erfolg.

Foto: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images

Dilrosuns Assist und seine Leistung in diesem Spiel insgesamt schienen zu beweisen, dass er bereit war, öfter zu zeigen, was er kann. Am 3. Spieltag – im sogenannten ICE-Derby in Wolfsburg – durfte der junge Flügelstürmer sogar von Anfang an spielen. Er erzielte sofort sein erstes Bundesligator. Der Flügelflitzer lauerte in der Nähe des Mittelkreises auf einen Fehlpass von Wolfsburgs William, schnappte sich den Ball und nahm Tempo auf. Er wurde nach links außen gedrängt, doch ließ sich nicht beirren, zog aus spitzem Winkel flach ab und der Ball landete im Tor. Seine bereits bekannte Dribbelstärke und seine hohe Geschwindigkeit waren ausschlaggebend für diesen Treffer, aber dieser ließ auch seine Abschlussstärke und sein Selbstvertrauen erkennen. Dilrosun suchte den direkten Weg zum Tor, haderte nicht und suchte nicht erstmal nach seinen Mitspielern, sondern bewies Zielstrebigkeit. Dies zeugte von genau dem befreiten und unbekümmerten Aufspielen, das man sich als Verein und Fan von einem jungen Talent erhofft.

Dilrosun zeigte also sehr früh seine Stärken und machte Lust auf mehr. Bereits jetzt galt er als absolutes Schnäppchen (er kostete nur eine geringe Ausbildungsentschädigung) mit außerordentlicher Qualität.

Auch in den darauffolgenden Spielen bestätigte Dilrosun seine starke Form: Am 4. Spieltag gegen M’Gladbach steuerte er zwei Vorlagen zum 4:2-Sieg bei. Zuerst brachte er eine butterweiche Flanke auf Lazaro, der den Ball zum 2:1 in die Maschen köpfte. In seinem vielleicht stärksten Spiel für Hertha bisher bereitete der Niederländer dann auch das 4:2 vor. Nach Doppelpass mit Per Skjelbred marschierte Dilrosun auf der linken Seite nach vorne, bevor er wieder einmal das Auge für Duda hatte. Dieser nahm den Ball an und bewies seine ebenfalls bestechende Form zu diesem Zeitpunkt mit einem weiteren Treffer. Am 5. Spieltag kassierte Hertha zwar die erste Saisonniederlage (1:3 in Bremen), jedoch traf Dilrosun zum zwischenzeitlichen 2:1 aus spitzem Winkel nach Vorlage von Vedad Ibisevic. Der große Sprung von der U23 ins Profigeschäft gelang dem laut Salomon Kalou außerhalb des Feldes extrem schüchternen Fußballer also sehr gut: Nach vier Spielen bei Hertha, seinen ersten Partien als Fußballprofi überhaupt, hatte der mittlerweile 20-Jährige bereits fünf Scorerpunkte gesammelt (zwei Tore, drei Vorlagen). Mittlerweile rankten sich viele Gerüchte um Dilrosun, dem bereits eine große Zukunft vorausgesagt wurde.

Und dann kamen die Verletzungen …

Zu diesem Zeitpunkt hatte Hertha allerdings auch einen außergewöhnlichen Lauf: Nach sechs Spielen hatten die Berliner 13 Punkte auf dem Konto und soeben den FC Bayern auf beeindruckende Art und Weise mit 2:0 geschlagen. Viele Schlüsselspieler waren in bestechender Form und/oder schafften erstmals ihren Durchbruch bei Hertha: Ondrej Duda traf wie am Fließband, der frisch ausgeliehene Marko Grujić wurde von Pal Dardai als bester Mittelfeldspieler Herthas der Neuzeit gepriesen und auch auf die erfahrenen Salomon Kalou und Vedad Ibiševic war Verlass. Die beiden Altstars holten im Herbst ihrer Karriere noch einmal alles aus sich heraus. Es schien ein sehr gutes Jahr für Hertha BSC zu werden, doch am Ende kam bekanntlich alles anders. Die Leistungen der Mannschaft wurden Stück für Stück weniger und am Ende sprang lediglich Rang zehn und damit die Beendigung der Zusammenarbeit mit Trainer Pal Dardai heraus.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Wie eigentlich die ganze Mannschaft fand auch Herthas neuer Flügelflitzer in dieser Spielzeit nicht mehr zu alter Form. „Jeff“ absolvierte zwar zehn Spiele hintereinander in der Hinrunde, jedoch kamen nach dem vierten Spiel keine Scorerpunkte mehr hinzu. Seine Leistungen wurden immer schwächer und er mittlerweile meist entweder ein- oder ausgewechselt. Nach dem 11. Spieltag Mitte November 2018 schien sein Körper wohl müde zu sein und er verletzte sich am Oberschenkel. Das Tragische an der Verletzung war, dass er sich den Muskelfaserriss bei seinem Länderspieldebüt für die niederländische A-Nationalmannschaft gegen Deutschland (2:2) zuzog (bisher auch sein einziges Länderspiel), und das nur wenige Minuten nach seiner Einwechslung. Trainer Pal Dardai mutmaßte damals, dass es in „den letzten Wochen alles etwas schnell ging“ für die junge Offensivkraft. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht auch die Aufgabe des Trainers ist, den Spieler davor zu schützen und ihn nicht zu schnell zu verheizen.

Aufgrund dieser und einer darauffolgenden Verletzung am Rücken und dem anschließenden Trainingsrückstand absolvierte der Niederländer bis Anfang April 2019 keine Spielminute mehr für Hertha. Vom 28. bis zum 34. Spieltag wurde er dann wieder jede Woche eingewechselt, doch konnte er den Trainer nicht davon überzeugen, ihn von Anfang an zu bringen. Er konnte nur eine weitere Vorlage (beim 3:1-Sieg gegen Stuttgart am 32. Spieltag) beisteuern.

Damit ging die Saison 2019/20 für Dilrosun sowie für den ganzen Verein nicht zufriedenstellend zu Ende. Klar hatte er seine Fähigkeiten aufblitzen lassen und er bekam die Möglichkeit, Bundesliga-Erfahrung zu sammeln. Allerdings konnte er noch nicht beweisen, regelmäßig starke Leistungen abrufen zu können. Die Erwartungen an das Talent waren aufgrund der starken Ansätze mittlerweile gestiegen und die Hertha-Fans erhofften sich, dass der Flügelstürmer durch die Sommerpause und die anschließende Vorbereitung unter einem neuen Trainer zurück zu alter Stärke finden würde. Ante Covic bekam als Nachfolger Dardais bekanntlich den Auftrag, sehenswerten und erfolgreichen Offensivfußball spielen zu lassen – und das Ausnahmetalent Dilrosun sollte ein Teil dieses Plans sein.

Herthas Retter

Doch die nächste Verletzung schob die zweite Hochphase Dilrosuns auf: Wieder waren es muskuläre Probleme, die dem jungen Niederländer einen Strich durch die Rechnung machten und ihn die ersten drei Saisonspiele nur von der Tribüne aus verfolgen ließen (1x Pokal, 2x Liga). Ohne ihn ging der Start bekanntlich ein wenig schief. Auf das glückliche Unentschieden beim FC Bayern (2:2) folgte ein 0:3 gegen Wolfsburg. Beim folgenden Auswärtsspiel in Gelsenkirchen war „Jeff“ wieder dabei und wurde nach einer Stunde eingewechselt. Allerdings konnte auch er nichts an der 0:3-Niederlage ändern. Nun wurde die Lage beim Hauptstadtverein so langsam prekär, denn auch am 4. Spieltag verlor die Mannschaft, diesmal gegen Mainz. Das Spiel endete 1:2, womit Hertha immerhin mal wieder ein Tor erzielte. Das Tor schoss Marko Grujić und die Vorlage kam von Javairô Dilrosun.

Der Niederländer wurde zwar erst in der 80. Minute eingewechselt und dies auf der ungewohnten Position des Zehners, doch er belebte das Spiel und Herthas Offensive maßgeblich. Er bereitete Grujićs zwischenzeitlichen Ausgleich mit einer perfekten Flanke vor und gab Herthas Offensive durch seine Läufe in die Tiefe außerdem mehr Vertikale. Trotz der Niederlage schien dieses Spiel der Startschuss für die zweite starke Phase des Flügelstürmers bei Hertha zu sein. Auf dem Rasen sprühte der Flügelspieler wieder vor Selbstbewusstsein, Spielfreude und Unbekümmertheit – so wie ein Jahr zuvor und man konnte sich als Hertha-Fan wieder an seinen Leistungen erfreuen.

Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

Am 5. Spieltag hieß es Hertha gegen Paderborn und die Berliner, zu diesem Zeitpunkt Tabellenletzter, mussten unbedingt gegen den Aufsteiger gewinnen. Am Ende stand trotz sehr schwacher Leistung der Herthaner ein 2:1 für die Heimmannschaft, und das wohl vor allem dank Dilrosun. Er vergoldete sein Startelfdebüt der Saison mit einem Tor und einer Vorlage. Nach zehn Minuten tänzelte er ein unvergessliches Solo um sechs Paderborner in den Strafraum hinein, bevor er das Tor zum 1:0 schoss.  Am zweiten Treffer für Hertha war Dilrosun dann auch entscheidend beteiligt: Grujić sah den Niederländer bei einem Konter alleine auf links stehen. Dieser lief quer auf den Strafraum zu, behielt die Ruhe und Übersicht und hatte das Auge für Marius Wolf, der den Ball am Torwart vorbei in die rechte Ecke drosch.

Nun fing die vielleicht beste Phase Herthas in dieser enttäuschenden wie verrückten Saison an: Die Berliner gewannen die nächsten beiden Spiele in Köln (4:0) und gegen Düsseldorf (3:1). Beide Male erzielt Dilrosun ein Tor. In Köln ist es mit dem 1:0 gar der Dosenöffner gegen anfänglich stärkere Kölner gewesen. Nach einem Pass von Darida nimmt er den Ball zentral vor dem Strafraum kurz an, legt ihn sich vor und hämmert ihn dann in die Maschen. Dabei sieht es anfangs so aus, als ob der Ball zentral auf Torwart Horn kommt, doch dann dreht er sich unhaltbar nach außen. Ein wunderschöner Treffer, den viele Herthaner wohl noch in Erinnerung haben.

Gegen Düsseldorf, im vielleicht besten Hertha-Spiel dieser Saison, drehte Dilrosun weiter auf. Nach mehreren starken Dribblings kam er zu Torschüssen, dabei verzog er leider zweimal und der Ball flog über das Tor. Doch kurz vor der Pause flankte Darida von der rechten Seite auf den Elfmeterpunkt, wo der Flügelflitzer von seiner linken Seite angestürmt kam und die Innenseite seines rechten Fußes hinhielt. Der Ball segelte in den linken Winkel und ließ Zack Steffen im Düsseldorfer Tor keine Chance – ein weiteres Traumtor.

Die Konstanz fehlt

Nun war der junge Niederländer also endlich richtig angekommen in Berlin, oder? Leider nicht, denn von nun an nimmt die Form des sympathischen Dribblers wieder kontinuierlich ab. Der Kicker gibt Dilrosun für die (bisherige) Saison 2019/20 die Durchschnittsnote 4,07 und damit die zweitschlechteste von allen bewerteten Herthanern („getoppt“ nur von Marius Wolf). Von den folgenden 17 Bundesligaspielen (bis zur Coronavirus-bedingten Pause) absolvierte Dilrosun trotzdem noch 13. Am Anfang der „Ära“ Klinsmann schien sich seine Leistung wieder zu verbessern, doch dann kam die Winterpause. Seither konnte sich Dilrosun nicht wirklich empfehlen, auch nicht in den vier Spielen unter Alexander Nouri als Cheftrainer. Die Tatsache, dass er trotzdem noch oft spielte, hängt wohl damit zusammen, dass die verschiedenen Trainer immer auf einen Geistesblitz oder ein einziges starkes Dribbling von ihm hofften, doch diese wurden immer seltener.

Wie bereits von vielen Beobachtern bemerkt, fehlt Hertha in dieser Saison bisher ein wirkliches Offensivkonzept und man ist also auf Einzelaktionen angewiesen. Ähnlich wie bei Dodi Lukebakio wurden diese aber bei Dilrosun immer seltener und somit fehlte der Mannschaft jegliche Offensivpower. Wie der Rest der Mannschaft auch schien er nicht mehr der Alte und das trotz Ausbleibens längerer Verletzungspausen in dieser Saison. Sowohl unter Klinsmann als auch unter Nouri lag der Fokus (verständlicherweise) auf der Defensive und das lag dem Flügelstürmer offensichtlich nicht. In der Rückrunde konnte Dilrosun in bislang fünf Spielen noch überhaupt nicht von sich überzeugen (Notendurchschnitt von 4,9 im Kicker), allerdings kann man das bei nur zwei Siegen aus acht Spielen wohl auch vom Rest der Mannschaft behaupten.

Fazit und Zukunft

Nach zwei Spielzeiten kommt der Flügelstürmer, dessen Vetter Sheraldo Becker übrigens bei Union Berlin unter Vertrag steht, also auf fünf Tore und sechs Vorlagen, und das in 35 Bundesligaspielen. Die Statistik liest sich also nicht mal so schlecht und doch ist man als Herthaner*in bisher eher enttäuscht von den Leistungen des Niederländers. Daran ist wohl vor allem das große Potenzial schuld, das er ohne Zweifel besitzt. Seine starken Leistungen in seinen beiden guten Phasen haben die Erwartungen geschürt und somit auch die Fallhöhe für ihn selbst erhöht. Somit ist er bislang gewissermaßen zum Opfer seines eigenen Erfolgs geworden.

Das Problem scheint, dass Dilrosun entweder richtig aufdreht oder komplett untertaucht. Man findet kaum Spiele mit einer durchschnittlichen Leistung des Niederländers, und wenn, dann fehlt trotzdem die Konstanz. Es genügt schon, sich die (zugegeben oft subjektiven) Noten des Kicker anzuschauen, um zu sehen, dass Dilrosun kaum länger als zwei Spiele hintereinander eine gute Vorstellung vollbrachte (abgesehen vom Anfang der beiden Spielzeiten). Allerdings kann man das Gleiche vom Rest der Mannschaft auch behaupten. Konstanz scheint das Hauptproblem Dilrosuns zu sein, doch stellt sich die Frage, ob bei einem immer noch 21-Jährigen schwankende Leistungen nicht auch normal sind und ob diese nicht eigentlich vom Team aufgefangen werden müssten.

Stärken und Schwächen

Der Niederländer spielt also entweder sehr stark und auffällig oder taucht gänzlich ab. Das mag einen an Salomon Kalou erinnern, allerdings verstand dieser es in der Vergangenheit, die starken Leistungen öfter zu zeigen und dies auch über eine längere Zeitspanne. Außerdem ist der Ivorer teilweise ein ganzes Spiel lang untergetaucht, um dann wie aus dem Nichts doch noch zuzuschlagen. Diese Qualität hat Dilrosun noch nicht unter Beweis gestellt.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Trotzdem ist die Kombination von Dribbelstärke und Schnelligkeit, die der junge Niederländer ohne Zweifel mitbringt, eher selten in Herthas Kader und das macht ihn so wertvoll. Laut ligainsider.de waren 63,2% seiner Dribblings erfolgreich, eine durchaus gute Quote. Mit 36 erfolgreichen Dribblings diese Saison ist „Jeff“ auf Platz 27 im Liga-Vergleich aller Spieler zu finden. Dazu kommt, dass fast alle Spieler vor ihm in dem Ranking mehr Spiele und Spielminuten absolviert haben als er mit seinen 18 Saisonspielen (einzig Kingsley Coman hat mehr erfolgreiche Dribblings bei weniger Spielen, nämlich 41 Dribblings bei 15 Spielen). In Herthas Kader hat nur Dodi Lukébakio, der bisher ebenfalls eine durchwachsene erste Saison bei Hertha erlebt, eine bessere Quote mit 64,9% (37 erfolgreiche Dribblings von 57, bei 22 Spielen).

Einen starken Offensivdrang hat Dilrosun also auf jeden Fall, Ante Covic nannte ihn sogar eine „Waffe“ auf der linken Seite. Andererseits hat der junge Flügelspieler bisher erst selten bewiesen, dass er auch gewillt ist, nach hinten zu arbeiten und auszuhelfen. Jetzt stellt sich die Frage, was der neue Trainer mit dem Niederländer vorhat. Bekanntlich erwartet Bruno Labbadia (hier unser umfangreiches Profil) körperlich und mental sehr viel von seinen Spielern und hat eine Präferenz für fleißige und hart arbeitende Spieler. Nun muss das nicht heißen, dass er nichts mit einem Künstler wie Dilrosun anfangen kann, jedoch muss das immer noch junge Talent erstmal beweisen, dass es mehr kann als nur drei Spiele hintereinander aufzudrehen und so langsam Konstanz entwickeln.

Bisher hat Dilrosun seine beiden starken Phasen direkt nach der Sommerpause gezeigt. Sei es das gute Wetter oder die lange Vorbereitung davor, die ihn beflügelt, auf jeden Fall steht einer erneuten Hochform des jungen Niederländers offensichtlich nichts im Weg sobald die Bundesliga wieder anfängt. Und wer weiß, vielleicht ist der erfahrene Trainer Bruno Labbadia ja genau der richtige Mann, um aus Dilrosun das Talent rauszukitzeln, das ohne Zweifel in ihm steckt. Das 4-3-3, das Labbadia bevorzugt spielen lässt, dürfte einem Niederländer aus der Ajax-Schule auf jeden Fall schon mal gut schmecken.

[Titelbild: Martin Rose/Bongarts/Getty Images]
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Am 3. Mai 2018 verkündete Hertha BSC auf seiner Website, dass ein junger Flügelstürmer vom großen Manchester City für die neue Saison verpflichtet wurde. Der damals 19-jährige Niederländer kam aus der U23 des Scheich-Klubs und hatte laut Hertha bereits seit Jahren mit starken Leistungen in den Jugendmannschaften in Manchester auf sich aufmerksam gemacht. Javairô Joreno Faustino Dilrosun, der von Mannschaftskollegen und Trainern „Jeff“ gerufen wird, wurde am 22. Juni 1998 in Amsterdam geboren. Bereits im Jahr 2006 wurde er ein Spieler der legendären Talentschmiede von Ajax Amsterdam. Sein Talent wurde von vielen bereits in jungen Jahren erkannt und so war er ab der U15 ein fester Teil der niederländischen U-Nationalmannschaften. Im Jahr 2014 wagte er den Sprung ins Ausland, und zwar in die U18 Manchester Citys, dessen erste Mannschaft damals noch von Manuel Pellegrini trainiert wurde und soeben die Meisterschaft in der englischen Premier League gewonnen hatte.

Übrigens stand damals ein gewisser Dedryck Boyata im Kader des Scheich-Klubs. Der Belgier stand sechs Jahre lang bei den Sky Blues unter Vertrag (2009-2015), wurde dabei aber zweimal ausgeliehen (zu Twente Enschede und den Bolton Wanderers) und machte insgesamt nur 13 Spiele für die Citizens. Im Jahr 2015 wechselte er zu Celtic, wo er bekanntermaßen den Durchbruch schaffte und von wo er im Jahr 2019 zu Hertha BSC wechselte.

Foto: Julian Finney/Getty Images

Anders als Boyata war Dilrosun bei den Citizens aber erst einmal für die Jugend eingeplant. Im Jahr 2016, also im Alter von 18 Jahren, kam Dilrosun zum ersten Mal für die U21 zum Einsatz, und später auch in der U23. In England spielen die U23-Mannschaften der Premier League-Klubs übrigens in einer eigens organisierten Liga, der sogenannten Premier League 2. Somit spielen die Talente der Topvereine also eigentlich nur gegeneinander und erhalten keine Spielpraxis im sogenannten „Männerfußball“. In Deutschland treten die zweiten Mannschaften der Profiklubs bekanntermaßen mehrheitlich in der Regionalliga oder 3. Liga gegeneinander, aber auch gegen andere Vereine an. Dort müssen sie sich öfter mal gegen erfahrenere und gestandene Fußballer durchsetzen.

Im Jahr 2018 erkannte Dilrosun, dass er den Verein wechseln muss, um den Durchbruch im Profifußball zu schaffen und Hertha BSC schien die richtige Adresse dazu. Die U19 des Berliner Vereins sollte kurz darauf Deutscher Meister werden und Hertha, mit dem damaligen Trainer Pal Dardai, hatte den Ruf Talente weiterzuentwickeln und ihnen eine faire Chance zu geben. So standen damals mit Valentino Lazaro, Maximilian Mittelstädt, Mitchell Weiser, Arne Maier und Jordan Torunarigha mehrere vielversprechende Talente und Spieler mit hohem Entwicklungspotenzial im Kader der Blau-Weißen. Hertha einigte sich also auf einen „langfristigen“ Vertrag mit dem „schnellen und spielstarken“ Flügelstürmer.

Laut Hertha hatte Dilrosun Qualitäten, die der Hertha-Kader bis dahin noch nicht hergab, und sprach dabei vor allem von seiner enormen Dribbelstärke. Diese habe er sich vor allem im Straßenfußball in Amsterdam selbst beigebracht. Pal Dardai, damals noch Cheftrainer, sagte über den jungen Offensivspieler, er habe „alles drauf, was du dir als Trainer wünschst“.

Interessant war bei dieser Verpflichtung das Vertrauen in die Fähigkeiten Dilrosuns und die der eigenen Scouts, wenn man bedenkt, dass der 19-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch kein Profispiel absolviert hatte. Bei Hertha BSC hatte man allerdings bereits Erfahrungen mit einem Spieler aus der Jugendakademie Manchester Citys gemacht, und zwar durchaus positive: Karim Rekik, gut vier Jahre älter als Dilrosun, war im Sommer 2017, also ein Jahr zuvor, an die Spree gewechselt und hat die Berliner Abwehr auf Anhieb stabilisiert. Die Parallelen zu Dilrosun sind bemerkenswert: Der Innenverteidiger kommt auch aus den Niederlanden, wurde anfänglich aber bei Feyenoord Rotterdam ausgebildet, bevor er 2011 in die U18 Manchester Citys wechselte. Bei den “Sky Blues” verbrachte er vier Jahre in der Jugend und zweiten Mannschaft, zusätzlich wurde Rekik dreimal ausgeliehen bevor er 2015 nach Marseille wechselte und dort den Durchbruch schaffte.

Ein verheißungsvoller Start

Das Vertrauen in Dilrosuns Potenzial sollte sich erstaunlich schnell auszahlen. Obwohl er zunächst einmal als Versprechen für die Zukunft galt und langsam an die Bundesliga herangeführt werden sollte, kam er bereits am 2. Spieltag für Herthas Profimannschaft zum Einsatz (am 1. Spieltag war er noch für die U23 im Einsatz). In der 6. Minute wurde der junge Niederländer für den verletzten Karim Rekik eingewechselt. Neun Minuten später bereitete er das 1:0 für Ondrej Duda vor: Einen langen hohen Ball von Jordan Torunarigha nahm Dilrosun technisch perfekt mit, sodass er mit einem Ballkontakt an Weston McKennie vorbeihuschte. Er hatte anschließend das Auge für den zentral postierten Duda, dessen abgefälschter Schuss unhaltbar über Schalkes Ralf Fährmann einschlug. Der starke Duda besorgte am Ende per Freistoß das 2:0 und Hertha siegte zum ersten Mal nach 14 Jahren wieder in Gelsenkirchen. Der junge Niederländer hatte in seinem ersten Profispiel überhaupt seinen Anteil an diesem Erfolg.

Foto: ODD ANDERSEN/AFP via Getty Images

Dilrosuns Assist und seine Leistung in diesem Spiel insgesamt schienen zu beweisen, dass er bereit war, öfter zu zeigen, was er kann. Am 3. Spieltag – im sogenannten ICE-Derby in Wolfsburg – durfte der junge Flügelstürmer sogar von Anfang an spielen. Er erzielte sofort sein erstes Bundesligator. Der Flügelflitzer lauerte in der Nähe des Mittelkreises auf einen Fehlpass von Wolfsburgs William, schnappte sich den Ball und nahm Tempo auf. Er wurde nach links außen gedrängt, doch ließ sich nicht beirren, zog aus spitzem Winkel flach ab und der Ball landete im Tor. Seine bereits bekannte Dribbelstärke und seine hohe Geschwindigkeit waren ausschlaggebend für diesen Treffer, aber dieser ließ auch seine Abschlussstärke und sein Selbstvertrauen erkennen. Dilrosun suchte den direkten Weg zum Tor, haderte nicht und suchte nicht erstmal nach seinen Mitspielern, sondern bewies Zielstrebigkeit. Dies zeugte von genau dem befreiten und unbekümmerten Aufspielen, das man sich als Verein und Fan von einem jungen Talent erhofft.

Dilrosun zeigte also sehr früh seine Stärken und machte Lust auf mehr. Bereits jetzt galt er als absolutes Schnäppchen (er kostete nur eine geringe Ausbildungsentschädigung) mit außerordentlicher Qualität.

Auch in den darauffolgenden Spielen bestätigte Dilrosun seine starke Form: Am 4. Spieltag gegen M’Gladbach steuerte er zwei Vorlagen zum 4:2-Sieg bei. Zuerst brachte er eine butterweiche Flanke auf Lazaro, der den Ball zum 2:1 in die Maschen köpfte. In seinem vielleicht stärksten Spiel für Hertha bisher bereitete der Niederländer dann auch das 4:2 vor. Nach Doppelpass mit Per Skjelbred marschierte Dilrosun auf der linken Seite nach vorne, bevor er wieder einmal das Auge für Duda hatte. Dieser nahm den Ball an und bewies seine ebenfalls bestechende Form zu diesem Zeitpunkt mit einem weiteren Treffer. Am 5. Spieltag kassierte Hertha zwar die erste Saisonniederlage (1:3 in Bremen), jedoch traf Dilrosun zum zwischenzeitlichen 2:1 aus spitzem Winkel nach Vorlage von Vedad Ibisevic. Der große Sprung von der U23 ins Profigeschäft gelang dem laut Salomon Kalou außerhalb des Feldes extrem schüchternen Fußballer also sehr gut: Nach vier Spielen bei Hertha, seinen ersten Partien als Fußballprofi überhaupt, hatte der mittlerweile 20-Jährige bereits fünf Scorerpunkte gesammelt (zwei Tore, drei Vorlagen). Mittlerweile rankten sich viele Gerüchte um Dilrosun, dem bereits eine große Zukunft vorausgesagt wurde.

Und dann kamen die Verletzungen …

Zu diesem Zeitpunkt hatte Hertha allerdings auch einen außergewöhnlichen Lauf: Nach sechs Spielen hatten die Berliner 13 Punkte auf dem Konto und soeben den FC Bayern auf beeindruckende Art und Weise mit 2:0 geschlagen. Viele Schlüsselspieler waren in bestechender Form und/oder schafften erstmals ihren Durchbruch bei Hertha: Ondrej Duda traf wie am Fließband, der frisch ausgeliehene Marko Grujić wurde von Pal Dardai als bester Mittelfeldspieler Herthas der Neuzeit gepriesen und auch auf die erfahrenen Salomon Kalou und Vedad Ibiševic war Verlass. Die beiden Altstars holten im Herbst ihrer Karriere noch einmal alles aus sich heraus. Es schien ein sehr gutes Jahr für Hertha BSC zu werden, doch am Ende kam bekanntlich alles anders. Die Leistungen der Mannschaft wurden Stück für Stück weniger und am Ende sprang lediglich Rang zehn und damit die Beendigung der Zusammenarbeit mit Trainer Pal Dardai heraus.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Wie eigentlich die ganze Mannschaft fand auch Herthas neuer Flügelflitzer in dieser Spielzeit nicht mehr zu alter Form. „Jeff“ absolvierte zwar zehn Spiele hintereinander in der Hinrunde, jedoch kamen nach dem vierten Spiel keine Scorerpunkte mehr hinzu. Seine Leistungen wurden immer schwächer und er mittlerweile meist entweder ein- oder ausgewechselt. Nach dem 11. Spieltag Mitte November 2018 schien sein Körper wohl müde zu sein und er verletzte sich am Oberschenkel. Das Tragische an der Verletzung war, dass er sich den Muskelfaserriss bei seinem Länderspieldebüt für die niederländische A-Nationalmannschaft gegen Deutschland (2:2) zuzog (bisher auch sein einziges Länderspiel), und das nur wenige Minuten nach seiner Einwechslung. Trainer Pal Dardai mutmaßte damals, dass es in „den letzten Wochen alles etwas schnell ging“ für die junge Offensivkraft. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht auch die Aufgabe des Trainers ist, den Spieler davor zu schützen und ihn nicht zu schnell zu verheizen.

Aufgrund dieser und einer darauffolgenden Verletzung am Rücken und dem anschließenden Trainingsrückstand absolvierte der Niederländer bis Anfang April 2019 keine Spielminute mehr für Hertha. Vom 28. bis zum 34. Spieltag wurde er dann wieder jede Woche eingewechselt, doch konnte er den Trainer nicht davon überzeugen, ihn von Anfang an zu bringen. Er konnte nur eine weitere Vorlage (beim 3:1-Sieg gegen Stuttgart am 32. Spieltag) beisteuern.

Damit ging die Saison 2019/20 für Dilrosun sowie für den ganzen Verein nicht zufriedenstellend zu Ende. Klar hatte er seine Fähigkeiten aufblitzen lassen und er bekam die Möglichkeit, Bundesliga-Erfahrung zu sammeln. Allerdings konnte er noch nicht beweisen, regelmäßig starke Leistungen abrufen zu können. Die Erwartungen an das Talent waren aufgrund der starken Ansätze mittlerweile gestiegen und die Hertha-Fans erhofften sich, dass der Flügelstürmer durch die Sommerpause und die anschließende Vorbereitung unter einem neuen Trainer zurück zu alter Stärke finden würde. Ante Covic bekam als Nachfolger Dardais bekanntlich den Auftrag, sehenswerten und erfolgreichen Offensivfußball spielen zu lassen – und das Ausnahmetalent Dilrosun sollte ein Teil dieses Plans sein.

Herthas Retter

Doch die nächste Verletzung schob die zweite Hochphase Dilrosuns auf: Wieder waren es muskuläre Probleme, die dem jungen Niederländer einen Strich durch die Rechnung machten und ihn die ersten drei Saisonspiele nur von der Tribüne aus verfolgen ließen (1x Pokal, 2x Liga). Ohne ihn ging der Start bekanntlich ein wenig schief. Auf das glückliche Unentschieden beim FC Bayern (2:2) folgte ein 0:3 gegen Wolfsburg. Beim folgenden Auswärtsspiel in Gelsenkirchen war „Jeff“ wieder dabei und wurde nach einer Stunde eingewechselt. Allerdings konnte auch er nichts an der 0:3-Niederlage ändern. Nun wurde die Lage beim Hauptstadtverein so langsam prekär, denn auch am 4. Spieltag verlor die Mannschaft, diesmal gegen Mainz. Das Spiel endete 1:2, womit Hertha immerhin mal wieder ein Tor erzielte. Das Tor schoss Marko Grujić und die Vorlage kam von Javairô Dilrosun.

Der Niederländer wurde zwar erst in der 80. Minute eingewechselt und dies auf der ungewohnten Position des Zehners, doch er belebte das Spiel und Herthas Offensive maßgeblich. Er bereitete Grujićs zwischenzeitlichen Ausgleich mit einer perfekten Flanke vor und gab Herthas Offensive durch seine Läufe in die Tiefe außerdem mehr Vertikale. Trotz der Niederlage schien dieses Spiel der Startschuss für die zweite starke Phase des Flügelstürmers bei Hertha zu sein. Auf dem Rasen sprühte der Flügelspieler wieder vor Selbstbewusstsein, Spielfreude und Unbekümmertheit – so wie ein Jahr zuvor und man konnte sich als Hertha-Fan wieder an seinen Leistungen erfreuen.

Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

Am 5. Spieltag hieß es Hertha gegen Paderborn und die Berliner, zu diesem Zeitpunkt Tabellenletzter, mussten unbedingt gegen den Aufsteiger gewinnen. Am Ende stand trotz sehr schwacher Leistung der Herthaner ein 2:1 für die Heimmannschaft, und das wohl vor allem dank Dilrosun. Er vergoldete sein Startelfdebüt der Saison mit einem Tor und einer Vorlage. Nach zehn Minuten tänzelte er ein unvergessliches Solo um sechs Paderborner in den Strafraum hinein, bevor er das Tor zum 1:0 schoss.  Am zweiten Treffer für Hertha war Dilrosun dann auch entscheidend beteiligt: Grujić sah den Niederländer bei einem Konter alleine auf links stehen. Dieser lief quer auf den Strafraum zu, behielt die Ruhe und Übersicht und hatte das Auge für Marius Wolf, der den Ball am Torwart vorbei in die rechte Ecke drosch.

Nun fing die vielleicht beste Phase Herthas in dieser enttäuschenden wie verrückten Saison an: Die Berliner gewannen die nächsten beiden Spiele in Köln (4:0) und gegen Düsseldorf (3:1). Beide Male erzielt Dilrosun ein Tor. In Köln ist es mit dem 1:0 gar der Dosenöffner gegen anfänglich stärkere Kölner gewesen. Nach einem Pass von Darida nimmt er den Ball zentral vor dem Strafraum kurz an, legt ihn sich vor und hämmert ihn dann in die Maschen. Dabei sieht es anfangs so aus, als ob der Ball zentral auf Torwart Horn kommt, doch dann dreht er sich unhaltbar nach außen. Ein wunderschöner Treffer, den viele Herthaner wohl noch in Erinnerung haben.

Gegen Düsseldorf, im vielleicht besten Hertha-Spiel dieser Saison, drehte Dilrosun weiter auf. Nach mehreren starken Dribblings kam er zu Torschüssen, dabei verzog er leider zweimal und der Ball flog über das Tor. Doch kurz vor der Pause flankte Darida von der rechten Seite auf den Elfmeterpunkt, wo der Flügelflitzer von seiner linken Seite angestürmt kam und die Innenseite seines rechten Fußes hinhielt. Der Ball segelte in den linken Winkel und ließ Zack Steffen im Düsseldorfer Tor keine Chance – ein weiteres Traumtor.

Die Konstanz fehlt

Nun war der junge Niederländer also endlich richtig angekommen in Berlin, oder? Leider nicht, denn von nun an nimmt die Form des sympathischen Dribblers wieder kontinuierlich ab. Der Kicker gibt Dilrosun für die (bisherige) Saison 2019/20 die Durchschnittsnote 4,07 und damit die zweitschlechteste von allen bewerteten Herthanern („getoppt“ nur von Marius Wolf). Von den folgenden 17 Bundesligaspielen (bis zur Coronavirus-bedingten Pause) absolvierte Dilrosun trotzdem noch 13. Am Anfang der „Ära“ Klinsmann schien sich seine Leistung wieder zu verbessern, doch dann kam die Winterpause. Seither konnte sich Dilrosun nicht wirklich empfehlen, auch nicht in den vier Spielen unter Alexander Nouri als Cheftrainer. Die Tatsache, dass er trotzdem noch oft spielte, hängt wohl damit zusammen, dass die verschiedenen Trainer immer auf einen Geistesblitz oder ein einziges starkes Dribbling von ihm hofften, doch diese wurden immer seltener.

Wie bereits von vielen Beobachtern bemerkt, fehlt Hertha in dieser Saison bisher ein wirkliches Offensivkonzept und man ist also auf Einzelaktionen angewiesen. Ähnlich wie bei Dodi Lukebakio wurden diese aber bei Dilrosun immer seltener und somit fehlte der Mannschaft jegliche Offensivpower. Wie der Rest der Mannschaft auch schien er nicht mehr der Alte und das trotz Ausbleibens längerer Verletzungspausen in dieser Saison. Sowohl unter Klinsmann als auch unter Nouri lag der Fokus (verständlicherweise) auf der Defensive und das lag dem Flügelstürmer offensichtlich nicht. In der Rückrunde konnte Dilrosun in bislang fünf Spielen noch überhaupt nicht von sich überzeugen (Notendurchschnitt von 4,9 im Kicker), allerdings kann man das bei nur zwei Siegen aus acht Spielen wohl auch vom Rest der Mannschaft behaupten.

Fazit und Zukunft

Nach zwei Spielzeiten kommt der Flügelstürmer, dessen Vetter Sheraldo Becker übrigens bei Union Berlin unter Vertrag steht, also auf fünf Tore und sechs Vorlagen, und das in 35 Bundesligaspielen. Die Statistik liest sich also nicht mal so schlecht und doch ist man als Herthaner*in bisher eher enttäuscht von den Leistungen des Niederländers. Daran ist wohl vor allem das große Potenzial schuld, das er ohne Zweifel besitzt. Seine starken Leistungen in seinen beiden guten Phasen haben die Erwartungen geschürt und somit auch die Fallhöhe für ihn selbst erhöht. Somit ist er bislang gewissermaßen zum Opfer seines eigenen Erfolgs geworden.

Das Problem scheint, dass Dilrosun entweder richtig aufdreht oder komplett untertaucht. Man findet kaum Spiele mit einer durchschnittlichen Leistung des Niederländers, und wenn, dann fehlt trotzdem die Konstanz. Es genügt schon, sich die (zugegeben oft subjektiven) Noten des Kicker anzuschauen, um zu sehen, dass Dilrosun kaum länger als zwei Spiele hintereinander eine gute Vorstellung vollbrachte (abgesehen vom Anfang der beiden Spielzeiten). Allerdings kann man das Gleiche vom Rest der Mannschaft auch behaupten. Konstanz scheint das Hauptproblem Dilrosuns zu sein, doch stellt sich die Frage, ob bei einem immer noch 21-Jährigen schwankende Leistungen nicht auch normal sind und ob diese nicht eigentlich vom Team aufgefangen werden müssten.

Stärken und Schwächen

Der Niederländer spielt also entweder sehr stark und auffällig oder taucht gänzlich ab. Das mag einen an Salomon Kalou erinnern, allerdings verstand dieser es in der Vergangenheit, die starken Leistungen öfter zu zeigen und dies auch über eine längere Zeitspanne. Außerdem ist der Ivorer teilweise ein ganzes Spiel lang untergetaucht, um dann wie aus dem Nichts doch noch zuzuschlagen. Diese Qualität hat Dilrosun noch nicht unter Beweis gestellt.

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Trotzdem ist die Kombination von Dribbelstärke und Schnelligkeit, die der junge Niederländer ohne Zweifel mitbringt, eher selten in Herthas Kader und das macht ihn so wertvoll. Laut ligainsider.de waren 63,2% seiner Dribblings erfolgreich, eine durchaus gute Quote. Mit 36 erfolgreichen Dribblings diese Saison ist „Jeff“ auf Platz 27 im Liga-Vergleich aller Spieler zu finden. Dazu kommt, dass fast alle Spieler vor ihm in dem Ranking mehr Spiele und Spielminuten absolviert haben als er mit seinen 18 Saisonspielen (einzig Kingsley Coman hat mehr erfolgreiche Dribblings bei weniger Spielen, nämlich 41 Dribblings bei 15 Spielen). In Herthas Kader hat nur Dodi Lukébakio, der bisher ebenfalls eine durchwachsene erste Saison bei Hertha erlebt, eine bessere Quote mit 64,9% (37 erfolgreiche Dribblings von 57, bei 22 Spielen).

Einen starken Offensivdrang hat Dilrosun also auf jeden Fall, Ante Covic nannte ihn sogar eine „Waffe“ auf der linken Seite. Andererseits hat der junge Flügelspieler bisher erst selten bewiesen, dass er auch gewillt ist, nach hinten zu arbeiten und auszuhelfen. Jetzt stellt sich die Frage, was der neue Trainer mit dem Niederländer vorhat. Bekanntlich erwartet Bruno Labbadia (hier unser umfangreiches Profil) körperlich und mental sehr viel von seinen Spielern und hat eine Präferenz für fleißige und hart arbeitende Spieler. Nun muss das nicht heißen, dass er nichts mit einem Künstler wie Dilrosun anfangen kann, jedoch muss das immer noch junge Talent erstmal beweisen, dass es mehr kann als nur drei Spiele hintereinander aufzudrehen und so langsam Konstanz entwickeln.

Bisher hat Dilrosun seine beiden starken Phasen direkt nach der Sommerpause gezeigt. Sei es das gute Wetter oder die lange Vorbereitung davor, die ihn beflügelt, auf jeden Fall steht einer erneuten Hochform des jungen Niederländers offensichtlich nichts im Weg sobald die Bundesliga wieder anfängt. Und wer weiß, vielleicht ist der erfahrene Trainer Bruno Labbadia ja genau der richtige Mann, um aus Dilrosun das Talent rauszukitzeln, das ohne Zweifel in ihm steckt. Das 4-3-3, das Labbadia bevorzugt spielen lässt, dürfte einem Niederländer aus der Ajax-Schule auf jeden Fall schon mal gut schmecken.

[Titelbild: Martin Rose/Bongarts/Getty Images]
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